Wie wird Familie zukunftsfähig? Welche Rahmenbedingungen können dabei helfen? Und wie können Familien ihren Weg finden? Ein Interview mit der Unternehmensberaterin, Autorin und Mutter Dr. Ana Hoffmeister.
Ana, du beschäftigst dich schon länger mit dem Thema Familie, Beruf und Vereinbarkeit. Seit 2022 hostest du den Podcast FutureFamily und hast mit verschiedenen Familien Interviews geführt. Warum? Was bewegt dich?
Ich habe mich schon früh dafür interessiert, wie andere Familien leben. Als Migrationsfamilie – ich wurde im Iran geboren – waren wir in Deutschland immer ein wenig besonders. Bei Freunden zu Hause habe ich Unterschiede im Miteinander und im Alltag bemerkt. Je älter ich wurde, desto mehr machte ich mir Gedanken darüber, wie ich später selbst Familie leben möchte. Mir war immer klar, dass ich auch arbeiten und Karriere machen wollte. Aber ich kannte wenige Mütter, die eine Führungsrolle einnahmen.
Als ich später heiratete, war ich gerade frisch promoviert und wurde befördert. Bei Entwicklungsgesprächen kam dann ungefragt der Hinweis, doch mit der Familienplanung noch zu warten. Da wurde mir klar: In diesem Setting geht das offenbar nicht zusammen. Dann wurde ich schwanger und war zu dem Zeitpunkt bei zwei unterschiedlichen Arbeitgebern beschäftigt – beides in Teilzeit. Bei dem einen mussten wir uns schließlich auf eine Vertragsauflösung einigen, weil man mir die Stelle nicht mehr als sechs Monate freihalten konnte. Bei dem anderen hieß es, ich solle einfach schauen, was möglich ist. Mit dem Ergebnis, dass ich früher als erwartet mit einem ganz geringen Stundenumfang zurückkehrte. Wir arbeiteten nach einem geteilten Führungsprinzip. Es war nicht leicht, aber machbar. Nach kurzer Zeit war ich wieder auf demselben Stundenumfang wie vor der Schwangerschaft.
In Phasen denken
Wie kam es dann von dieser Erfahrung zum Buch?
Ich wollte diese verschiedenen Erfahrungswelten sichtbar machen und Eltern aufzeigen, dass es viele individuelle Wege gibt und sich die Bedürfnisse je nach Lebensphase verändern. Auch, damit wir für uns herausfinden: Was brauchen wir persönlich als Familie, als Eltern? Was tut uns gut, was tut mir gut? Welchen Weg stelle ich mir beruflich und privat vor, und welchen Preis bin ich bereit, dafür zu zahlen? Wie wirken sich unsere Entscheidungen auf unsere Kinder aus? Dann habe ich mich auf die Suche gemacht nach geeigneten Persönlichkeiten und Familien, die ich interviewte. Daraus entstand schließlich die Idee zum Buch.
Wie lebt ihr als Familie Vereinbarkeit?
Flexibel, vertrauensvoll und lebensphasenorientiert. Je nachdem, welche Ansprüche es beruflich gerade gibt. Als Paar sind wir dadurch sehr viel im Gespräch miteinander, weil wir von Woche zu Woche schauen müssen, wie wir es machen, wenn die Kita kurzfristig schließt, die Betreuungszeiten kürzt oder die Schule nicht so betreut, wie wir es brauchen. Es ist ein ständiger Prozess.
Überlebensmodus
Dein Buch trägt den Untertitel: Familien am Limit – neue Impulse für mehr Vereinbarkeit. Wo sind Familien am Limit?
Viele Eltern und Familien stehen vor einer großen Gesamtüberforderung. Großfamilien gibt es nur noch selten, Familien sind insgesamt kleiner geworden und die unterschiedlichen Generationen leben oft nicht mehr am selben Ort. Es gibt weniger familiären Support. Dazu ist auf externe Betreuung kein Verlass mehr: Kita und Schule sind seit der Pandemie ein sehr fragiles System. Es ist ein Leben am Limit, weil du nie weißt, was als Nächstes kommt.
Wir hatten zum Beispiel monatelang keine Woche, die normal verlief. Es gab Lehrerstreik, Krankheit, Personalengpässe, plötzliche Schließungen. Da bist du irgendwann nur noch im Überlebensmodus und mit Organisieren beschäftigt. Viel Freude, die du mit der Familie haben könntest, geht verloren. Das umfasst auch die Pflegesituation, was ebenso viele Mütter betrifft, die Kinder betreuen und Eltern pflegen – eine enorme Belastung! Die Pflegesituation wird sich in Zukunft noch verschärfen. Hier ist schon längst eine Lawine ins Rollen gekommen, die wir kaum noch aufhalten können.
Familie braucht neue Wege
Welche Lösungen braucht es? In Politik, Gesellschaft, von Arbeitgebern?
Ich finde wichtig, es ganzheitlich zu sehen. Unternehmen können nicht alles leisten, aber viel verändern. Führungskräfte zum Beispiel haben eine große Vorbildfunktion, wie sie selbst mit Arbeit und Familie umgehen. Das färbt immer auf die Unternehmenskultur ab und prägt die Beschäftigten. Unternehmen können aktive Vaterschaft unterstützen und dadurch gleichzeitig auch die Erwerbstätigkeit der Mütter fördern. Ein anderer wichtiger Punkt sind die institutionellen Systeme wie Kita und Schule. Da ist es wichtig, dass wir auf politischer und gesellschaftlicher Ebene ehrlich die Frage beantworten: Was ist uns Familie noch wert? Denn für mich ist Familie eine der wichtigsten Säulen unserer Zukunft. Ohne Familie werden wir die aktuellen und nachfolgenden Krisen in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, im Bildungswesen, in Kitas und der Pflege nicht auffangen können.
Doch Familien sind bereits jetzt am Limit. Eltern kommen immer mehr in die Erschöpfung und in den Burnout. Auch die Gesundheit, besonders die psychische, der Kinder und Jugendlichen leidet zunehmend. Meine kritische Frage ist: Werden Familien noch die Kraft und Stärke haben, um diese Krisen stemmen zu können? Ein viel wichtigerer Punkt aber ist unser eigener Handlungsspielraum als Familien. Jede Veränderung vollzieht sich von innen nach außen.
Mehr Generationen
Worum geht es bei der Veränderung von innen?
Wenn wir wollen, dass Familie sich gesund weiterentwickelt, dürfen wir bei uns selbst beginnen und uns die Frage stellen: Was ist mir Familie wert? Worauf bin ich, sind wir bereit zu verzichten, um Familie gesund und stark werden zu lassen? Wir können uns auch überlegen: Was wünsche ich mir darüber hinaus für die nächste Generation? Welche Prägung wünsche ich mir für unsere Kinder, damit sie selbst später gesunde Entscheidungen für ihr Leben treffen? Unsere Entscheidungen heute haben immer Einfluss auf die übernächste Generation, auf unsere Enkel.
Du plädierst auch im Buch stark dafür, generationsübergreifend zu denken und zu leben. Da schreibst du: „Uns fehlt der Weitblick.“ Wofür brauchen wir den?
Wenn wir in und über Generationen hinaus denken, wird uns bewusst, dass wir einander wirklich brauchen. In unserer Zeit heißt es oft, dass wir alles allein und selbstbestimmt erreichen können. Dass wir einander nicht brauchen, nicht mal mehr das Wissen der älteren Generation. Doch dabei gehen Erfahrungswissen und Weisheit verloren. Es ist so wichtig, einander Fragen zu stellen und zuzuhören: Welche Herausforderungen hatten andere Generationen, und wie haben sie diese gelöst? Woran haben sie sich orientiert? All das sind wichtige Erfahrungen, von denen wir lernen und profitieren können.
Du hast viele Familien interviewt und im Buch vorgestellt, die die unterschiedlichsten Modelle leben. Gibt es ein ideales Modell?
Ja, ich glaube schon. Aber es ist für jede Familie anders: Es ist das Modell, das individuell passt, das mit meinen Werten übereinstimmt, mit meinen Bedürfnissen als Mutter oder Vater und mit Blick auf die gesamte Familie. Und das flexibel ist, um je nach Lebensphase mitwachsen und sich verändern zu können.
Für Überzeugungen einstehen
Wieso stehen wir anderen Modellen oft kritisch gegenüber?
Ich glaube, weil es sich oft unserer Vorstellungskraft entzieht, wie andere Modelle im Alltag funktionieren können. Andererseits spiegelt sich in der Kritik oftmals die eigene Unsicherheit darüber wider, ob das eigene Modell das richtige ist. Ich wurde damals in meiner Entscheidung, meine Kinder nicht bereits mit einem Jahr in die Kita zu geben, sehr oft infrage gestellt. Andere habe ich nie von meinem Modell überzeugen wollen, sondern es einfach gelebt. Ich glaube, wir müssen lernen, andere Entscheidungen stehen zu lassen. Doch wir sind oft unsicher und vergleichen uns, weil wir uns über unsere eigenen Bedürfnisse und Vorstellungen kein Bild machen. Wenn wir überzeugt wären von dem, was wir entscheiden, würden wir uns nicht angegriffen fühlen.
Welchen Wunsch verbindest du mit deinem Buch?
