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Archiv für die Kategorie: Artikel aus Family

Ein Paar, zwei Perspektiven: Herz versus Kopf

„Wichtigeres als Schule“

Katharina Hullen weiß, wie die Freunde ihrer Kinder heißen. Wo Bhutan liegt, findet sie nicht so essenziell.

Katharina:

Mark Twain sagte einmal: „Für mich gibt es Wichtigeres im Leben als die Schule.“ Nach monatelangem Homeschooling mit fünf Kindern weiß ich gar nicht, ob ich diesem Satz zustimmen oder widersprechen soll. Insbesondere, da Bildung für die Lehrer-Dynastie Hullen seit Generationen Elternsache ist. Es ist ein Wunder, dass sie mich ungebildetes Wesen überhaupt in ihren Kreis aufgenommen haben, denn wie sich zeigt, bin ich dem Homeschooling schon rein inhaltlich nicht mehr gewachsen. Was für ein Segen, dass es den klugen Lehrer-Papa gibt, der in allen Fächern aushelfen kann, wenn’s mal nicht läuft. Wie wichtig doch Schule und Lehrer sind!
Dennoch kann ich auch Haukes Schüler verstehen, die nicht interessiert, wo Bhutan auf der Weltkarte zu finden ist oder wie sich ein Parlament zusammensetzt. Ich suchte in meiner Schulzeit auf der Landkarte nur die Länder heraus, aus denen Freunde stammten. So wusste ich genau, wo Sri Lanka lag, bei Österreich konnte ich nur raten. Mein Vater ist parteipolitisch engagiert, und zu Hause wurde immer viel diskutiert und gestritten. Ich schaltete bei diesen Debatten immer automatisch ab, was leider auch zu großen Wissenslücken führte. Als ich Hauke kennenlernte, wusste ich daher nicht einmal, was eine „Opposition“ ist. Peinlich. Bei einem der ersten Treffen bei meinen Schwiegereltern in spe wurde beim Kaffeetrinken über die physikalischen Abläufe beim Abbrennen einer Kerze philosophiert. Eine mir bis dahin völlig fremde Gesprächskultur. Und mitreden konnte ich auch nicht. Warum gab es für den belesensten Ehemann von allen und das naive Landei doch noch ein Happy End? Nun, mir waren diese Bildungslücken peinlich. So kaufte ich mir eine große Weltkarte, hängte sie über mein Bett und studierte sie. Ich las in der Zeitung nicht mehr nur den Panorama-Teil und ersetzte einige Serien durch Dokumentationen. Bildung lässt sich also aufholen.
Aber noch viel entscheidender für das Happy End war dieses „Wichtigere im Leben“, das Mark Twain vermutlich meint. Der andere, der bessere Teil von mir, der super zuhören, mitdenken, praktische Lösungen finden, mitfühlen, spontan reagieren und sich jede Menge Zeit für mein Gegenüber nehmen kann. Was hilft das Zahlen-Daten-Fakten-Wissen, wenn man nicht erkennt, wie es den Menschen um einen herum geht? Was nützt Bildung, wenn ich nicht fühlen kann, was jetzt wichtig ist?
Unsere Kinder wachsen in einem Haushalt auf, wo Wissen und Bildung durch Schule, Eltern, Großeltern und der Sendung mit der Maus quasi rund um die Uhr vermittelt wird. Sie erleben den klugen Papa, den man alles zur großen weiten Welt fragen kann, und eine kluge Mama, die weiß, wie die Freunde ihrer Kinder heißen, worüber sie lachen und weinen, die spielt, bastelt, Anteil nimmt und ihnen hilft beim Finden kreativer Ideen. So manche dieser guten Gespräche mit den Kindern gehen an meinem gebildeten Hauke vorbei, obwohl er mit am Tisch sitzt – weil er gerade Zeitung liest!
Ich bin sehr dankbar über unsere Mischung – denn so können unsere Kinder gebildete und einfühlsame Menschen werden. Gott sei Dank!

Katharina Hullen (Jahrgang 1977) ist Bankkauffrau und Dolmetscherin für Gebärdensprache in Elternzeit. Sie und Ehemann Hauke haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

 

„Weil Liebe nie zerbricht“

Hauke Hullen ist entsetzt, wenn ein Schüler London in Ostchina verortet. Wie gut, dass sein 5-Jähriger die Umrisse von Deutschland kennt.

Hauke:

Beim Abendbrot entspinnt sich ein Gespräch übers Sodbrennen. Da beginnt die 14-Jährige zu dozieren: Die Speiseröhre sei mit einer Schutzschicht ausgekleidet, diese werde jedoch von der Magensäure zerstört, wenn sie aus dem Magen hochsteigt. Anschließend geht es mit Einzelheiten zur Phosphorsäure weiter. Woher sie das alles weiß? Aus dem Chemie-Unterricht. Vor lauter stolzer Glückseligkeit kann ich kaum in mein Brot beißen. Doch es wird noch besser: Wenige Minuten später rupft unser 5-Jähriger den Schinken von seinem Brötchen. Der Knirps hält triumphierend den Fleischlappen in die Runde und ruft: „Das sieht ja aus wie Deutschland!“ Tatsächlich: Durch ein paar Bisswunden entstellt hat der Aufschnitt eine Form angenommen, in der man mit ein bisschen gutem Willen die Umrisse Deutschlands erkennen kann. Nun, ich will das nicht überbewerten, doch dass der jüngste Spross meiner Lenden unsere Landesgrenzen in Rindersaftschinken mit Pfefferkruste wiederfindet … Sicherheitshalber kontrolliere ich, ob das Telefon frei ist, falls das Nobelpreis-Komitee anruft. Denn in der Schule sehe ich oft das Gegenteil: Jugendliche, die erschreckend wenig von der Welt da draußen wissen. Während meinem Dreikäsehoch Aufschnitt reicht, um Deutschland zu identifizieren, kenne ich Oberstufenschüler, die die Bundesrepublik selbst auf einer Weltkarte nicht finden. Angehende Abiturienten, die Kronjuwelen unseres Bildungssystems, welche in Bälde studieren und die Geschicke unseres Landes lenken werden, aber nicht wissen, wo London liegt und irgendwann auf die Ostküste Chinas tippen, weil es dort offensichtlich viele große Städte gibt. Da wird das „Land“ (!) Afrika in Südamerika vermutet, die Entfernung zum Mond auf 80 Kilometer geschätzt und in einem Referat die Eröffnung eines NS-Konzentrationslagers im Jahre 1994 verortet. Das habe so im Internet gestanden. Wer gerade Bundespräsident ist, wissen auch nur 25 Prozent meines Leistungskurses Sozialwissenschaften. Und wenn Sie mal richtig schlechte Laune kriegen wollen, dann fragen Sie einen Teenager, was 15 Prozent von 200 Euro sind. Nun, es ist wohlfeil, sich über Wissenslücken von Jugendlichen lustig zu machen. Aber hier geht es nicht um Unterrichtswissen, sondern um Allgemeinbildung, die jedem zufliegt, der mit offenen Augen und Ohren durch die Welt geht. Wie will man diese Welt verstehen, wenn man nichts von ihr weiß? Wie will man Absurditäten erkennen, wenn kein Orientierungswissen vorhanden ist? Trotz 500 Jahren Aufklärung halten viele Menschen YouTube-Videos für seriöser als den wissenschaftlichen Konsens, vertrauen auf homöopathische Placebo-Medizin und lassen sich willfährig von allerlei Geschwurbel infizieren.

Da tut Bildung not! Darum hatten die beste Ehefrau von allen und ich direkt eine Weltkarte übers Ehebett gehängt. Mit einem Zeigestock ging es dann auf abendliche Weltreise, damit man weiß, wo die Freiheit am Hindukusch verteidigt wurde, wo Nordkorea die USA mit Raketen bedroht oder wo im Nahen Osten die Kulturen aufeinanderstoßen. Und damit man mitreden kann, wenn der 5-Jährige in der Wurst fündig wird.

Hauke Hullen (Jahrgang 1974) ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften. Er und Ehefrau Katharina haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/01/MicrosoftTeams-image.png 1668 2224 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2022-02-14 10:00:152022-01-19 17:37:51Ein Paar, zwei Perspektiven: Herz versus Kopf

Sie bringt mich zur Weißglut!

„Meine Teenie-Tochter (15) und ich rasseln immer häufiger aneinander, ja, sie bringt mich richtig zur Weißglut! Neulich habe ich sie angeschrien und mich danach total schrecklich gefühlt – sie sich natürlich auch. Wie kriege ich es hin, meine Wut unter Kontrolle zu halten, ihr aber auch zu vermitteln, wo sie meine Grenzen überschreitet?”

