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Archiv für die Kategorie: CCN-FEED

Die richtige Krippe finden – Darauf sollten Sie achten

Krippenplätze sind heiß begehrt. Doch worauf kommt es an bei der Krippenwahl? Wie erkenne ich, ob die Krippe zu uns passt?

Wenn Sie Ihr Kind in einer Krippe betreuen lassen möchten, gibt es ein paar Punkte, die Sie im Vorfeld beachten können, damit der Start in die Fremdbetreuung gelingt. In den meisten Einrichtungen hat sich das Berliner Modell der sanften Eingewöhnung durchgesetzt, da es dem kindlichen Bedürfnis nach Bindung und Sicherheit am meisten entspricht. Über einen Zeitraum von zwei bis sechs Wochen, je nach Kind, wird das neue kleine Gruppenmitglied im Idealfall von einer festen Bezugserzieherin schrittweise in die Gruppe eingewöhnt. Die Eltern erhalten in dieser Phase viele Rückmeldungen und Informationen und arbeiten mit den Erzieherinnen zusammen. Wenn Sie also über einen Wiedereinstieg in den Beruf nachdenken, sollten Sie sich mindestens zwei Monate vor Arbeitsbeginn um den Start in die Krippe bemühen. Ein zeitgleicher Arbeits- und Krippenstart ist nicht möglich.

Spezielle Angebote

Nach der Eingewöhnung ist ein strukturierter Tagesablauf mit anregenden Angeboten für das Kind förderlich. Fragen Sie im Erstgespräch nach wiederkehrenden Abläufen, aber auch nach speziellen Angeboten wie Musik oder Kreativem, und ob die Gruppe regelmäßig nach draußen geht, zum Beispiel auf das Außengelände oder auf Ausflüge in die nähere Umgebung. Überlegen Sie sich, was Ihnen für Ihr Kind besonders wichtig erscheint: bilinguales Konzept, offene Gruppen, eine naturnahe Lage der Einrichtung …

Manchmal helfen auch Berichte von anderen Krippeneltern, um ein realistisches Bild einer Einrichtung zu bekommen. Trauen Sie sich ruhig, jemanden anzusprechen, den Sie kennen, und lassen Sie sich von den Erfahrungen berichten.

Da die Kinder meist bis zu drei Mahlzeiten täglich in der Krippe einnehmen, ist es sinnvoll, sich über das Verpflegungskonzept des Trägers zu informieren. Ein abwechslungsreicher, gesunder Speiseplan mit Mahlzeiten aus frischen Lebensmitteln sollte selbstverständlich sein.

Gutes Bauchgefühl

Bevor Sie Ihr Kind in Ihre favorisierte Einrichtung geben, prüfen Sie, ob der tägliche Anfahrtsweg (Zuhause – Krippe – Arbeit) auf Dauer zeitlich realistisch und finanziell machbar ist. Wer nicht in Krippennähe arbeitet oder wohnt, muss viel Wegezeit einrechnen, was die möglichen Arbeitsstunden deutlich reduziert. Auch ist der Anfahrtsweg wichtig, falls das Kind einmal außerplanmäßig früher abgeholt werden muss, zum Beispiel bei akuter Krankheit.

Selbst wenn Ihnen das schriftliche Konzept einer Einrichtung auf Anhieb gefällt, ist es das Beste, sich ein persönliches Bild zu machen. Was sich wie ein schwammiges Kriterium anhört, ist ein wichtiger Anhaltspunkt: das Bauchgefühl. Schnuppern Sie in der Gruppe, nehmen Sie die Atmosphäre wahr und die Art und Weise, wie Erzieherinnen und Kinder miteinander interagieren. Warmherzigkeit, Freundlichkeit und Zugewandtheit machen viel mehr aus als der beste bilinguale Förderkurs. Es braucht Vertrauen, sein Liebstes in fremde Hände zu geben, und ich bin mir sicher, dass Sie als Mutter das beste Gespür dafür haben, was für Ihr Kind das Richtige ist.