In meinem Buch gebe ich Einblicke in unterschiedliche Lebensrealitäten und neue Lösungswege zwischen Familie, Pflege und Beruf. Ich wünsche mir, dass die, die das Buch lesen und den Podcast hören, Lust auf Zukunft bekommen. Im Moment leben wir in einer Zeit, die uns sagt: „Hör auf zu träumen! Wir leben in sehr schweren Zeiten!“ Das nimmt den Menschen die Vorstellungskraft, dass wir auf eine gute Zukunft zusteuern.
Da, wo wir vor der Zukunft Angst haben, hören wir auf, innovativ und kreativ zu sein. Wo wir uns die Zukunft nicht vorstellen können, machen wir die Tür auf für radikale, sehr einfache Schwarz-Weiß-Lösungen. Das sehen wir auch in der Politik. Deswegen brauchen wir Menschen, Familien, Politiker und Unternehmen, die sich auf die Zukunft freuen und die Lust haben, sie zu gestalten. Familie ist der Ort, wo Zukunft entsteht. Deshalb sollten wir mit Familien anfangen, sie stärken und in ihnen die Hoffnung wieder wecken.
Familie ist Zugehörigkeit, Geborgenheit
Wie sieht deine Hoffnung aus?
Meine Hoffnung ist, dass Familie ein Ort ist, wo sich unsere Sehnsüchte nach Herkunft, Zugehörigkeit, Geborgenheit und Sicherheit erfüllen. Aber dass sie auch ein Ort ist, der Flügel verleiht, in die Zukunft zu gehen, kein Ort der Begrenzung, sondern der Befähigung. Ein Ort, an dem das Zusammenleben der Generationen stattfindet und wir feststellen: Wir sind Teil einer Geschichte, die vor uns begonnen hat. Und wir sind gemeinsam Teil der Geschichte, die uns überdauern wird. Wir sind nicht der Nabel der Welt mit unserer Generation, sondern ein Puzzleteil. Wir sind eine Wegstrecke.
Es kann sehr heilsam sein, so zu denken, weil wir dann einerseits das größere Bild sehen und unseren Platz darin finden. Und andererseits auf die Herausforderung schauen, die wir zu lösen haben in dieser Zeit. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass wir vom engen Bild von Familie – Mutter, Vater, Kind, vielleicht noch Großeltern – wegkommen und Familie wirklich öffnen und diesen Ort der Geborgenheit auch anderen zugänglich machen, die keine Familie im klassischen Sinne haben. Dass wir Familie weiter denken.
Das Interview führte Andrea Specht, Autorin, Lektorin und zweifache Mutter.
Dr. Ana Hoffmeister ist zweifache Mutter, Unternehmensberaterin, Speakerin und Podcasterin (FutureFamily). Ihr Buch „Future Family. Familien am Limit – neue Impulse für mehr Vereinbarkeit” ist bei Knaur erschienen.
Commitment: Dieser Satz hält Ihre Beziehung lebendig
Was der Beziehung wirklich dient, geht tiefer als Kommunikation oder Sexualität. Es ist Commitment. Paarexperte Marc Bareth weiß, was wir einander immer wieder sagen müssen, um eine stabile Partnerschaft zu leben.
Eine große Studie hat kürzlich untersucht, was für das Gelingen einer Partnerschaft entscheidend ist. Ist es die Kompatibilität der beiden Partner? Eine überdurchschnittlich gute Kommunikation? Oder etwa eine befriedigende Paarsexualität? Nein, es ist ein Commitment.
Eine feste Zusage
Die Forschenden rund um Samantha Joel haben 43 bestehende Paarstudien kombiniert und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es einen Faktor gibt, der wichtiger ist als Kompatibilität, Kommunikation und Sex: Es ist das Wissen, dass die andere Person voll und ganz hinter einem steht und einen nicht im Stich lässt. Oder kurz: Commitment. Dies ist das Fundament unseres Beziehungshauses. Auf dem uneingeschränkten Ja zueinander bauen alle anderen Beziehungsbereiche wie Kommunikation, Konfliktlösung und Freizeitgestaltung auf.
Wenn das Fundament Risse bekommt, hat das unmittelbare Auswirkungen auf alle Beziehungsräume, vom Umgang mit den Schwiegereltern über die Sexualität bis zum Umgang mit Geld. Ich will das am Beispiel der Kommunikation verdeutlichen. Sarah ist eine hervorragende Kommunikatorin. Sie beherrscht die Gewaltfreie Kommunikation und andere Konzepte im Schlaf. Doch all das nützt ihr nichts, wenn sie spürt, dass das Commitment ihres Partners bröckelt. Denn wenn sie sich nicht mehr sicher ist, ob er zu ihr steht und sie unterstützt, werden bei ihr Ängste aktiviert.
Standhaft gegen die Ur-Angst
Der Verlust des Partners gehört zu den bedrohlichsten Szenarien unseres Lebens. Wir reagieren darauf ähnlich wie Menschen vor 3.000 Jahren, wenn sie einer wütenden Bärenmutter gegenüberstanden: Unser Körper schüttet Adrenalin und Cortisol aus und es kommt zu einer Fight-Flight-Freeze-Reaktion. Während es bei der Begegnung mit der Bärenmutter noch überlebenswichtig war, alle mentalen und körperlichen Ressourcen für eine Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsreaktion zu bündeln, ist dies in einer heutigen Partnerschaft eher nicht hilfreich. Denn diese Reaktion führt dazu, dass wir nicht mehr auf unsere erlernten Kommunikationsstrategien zurückgreifen können. Dazu bräuchten wir unser Großhirn.
Die Bedrohung – das schwindende Commitment unseres Partners – führt dazu, dass das Stammhirn übernimmt und das Großhirn abschaltet.So kann Sarah ihre kommunikativen Fähigkeiten nicht mehr abrufen. Stattdessen wird sie aggressiv, flieht oder erstarrt. Natürlich reagiert ihr Partner nicht gut darauf und die Paarkommunikation, eigentlich immer eine Stärke dieses Paares, bricht zusammen.Weil das Commitment so zentral für jede Partnerschaft ist, sind Paare im Vorteil, die die Ehe als lebenslange und grundsätzlich unauflösliche Gemeinschaft verstehen. Wer weiß, dass die Partnerin auch in schweren Konflikten nicht von seiner Seite weicht, ist weniger gefährdet, dass das Stammhirn das Ruder übernimmt, weil zu wenig Commitment des Gegenübers wahrgenommen wird.
Um dem Gegenüber zu zeigen, dass man durch dick und dünn zusammenhält, sind Worte wichtig. Noch bedeutender als sich „Ich liebe dich“ zu sagen, ist es, sich gegenseitig sein Commitment zu bestätigen. Deshalb lautet der wichtigste Satz in einer Beziehung: „Ich bin da für dich und stehe immer hinter dir.“ Wenn wir einander diesen Satz wirklich glauben können, dann gibt uns das die Sicherheit, die wir als Grundlage für alle Beziehungsbereiche brauchen.
Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter familylife.ch/five
Spannungen aushalten? Pädagogin gibt Einblicke
Gräben durchziehen die Gesellschaft, aber auch Familien und Freundschaften. Warum fällt es uns oft so schwer, andere Meinungen zu respektiern und Spannungen auszuhalten? Pädagogin Daniela Albert reflektiert über Einstellungen und Wertschätzung.
Eigentlich müsste ich gerade Sachen packen, denn übers verlängerte Wochenende wollen wir weg. Mit einer tollen Truppe Menschen, jeder Menge Kinder und dem Wohnwagen geht es für vier Tage in die Natur. Wir wollen wandern, mit dem Floß auf dem See herumplanschen, grillen und vor allen Dingen Gemeinschaft erleben. Eine wunderschöne Sache. Wenn da nicht …
An einem Strang ziehen?
Wenn da nicht unsere unterschiedlichen Ansichten zum Thema Erziehung wären. Die eine Mutter mag es eher strukturiert und pädagogisch zumindest anspruchsvoll. Als Pädagogin sollte das eigentlich auch mein Anspruch sein, blöderweise mag ich es aber lieber kreativ-langweilig und zumindest im Urlaub laissez-faire. Grundsätzlich habe ich ein großes Vertrauen in meine Kinder und dass die Dinge schon irgendwann gut werden, und mache mir um Alltägliches weniger Gedanken. Die Teenies hängen vor dem Handy? Was soll’s? Solange sie die Mahlzeiten mit uns einnehmen und an ein paar Gemeinschaftsaktivitäten teilnehmen, soll mir das recht sein. Ein Kind mag nicht wandern? Lass uns mal kreativ schauen, wie wir das lösen. Und falls irgendwer von den Erwachsenen auch nicht so viel Lust hat, habe ich nichts dagegen, wenn ein Teil der Gruppe am See bleibt. Wir haben doch schließlich Urlaub.
Das sehen nicht alle in der Runde so. Einige würden sich wünschen, dass wir mehr an einem Strang ziehen und die Kids sich auch mal anpassen müssen, weil sie, so die Erfahrung, am Ende meistens trotzdem Spaß haben. Letztes Jahr hatten wir dazu ein paar unschöne Diskussionen. Deshalb sitze ich gerade hier am Schreibtisch und haue in die Tasten, statt endlich zu packen. Tief in mir frage ich mich nämlich, ob es wirklich eine gute Idee ist, meine freien Tage inmitten solcher Spannungen zu verbringen. Realistisch betrachtet machen die Uneinigkeiten natürlich nur einen verschwindend geringen Prozentsatz unserer gemeinsamen Zeit aus. Meistens haben wir Spaß zusammen, genießen den Austausch, lernen voneinander und können uns stehen lassen und wertschätzen. Doch blöderweise merke ich, dass die Spannungen, die entstehen, sich oft stärker einprägen als all das Gute, das ich in Gemeinschaft erleben darf.