Diese Zeiten fordern viel – von Eltern und den Teens. Gerade war man als Familie noch ein eingespieltes Team, nun trifft die Pubertät mit irritierenden Pfeilen in die vertrauten Beziehungen. Die Heranwachsenden suchen Halt in ihrer sich so stark verändernden Welt. Halt, den sie sich tatsächlich besonders in der Familie suchen. Paradoxerweise geschieht dies gerade bei Vertrauten durch Pöbeln, Motzen, Provozieren und Boykottieren. Paradoxerweise, denn das Abgrenzen durch Bemerkungen und Sticheleien fühlt sich nicht an, als würde der oder die Jugendliche Halt suchen. Ja, Teenager sind gute Beobachter und haben über ihre Eltern durch die gemeinsame Lebenszeit ausreichend „belastendes“ Material angesammelt. Mit wenigen Bemerkungen werden Treffer gelandet, die gerade Eltern schmerzhaft aus dem Gleichgewicht bringen. Nicht selten sind Schnappatmung, plötzlicher Zorn und Empörung nach einem gut gesetzten Teenie-Blick oder Kommentar die Begleiterscheinungen für Eltern von Pubertierenden auf der Suche nach Halt.

STOPPSCHILD AUFSTELLEN

Gerade weil der junge Mensch Halt sucht, ist es notwendig, dass Eltern bewusst ihr Stoppschild sichtbar machen. Geben Sie Ihrer Tochter Halt durch eine klare Haltung. Bedenken Sie: Ihre Tochter bringt zwar persönlich verletzende Argumente vor, es geht ihr aber nicht um die Beziehung.

Sie testet unbewusst: Halten meine Eltern das aus? Sie als Eltern dürfen die angespannte Situation verlassen, sich gegebenenfalls sogar gegenseitig an das Verlassen erinnern. Einige Familien einigen sich auf Codewörter, die beide Seiten nennen dürfen. Andere verabreden zusammen, dass sie nicht das Haus verlassen, aber im Schlafzimmer ungestört sein können.

Das Verlassen der akuten Situation erscheint Eltern paradox, weil sie ihren aufgeplusterten Giftschützen unbedingt im Vollzug das „So nicht!“ verdeutlichen und ihre Macht demonstrieren wollen. Das fördert aber eher den Willen nach Unabhängigkeit des Jugendlichen und eine weitere Stufe der Emotionen wird freigeschaltet. Die gewünschte Einsicht ist allein von der Gehirnbeschaffenheit im Streit nicht möglich und führt eher zu Eskalationen, die die Beziehung sehr belasten.

IM GESPRÄCH BLEIBEN

Nehmen Sie in einem ruhigeren Moment das Gespräch mit der Tochter wieder auf. Rutschen Sie dabei nicht auf ihre Stufe und reagieren Sie nicht nachtragend. Die Frage: „Wie ging es dir im letzten Streit mit mir?“ hilft, sich gegenseitig neu kennenzulernen und den wirklichen emotionalen Druck des Haltsuchenden als Eltern zu verstehen. Dabei kann auch zur Sprache kommen, welche verletzenden Kommentare Sie von Ihrem austickenden Teen nicht mehr hören möchten. Im Gespräch zu bleiben, ist die Grundvoraussetzung für das Überleben der Beziehungen. Dann kann es auch nach Turbulenzen später wieder Humor und Respekt geben.

Stefanie Diekmann ist Pädagogin, Trainerin für Eltern und Autorin. Sie gestaltet mit ihrem Mann die EFG Göttingen und genießt ihre Familie. Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/01/teenage_tochter_weissglut.jpg 1776 1848 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2022-02-11 11:00:432022-01-19 16:58:01Sie bringt mich zur Weißglut!

Schmetterlinge auf Irrwegen

Frisch verliebt in den Freund meines Mannes – und dann?

„Was war das?“, dachte ich erschrocken. Dieser Blickkontakt dauerte etwas zu lange und ging mir viel zu tief. Zwar fühlte sich das ungewohnt schön an, aber natürlich auch zutiefst falsch. Mir wurde sofort bewusst, dass etwas Ungewöhnliches passierte, aber dass das der Beginn einer emotionalen Achterbahnfahrt mit heftigen Zerwürfnissen für meine Ehe war, ahnte ich nicht.

Zu Tom (alle Namen geändert), einem langjährigen Freund meines Ehemannes, pflegten wir als Familie ein freundschaftliches Verhältnis und teilten viele Alltagsmomente. Dass wir uns schon so viele Jahre kannten, erschwerte es mir, den Ernst der Lage zu erkennen. Nach diesem Blick nahm ich den jahrelangen Freund plötzlich anders wahr. Ich sammelte meinen Mut, schrieb Tom und konfrontierte ihn mit dem nicht zu leugnenden Knistern zwischen uns. Das war der Beginn vieler Nachrichten.

Zerrissen zwischen Glücksgefühl und Scham

Eine Grenze war überschritten. Es ging nicht mehr nur um Absprachen zur nächsten Grillparty oder zum nächsten Gottesdienstplan. Nein, plötzlich ging es um uns beide. Wir teilten uns einander mit. Wir schrieben über das, was wir fühlten, dachten und erlebten. Damit gossen wir Öl in das beginnende Feuer und beschleunigten die Gefühlslawine massiv.

Eine Zeit der Zerrissenheit in mir hatte begonnen. Auf der einen Seite die Glücksmomente mit Tom in unserer Nachrichtenwelt, auf der anderen die tiefe Scham gegenüber David, meinem Ehemann. Das Tempo der wachsenden Gefühle überstieg meine rationale Entscheidungsfähigkeit.

Kein Kontakt – unmöglich!

Nach wenigen Wochen erzählte ich David von meinen Gefühlen und dem Kontakt zu unserem gemeinsamen Freund. Er reagierte sanft schockiert, aber auch noch zuversichtlich und nicht verurteilend. Darüber war ich sehr dankbar. Jedoch wünschte er sich mit Nachdruck, dass Tom und ich keinen weiteren Kontakt haben sollten, damit es nicht schwieriger für alle Beteiligten werden würde.

Doch zu dem Zeitpunkt dachte ich noch völlig naiv, dass das nicht nötig sei. „Ich habe meine Gefühle doch im Griff und kenne meine Grenzen!“, behauptete ich. Dabei hatte ich die Situation schon lange nicht mehr unter Kontrolle. Ich schrieb Tom noch eine Weile offiziell, später dann heimlich.

Erfüllender als der Ehealltag

All die virtuellen Momente mit Tom erschienen mir schöner, romantischer und erfüllender als mein Ehealltag. Alles fühlte sich so echt, tief und unglaublich nah an, obwohl wir uns ausschließlich in unseren Nachrichten „trafen“. Ich nutzte jede freie Minute, um ihm zu schreiben.

Auf diese Weise nahm ich ihn virtuell fast überall mit – auf Geburtstagspartys, zur Beerdigung, zum Trainieren, zum Unkrautjäten. Ohne dass ich es wahrnahm, entwickelte er sich zu einem riesengroßen Teil meines Lebens. So permanent umgeben von Schmetterlingen gab es allerdings keinen einzigen Tag, an dem mich nicht mein Gewissen plagte und mich stumm anschrie. Ich schrie innerlich eine Menge an Rechtfertigungen zurück: „Wir schreiben uns doch nur und mehr passiert nicht!“, „Es ist doch gar keine echte Affäre!“ …

Die Ehe bröckelt

David spürte, dass ich nicht ganz bei ihm war, dass meine Gefühle und Gedanken bei einem anderen Mann festhingen. Es schmerzte ihn sehr, dass ich es nicht schaffte, den Kontakt zu Tom komplett zu unterbinden. Am meisten verletzte es ihn, dass ich nicht ehrlich zu ihm war. Häufig kam es zu Streit. Derart schwere Auseinandersetzungen hatten wir noch nie zuvor in unserer Ehe miteinander erlebt. Es wurde laut, emotional verletzend und aufwühlend. Nach vielen Diskussionen und Streitereien musste etwas passieren. Als Ehepaar waren wir uns mittlerweile so fremd geworden, dass ich an unserer Liebe zweifelte. Zweimal überlegte ich, ob es vielleicht besser sei, getrennte Wege zu gehen. Wir taten uns nicht mehr gut und verletzten uns permanent mit Worten. Es war keine Freude mehr, in Davids Nähe zu sein. Wir konnten zwar noch gut als Eltern-WG funktionieren, aber natürlich spürten unsere Kinder die Spannungen zwischen uns.

Allerdings gab es hin und wieder Momente der Nähe. Ohne viele Worte zu verlieren, konnten wir uns trotz allem Frust und aller Distanz intim nah sein. Dies war fast unsere einzige Brücke, die noch geblieben war. Wieso konnte es so weit kommen? Ich war doch während der letzten zehn Jahre glücklich in meiner Ehe, oder? Wie konnte Tom einen Platz in meinem Herzen einnehmen, den ich eigentlich meinem Partner versprochen hatte?

„Er hatte etwas in mir geweckt, was viele Jahre schlummerte“

Tom fand mich toll und war begeistert von mir, von meinem Wesen und von Eigenschaften, die David eher nicht so spannend oder erwähnenswert fand. Tom schätzte meine Kreativität, meine Ideen, meine Sensibilität und fand mich als Frau einfach wunderbar. David brachte Lob und Wertschätzung nur sporadisch zum Ausdruck. Eigentlich hatte ich mich damit abgefunden, dass David mir auf andere Weise seine Liebe zeigte.

Ich hatte meine Bedürfnisse vernachlässigt und viel zu selten reflektiert, was mir guttun würde. In den Kleinkindjahren war es leider fast ein Luxus für mich, mal ganz bewusst nach innen zu sehen und zu erkennen, was gerade für mich und uns als Paar dran ist.

Und plötzlich kommt jemand, der mich genau mit meinen Gaben wertschätzt, meine Bedürfnisse versteht und die offenbar brachliegenden Facetten meiner Persönlichkeit wahrnimmt. Er hatte etwas in mir geweckt, was viele Jahre einfach nur schlummerte. Ich sog die Aufmerksamkeit und Wertschätzung von Tom wie ein Schwamm auf. Da war jemand, der mich wirklich sah.

Abschied von Tom

Ein heftiger Streit zwischen David und mir ließ mich plötzlich realisieren, dass es so nicht weitergehen konnte. Meine Gewissensbisse türmten sich zu einer großen Welle, die über mich hereinbrach. Mein Herz schlug, meine Beine zitterten ununterbrochen und ich weinte. David konfrontierte mich damit, dass ich mich entscheiden musste. Das tat ich auch! Nur ein paar Stunden nach diesem Vorfall beendete ich die Verbindung mit Tom. Schweren Herzens, aber klar und bestimmt.

Der Abschied von Tom war schmerzhaft. Es fühlte sich an, als würde ein Teil in mir sterben und zerfallen. Gleichzeitig entwickelte sich eine tiefe Erleichterung und ein Frieden in mir. Endlich gab es keine Gewissensbisse mehr, die mir täglich zusetzten. Außerdem wurde mir mehr und mehr bewusst, was passieren hätte können, wenn wir über das Schreiben hinaus weitere Schritte gegangen wären …

Und heute?

Es hat gedauert, bis ich wieder im Ehealltag ankam. In den Jahren davor waren David und ich mit unseren zwei Kindern vor allem als Team, als WG, als Mini-Management-Group unterwegs. In der Krise haben wir uns als zwei individuelle Persönlichkeiten neu entdeckt. Es war gut, sich selbst neu zu betrachten und zu fragen: Wo stehe ich? Was ist von mir als Persönlichkeit noch da und was ist zu einem großen Wir verschmolzen?

Mittlerweile sind die Gefühle für Tom tatsächlich abgeklungen. Zu Beginn war der Verzicht auf die Nachrichten von Tom wie eine Entwöhnung. Tatsächlich stellten sich mit der Entscheidung für David Vertrautheit, Gefühle und Frieden in unserer Ehe nach und nach wieder ein. Davids Vertrauen in mich und uns musste wieder aufgebaut werden. Es wurde stetig besser, brauchte aber sehr viel Zeit.

Ich bin keineswegs dankbar für diese Erfahrung – zu schmerzhaft und auslaugend war diese Zeit. Dennoch durften wir so viel lernen. Dafür bin ich absolut dankbar!

Unsere Autorin möchte anonym bleiben.

Was hat geholfen?

  • Viele, viele Gespräche zu zweit: Wir versuchten, erst über dieses Thema zu reden, wenn die Kinder schliefen, aber es nicht zu spät werden zu lassen, weil unser Austausch nach 23 Uhr oft aus dem Ruder lief.
  • Körperliche Nähe: Auch wenn dies vielleicht paradox klingt: In manchen Phasen konnten wir uns nur auf körperlicher Ebene nahe sein – das hat unsere Ehe mit gerettet.
  • Freunde und Familienangehörige, die sich trauten, nachzufragen: Dies war leider wirklich eine Seltenheit. Wir versuchten, unsere Ehekrise nicht zu verheimlichen. Die wenigsten trauten sich aber, konkret nachzufragen. Dabei hätte ich mir so sehr mutiges Interesse gewünscht! Seitdem frage ich viel konkreter in meinem Freundes- und Familienkreis nach, wie es in den Ehen geht. Einsamkeit in schweren Zeiten ist kein guter Begleiter.
  • Ehe-Beratung: Wir haben beide schnell gemerkt, dass wir alleine nicht weiterkommen. Die Unterstützung einer Beratungsstelle war für uns massiv hilfreich. Eine Aussage der Beraterin half mir besonders: „Gefühle für jemanden außerhalb der Ehe zu entwickeln, ist völlig normal. Die Frage ist nur: Wie fair und ehrlich gehe ich damit um? Was mache ich draus?“
  • Professionelle Einzelberatung: Jeder von uns nahm persönliche Beratung oder psychologischen Support für sich in Anspruch. Es war gut, einen Rahmen zu haben, um diese Erlebnisse allein und ganz frei mit professioneller Hilfe aufzuarbeiten.
  • Der Eheabend: Unsere Eheberatung empfahl uns, einen festen Abend pro Woche für uns beide zu reservieren, und das machen wir seitdem. An diesem Termin wurde selbst in den schlimmsten Zeiten nicht gerüttelt, selbst wenn es alles andere als romantisch war. Doch diese Abende wurden zu einem emotionalen Anker für uns beide.
  • Eine Freundin: Für ihre Hartnäckigkeit und Ehrlichkeit war ich sehr dankbar. Sie ermutigte mich, an unserer Ehe festzuhalten und daran zu arbeiten. Sie sagte mir sehr oft: „Jeder Mensch hat wundervolle, aber auch herausfordernde Seiten. Das wird auch mit einem anderen Partner so sein.“ Völlig logisch, aber eben nur, wenn man nicht gerade frisch verliebt ist.
https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/01/photocase_272280-by-willma-scaled.jpg 2250 3000 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-02-08 11:24:372022-01-19 16:04:03Schmetterlinge auf Irrwegen

Vor den Kindern zoffen?

„Mein Mann und ich streiten uns ab und zu, mal mehr, mal weniger. Neulich hat es am Familientisch so richtig zwischen uns gekracht, und ich frage mich: Ist es okay, wenn man sich vor den Kindern streitet, oder sollte man das besser tun, wenn die Kinder nicht mit dabei sind?“

Es ist ein guter Grundgedanke, nicht vor den Kindern zu streiten. Streit zwischen den Eltern kann bei Kindern zu Verunsicherung führen. Wenn ihre beiden wichtigsten Menschen sich vor ihnen in die Haare bekommen, kommen sie selbst oft in einen Loyalitätskonflikt. Sie haben beide Elternteile lieb und wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen, wenn diese gerade sauer aufeinander sind oder heftig diskutieren.

Dazu kommt, dass Elternstreit bei Kindern auch zu Ängsten führen kann. Gerade wenn diese schon alt genug sind und vielleicht schon einmal mitbekommen haben, dass Erwachsene sich getrennt haben, können sie fürchten, dass das ihren Eltern nun auch passiert. Es gibt also auf den ersten Blick gute Gründe, Streit vor den Kindern zu vermeiden.

WENN STREITEN, DANN „RICHTIG“

Tatsächlich gehen hier jedoch in den meisten Familien Wunsch und Realität weit auseinander. Und das ist auch gar nicht so schlimm, wenn man ein paar Regeln beachtet. Wichtig ist, eine Streitkultur zu pflegen, in der kein Elternteil das andere abwertet, wissentlich kränkt oder beleidigt. Wir Menschen sind unterschiedlich impulsiv und folglich streiten manche Paare lautstärker und gefühlsgeladener als andere.

Bis zu einem gewissen Maß darf das so sein, denn unsere Kinder dürfen auch unsere Temperamente kennenlernen. Doch gerade wenn man von sich weiß, dass man zu sehr starken Gefühlsausbrüchen neigt, ist es wichtig, im Beisein der Kinder rechtzeitig die Reißleine zu ziehen und beispielsweise zum Durchatmen den Raum zu verlassen. Wenn Fragen zu tief gehen, für Sie als Eltern zu emotional besetzt sind oder schwere Themen betreffen, sollte eine Diskussion tatsächlich vertagt werden und nicht vor den Kindern stattfinden.