Die einzig gültige Wahrheit
Manchmal habe ich das Gefühl, dass mir Strategien fehlen, um Reibung auszuhalten. Das war nicht immer so. Früher war ich gern mittendrin, immer da, wo diskutiert wurde, wo Meinungen aufeinanderprallen, wo es heiß zur Sache ging. Ich war neugierig auf andere Menschen und das, was sie denken. Habe mich für ihr Leben interessiert und versucht zu ergründen, wo diese ganz anderen Ansichten, als ich sie habe, herkommen und an welchen Stellen unsere gemeinsamen Nenner liegen könnten. Nicht umsonst habe ich als damals politisch eher links engagierte Studentin den Vorsitzenden des Rings Christdemokratischer Studenten geheiratet – das macht man nicht, wenn man ein Problem mit Spannungen und Unterschiedlichkeiten hat. Doch in den letzten Jahren kommt es mir so vor, als hätte ich so einiges verlernt, was mich früher ausgemacht hat – und ich glaube, damit bin ich nicht allein. Andere stehen lassen, Spannungen und Unterschiedlichkeiten aushalten, das scheint schwieriger geworden zu sein.
Gesprächsangebote statt Spannungen?
Das hat meiner Ansicht nach verschiedene Gründe. Zum einen ist es im Zuge von sozialen Medien und dem schnellen Finden von Gleichgesinnten einfacher geworden, in der eigenen Suppe zu kochen. Wir können uns den ganzen Tag mit Menschen umgeben (zumindest virtuell), die uns zustimmen. Klar, gerade wenn wir in sozialen Netzwerken unterwegs sind, findet sich immer auch eine Menge Gegenwind. Diesen wiederum kann man aber gut aushalten, weil man sich ja in der Anonymität dieser Welt nicht weiter mit den Personen dahinter auseinandersetzen muss. Dann ist es aber tatsächlich so, dass andere Meinungen – auch wieder hauptsächlich in der Anonymität des Internets, doch zunehmend leider auch offline – nicht mehr als Gesprächsangebot in den Raum gestellt werden, sondern als einzig gültige Wahrheit.
Dabei bleibt es nicht. Diese Wahrheiten werden oft mit einer solchen Vehemenz vorgetragen, dass kaum noch Raum für Austausch vorhanden ist. Meist bleibt das nicht auf der Sachebene, sondern geht tief ins Persönliche. Menschen greifen sich gegenseitig verbal – und leider im Extremfall sogar körperlich – an, weil sie nicht aushalten, dass jemand über einen bestimmten Sachverhalt anders denkt.
Spannungen vermeiden
Im religiösen Bereich gibt es eine besonders fiese Möglichkeit, einander aufgrund von Unterschiedlichkeiten zu verletzen: Wir sprechen dem Gegenüber einfach den Glauben ab, unterstellen einander ein falsches Verständnis und schon müssen wir nicht mehr diskutieren oder uns auch nur im Ansatz auf die Gedanken des anderen einlassen. Meinungen sind in ganz vielen Fällen keine Sachfragen mehr, sondern in höchstem Maß emotional aufgeladen – und somit bekommen Meinungsverschiedenheiten schnell etwas Existenzielles. Beziehungen werden infrage gestellt, wenn man merkt, dass man sich in bestimmten Themen nicht einig ist. Und ja: Manchmal ist das auch nötig.
Es gibt Ansichten, die für den einen oder anderen wirklich bedrohlich oder schwer auszuhalten sind. Wenn Menschen dich aufgrund deines Seins ablehnen, du in deinem Umfeld mit Meinungen konfrontiert bist, die dich selbst oder dir nahestehende Menschen kränken und diskriminieren, geht es oft nicht, ohne dass du Abstand gewinnst. Doch das Vermeiden von Spannungen fängt leider oft nicht erst da an, wo man sich selbst schützen muss, sondern da, wo es einfach nur ab und zu ein bisschen unbequem werden kann. Da fasse ich mich an die eigene Nase – wie man an meinem Beispiel oben sieht. Denn unterschiedliche Auffassungen darüber, wie wir unsere Kinder erziehen und welche Regeln für die paar wenigen Tage gelten sollten, sind weder bedrohlich noch existenziell (zumindest, solange sie sich im Rahmen eines gesunden Menschenverstandes und eines gewaltfreien Erziehungskonzepts bewegen). Sie sind nur ein bisschen nervig.
Kurzfristig ausgeladen
Aber wie kommt es dann, dass wir auch solche Spannungen heute am liebsten vermeiden würden und so süchtig nach Harmonie und Bestätigung zu sein scheinen? Ich habe darauf keine allgemeingültige Antwort, aber eine Beobachtung. Ich erlebe viele Menschen heute als sehr unsicher, was ihr Zugehörigkeitsgefühl angeht. Wenn ich an die große, laute, diskussionsfreudige Sippe denke, aus der ich stamme, dann erinnere ich mich vor allem daran, dass es fast nicht möglich war, sich dort dauerhaft ins Aus zu katapultieren. Man stritt heftig und impulsiv, und am Ende des Tages war man trotzdem eine Gemeinschaft, eine Familie.
Heute erlebe ich es häufiger, dass Menschen aufgrund ihrer Ansichten, ihrer Streitlust oder ihrer Unterschiedlichkeit irgendwo gar nicht mehr hinkommen dürfen. Das passiert im professionellen Kontext, wenn Referenten oder Rednerinnen kurzfristig ausgeladen werden, weil man auf einmal merkt, dass sich zu viele Leute an ihnen reiben (das passiert übrigens, anders als ein gängiges Vorurteil nahelegt, nicht nur bei „woken“ Veranstaltungen, sondern auch das konservative Spektrum wählt mittlerweile sehr genau aus, wer wo noch was sagen darf). Es geschieht aber mehr und mehr auch im Privaten. Ich habe das Gefühl, wir alle haben mit unserem Leben und den täglichen Aufgaben so viel um die Ohren, fühlen uns oft so stark belastet, dass uns die Kraft und die Lust fehlt, auch noch unsere Freizeit damit zu verbringen, für uns schwierige Ansichten auszuhalten.
Ermutigung statt Wahrheit
Eine gute Erfahrung, die ich gemacht habe, wenn es darum geht, hier gegenzusteuern, ist tatsächlich, den Fokus wieder auf die Gemeinsamkeiten zu legen: Was läuft eigentlich gut? Wo kommen wir zusammen? Was können wir trotz der Unterschiedlichkeiten vielleicht doch gemeinsam wuppen? Was kann ich von dir lernen? Kann ich mir von meiner Freundin und ihren eher strengen Ansichten etwas abschauen, was mir in schwierigen Situationen helfen kann? Und könnte ich mit meiner Lockerheit auch Inspiration für sie sein? Oder können wir uns – ach, wäre das schön – am Ende des Tages bei einem Glas Wein zugestehen, dass wir die Dinge völlig unterschiedlich handhaben und dabei beide einen wundervollen Job machen?
Ein weiterer Punkt, der uns ermutigen kann, auch wieder Spannungen auszuhalten, ist, immer wieder den Ausgleich zu suchen. Sinnvoll wäre es, einander zu ermutigen, uns liebevolle Dinge zu sagen, uns zu loben und unseren Fokus auf das zu richten, was jemand richtig gut macht. Wie wäre es, wenn wir die, an denen wir uns am meisten reiben, täglich mit Liebe für all das überschütten, was wir an ihnen toll finden? Wenn wir ihnen die Sicherheit geben, dass sie bei uns angenommen und geliebt sind – und erst dann und im Rahmen dieser Sicherheit mal ordentlich aneinanderrumpeln?
Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin (familienberatung-albert.de).
Auf eigenen Füßen – Großfamilie im Konflikt
Elternfrage: „Mich belastet im Umgang mit den Schwiegereltern unseres Sohnes (22) das Gefühl, immer zurückstecken zu müssen. Zum Beispiel, wenn es darum geht, wo mein Sohn und seine Frau die Feiertage verbringen. Was kann mir dabei helfen?“
Diese Frage führt uns in eine Großfamilie, die noch nicht lange in dieser Konstellation besteht: Zwei junge Menschen haben geheiratet und damit treffen zwei Familienkulturen der Herkunftsfamilien aufeinander. Das betrifft aber nicht nur das Paar, sondern auch alle Angehörigen. Unsere Familienkultur prägt unseren Umgang mit Ritualen und Festen, aber auch mit den grundsätzlichen Themen wie Kommunikation und Erwartungen. Da gibt es ein Ehepaar, das gern an den Feiertagen ihren Sohn und seine Frau bei sich haben möchte. Und es gibt ein anderes Ehepaar, das gern zur gleichen Zeit ihre Tochter und deren Ehemann bei sich haben möchte. Um besser verstehen zu können, was in diesem Gesamtsystem „Großfamilie“ vor sich geht und wie sich dafür Lösungen finden lassen, kann man die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg nutzen.
Gewaltfreie Kommunikation
Schritt 1: Was ist passiert? Versuchen Sie, so objektiv wie möglich zu beschreiben, was vorgefallen ist. Als ob Sie einen Film drehen würden, der vor dem inneren Auge abläuft. Wer hat was getan oder nicht getan und in welcher Reihenfolge?
Schritt 2: Welche Gefühle hat das Geschehen bei Ihnen ausgelöst? Es lohnt sich, darüber etwas länger nachzudenken.