Wenn wir so vor unseren Kindern streiten, können diese am Ende sogar etwas dabei lernen. Sie bekommen von Anfang an mit, dass Menschen verschiedener Meinung sein können, ja sogar einmal richtig in Konflikt miteinander geraten und sich trotzdem noch liebhaben. Sie können sehen, dass Meinungsverschiedenheiten keinen Beziehungsabbruch bedeuten müssen und nichts Bedrohliches sind. Sie können so selbst lernen, für sich einzustehen und keine Konflikte zu scheuen.

VERSÖHNUNG IST WICHTIG

Doch das Wichtigste, was sie von uns lernen können, ist, sich nach dem Streit wieder zu vertragen. Generell halte ich viel davon, sich Dinge nicht lange nachzutragen und sie schnellstmöglich zu klären. Wie wäre es mit einer für die Kinder sichtbaren Versöhnung, sobald der Essenstisch abgeräumt und das Streitthema geklärt ist? Falls es einmal nicht so schnell gehen kann, finde ich es wichtig, den Kindern hinterher zumindest zu erzählen, dass der Streit geklärt ist und man sich wieder vertragen hat.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern– und Familienberaterin (familienberatung-albert.de). Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel und bloggt unter www.eltern-familie.de. Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/01/vor_den_kindern_streiten.jpg 1368 2104 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2022-02-05 10:00:372022-01-19 16:16:51Vor den Kindern zoffen?

„Möglichst wenig Stress, viel gemeinsame Zeit“

Die Corona-Pandemie hinterlässt besonders bei Kindern und Jugendlichen Spuren. Wichtige Entwicklungen im kindlichen Gehirn fanden während der Lockdown-Phasen nur eingeschränkt statt. Die Neurobiologin Dr. Nicole Strüber erklärt in ihrem Buch „Coronakids“, wie Eltern ihren Kindern helfen können, die Pandemie gut zu verarbeiten.

Was braucht das kindliche Gehirn normalerweise für eine gesunde Entwicklung?
Das kindliche Gehirn braucht Erfahrungen. Es muss sich weiterentwickeln und sich mit all seinen Verschaltungen an seine jeweilige Umwelt anpassen – es muss lernen. Über den eigenen Körper, über die eigene emotionale Welt, über die Naturgesetze und – ganz wichtig – über die soziale Welt. Damit dies möglich ist, benötigt das Kind eine Umwelt, die ihm diese Erfahrungen bietet und die ihm ausreichend Sicherheit vermittelt. Also eine verlässliche Begleitung durch Menschen, mit denen es verbunden ist, und damit einhergehend Ruhe und Entspannung. Nur in diesem Zustand kann das kindliche Gehirn gut lernen.

Was hat den Gehirnen unserer Kinder in der Pandemie und speziell in den Lockdowns gefehlt?
Vor allem entspannte Eltern, denen es gelingt, sich in das Kind und seine Belange einzufühlen. Wir Eltern waren sehr gestresst in der Pandemie, zumindest viele von uns: existenzielle Sorgen, Angst vor einer Erkrankung, Home-Office mit quengelndem Kind auf dem Schoß, Homeschooling, kaum Möglichkeiten zum Stressabbau durch Sport oder Treffen mit Freunden. Ist das elterliche Gehirn im Stressmodus, dann ist es stumpf gegenüber den Bedürfnissen der Kinder. Den Eltern gelingt es nur schlecht, sich in das Kind einzufühlen, zu erkennen, was es gerade braucht, welche Bedürfnisse und Gefühle es daran hindern, ruhig und entspannt zu sein – und von der Umwelt zu lernen.

Masken für Kinder: „Als würde man einem Hund die Nase zuhalten“

Schadet es den Kindern, wenn sie eine Welt voller Masken sehen?
Schön findet das kindliche Gehirn diese Welt voller Masken bestimmt nicht. Es benötigt den Gesichtsausdruck anderer Menschen, um sich in der sozialen Welt zu orientieren. Versiegt diese Informationsquelle, ist das ungefähr so, als würde man einem Hund die Nase zuhalten. Dem kindlichen Gehirn dürfte es zwar nicht so wichtig sein, ob Menschen etwa in der U-Bahn oder im Supermarkt Masken tragen, immens wichtig ist aber die Mimik der Bezugspersonen des Kindes. Über deren Gesichtsausdruck lernt das Kind nämlich auch über seine eigenen Gefühle. Und auch das Erkennen der Mimik der Erziehenden und Lehrenden ist ungemein wichtig für die Orientierung in der sozialen Welt, aber auch für das Lernen.

Schadet es Kindern, dass sie so lange isoliert waren?
Mit zunehmendem Alter benötigen Kinder immer mehr das Miteinander mit anderen Kindern. Sie benötigen das Spiel mit anderen, das Rollenspiel, das gemeinsame Erproben der Welt. Sie üben dabei, eigene negative Gefühle in den Griff zu bekommen und die Perspektiven anderer zu verstehen und zu berücksichtigen. Und sie lernen auch, sogenannte Soft Skills zu entwickeln: Durchhaltevermögen, Konzentration, Kooperationsfähigkeit und weitere. Waren Kinder wirklich isoliert von anderen, dann dürften sie hier zunächst Defizite aufgebaut haben. Viele Kinder hatten aber ja auch ein paar wenige Gleichaltrige oder auch Geschwister, mit denen sie spielen konnten.

Nicht auf Bildung fokussieren

Schadet es ihnen auch, wenn sie die Angst und Not der Pandemie wahrnehmen?
Gerade für die kleineren Kinder sind die Gefahren der Pandemie ja noch sehr abstrakt, sie können die meisten der damit verbundenen Probleme gar nicht einordnen. Ihnen ist vor allem wichtig, dass ihre Bezugspersonen verlässlich bei ihnen bleiben. Ist das nicht sicher, bekommen auch sie Angst. Die elterliche Angst vor all den potenziellen Folgen der Pandemie nehmen sie aber durchaus wahr – und reagieren, vor allem dann, wenn sie selbst eine eher ängstliche Natur haben, ebenfalls mit Angst. Da ist es ganz wichtig, mit den Kindern zu reden, für sie da zu sein und ihnen zu zeigen, dass die Beziehung nicht gefährdet ist.

Was können wir Eltern tun, damit unsere Kinder aufholen, was sie verpasst haben?
Wichtig ist, dass wir uns nicht vor allem auf die Bildung fokussieren. Natürlich ist Bildung wichtig, überaus wichtig, gerade auch für Kinder aus benachteiligten Elternhäusern. Aber – und das ist ein Punkt, den wir nicht vergessen dürfen: Das Gehirn braucht einen Zustand der Ruhe, um nachhaltig lernen zu können. Das Kind muss einigermaßen entspannt sein, darf keine unerfüllten Grundbedürfnisse haben, und es muss gewisse Eigenschaften mitbringen, die ihm das Lernen überhaupt ermöglichen, die oben erwähnten Soft Skills. Füttern wir unsere Kinder nun ausschließlich mit Lerninhalten, ist das in etwa so, als würden wir Wasser in eine verrostete und löchrige Tonne schütten: Es würde versickern.

Wir brauchen Verständnis und Vertrauen

Was brauchen unsere Kinder jetzt am ehesten?
Kinder, Eltern, wir alle brauchen Verständnis füreinander und möglichst wenig Stress. Kinder brauchen Verständnis, wenn das mit dem effizienten Lernen nicht sofort hundertprozentig gelingt. Und auch Jugendliche brauchen Verständnis. Für sie war die Pandemie besonders problematisch, darauf bin ich in meinem Buch ausführlich eingegangen. Es hilft ihnen nicht, wenn sie jetzt hören: „Du hast doch nun schon eineinhalb Jahre eine ruhige Kugel geschoben, jetzt gib mal Gas!“ So funktioniert ihr Gehirn nicht. Und wir alle brauchen Vertrauen darin, dass die Kinder die für sie wichtigen Lerninhalte schon bekommen werden, Vertrauen in das Gehirn, zu dessen Eigenschaften es gehört, sich fehlende Puzzleteile im Weltverständnis selbst zu suchen, und Vertrauen in die Kompetenz der Lehrkräfte, die wichtigen, pandemiebedingt entstandenen Lücken in der Bildung der Kinder aufzuspüren.

Was müssen Familien in den kommenden Monaten beachten, damit sie sich von der Pandemie erholen?
Sie sollten sich auf das Wesentliche konzentrieren. Darauf, möglichst wenig Stress zu haben und viel Zeit gemeinsam zu verbringen. Dinge, die man verschieben kann, zu verschieben. Muss wirklich dieses Jahr renoviert werden? Der Kleiderschrank ausgemistet werden?