Schritt 3: Welche Bedürfnisse stehen hinter den Gefühlen, die Sie entdeckt haben? Man könnte sich selbst auch fragen: Was will ich „eigentlich“? Was treibt mich denn so um, dass ich mich benachteiligt, ärgerlich, verletzt, hilflos oder ähnliches fühle? Wenn Sie bemerken, dass es emotional erstaunlich heftig in Ihnen zugeht, könnte es sein, dass sehr wichtige Dinge wie eine Sehnsucht, eine Überzeugung, ein Grundwert oder Ideal (zum Beispiel von Familie) berührt wurden.
Schritt 4: Formulieren Sie eine Bitte an sich selbst oder an eine andere Person, in der freundlich in Worte gefasst wird, was Sie sich wünschen.
Diese Abfolge von Fragen kann dazu dienen, dass Sie sich besser verstehen und sortieren.
Verständnis füreinander
Eine weitere Übung ist es, diesen 4-Schritte-Ablauf für jede beteiligte Person des Systems einmal zu durchdenken. Natürlich ist da etwas Spekulation dabei, aber sicherlich werden einige Fragen auch leicht zu beantworten sein. Was hat Ihr Ehepartner erlebt? Was hat denn das junge Paar dabei erlebt? Was haben die Eltern der Schwiegertochter erlebt? Gibt es überraschende Erkenntnisse bei dieser Betrachtung?
Der nächste Schritt wäre nun, diese Kommunikation nicht nur im Denken, sondern in der Realität zu führen. Ein „Sag mal, wie geht es dir eigentlich damit, wie wir die Feiertage als Familie verbringen?“ könnte Ihnen vielleicht leichter gegenüber Ihrem Sohn über die Lippen kommen, weil Sie sich vorher über Ihre Gefühle und Bedürfnisse klar geworden sind. Vielleicht kommen auch überraschende Erkenntnisse zutage, wer was gesagt oder nicht gesagt hat; wer welche Gefühle mit sich herumträgt und wer was gern hätte oder erwartet. Dabei können große Unterschiede oder Übereinstimmungen entdeckt werden. Im Idealfall kann sich ein größeres Verständnis für die anderen Beteiligten einstellen. Und vielleicht gelingt es anschließend, eine neue gemeinsame Großfamilienkultur zu leben.
Ursula Hauer leitet den Seelsorge- und Beratungsdienst Feuerbach und lebt mit ihrer Familie in Stuttgart.
Wut im Bauch – So gehen Sie als Eltern damit um
In Konfliktsituationen mit kleinen Kindern geraten auch Eltern in Wut und werden laut. Psychologin Mara Pelt verrät, wie Mama und Papa damit umgehen und aus den Situationen lernen können.
Wut, so heißt es, sei ein schlechter Ratgeber – aber stimmt das wirklich? Gefühle wie Wut liefern wichtige Informationen über unsere Bedürfnisse und sind auch ein wesentlicher Bestandteil unserer Kommunikation. Sie äußern sich in unserer Mimik, Gestik, in unseren Worten und Handlungen. Auf all diesen „Kanälen“ werden Signale an unser Gegenüber gesendet und verraten, was gerade mit uns los ist. Dabei gibt es keine falschen Gefühle. Sie sind erst einmal einfach da und zu respektieren – was nicht meint, direkt nach ihnen zu handeln. Wer sich selbst mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen ernst nimmt, hat die Chance, Unangenehmes nicht wiederholen zu müssen und in den Rollen als Mama oder Papa weiter zu wachsen.
Wut heißt Grenzen spüren
Was also tun, wenn die Wut im Kontakt mit unseren Kindern aufkommt? Wenn Sie in der Situation sind, hilft es immer, einen Schritt zurückzugehen, tief durchzuatmen, innezuhalten, eine andere Person zu bitten, kurz zu übernehmen, um sich einmal zu sammeln. Erklären Sie Ihrem Kind, was mit Ihnen los ist: „Ich merke, dass mich die Situation gerade wütend macht.“ Mit erklärenden Worten kann das Kind ein Gefühl verstehen lernen. Gleichzeitig bekommt es die wertvolle Information, dass dieses Gefühl zum anderen gehört, denn Kinder lernen erst schrittweise das Außen von sich selbst zu trennen. Durch ehrliche Erklärungen erfährt Ihr Kind, dass die Situation nicht bedeutet, selbst falsch zu sein – so wie es beim Schimpfen schnell passiert –, sondern, dass Sie als Mutter gerade an eine persönliche Grenze kommen. Persönliche Grenzen zu bewahren, heißt für Kinder, Halt in der Bindung zu erfahren. Es sichert, dass Eltern langfristig da sein können und dabei selbst gesund bleiben. Persönliche Grenzen häufig zu missachten, führt hingegen dazu, dass sich Belastungen und Gefühle wie Wut anstauen.
Gefühle hinter den Gefühlen
Nehmen Sie sich nach der Situation Zeit, um zu verstehen, was passiert ist und um daraus lernen zu können. Welches Gefühl war das genau? Wirklich ein Gefühl von Wut oder eher Frustration, Kränkung oder Empörung? Und steckt hinter diesem vordergründigen Gefühl womöglich ein ganz anderes? Etwa Traurigkeit, Erschöpfung, Schuld, Angst oder Fürsorge? Welcher Not sind Sie in der Situation begegnet? Um welche Bedürfnisse ging es auf beiden Seiten? Was fehlte? Wer kann helfen? Gibt es eigene negative Erfahrungen, die hier hineinspielen? Sich solche Fragen im Nachgang zu stellen, ist lohnenswert und ermöglicht, dass Eltern und Kinder schrittweise voneinander lernen.
Entschuldigung!
Nun sind Sie doch wieder laut gegenüber Ihrem Kind geworden? Eine Entschuldigung hilft immer. Eine sichere Bindung aufzubauen, heißt nicht, alles richtig zu machen, sondern vielmehr, dass Fehler und Vergebung möglich sind und man auch nach Differenzen wieder auf Augenhöhe zueinander finden kann. Zum Schluss sei gesagt, dass Eltern von Kindern in der Autonomiephase (meist beginnend um das dritte Lebensjahr) in Bezug auf das Aushandeln unterschiedlicher Bedürfnisse besonders auf den Prüfstand gestellt sind. Das ist schwer und zugleich eine wunderbare Gelegenheit, Kindern zu zeigen, dass man immer wieder Fehler machen muss, um an etwas zu wachsen.
Mara Pelt ist Psychologin M.Sc., Psychologische Psychotherapeutin i.A., Systemische Beraterin und Familientherapeutin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg.
Unter einem Dach – Cannabis: legal, aber nicht egal
Elternfrage: „Seit der Teillegalisierung von Cannabis in Deutschland mache ich mir Sorgen, dass mein Sohn (18) die Droge ausprobieren wird. Was für Folgen hat der Konsum für junge Erwachsene? Und habt ihr Anregungen, wie ich mit meinem Sohn darüber ins Gespräch kommen kann?“
Der Konsum von Cannabis kann für junge Erwachsene schwere psychische Folgen haben. In meiner Sprechstunde für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene berichten mir Ratsuchende mit regelmäßigem Konsum immer wieder, dass sie unter Konzentrationsschwäche leiden und eine Antriebslosigkeit entwickelt hätten. Manche erleben Angstzustände, Albträume, Erinnerungslücken und Verfolgungsideen. Es kann auch zu depressiven Stimmungslagen und in Einzelfällen sogar zu Psychosen kommen.
Cannabis stört die Gehirnentwicklung
Hinzu kommen physische Risiken, die das Rauchen von Cannabis mit sich bringt. Es kann die Lunge schädigen und das Risiko von Atemwegserkrankungen erhöhen. Das junge Gehirn bis 25 Jahre befindet sich in einer wichtigen Entwicklungsphase. Der im Cannabis enthaltene Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) kann die Reifeprozesse und Emotionsregulation im Gehirn verhindern.
Trotz der Teillegalisierung kann es bei Ihrem Sohn auch zu sozialen Problemen durch den Konsum kommen, etwa in der Schule oder im Beruf, da es hier Einschränkungen beziehungsweise Verbote gibt. Wichtig scheint es mir auch zu erwähnen, dass der Mischkonsum von Cannabis und Alkohol unter anderem die Gefahr einer Alkoholvergiftung oder das Auftreten der Nebenwirkungen der Droge erhöhen kann, da sich die Effekte von Alkohol und Cannabis „überblenden“.
Tipps für ein Gespräch
Die vielseitigen Folgen des Cannabiskonsums machen deutlich, wie wichtig es ist, offen und einfühlsam mit Ihrem Sohn über das Thema zu sprechen. Hier sind einige Schritte, die Sie dabei beachten können:
1. Wählen Sie den richtigen Zeitpunkt: Vermeiden Sie es, das Thema in stressigen oder emotional aufgeladenen Momenten anzusprechen. Im besten Fall sind Sie beide bei dem Gespräch entspannt und ungestört.
2. Fragen Sie nach seinen Ansichten: Lassen Sie Ihren Sohn zuerst sprechen. Fragen Sie ihn, was er über den Cannabis denkt und ob er Erfahrungen damit gemacht hat.
3. Seien Sie offen und nicht wertend: Sprechen Sie ohne Vorurteile. Zeigen Sie Verständnis und Interesse an den Gedanken Ihres Sohnes und seinen (eventuellen) Erfahrungen.
4. Teilen Sie Ihre Bedenken: Teilen Sie Ihre eigenen Ängste. Erklären Sie, warum Sie sich Sorgen machen. Sprechen Sie über die kurzfristigen und langfristigen Risiken von Cannabis.
5. Bieten Sie Unterstützung an: Zeigen Sie Ihrem Sohn, dass Sie für ihn da sind und bereit sind, ihm bei Problemen zu helfen, auch wenn er schon 18 Jahre alt ist. Ermutigen Sie ihn, sich an Sie zu wenden.
6. Entwickeln Sie gemeinsam Strategien: Überlegen Sie gemeinsam, wie Ihr Sohn mit dem Druck seiner Umgebung umgehen kann, in der Cannabis konsumiert wird oder nun durch die Teillegalisierung Interesse daran besteht. Besprechen Sie alternative Aktivitäten und Wege, um Stress abzubauen oder Spannung und/oder Kick ins Leben zu bringen.
7. Vermeiden Sie Vorwürfe: Versuchen Sie, keine Pauschalisierungen zu formulieren. Ihr Ziel ist es, eine offene Kommunikation zu fördern, nicht Ihren Sohn in den „Widerstand“ zu drängen.
8. Bleiben Sie geduldig: Es kann sein, dass Ihr Sohn nicht sofort bereit ist, über das Thema zu sprechen. Seien Sie geduldig und bieten Sie an, das Gespräch zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen.
Liane Duesenberg ist Klinische Sozialarbeiterin (MA) und leitet die Psychosoziale Beratungsstelle sowie die Kinder- und Jugendsuchthilfe beim Blauen Kreuz Coburg.
11 bis 15 – Bewegungsmuffel ade!
Elternfrage: „Ich beobachte, dass sich unsere Kinder (11 und 14) im Alltag zwischen Schule, Hausaufgaben und Smartphone kaum bewegen. Wie kann ich sie zu mehr sportlicher Aktivität motivieren?“
Bewegung ist der Motor des Lebens. Wortwörtlich! Bereits im Mutterleib sind Babys aus eigenem Antrieb aktiv, bei der Geburt sowieso und danach gibt es kein Halten mehr. Bewegung ist also ohne jeden Zweifel ein Grundbedürfnis von Kindern. Bei Jugendlichen dient Sport vor allem als Ausgleich sowie zum Abbau von Stress und Aggressionen, die es in der Pubertät oft reichlich gibt. Darüber hinaus fördert viel körperliche Aktivität ein positives Selbstwertgefühl und hilft beim Kennenlernen, Akzeptieren und Lieben des eigenen Körpers.
Bewegte Hausaufgaben
Sie können mehr Bewegung in den Alltag Ihrer Kinder bringen, indem Sie die Zeit mit den Hausaufgaben kreativ gestalten – das birgt auf vielen Ebenen Vorteile für Ihre Teenager. Schulaufgaben müssen nicht im Sitzen erledigt werden. Vielleicht haben Sie einen höhenverstellbaren Schreibtisch, an dem das Kind gut im Stehen arbeiten kann? Auch das Auswendiglernen von Gedichten, Vokabeln oder sonstigen Texten kann man im Stehen, auf dem Bauch liegend oder laufend machen. Die Bewegung erhöht die Gedächtnisleistung und hilft dabei, dass sich Gelesenes besser gemerkt wird. Auf diese Weise werden verschiedene Sinne einbezogen, es bilden sich außerdem mehrere Verknüpfungen, die dem Kind ermöglichen, Inhalte besser und schneller zu verarbeiten.
Schwung reinbringen
Eine andere Möglichkeit, um körperliche Aktivitäten mit den Hausaufgaben zu kombinieren, sind Bewegungskarten oder -würfel. Dabei zieht das Kind zum Beispiel nach jeder gelösten Matheaufgabe eine Karte, würfelt oder macht einen eigenen Vorschlag für eine Bewegung wie Hüpfen, Kniebeugen oder Hampelmänner. Hierbei können Sie das Ergebnis der Rechenaufgabe für die Entscheidung benutzen, wie oft oder wie lange eine körperliche Aktivität ausgeführt werden soll. Außerdem helfen Sie Ihrem Kind, wenn Sie so oft wie möglich Materialien zu den Hausaufgaben dazunehmen. Lassen Sie Ihr Kind zum Beispiel unterschiedliche Materialien aus der Wohnung holen, um anhand dieser eine Rechenaufgabe zu lösen oder Vokabeln zu lernen.
Inliner statt Auto
Mir ist bewusst, dass diese Art, Hausaufgaben zu machen, aufwendig ist und sich bestimmt nicht jeden Tag umsetzen lässt. Sie können sich solche Ideen aber zum Beispiel für das Wochenende aufheben und für besonders regnerische Wochen oder wenn das Kind „krank“ zu Hause ist. Hier gilt: Machen Sie es für sich passend!
Es gibt im Alltag außerdem ausreichend andere Gelegenheiten, die Kinder in Bewegung zu bringen: Einkäufe lassen sich mit dem Rad oder den Inlinern tätigen. Der Weg zur Schule beziehungsweise zur Haltestelle kann zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt werden. Das Einführen von bewegten Ritualen kann ein weiterer Weg sein, Bewegung in den Alltag Ihrer Kinder zu integrieren. Auch wenn es ein wenig Überzeugungsarbeit braucht, es lohnt sich!
Anika Schunke ist Mutter, Erzieherin, Übungsleiterin für Kinderturnen sowie Referentin für den Badischen Turnerbund und die Kinderturnstiftung.
„Familie ist der Ort, wo Zukunft entsteht“
Wie wird Familie zukunftsfähig? Welche Rahmenbedingungen können dabei helfen? Und wie können Familien ihren Weg finden? Ein Interview mit der Unternehmensberaterin, Autorin und Mutter Dr. Ana Hoffmeister.
Ana, du beschäftigst dich schon länger mit dem Thema Familie, Beruf und Vereinbarkeit. Seit 2022 hostest du den Podcast FutureFamily und hast mit verschiedenen Familien Interviews geführt. Warum? Was bewegt dich?
Ich habe mich schon früh dafür interessiert, wie andere Familien leben. Als Migrationsfamilie – ich wurde im Iran geboren – waren wir in Deutschland immer ein wenig besonders. Bei Freunden zu Hause habe ich Unterschiede im Miteinander und im Alltag bemerkt. Je älter ich wurde, desto mehr machte ich mir Gedanken darüber, wie ich später selbst Familie leben möchte. Mir war immer klar, dass ich auch arbeiten und Karriere machen wollte. Aber ich kannte wenige Mütter, die eine Führungsrolle einnahmen.
Als ich später heiratete, war ich gerade frisch promoviert und wurde befördert. Bei Entwicklungsgesprächen kam dann ungefragt der Hinweis, doch mit der Familienplanung noch zu warten. Da wurde mir klar: In diesem Setting geht das offenbar nicht zusammen. Dann wurde ich schwanger und war zu dem Zeitpunkt bei zwei unterschiedlichen Arbeitgebern beschäftigt – beides in Teilzeit. Bei dem einen mussten wir uns schließlich auf eine Vertragsauflösung einigen, weil man mir die Stelle nicht mehr als sechs Monate freihalten konnte. Bei dem anderen hieß es, ich solle einfach schauen, was möglich ist. Mit dem Ergebnis, dass ich früher als erwartet mit einem ganz geringen Stundenumfang zurückkehrte. Wir arbeiteten nach einem geteilten Führungsprinzip. Es war nicht leicht, aber machbar. Nach kurzer Zeit war ich wieder auf demselben Stundenumfang wie vor der Schwangerschaft.
In Phasen denken
Wie kam es dann von dieser Erfahrung zum Buch?
Ich wollte diese verschiedenen Erfahrungswelten sichtbar machen und Eltern aufzeigen, dass es viele individuelle Wege gibt und sich die Bedürfnisse je nach Lebensphase verändern. Auch, damit wir für uns herausfinden: Was brauchen wir persönlich als Familie, als Eltern? Was tut uns gut, was tut mir gut? Welchen Weg stelle ich mir beruflich und privat vor, und welchen Preis bin ich bereit, dafür zu zahlen? Wie wirken sich unsere Entscheidungen auf unsere Kinder aus? Dann habe ich mich auf die Suche gemacht nach geeigneten Persönlichkeiten und Familien, die ich interviewte. Daraus entstand schließlich die Idee zum Buch.
Wie lebt ihr als Familie Vereinbarkeit?
Flexibel, vertrauensvoll und lebensphasenorientiert. Je nachdem, welche Ansprüche es beruflich gerade gibt. Als Paar sind wir dadurch sehr viel im Gespräch miteinander, weil wir von Woche zu Woche schauen müssen, wie wir es machen, wenn die Kita kurzfristig schließt, die Betreuungszeiten kürzt oder die Schule nicht so betreut, wie wir es brauchen. Es ist ein ständiger Prozess.
Überlebensmodus
Dein Buch trägt den Untertitel: Familien am Limit – neue Impulse für mehr Vereinbarkeit. Wo sind Familien am Limit?
Viele Eltern und Familien stehen vor einer großen Gesamtüberforderung. Großfamilien gibt es nur noch selten, Familien sind insgesamt kleiner geworden und die unterschiedlichen Generationen leben oft nicht mehr am selben Ort. Es gibt weniger familiären Support. Dazu ist auf externe Betreuung kein Verlass mehr: Kita und Schule sind seit der Pandemie ein sehr fragiles System. Es ist ein Leben am Limit, weil du nie weißt, was als Nächstes kommt.