Kinder brauchen Aufmerksamkeit, damit der gesellschaftliche Graben sich nicht verschärft

Wie kann Familien geholfen werden, die durch die Pandemie vielen verschiedenen Stresskomponenten ausgeliefert sind oder waren?
Diese Familien brauchen Unterstützung. Sie müssen aufgefangen werden, brauchen Ansprechpartner, niedrigschwellige Hilfen im Stadtteil, um ihre Schwierigkeiten zu bewältigen. Die Eltern benötigen diese Unterstützung, aber auch die Kinder selbst. Gerade Kinder, deren Zuhause kein sicherer Hafen ist, brauchen Menschen außerhalb der Familie, mit denen sie reden können, Erziehende in der Kita, Lehrende in der Grundschule oder auch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in den verschiedenen Einrichtungen. Wollen wir verhindern, dass die soziale Schere sich noch weiter öffnet, muss hier personell drastisch aufgestockt werden. Gegenwärtig hat ja kaum jemand Zeit für die Kinder und ihre Probleme. Und Therapieplätze für diejenigen, deren Schwierigkeiten zu groß sind, gibt es auch nicht.

Man kann also knapp sagen: Familien, die viele Ressourcen haben, können sich wahrscheinlich – mit Verständnis und viel freier Zeit – von der Pandemie erholen. Die Kinder aus Familien, die über weniger Ressourcen verfügen, brauchen besonders viel Aufmerksamkeit von außen, damit der gesellschaftliche Graben sich nicht weiter verschärft.

Welche Ressourcen meinst du?
Es geht vor allem um die inneren Ressourcen. Um die Fähigkeit der Eltern, sich in die Kinder einzufühlen, ihre Gefühle zu erkennen und ihnen verlässlich Sicherheit zu vermitteln, sich selbst im Miteinander der Familie entspannen zu können, die Herausforderungen des Alltags anzugehen und auch bewältigen zu können – ohne dass es zu einer Implosion oder Explosion kommt. Aber auch äußere Bedingungen sind wichtig: Gibt es ausreichend Platz, damit sich alle auch mal aus dem Weg gehen können, damit die Kinder ihren Bewegungsdrang ausleben können, ohne allen gleich auf die Nerven zu gehen? Gibt es einen Garten? Gibt es soziale Unterstützung, Großeltern oder Nachbarn, die sich mit den Kindern beschäftigen können, wenn es den Eltern zu viel wird?

Kinder können die Pandemie psychisch unbeschadet überstehen

Wie können wir eine optimistische Einstellung erlangen hinsichtlich der Folgen der Pandemie?
Für uns als Gesellschaft bietet die Pandemie die Gelegenheit, strukturelle Probleme anzugehen, die schon seit Langem gegeben sind, deren Auswirkungen aber nun in Zeiten der Krise deutlich an die Oberfläche treten. Wir können da an die häufig entfremdete Art des Lernens in der Institution Schule oder auch an die Wartelisten im Bereich Psychotherapie denken. Und für die Kinder selbst gilt: Jede Krise, die bewältigt wird, macht stärker. Gelingt es uns, unsere Kinder so zu unterstützen, dass sie gegebenenfalls verpasste Erfahrungen nachholen können und nicht durch erhöhten Bildungsdruck noch mehr emotionale und soziale Erfahrungen verpassen, dann werden sie die Pandemie psychisch unbeschadet überstehen. Und dies mit dem Wissen, dass Krisen überwindbar sind. Dieses Gefühl wird sie auch dann begleiten, wenn sie später auf eigenen Füßen stehend Krisen überwinden müssen. Sie sind gerüstet für Herausforderungen, stark, resilient.

Das Interview führte Priska Lachmann, Autorin und Bloggerin aus Leipzig.

Buchtipps
Dr. Nicole Strüber: Coronakids. Was wir jetzt tun müssen, um unsere Kinder vor den seelischen Folgen der Pandemie zu schützen (Beltz)

Dr. Paul Plener/Dr. Silvia Jelincic: Sie brauchen uns jetzt. Was unsere Kinder psychisch belastet und wie wir sie schützen (edition a)

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/01/gradyreese_GettyImages-1008385648-scaled.jpg 1957 3000 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-02-02 11:00:022022-01-19 16:03:25„Möglichst wenig Stress, viel gemeinsame Zeit“

Mein Baby ist im Stillstreik!

„Mein Baby verweigert seit ein paar Tagen die Brust und lässt sich nur mit viel Aufwand und Ruhe (im Liegen, mit heruntergelassenen Rollos, niemals in Gesellschaft) stillen. Ist das normal? Ich habe auch Angst, dass es durch diesen ‚Stillstreik‘ zu wenig Milch bekommt und abnimmt.“

Ihr Baby hat bisher problemlos an der Brust getrunken. Jetzt hat sich sein Verhalten komplett verändert – es trinkt nur noch unter besonderen Bedingungen und auch das nicht entspannt. Ihre Angst, dass es dadurch auf Dauer nicht mehr genug Milch erhält, ist verständlich. Viele Mütter, deren Babys plötzlich die Brust verweigern, haben diese Sorge. Sie fühlen sich darüber hinaus häufig persönlich von ihren Babys abgelehnt. Falls dies bei Ihnen auch so ist, seien Sie versichert: Der Stillstreik ist nicht gegen Sie gerichtet!

Meist gibt es für einen Stillstreik einen Auslöser, der dazu führt, dass das Baby das Stillen vorübergehend mit etwas Negativem verknüpft. Und es verweigert auch dann noch die Brust, wenn das eigentliche Problem nicht mehr besteht. Ihr Baby könnte sich zum Beispiel während des Stillens erschreckt haben, es war (oder ist?) krank oder hatte Schmerzen (etwa an der Einstichstelle einer Impfung). Fällt Ihnen dazu etwas ein? Wenn die Ursache noch weiter besteht, wäre es gut, diese – wenn möglich – zu beheben.

DIE SITUATION ENTSPANNEN

Bei einem Stillstreik geht es zunächst darum, die Stillsituation wieder zu entspannen. Sie haben ja schon herausgefunden, welche Bedingungen es Ihrem Baby leichter machen, sich wieder auf das Stillen einzulassen. Behalten Sie das ruhig bei. Sie könnten noch ausprobieren, ob das Stillen besser klappt, wenn Ihr Baby noch im Halbschlaf ist. Dazu passen Sie den Zeitpunkt kurz vor dem Aufwachen ab und bieten direkt Ihre Brust an.

Da sich ein Baby während eines Stillstreiks oft schon beim Anlegen oder sogar auf dem Weg zum gewohnten Stillplatz aufregt und steif macht, kann eine andere Stillposition, ein anderer Ort oder das Stillen beim Herumgehen oder auf einem Gymnastikball helfen. Mit vier Monaten durchschaut Ihr Baby schon viele gewohnte Abläufe. Wenn Sie diese unvorhersehbar machen, können Sie es vielleicht überraschen.

DAS NEIN VERSTEHEN

Und bitte, versuchen Sie, sich keinen Druck zu machen. Auch, wenn das leichter gesagt als getan ist – erinnern Sie sich daran, dass Ihr Baby nicht Sie als Mutter ablehnt, sondern nur vorübergehend die Stillsituation. Wenn Sie es schaffen, das Nein Ihres Babys zu verstehen und zu respektieren, hilft das dabei, schlechte Erlebnisse an der Brust zu vermeiden. Dann wird das Stillen für Sie beide wieder entspannt. Wenn sich Ihr Baby also gegen das Stillen wehrt, machen Sie eine Pause, beruhigen Sie sich beide und versuchen Sie es erneut.

Wenn Sie möglichst viele Situationen ausnutzen, in denen Ihr Baby sich einigermaßen entspannt stillen lässt, wird es wahrscheinlich genug Milch erhalten, bis der Streik wieder abklingt. Behalten Sie bitte trotzdem die Urinmenge und den Allgemeinzustand Ihres Babys im Auge und wenden Sie sich gegebenenfalls an Ihren Kinderarzt. Eine Stillberaterin wird Sie bei Bedarf gern durch den gesamten Streik begleiten und gemeinsam mit Ihnen den für Sie und Ihr Baby passenden Weg finden.

Christiane Stange ist Stillberaterin des La Leche Liga Deutschland e.V.. Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/01/stillstreik.jpg 1584 1976 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2022-01-29 10:00:282022-01-19 16:11:23Mein Baby ist im Stillstreik!