Wir hatten zum Beispiel monatelang keine Woche, die normal verlief. Es gab Lehrerstreik, Krankheit, Personalengpässe, plötzliche Schließungen. Da bist du irgendwann nur noch im Überlebensmodus und mit Organisieren beschäftigt. Viel Freude, die du mit der Familie haben könntest, geht verloren. Das umfasst auch die Pflegesituation, was ebenso viele Mütter betrifft, die Kinder betreuen und Eltern pflegen – eine enorme Belastung! Die Pflegesituation wird sich in Zukunft noch verschärfen. Hier ist schon längst eine Lawine ins Rollen gekommen, die wir kaum noch aufhalten können.
Familie braucht neue Wege
Welche Lösungen braucht es? In Politik, Gesellschaft, von Arbeitgebern?
Ich finde wichtig, es ganzheitlich zu sehen. Unternehmen können nicht alles leisten, aber viel verändern. Führungskräfte zum Beispiel haben eine große Vorbildfunktion, wie sie selbst mit Arbeit und Familie umgehen. Das färbt immer auf die Unternehmenskultur ab und prägt die Beschäftigten. Unternehmen können aktive Vaterschaft unterstützen und dadurch gleichzeitig auch die Erwerbstätigkeit der Mütter fördern. Ein anderer wichtiger Punkt sind die institutionellen Systeme wie Kita und Schule. Da ist es wichtig, dass wir auf politischer und gesellschaftlicher Ebene ehrlich die Frage beantworten: Was ist uns Familie noch wert? Denn für mich ist Familie eine der wichtigsten Säulen unserer Zukunft. Ohne Familie werden wir die aktuellen und nachfolgenden Krisen in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, im Bildungswesen, in Kitas und der Pflege nicht auffangen können.
Doch Familien sind bereits jetzt am Limit. Eltern kommen immer mehr in die Erschöpfung und in den Burnout. Auch die Gesundheit, besonders die psychische, der Kinder und Jugendlichen leidet zunehmend. Meine kritische Frage ist: Werden Familien noch die Kraft und Stärke haben, um diese Krisen stemmen zu können? Ein viel wichtigerer Punkt aber ist unser eigener Handlungsspielraum als Familien. Jede Veränderung vollzieht sich von innen nach außen.
Mehr Generationen
Worum geht es bei der Veränderung von innen?
Wenn wir wollen, dass Familie sich gesund weiterentwickelt, dürfen wir bei uns selbst beginnen und uns die Frage stellen: Was ist mir Familie wert? Worauf bin ich, sind wir bereit zu verzichten, um Familie gesund und stark werden zu lassen? Wir können uns auch überlegen: Was wünsche ich mir darüber hinaus für die nächste Generation? Welche Prägung wünsche ich mir für unsere Kinder, damit sie selbst später gesunde Entscheidungen für ihr Leben treffen? Unsere Entscheidungen heute haben immer Einfluss auf die übernächste Generation, auf unsere Enkel.
Du plädierst auch im Buch stark dafür, generationsübergreifend zu denken und zu leben. Da schreibst du: „Uns fehlt der Weitblick.“ Wofür brauchen wir den?
Wenn wir in und über Generationen hinaus denken, wird uns bewusst, dass wir einander wirklich brauchen. In unserer Zeit heißt es oft, dass wir alles allein und selbstbestimmt erreichen können. Dass wir einander nicht brauchen, nicht mal mehr das Wissen der älteren Generation. Doch dabei gehen Erfahrungswissen und Weisheit verloren. Es ist so wichtig, einander Fragen zu stellen und zuzuhören: Welche Herausforderungen hatten andere Generationen, und wie haben sie diese gelöst? Woran haben sie sich orientiert? All das sind wichtige Erfahrungen, von denen wir lernen und profitieren können.
Du hast viele Familien interviewt und im Buch vorgestellt, die die unterschiedlichsten Modelle leben. Gibt es ein ideales Modell?
Ja, ich glaube schon. Aber es ist für jede Familie anders: Es ist das Modell, das individuell passt, das mit meinen Werten übereinstimmt, mit meinen Bedürfnissen als Mutter oder Vater und mit Blick auf die gesamte Familie. Und das flexibel ist, um je nach Lebensphase mitwachsen und sich verändern zu können.
Für Überzeugungen einstehen
Wieso stehen wir anderen Modellen oft kritisch gegenüber?
Ich glaube, weil es sich oft unserer Vorstellungskraft entzieht, wie andere Modelle im Alltag funktionieren können. Andererseits spiegelt sich in der Kritik oftmals die eigene Unsicherheit darüber wider, ob das eigene Modell das richtige ist. Ich wurde damals in meiner Entscheidung, meine Kinder nicht bereits mit einem Jahr in die Kita zu geben, sehr oft infrage gestellt. Andere habe ich nie von meinem Modell überzeugen wollen, sondern es einfach gelebt. Ich glaube, wir müssen lernen, andere Entscheidungen stehen zu lassen. Doch wir sind oft unsicher und vergleichen uns, weil wir uns über unsere eigenen Bedürfnisse und Vorstellungen kein Bild machen. Wenn wir überzeugt wären von dem, was wir entscheiden, würden wir uns nicht angegriffen fühlen.
Welchen Wunsch verbindest du mit deinem Buch?
In meinem Buch gebe ich Einblicke in unterschiedliche Lebensrealitäten und neue Lösungswege zwischen Familie, Pflege und Beruf. Ich wünsche mir, dass die, die das Buch lesen und den Podcast hören, Lust auf Zukunft bekommen. Im Moment leben wir in einer Zeit, die uns sagt: „Hör auf zu träumen! Wir leben in sehr schweren Zeiten!“ Das nimmt den Menschen die Vorstellungskraft, dass wir auf eine gute Zukunft zusteuern.
Da, wo wir vor der Zukunft Angst haben, hören wir auf, innovativ und kreativ zu sein. Wo wir uns die Zukunft nicht vorstellen können, machen wir die Tür auf für radikale, sehr einfache Schwarz-Weiß-Lösungen. Das sehen wir auch in der Politik. Deswegen brauchen wir Menschen, Familien, Politiker und Unternehmen, die sich auf die Zukunft freuen und die Lust haben, sie zu gestalten. Familie ist der Ort, wo Zukunft entsteht. Deshalb sollten wir mit Familien anfangen, sie stärken und in ihnen die Hoffnung wieder wecken.
Familie ist Zugehörigkeit, Geborgenheit
Wie sieht deine Hoffnung aus?
Meine Hoffnung ist, dass Familie ein Ort ist, wo sich unsere Sehnsüchte nach Herkunft, Zugehörigkeit, Geborgenheit und Sicherheit erfüllen. Aber dass sie auch ein Ort ist, der Flügel verleiht, in die Zukunft zu gehen, kein Ort der Begrenzung, sondern der Befähigung. Ein Ort, an dem das Zusammenleben der Generationen stattfindet und wir feststellen: Wir sind Teil einer Geschichte, die vor uns begonnen hat. Und wir sind gemeinsam Teil der Geschichte, die uns überdauern wird. Wir sind nicht der Nabel der Welt mit unserer Generation, sondern ein Puzzleteil. Wir sind eine Wegstrecke.
Es kann sehr heilsam sein, so zu denken, weil wir dann einerseits das größere Bild sehen und unseren Platz darin finden. Und andererseits auf die Herausforderung schauen, die wir zu lösen haben in dieser Zeit. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass wir vom engen Bild von Familie – Mutter, Vater, Kind, vielleicht noch Großeltern – wegkommen und Familie wirklich öffnen und diesen Ort der Geborgenheit auch anderen zugänglich machen, die keine Familie im klassischen Sinne haben. Dass wir Familie weiter denken.
Das Interview führte Andrea Specht, Autorin, Lektorin und zweifache Mutter.
Dr. Ana Hoffmeister ist zweifache Mutter, Unternehmensberaterin, Speakerin und Podcasterin (FutureFamily). Ihr Buch „Future Family. Familien am Limit – neue Impulse für mehr Vereinbarkeit” ist bei Knaur erschienen.
3 bis 5 – Mamas Wut
Elternfrage: „Es kommt immer häufiger vor, dass ich meinem Kind (3) gegenüber laut werde und wütend reagiere. Hinterher tut mir das sehr leid und ich schäme mich dafür. Wie kann ich besser mit meiner Wut als Mama umgehen?“
Wut, so heißt es, sei ein schlechter Ratgeber – aber stimmt das wirklich? Gefühle wie Wut liefern wichtige Informationen über unsere Bedürfnisse und sind auch ein wesentlicher Bestandteil unserer Kommunikation. Sie äußern sich in unserer Mimik, Gestik, in unseren Worten und Handlungen. Auf all diesen „Kanälen“ werden Signale an unser Gegenüber gesendet und verraten, was gerade mit uns los ist. Dabei gibt es keine falschen Gefühle. Sie sind erst einmal einfach da und zu respektieren – was nicht meint, direkt nach ihnen zu handeln. Wer sich selbst mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen ernst nimmt, hat die Chance, Unangenehmes nicht wiederholen zu müssen und in den Rollen als Mama oder Papa weiter zu wachsen.
Wut heißt Grenzen spüren
Was also tun, wenn die Wut im Kontakt mit unseren Kindern aufkommt? Wenn Sie in der Situation sind, hilft es immer, einen Schritt zurückzugehen, tief durchzuatmen, innezuhalten, eine andere Person zu bitten, kurz zu übernehmen, um sich einmal zu sammeln. Erklären Sie Ihrem Kind, was mit Ihnen los ist: „Ich merke, dass mich die Situation gerade wütend macht.“ Mit erklärenden Worten kann das Kind ein Gefühl verstehen lernen. Gleichzeitig bekommt es die wertvolle Information, dass dieses Gefühl zum anderen gehört, denn Kinder lernen erst schrittweise das Außen von sich selbst zu trennen. Durch ehrliche Erklärungen erfährt Ihr Kind, dass die Situation nicht bedeutet, selbst falsch zu sein – so wie es beim Schimpfen schnell passiert –, sondern, dass Sie als Mutter gerade an eine persönliche Grenze kommen. Persönliche Grenzen zu bewahren, heißt für Kinder, Halt in der Bindung zu erfahren. Es sichert, dass Eltern langfristig da sein können und dabei selbst gesund bleiben. Persönliche Grenzen häufig zu missachten, führt hingegen dazu, dass sich Belastungen und Gefühle wie Wut anstauen.
Gefühle hinter den Gefühlen
Nehmen Sie sich nach der Situation Zeit, um zu verstehen, was passiert ist und um daraus lernen zu können. Welches Gefühl war das genau? Wirklich ein Gefühl von Wut oder eher Frustration, Kränkung oder Empörung? Und steckt hinter diesem vordergründigen Gefühl womöglich ein ganz anderes? Etwa Traurigkeit, Erschöpfung, Schuld, Angst oder Fürsorge? Welcher Not sind Sie in der Situation begegnet? Um welche Bedürfnisse ging es auf beiden Seiten? Was fehlte? Wer kann helfen? Gibt es eigene negative Erfahrungen, die hier hineinspielen? Sich solche Fragen im Nachgang zu stellen, ist lohnenswert und ermöglicht, dass Eltern und Kinder schrittweise voneinander lernen.
Entschuldigung!
Nun sind Sie doch wieder laut gegenüber Ihrem Kind geworden? Eine Entschuldigung hilft immer. Eine sichere Bindung aufzubauen, heißt nicht, alles richtig zu machen, sondern vielmehr, dass Fehler und Vergebung möglich sind und man auch nach Differenzen wieder auf Augenhöhe zueinander finden kann. Zum Schluss sei gesagt, dass Eltern von Kindern in der Autonomiephase (meist beginnend um das dritte Lebensjahr) in Bezug auf das Aushandeln unterschiedlicher Bedürfnisse besonders auf den Prüfstand gestellt sind. Das ist schwer und zugleich eine wunderbare Gelegenheit, Kindern zu zeigen, dass man immer wieder Fehler machen muss, um an etwas zu wachsen.
Mara Pelt ist Psychologin M.Sc., Psychologische Psychotherapeutin i.A., Systemische Beraterin und Familientherapeutin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg.
Mehr Bewegung wagen!
Wenn Kinder in die Pubertät kommen, werden sie oft träger und bewegen sich weniger. Eine Expertin gibt Tipps, wie Sie mehr Bewegung in den Alltag integrieren können.
Bewegung ist der Motor des Lebens. Wortwörtlich! Bereits im Mutterleib sind Babys aus eigenem Antrieb aktiv, bei der Geburt sowieso und danach gibt es kein Halten mehr. Bewegung ist also ohne jeden Zweifel ein Grundbedürfnis von Kindern. Bei Jugendlichen dient Sport vor allem als Ausgleich sowie zum Abbau von Stress und Aggressionen. Die gibt es in der Pubertät oft reichlich. Darüber hinaus fördert viel körperliche Aktivität ein positives Selbstwertgefühl und hilft beim Kennenlernen, Akzeptieren und Lieben des eigenen Körpers.
Bewegung bei den Hausaufgaben
Sie können mehr Bewegung in den Alltag Ihrer Kinder bringen, indem Sie die Zeit mit den Hausaufgaben kreativ gestalten. Das birgt auf vielen Ebenen Vorteile für Ihre Teenager. Schulaufgaben müssen nicht im Sitzen erledigt werden. Vielleicht haben Sie einen höhenverstellbaren Schreibtisch, an dem das Kind gut im Stehen arbeiten kann? Auch das Auswendiglernen von Gedichten, Vokabeln oder sonstigen Texten kann man im Stehen, auf dem Bauch liegend oder laufend machen. Die Bewegung erhöht die Gedächtnisleistung und hilft dabei, dass sich Gelesenes besser gemerkt wird. Auf diese Weise werden verschiedene Sinne einbezogen, es bilden sich außerdem mehrere Verknüpfungen, die dem Kind ermöglichen, Inhalte besser und schneller zu verarbeiten.
Schwung reinbringen
Eine andere Möglichkeit, um körperliche Aktivitäten mit den Hausaufgaben zu kombinieren, sind Bewegungskarten oder -würfel. Dabei zieht das Kind zum Beispiel nach jeder gelösten Matheaufgabe eine Karte, würfelt oder macht einen eigenen Vorschlag für eine Bewegung wie Hüpfen, Kniebeugen oder Hampelmänner. Hierbei können Sie das Ergebnis der Rechenaufgabe für die Entscheidung benutzen, wie oft oder wie lange eine körperliche Aktivität ausgeführt werden soll. Außerdem helfen Sie Ihrem Kind, wenn Sie so oft wie möglich Materialien zu den Hausaufgaben dazunehmen. Lassen Sie Ihr Kind zum Beispiel unterschiedliche Materialien aus der Wohnung holen, um anhand dieser eine Rechenaufgabe zu lösen oder Vokabeln zu lernen.
Inliner statt Auto
Mir ist bewusst, dass diese Art, Hausaufgaben zu machen, aufwendig ist und sich bestimmt nicht jeden Tag umsetzen lässt. Sie können sich solche Ideen aber zum Beispiel für das Wochenende aufheben und für besonders regnerische Wochen oder wenn das Kind „krank“ zu Hause ist. Hier gilt: Machen Sie es für sich passend!
Es gibt im Alltag außerdem ausreichend andere Gelegenheiten, die Kinder in Bewegung zu bringen. Einkäufe lassen sich mit dem Rad oder den Inlinern tätigen. Der Weg zur Schule beziehungsweise zur Haltestelle kann zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt werden. Das Einführen von bewegten Ritualen kann ein weiterer Weg sein, Bewegung in den Alltag Ihrer Kinder zu integrieren. Auch wenn es ein wenig Überzeugungsarbeit braucht, es lohnt sich!
Anika Schunke ist Mutter, Erzieherin, Übungsleiterin für Kinderturnen sowie Referentin für den Badischen Turnerbund und die Kinderturnstiftung.
„Ich wollte dieses kleine Menschlein festhalten“
Als Claudia Staudt die kleine Lena im Arm hält, ist für sie klar: Sie möchte ihre Mama werden. Dass Lena lebenslang pflegebedürftig sein wird, ändert nichts an ihrer Entscheidung.
Lena Marie. Lena. Lenchen. Mein Baby. Unsere Tochter. Unser großes Mädchen, das mit den ersten Launen der Pubertät kämpft, Sitzski fährt und allein ihre Assistenzhündin führt. Lena ist ein so bemerkenswertes Mädchen. Und bemerkenswert ist auch unsere Geschichte. Bis heute kann ich es manchmal kaum glauben, dass ich Mama dieses tollen Wesens sein darf. Dass ich überhaupt Mama sein darf.
Das winzigste Baby
Als mein Mann und ich unsere Tochter kennenlernten, war sie schon beinahe drei Monate alt. Und doch war sie das winzigste Baby, das ich je gesehen habe. Sie trug Kleidergröße 50 und versank darin. Lena war vier Monate zu früh zur Welt gekommen und hatte während der Geburt Hirnblutungen erlitten. Die Ärzte hatten so schwere Schädigungen des Hirns diagnostiziert, dass sehr schnell klar gewesen war, dass Lena zeitlebens schwere Beeinträchtigungen haben würde. Lenas leibliche Eltern hatten sie daraufhin zur Adoption freigegeben, und das Jugendamt hatte sie bei einer Bekannten unserer Familie untergebracht. Wir kannten Regina aus unserer Kirchengemeinde, sie nahm häufiger Kinder auf. Aus Familien, in denen es schwer war. Oder Babys, die weitervermittelt wurden. Und nun war Lena bei ihr. An einem Sonntag im März 2013 lag sie in meinen Armen. Ich roch an ihrem Haar, streichelte sanft über ihren kleinen Bauch und hörte zu, wie Regina berichtete, dass die Behörden keine Adoptiveltern für dieses kleine Mädchen finden konnten. Keiner wollte ein Baby adoptieren, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit lebenslang ein Pflegefall bleiben würde. Die vergangenen drei Monate hatte dieses kleine Mädchen allein auf der Neonatologie gelegen. Sie hatte nach einer Frühgeburt in der 27. Schwangerschaftswoche um ihr Leben gekämpft, ihren Zwillingsbruder verloren und niemanden gehabt, der ihr sagte, dass er sie liebt. Und nun sollte sie den Rest ihres Lebens in einem Heim verbringen? Würde man da auch mehrmals die Woche mit ihr zu ihren Therapien gehen, wie Regina es tat? Alles in mir wehrte sich gegen diese Vorstellung.