Stolperfalle Harmonie

Harmonie ist grundsätzlich etwas Gutes. Wenn Konflikte aber unter den Teppich gekehrt werden, kommen Menschen ins Stolpern. Von Sandra Geissler

Vor einiger Zeit telefonierte ich mit einer Mutter aus der Schule, um eine Verabredung abzusprechen. Zum Abschied rief sie fröhlich ins Telefon: „Aber immer doch, wir sehen diesen Schatz so gern bei uns! Das ist das einzige Kind, mit dem es wirklich nie Streit gibt. Man merkt gar nicht, dass Besuch da ist!“

Ich legte auf mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Unbehagen. Eigentlich ist so ein pflegeleichtes Kind ja wunderbar. Ein Kind, dass sich überall so problemlos einfügt, dass man es gern zu Gast hat. Andererseits wurde mir schlagartig mulmig im Bauch. Ich kenne mein Kind und weiß, dass es sehr wohl potenzielle Konflikt- und Streitsituationen an solchen Spielnachmittagen gibt. Sie fallen nur nicht weiter auf, denn das Kind gibt stets nach und scheut den Konflikt. Sein Bedürfnis nach Harmonie wiegt nahezu immer stärker als der Anlass eines Streites. Mir ist dieses Verhalten wohlvertraut, denn ich bin selbst ein äußerst harmoniebedürftiger Mensch und lasse kaum eine Gelegenheit aus, einen ordentlichen Streit zu vermeiden. Ich freue mich nur sehr bedingt, dass ich diese Eigenschaft offensichtlich mit meinem Kind teile.

EINE EINZIGE STOLPERFALLE

Das Bedürfnis nach Harmonie ist erst mal nur das Bedürfnis nach Einklang, Einvernehmen, nach Eintracht und friedlichem Miteinander. Genau das sind die Bedeutungen des griechischen Wortes „harmonia“. Warum also jubelt mein Mutterherz nicht umgehend, wenn das eigene Kind dieses Bedürfnis in ausgeprägtem Maße hat? Hauptsächlich liegt es wohl daran, dass das Harmoniebedürfnis dazu neigt, sich schlechten Umgang zu suchen. Dann spaziert es mit seinen Freunden Konfliktscheu, Drückeberger und Selbstverleugnung durch die Lande, und gemeinsam kehren sie emsig alles unter die Teppiche des Lebens, was ihnen an Auseinandersetzungen und Ärgernissen begegnet. Das kann lange gutgehen, und das Leben wirkt hübsch aufgeräumt.

Doch zum einen sind all die Ärgernisse und Auseinandersetzungen nicht einfach verschwunden. Sie schwären leise vor sich hin, nur eben unter dem Teppich. Zum anderen werden die Falten der Teppiche immer höher und steiler von all dem Kehricht, der darunter versteckt wurde. Dann ist das Leben irgendwann eine einzige Stolperfalle. Es sind diese Stolperfallen, die Beziehungen aller Art in ernsthafte Schwierigkeiten und im schlimmsten Fall tatsächlich zu Fall bringen können.

ZUM KLINGEN KOMMEN

Sollte man sich und allen anderen das Bedürfnis nach Harmonie also schnellstmöglich abgewöhnen? Die Bibel gibt mir in solchen Lebensfragen hilfreiche Orientierung. Sie ruft immer wieder zu Eintracht, Vergebung und Sanftmut auf – das finde ich in den Psalmen von David und in den Gleichnissen von Jesus. Auch Paulus schrieb sich in seinen Briefen die Finger wund, um die frühen Gemeinden zu einem harmonischen Zusammenleben zu ermutigen. Die wörtliche Übersetzung von „harmonia“ aus dem Altgriechischen bezeichnet die Vereinigung von Entgegengesetztem zu einem Ganzen. Der Zusammenklang der Verschiedenheiten ergibt im günstigen Fall ein harmonisches Ganzes, bei dem sich alle Beteiligten ernst genommen und wohl fühlen. In diesem Sinn bedeutet Harmonie gerade nicht, dass sich einer oder mehrere ganz zurücknehmen, ihre Bedürfnisse hintanstellen und Streit und Konfliktthemen ausgeblendet werden. Vielmehr geht es darum, einen guten gemeinsamen Weg zu finden, bei dem alle zum Klingen kommen dürfen. Das wäre ein echtes harmonisches Zusammenleben, und danach will ich mich gern sehnen. Diese Sehnsucht macht das gemeinsame Auseinandersetzen mit allen Verschiedenheiten sogar notwendig, damit dem Ganzen am Ende nicht ein wichtiges Teil fehlt. Wenn uns die Bibel zu einem harmonischen Umgang miteinander aufruft, dann macht sie das in dem Wissen, das aus all ihren Teilen spricht: das Wissen um menschliche Begrenztheit und Eitelkeiten, um Schwächen und Eigenheiten. Auf dem Weg zur Einheit muss man sich nicht an die Gurgel gehen, den rechten Glauben absprechen oder gleich die ganz harten Geschütze auffahren. Oder wie meine Mutter meinte, die immer gern den alten Goethe zitierte: „Kinder, liebet einander. Und wenn das nicht geht, dann lasset wenigstens einander gelten.“

DAS RECHTE GLEICHGEWICHT

Auseinandersetzung auf dem Weg zur Einheit braucht Respekt, Barmherzigkeit und jede Menge Gnade. Sie erkennt an, dass das Gegenüber anders denkt, anders tickt, anders fühlt. Es ist kein Kampf um Sieg oder Niederlage, sondern ein wechselseitiges Entgegenkommen, ein Abwägen und gemeinsames Suchen um das rechte Gleichgewicht. Das ein oder andere Mal kann ich nachgeben, weil es mir nicht wirklich viel bedeutet, bei anderen Fragen will ich gehört werden.

Die harmoniebedürftige Mutter eines harmoniebedürftigen Kindes braucht kein mulmiges Gefühl zu haben. Harmonie ist etwas Großartiges, sie gibt der Verschiedenheit Raum und sucht Wege, wie wir alle gut zusammenklingen können. Darum werde ich nicht müde, mein Kind und mich selbst immer wieder zu ermutigen, zu den eigenen Bedürfnissen und Herzensanliegen zu stehen und für sie einzutreten. Das Erlernen von Streitkultur ist nicht nur eine Aufgabe für die konfliktbereiten Krakeeler, sondern gerade auch für die harmoniebedürftigen Stillen. Weil das aber viel Überwindung kostet, üben wir in kleinen Schritten. Weiß ich von einem Konfliktthema oder andauernden Ärgernis, überlegen wir zusammen, wie das Anliegen in gute Worte gefasst und zu Gehör gebracht werden kann. Wir wachsen an kleinen Erfolgen, denn überraschenderweise ziehen sich die wenigsten Menschen beleidigt zurück oder kündigen gar die Freundschaft, bloß weil das Gegenüber eine eigene Meinung vertritt. Nur vom schlechten Umgang müssen wir uns immer wieder bewusst verabschieden. Die Kumpels Konfliktscheu, Drückeberger und Selbstverleugner sind keine Freunde echter Harmonie, denn sie kehren mit den Konflikten auch die Gegensätze unter den Teppich. Und die braucht es doch für das gemeinsame Ganze.

Sandra Geissler ist katholische Diplom-Theologin und zurzeit Familienfrau. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern in Nierstein am Rhein und bloggt unter 7geisslein.com.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/01/GettyImages-499805723.jpg 483 724 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2022-01-26 10:00:032022-01-19 16:02:33Stolperfalle Harmonie

Zusammen in einem Zimmer?

„Meine Tochter (4) wünscht sich, dass ihr kleiner Bruder (11 Monate) mit ihr im Zimmer schläft. Halten sich die beiden aber nicht gegenseitig vom Schlafen ab? Was müsste man bei der Zusammenlegung beachten?“

Das Wichtigste, was Kinder zum guten Leben brauchen, ist das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, Wärme, Nähe und Vertrauen. Dieses urmenschliche Grundbedürfnis endet gerade nicht mit dem Sonnenuntergang und auch nicht mit der Stillzeit. Wenn es Abend wird und die Nacht heranbricht, dann meldet es sich in besonderer Weise. Denn seit Anbeginn der Zeit suchen wir Schutz vor der Dunkelheit.

Gemeinsam Schlafen bringt nur Vorteile

Auch wenn dieses Bedürfnis in erster Linie von den Eltern gestillt wird, so spielen doch auch Geschwister eine ganz maßgebliche Rolle. Das gemeinsame Schlafen kann dabei ein wichtiger Baustein sein, der meiner Erfahrung nach für alle nur Vorteile mit sich bringt! Die Nächte werden ruhiger. Die Gegenwart des anderen, sein Atmen und das Rascheln der Bettdecke teilen mit, was ein kleiner Mensch besonders nachts dringend wissen muss: Ich bin nicht allein, ich bin Teil dieser Herde. Ich rieche den Duft, der mir vertraut ist, das Dunkle kann mir nichts anhaben, und ich kann getrost schlafen. Selbst im Krankheitsfall hat dieses Zusammenspiel eine außerordentlich beruhigende und entlastende Wirkung.

Natürlich wird am Abend noch ein wenig geflüstert, werden kleine Geheimnisse geteilt, Geschichten erzählt und Ängste besprochen, von denen Eltern gar nichts wissen müssen. Kaum etwas stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl mehr. Kaum etwas lässt Geschwister einander näherkommen. Schlafrhythmen passen sich einander an, und recht schnell gehen Zusammenschläfer gemeinsam zu Bett und stehen auch gemeinsam wieder auf. Die Chancen für Eltern, am Wochenende ein Stündchen länger unbehelligt zu bleiben, steigen sprunghaft an. Denn man kann sich durchaus ein Weilchen miteinander beschäftigen, ein Hörspiel hören und etwas spielen.

Regeln helfen im gemeinsamen Zimmer

Davon abgesehen sehen auch Vierjährige schon ein, warum es nicht klug wäre, das schlafende Geschwisterkind zu wecken. Gemeinsam kann man Vereinbarungen treffen, was in solchen Fällen zu tun ist, zum Beispiel ruhig den Raum verlassen und anderweitig auf Suche nach Unterhaltung gehen. Umgekehrt haben Kinder, wenn sie denn einmal eingeschlafen sind, einen bemerkenswert tiefen Schlaf. Ein weinendes Baby oder Kleinkind kann aus dem Bettchen genommen werden, ohne dass das Geschwisterkind davon gestört würde.

So viele Vorteile das Zusammenschlafen von Geschwistern auch bietet, so wichtig sind klare Regeln für das gemeinsame Leben. Bei uns haben sich zum Beispiel Schatzkisten bewährt, in denen persönlichste Besitztümer aufgehoben werden und an die Mitbewohner keinesfalls drangehen dürfen. Es braucht Rückzugsmöglichkeiten und Räume des Privaten. Das Bedürfnis nach Privatsphäre und einem eigenen Raum wächst mit den Jahren und steigenden Alltagsherausforderungen. Mit Eintritt in die weiterführende Schule und dem Anklopfen der Pubertät braucht es nach Möglichkeit ein eigenes Zimmer, sei es noch so klein, und eine Tür, die man fest hinter sich zumachen kann.

Sandra Geissler lebt mit ihrer Familie in Nierstein und bloggt unter 7geisslein.wordpress.com. 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/01/zusammen_schlafen.jpg 1352 2040 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-01-23 09:29:332022-01-19 16:02:54Zusammen in einem Zimmer?

Wochenbettengel

Nach der Geburt ist vor dem Alltag. Denn im Wochenbett steht die Zeit still und wird am besten mit allem, was guttut, gefüllt. Damit das entspannt gelingt, dürfen Eltern und Baby Hilfe annehmen. Von Teresa A. K. Kaya

In einem Forum las ich vor einiger Zeit die Frage einer Userin, was sie ihrer Schwester zur Geburt schenken könnte. Sie schrieb explizit davon, dass sie nach Inspiration für ein Geschenk für ihre Schwester und nicht für das Baby suchte. Die Resonanz war überwältigend. Die Antworten reichten von witzig über rührend bis hin zu herzig, fürsorglich und originell. Sie haben mich richtiggehend dankbar gemacht. Dankbar für die Hilfsbereitschaft der Frauen untereinander und das Verständnis füreinander. Denn auch wenn sich nicht alle mit denselben Geschenkideen anfreunden konnten, gab es vor allem eins: Wohlwollen. Alle waren sich einig: Das eine beste Geschenk zur Geburt gibt es nicht. Denn es ist individuell sehr unterschiedlich, wem was gefällt und guttut.

Meine Quintessenz aus der Beschäftigung mit dem Thema: Redet miteinander! Denn es ist wunderbar, wenn man nicht nur vermutet und erwartet, sondern weiß und wünscht. So lassen sich Missverständnisse und Enttäuschungen vermeiden und die Hilfe kann für beide Seiten ein positives Erlebnis sein.

Zehn Minuten am Tag reichen

Bleibt die Frage: Was tut Wöchnerinnen gut? Während eine Mama alles dafür geben würde, in Ruhe duschen zu können oder allein einen Spaziergang zu unternehmen, wünscht sich eine andere ruhige Kuschelzeit mit ihrem Baby und ihrem Partner in entspannter Gewissheit, dass die Wäsche sich nicht weiter auftürmt, weil dafür jemand sorgt. Die Bezeichnung „Wochenbettengel“ gefällt mir gut. Ein Wochenbettengel ist jemand, der oder die sich in den Wochen nach der Geburt tatkräftig dafür einsetzt, dass es den Eltern mit dem Baby und eventuell weiteren Geschwistern gut geht. Ein Wochenbettengel kann ein Familienmitglied sein oder ein Freund oder eine Freundin, die sich in dieser besonderen Phase Zeit nimmt. Manchmal reichen schon zehn Minuten am Tag, um einen Einkauf vorbeizubringen oder etwas von der Apotheke abzuholen.

Haushalt bleibt während des Wochenbetts liegen

Ich habe einige Anregungen gesammelt, was ein Wochenbettengel anbieten könnte. Die Ideen sind als Gesprächsstoff zu verstehen, frei nach dem Motto: „Erst reden, dann machen. Dann wieder reden und wieder machen.“ Denn auch das ist nicht selten der Fall: Während man an einem Tag nichts sehnlicher wünscht als eine heiße Suppe, die jemand vorbeibringt, tut einem am nächsten Tag gut, selbst eine Packung Spaghetti in den Topf zu werfen.

Im Haushalt helfen: Das steht für viele ganz oben auf der Liste. Aufgaben für Wochenbettengel könnten sein: fegen, Staub saugen, wischen, Wäsche waschen, putzen, Spülmaschine befüllen, Post wegbringen, Betten beziehen etc.

Das Baby umsorgen: Manche Babys lassen sich seelenruhig „ablegen“, andere beginnen schon zu weinen, wenn man sich nur einen Schritt von ihnen wegbewegt. Daher ist es für manche Eltern ein brennender Wunsch, einmal in Ruhe ins Bad zu verschwinden oder mal ein Nickerchen zu halten. Für die Wochenbettengel kann das bedeuten, dass sie starke Nerven brauchen.

Pflichten abnehmen: Das Auto zur Werkstatt bringen, Schnee schippen, ein Geschenk besorgen, den Fototermin organisieren – es gibt viele Möglichkeiten, junge Eltern zu entlasten.

Kochen steht oben auf der Agenda

Für das leibliche Wohl sorgen: Für junge Eltern ist es wichtig, sich gesund und regelmäßig zu ernähren. Da sich der Kühlschrank aber nicht von allein füllt und die Tiefkühlkost schnell aufgebraucht ist, freuen sich viele Familien über frisch gekochtes Essen oder einen Einkauf. Stillkugeln sind bei stillenden Mamas sehr beliebt und eine immer aufgefüllte Trinkflasche – oder besser gleich mehrere an verschiedenen Orten.

Massieren: Wenn Sie talentiert sind und Ihre Beziehung zueinander es zulässt, kann eine Massage Wunder wirken. Und wenn Sie es sich nicht selbst zutrauen, warum nicht jemanden beauftragen und währenddessen das Baby hüten?

Fotos machen: Der Schlafmangel und die Hormone führen häufig dazu, dass junge Eltern wie in Watte leben. Plötzlich ist das Baby schon vier Wochen alt, und man weiß gar nicht mehr so recht, wie das Leben in den ersten Tagen nach der Geburt war. Das könnte ein Wochenbettengel verhindern, indem er oder sie Fotos aus dem Alltag macht – natürlich auch das nur nach genauer Absprache, welche Situationen lieber ungestört bleiben dürfen.

Begleitung bei Amtsgängen

Begleiten: Auch wenn sich viele die Wochenbett-Zeit sehr ruhig und kuschelig vorstellen – die Realität sieht häufig anders aus. Es stehen vielfältige Termine an: Arztbesuche, Amtsgänge, Rückbildung … Nicht alle erleben diese Zeit als Elternpaar. Da kann es schön sein, wenn man von einem Wochenbettengel begleitet wird.

Kleidung schenken: Ich gebe zu, der Bereich ist ein bisschen tricky. Aber wenn ihr den Punkt Kommunikation beachtet, kann auch hier nichts schiefgehen. Viele Frauen freuen sich über ein paar kuschelige Socken, die auch gern selbst gestrickt sein dürfen. Und wenn Sie eine besonders enge Beziehung haben, kann auch gern mal eine neue, große Jogginghose her oder ein Bauchband, das den sich rückbildenden Bauch stützt. Auch ein Tragetuch kommt häufig gut an.