Hals über Kopf verliebt
Mein Mann und ich hatten eine jahrelange Reise durch die Labore einer Kinderwunschklinik hinter uns. Hormonbehandlungen, künstliche Befruchtungen und Fehlgeburten hatten in den vergangenen Jahren unseren Alltag bestimmt. Unser sehnlichster Wunsch war es, einem Kind Liebe zu schenken und es in die Welt zu begleiten. Hier war nun dieses bezaubernde, hilflose Wesen, und niemand wollte ihm ein Zuhause geben? Wir wollten es. Ich wollte dieses kleine Menschlein festhalten, ihm immer wieder versichern, dass es nicht allein ist. Mein Mann und ich hatten uns Hals über Kopf in Lena verliebt und wollten für Lena da sein, sie glücklich machen, ihr helfen. Wir sprachen miteinander, mit Freunden und der Familie. Sprachen mit Regina. Wir stellten uns vor, wie es wäre, Lenas Eltern zu sein. Malten uns aus, wie das Leben mit einem schwer behinderten Kind aussehen könnte. Zeichneten Worst-Case-Szenarien und betrachteten sie. Schreckten sie uns ab? Nein. Hatten wir die Unterstützung unserer Freunde und Familien? Ja. Also gingen wir zum Jugendamt und erklärten, dass wir Lenas Eltern werden wollen. „Auf keinen Fall“, hieß es vonseiten des Jugendamtes. Man kenne uns schließlich gar nicht. Man könne uns nicht einfach so ein Kind geben. „Nein, nicht einfach so“, sagten wir. Aber man könnte uns doch wenigstens mal anschauen. Wir gaben nicht auf, wir kämpften, wir überzeugten das Amt, uns kennenzulernen. Endlose Gespräche, unzählige ausgefüllte Formulare und viele absolvierte Seminare später durfte Lena unsere Pflegetochter werden.
Anders als die anderen
Dass Lena anders war als die Babys in unserem Umfeld, die keine Behinderung hatten, war von Anfang an sehr deutlich. Wenn ich gefragt werde, wann wir merkten, dass das Leben mit Lena nicht so werden würde, wie wir uns unser Familienleben während unserer Kinderwunschbehandlungen vorgestellt hatten, sage ich, dass Anders gemeinsam mit Lena bei uns eingezogen ist. Angeklopft hatte es schon einige Jahre zuvor, das kleine Anders – nämlich mit unserem Gang ins Kinderwunschzentrum. Mit Lena aber nistetete es sich bei uns ein, war gekommen, um zu bleiben. Ich erinnere mich an die Babyschwimmkurse: Jede einzelne Stunde beendeten Lena und ich vorzeitig und verließen vor allen anderen fluchtartig das kleine Becken. Lena konnte die vielen Reize nicht verarbeiten. Das Wasser, das Lachen der anderen Kinder, der Gesang der Mütter – alles zu viel für sie. Anders war es auch mit Lena im PEKiP-Kurs. Während die übrigen Kinder von Woche zu Woche mobiler wurden, nach Gegenständen griffen, sitzen lernten und sich irgendwann an den großen bunten Spielquadraten hochzogen, lag Lena von Anfang bis Ende des Kurses in meinem Arm. Sie zeigte kein Interesse an der Bewegung, scheiterte daran, irgendetwas festzuhalten, und begann stets panisch zu brüllen, wenn ich ihren Körper auch nur ansatzweise von meinem entfernte. Ich litt. Nicht, weil ich mein Baby nicht jede Sekunde bei mir haben wollte. Nein, ich liebe es noch immer, an ihr zu riechen, sie an mich zu drücken und ihr über die dunklen Locken zu streicheln. Aber die anderen Kinder schienen so viel Freude an der Bewegung zu haben – und das wünschte ich mir für Lena auch.
Außen vor
Mit Lena wuchs auch Anders. Es nahm immer mehr Platz auf unserer Couch ein. Es begnügte sich nicht mehr damit, bei uns zu Hause zu sein, sondern spazierte mit uns durch die Straßen unseres Stadtviertels. Das war ungefähr zu der Zeit, als wir für Lena einen Rehabuggy bekamen. Ein sperriges und für mein Empfinden hässliches Teil. Das sei in grau eigentlich ganz schick, hatte der Rehatechniker bei der Erprobung gesagt. Glatte Lüge. Aber es bot Anders eine tolle Möglichkeit, sich beim Spazierengehen daran festzuhalten – alle anderen Familien hatten schicke moderne Buggys. Wir fielen also auf. Anders fiel auf. In der Kindergartenzeit sorgte Anders immer wieder für Tränen bei Lena und uns. Kindergeburtstage in der Kletterhalle, Playdates auf dem Spielplatz, die ersten Turnstunden – Lena war außen vor. Und mit Lena waren auch wir außen vor. Die Mamas der nicht behinderten Kinder unseres inklusiven Kindergartens waren großartig und luden mich immer mit ein, wenn sie sich trafen. Immer ging ich voller Vorfreude und Optimismus hin. Und immer kam ich enttäuscht nach Hause. Denn jedes Mal ging es um Themen, bei denen ich nicht mitreden konnte: Welche Ballettschule im Umkreis ist die beste? Welches Fahrrad ist für den Einstieg geeignet? Und wo gibt es Vereine, in denen die Kinder den Freischwimmer machen können? Ich hörte zu und lächelte. Wollte aber manches Mal lieber heulen. Und mich eigentlich über Windeln für große Kinder, schönen Rolli-Speichenschutz und die nächste stationäre Kinderreha unterhalten. Es passte einfach meistens nicht.
Hobby gefunden
Mittlerweile besucht Lena die vierte Klasse einer inklusiven Montessorischule. Und noch immer ist Anders ein Thema. Nach wie vor gehört Lena für unser und ihr Empfinden nicht richtig dazu. „Mama, das liegt nicht an mir. Das liegt an meiner Behinderung“, sagt sie oft. Ja, mein Kind, ganz richtig. Nun könnte man fragen, ob sie denn an einer Förderschule nicht besser aufgehoben sei. „Nein“, sagt Lena. Wir haben uns vor Schuleintritt gemeinsam mit ihr für die private Regelschule und gegen die Förderschule entschieden. Denn Therapien konnte man uns in der Förderschule ohnehin nicht garantieren. Individuelle Förderung für unser zwar motorisch so eingeschränktes, kognitiv aber so fittes Mädchen auch nicht. Dazu dreimal so lange An- und Abreisezeit und unflexible Unterrichtszeiten. Lenas Schule ist toll. Und in der Schule selbst ist Lena voll dabei. Genau wie all die anderen Kinder mit Behinderung. Aber zwischen „Ich akzeptiere meine behinderte Mitschülerin“ und „Ich möchte mit meiner behinderten Mitschülerin befreundet sein“ liegen eben Welten. Lena hat eine Freundin. Eine. Und die auch erst seit Ende der dritten Klasse. Inklusion ist eben mehr, als behinderte Kinder als nicht störend zu empfinden. Trotz aller Schwierigkeiten sind wir heute eine glückliche kleine Familie, Lena ein fröhliches, intelligentes und humorvolles elfjähriges Mädchen. Mit ihrem Elektro-Rollstuhl fährt sie selbstbewusst durchs Leben. Sie ist eloquent und durchsetzungsfähig. Und stolze Teampartnerin einer Assistenzhündin namens Ypsi. Mit Ypsi hat Lena ein Hobby gefunden, das sie gemeinsam mit den anderen Kindern aus unserem Assistenzhundeverein ausüben kann.
Ständiger Kampf
Und wir? Wir kämpfen noch immer. Nicht mehr um Lena, sondern für sie. Für Teilhabe, für Hilfsmittel, für Inklusion. Für Entlastung, Verständnis und Unterstützung für uns pflegende Eltern. Wir haben gelernt, uns Anders zu Nutzen zu machen. Lena spricht auf medizinischen Kongressen über ihre Behinderung. Sie berichtet, wo sich in ihrem Alltag Hürden auftun, welche Hilfsmittel ihr die liebsten sind und was sie sich für die Zukunft wünscht. Auf meinem Instagram-Account @claudistaudi lasse ich die Welt an unserem turbulenten Alltag teilhaben. Ich betreibe außerdem den Podcast „Pflegegrad Glück“ für pflegende Mütter. Und ich habe ein Buch veröffentlicht. In „Wir wollten Lena“ erzähle ich nicht nur unsere Geschichte, sondern beschreibe auch, dass es nach wie vor die Bürokratie ist und nicht Lenas Behinderung, die uns im Alltag am meisten behindert. Andreas und ich werden oft gefragt, ob wir es bereuen, ein behindertes Kind angenommen zu haben. Die Antwort ist ein entschiedenes und laut gebrülltes „NEIN!“. Aber auf die Frage, ob das Leben mit einem behinderten Kind so ist, wie wir es uns vorgestellt hatten, brüllen wir ein ebenso lautes „NEIN!“. Niemals hätten wir gedacht, wie schwierig es ist, die Hilfsmittel und die Unterstützung zu erhalten, die unserem Kind und uns zustehen. Und niemals hätten wir vorab realisieren können, wie wenig inklusiv unsere Gesellschaft ist. Aber ebenso wenig hätten wir uns jemals ausmalen können, wie glücklich und zufrieden uns das Leben mit Lena machen würde.
Claudia Staudt arbeitet als freie Journalistin, Pressesprecherin und Fitnesstrainerin. Sie lebt mit ihrem Mann, ihrer Pflegetochter und deren Assistenzhündin im Großraum Düsseldorf. Über ihre Geschichte mit Lena hat sie ein Buch geschrieben: „Wir wollten Lena“ (Bonifatius) Mehr zur Familie auf Instagram unter @claudistaudi