Bodyguard spielen: Die Verwandtschaft, Freunde, Nachbarn, Bekannte – alle wollen das neue Baby sehen. Das kann schnell mal zu viel werden und zu Streit führen. Und das ist Gift für die frischgebackene Familie. Aber wenn ein Wochenbettengel ruhig darauf hinweist, dass nun ein bisschen Ruhe nötig ist, kann das Wunder wirken.

Teresa A. K. Kaya begleitet als Trainerin für Biografiearbeit schwerpunktmäßig Familien. Sie ist dreifache Mama und lebt mit ihrer Familie in Heidelberg. takkaya.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/01/LSOphoto_GettyImages-1069734662-scaled.jpg 2000 3000 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-01-20 10:18:492022-01-17 15:39:57Wochenbettengel

Streit muss sein

Wenn Kinder miteinander streiten, belastet das nicht nur die Nerven der Eltern, sondern oft auch ihre Vorstellung von Familie. Wie mit Streit umgehen? Anregungen von Judith Oesterle

In der Werbung sitzen Familien oft glücklich gemeinsam am Esstisch. Sie unterhalten sich fröhlich und strahlen Harmonie aus. Mit der Sehnsucht nach diesem Idealbild bin ich Mutter geworden. Es war mir nicht wirklich bewusst. Aber es war da. Ich sehnte mich nach einer glücklichen Familie. Nach Harmonie am Esstisch. Nach fröhlichen Gesprächen. Nach Kindern, die gern miteinander spielen. Und in meinem Kopf setzte sich unbewusst der Gedanke fest, dass sich daran zeigt, ob ich eine gute Mutter bin.

Dann wurde ich Mutter. Ich bekam wundervolle Kinder mit viel Energie, großen Gefühlen und einem starken Willen. Meine Kinder waren nicht immer glücklich. Bei uns war es oft alles andere als harmonisch. Die Kinder weinten und schrien und stritten. Und ich wachte aus meinem Traum auf und fühlte mich als Versagerin.

Wenn Kinder rebellieren, sind sie gekränkt oder überfordert

Heute weiß ich, dass ich einem falschen Ideal gefolgt bin. Die Idee, dass ich nur dann eine gute Mutter bin, wenn immer Harmonie herrscht, darf ich zur Seite legen. Und mir anschauen, wie Familie auch ist. Für mich war es wichtig zu lernen, dass Kinder Teamplayer sind. Sie wollen mit uns kooperieren. Und sie wollen untereinander kooperieren. Wenn sie das nicht tun, hat das in der Regel zwei Gründe: Sie fühlen sich gekränkt. Oder sie sind überfordert.

Diese Überforderung kann aus der Situation heraus entstehen. Weil das Geschwisterkind etwas weggenommen hat, was man selbst möchte. Weil das Geschwisterkind etwas gesagt hat, was man nicht versteht. Diese Überforderung kann aber auch ohne Zusammenhang mit der Situation sein. Weil das Kind einen anstrengenden Schul- oder Kindergartenvormittag hatte. Weil es müde ist. Weil es Hunger oder Durst hat. Weil es zur Toilette muss.

„Bevor du einen Streit beginnst, überlege dir, ob du müde bist, Hunger oder Durst hast oder zur Toilette musst.“ In diesem Satz liegt so viel Wahrheit. Wenn diese körperlichen Bedürfnisse gestillt sind, können wir besser mit herausfordernden Situationen umgehen. Das gilt sowohl für uns als auch für unsere Kinder.

Drei Wahrheiten über Geschwisterstreit

1. Es ist normal, dass Geschwister streiten.
Forscher haben herausgefunden, dass es unter Geschwistern bis zu sechs Auseinandersetzungen in der Stunde gibt. Klingt nach viel. Ist aber normal. Wenn deine Kinder so häufig streiten, sagt das also nichts darüber aus, ob Sie eine gute Mutter oder ein guter Vater sind.

2. Es ist wichtig, dass Geschwister streiten.
Geschwisterstreit ist Training fürs Leben. Beim Streiten lernen die Kinder, wie man sich auf Regeln einigt, wie man verschiedene Interessen unter einen Hut bringt, wie man Kompromisse eingeht, wie man Verhandlungen führt und wie man in schwierigen Situationen gute Lösungen findet. Streit ist ein wichtiger Teil der Moralentwicklung, da es beim Streit oft um Fairness, Teilen und Gerechtigkeit geht. Häufig streiten Kinder um eine Sache: Wer darf mit dem einen bestimmten Playmobil-Männchen spielen? Wer bekommt den letzten Keks? Wer darf auf den Eckplatz beim Sofa? Egal, worum es geht: Wenn wir den Streit gut begleiten, bietet er eine enorme Chance!

3. Ein Streit muss nicht schnellstmöglich beendet werden.
Unsere Aufgabe als Eltern ist es nicht, den Streit so schnell wie möglich zu beenden, sondern ihn zu begleiten und die Kinder in ihrem Lernprozess zu unterstützen. Wie machen wir das am besten?

Sechs Tipps: So können Eltern mit Streit umgehen

  • Ruhig bleiben und die Kinder beruhigen: Einen Streit kann ich nur dann gut begleiten, wenn ich selbst ruhig bin. Deshalb mein Überlebenstipp: Bevor Sie zu Ihren streitenden Kindern gehen, atmen Sie tief durch, sammeln Sie sich und sagen Sie sich: „Alles ist gut. Es ist normal und wichtig, dass Kinder streiten.“ Dann gehen Sie hin und beruhigen Sie Ihre Kinder. Nehmen Sie sie in den Arm. Trocknen Sie die Tränen.
  • Allen Parteien zuhören: Hören Sie Ihren Kindern zu. Und das möglichst wertfrei. Es passiert uns so leicht, dass wir eine Situation vorschnell bewerten und die Kinder in Täter und Opfer einteilen, bevor wir überhaupt wissen, was passiert ist. Deshalb: Hören Sie zu! Fragen Sie, was passiert ist! Nehmen Sie sich Zeit!
  • Beschreiben, was passiert ist: Nach dem Zuhören hilft es, wenn wir in Worte fassen, was passiert ist: „Ach so. Du wolltest einen Polizeieinsatz spielen und brauchst dafür ganz viele Männchen. Und du wolltest, dass die Männchen einen Ausflug zum Zoo machen. Stimmt das?“ Wenn unsere Beschreibung richtig ist, kommt oft ein erleichtertes „Ja!“. Wenn sie falsch ist, melden uns das unsere Kinder sofort zurück. Und wir dürfen noch einmal eine Runde zuhören.
  • Regeln und Werte ansprechen: Wenn sie sich gehört fühlen, sind die Kinder oft bereit, zu hören, welche Regeln uns wichtig sind. Zum Beispiel, dass wir nicht möchten, dass ein Kind dem anderen wehtut.

Lösungen erarbeiten

  • Lösungen erarbeiten: Fühlen sich die Kinder gesehen und gehört, kommen sie oft auf wunderbare Lösungen. Wenn sie es allein nicht schaffen, können wir ihnen mit Fragen helfen: „Wie könntet ihr das denn am besten machen, dass beim Polizeieinsatz genügend Männchen dabei sind und der Zoo trotzdem viele Besucher hat?“ Vielleicht fällt den Kindern ein, dass in einer Kiste noch mehr Männchen sind. Vielleicht können sie einen Kompromiss eingehen und jeder bekommt nur ein paar Männchen. Oder vielleicht tun sie sich zusammen und spielen zuerst gemeinsam den Polizeieinsatz und danach den Zoobesuch. Das Wunderbare ist: Fühlen sich Kinder in ihrer Not gesehen, sind sie wieder in der Lage, miteinander zu kooperieren.
  • Lösungen umsetzen: In der Regel können wir uns an diesem Punkt zurückziehen. Und die Kinder können ihre Lösung selbst umsetzen.

Ist es jetzt also absolut falsch, wenn ich mich nach der Familie aus der Werbung sehne? Nein. Dieses Ideal darf sein. Und wir dürfen solche Harmonie-Momente genießen. Wir dürfen aber genauso wissen, dass es in jeder Familie auch diese anderen Situationen gibt. Und das ist gut so.

Judith Oesterle lebt mit ihrer Familie in Baden-Württemberg. Sie ist Sonderschul-Lehrerin, Coach für Mütter und bloggt unter judithoesterle.de und auf Facebook: JudithOesterle.inVerbindung

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/12/family_streit.jpg 1414 2121 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-01-17 15:45:012022-01-17 15:42:48Streit muss sein
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