Friederike Schwencke ist Diplom-Sozialpädagogin bei den „Flotten Bienchen“ im CJD Wolfsburg.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/05/Krippenbeteruung_Getty-Images_wundervisuals_E-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-05-02 12:00:332023-05-02 12:00:33Die richtige Krippe finden – Darauf sollten Sie achten

Wenn Teens ohne Eltern verreisen wollen – das müssen Sie wissen!

In den Sommermonaten möchten viele Teens mit Freunden für ein Wochenende wegfahren – ohne Erwachsene. Wie sollten Eltern damit umgehen? Welche rechtlichen Vorgaben gibt es?

Der Wunsch der jungen Leute, allein mit Freunden ein Wochenende zu verbringen, ist absolut nachvollziehbar. Jugendliche wollen unabhängiger werden, Freiheit erleben und die Welt erkunden. Gleichzeitig lösen solche Wünsche bei Eltern aber auch ernstzunehmende Bedenken und Sorgen aus, weil diese Selbstständigkeit manche Gefahren mit sich bringen kann.

Der rechtliche Rahmen

Grundsätzlich können Jugendliche mit Bus, Bahn oder Flugzeug ohne eine erwachsene Begleitperson verreisen. Hierzu gibt es in Deutschland keine gesetzliche Altersvorgabe. Auch die Übernachtung in einer Jugendherberge oder einer Ferienwohnung ohne erwachsene Begleitung ist für Jugendliche ab dem 14. Lebensjahr möglich, wenn sie die Zustimmung der Eltern haben. Bis zum Alter von 18 Jahren liegt es also ausschließlich im Ermessen der Eltern, ob sie ihre Jugendlichen verreisen lassen oder nicht. Außerdem ist es gut, im Hinterkopf zu haben, dass Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren Kinos, Gaststätten und Discos allein nur bis 24 Uhr besuchen dürfen. Soweit der rechtliche Rahmen.

In der Schweiz sind die rechtlichen Vorgaben ähnlich, allerdings gibt es regional unterschiedliche Regelungen zur Ausgehzeit, sodass man sich hier individuell bei dem jeweiligen Kanton informieren sollte.

Der Trip will gut durchdacht sein

Bevor Sie Ihr Okay zu einem Wochenendtrip geben, ist es unbedingt sinnvoll, vorher abzutasten, welche Pläne mit diesem Wochenende verbunden sind. Wer genau fährt mit? Wo wollen die Jugendlichen das Wochenende verbringen? Ist die Finanzierung geklärt? Ist abgesichert, dass im Notfall Kontaktpersonen erreichbar sind? Schätzen Sie Ihr Kind und die Freunde so ein, dass sie nicht über die Stränge schlagen? Wie verantwortungsvoll gehen die jungen Leute mit Alkohol um? Wie handhaben Sie das Thema Ausgehzeiten grundsätzlich in Ihrem Alltag? Können Sie sich darauf verlassen, dass sich die Gruppe grundlegend an die Regeln des Jugendschutzgesetzes hält? Oder wäre zu befürchten, dass das Nachtleben einer Großstadt über die Maßen ausgekostet wird?

Grundlegend ist es sehr wichtig, dass Jugendliche immer mehr Freiräume bekommen. Je mehr Ihr Kind im Alltag zeigt, dass es verantwortungsvoll mit der Freiheit umgeht, umso größer kann der Rahmen sein, in dem essich bewegt. Wenn Sie bei all diesen Fragen keine großen Bedenken haben, schenken Sie Ihrem Kind und dessen Freundeskreis Ihr Vertrauen und lassen Sie es entspannt fahren. Ist das nicht der Fall, ist es angemessen, ein solches Wochenende nicht zu erlauben oder gemeinsam über eine Alternative nachzudenken. Dann ist es wichtig zu erklären, warum Sie so entschieden haben. Machen Sie an konkreten Beispielen deutlich, wo Ihnen das Verantwortungsbewusstsein fehlt und was Sie sich wünschen. Sicher wird die Enttäuschung erst mal groß sein, aber wenn Eltern gute Begründungen liefern und klar bleiben, respektieren Jugendliche solche Entscheidungen nach einer Weile. Wichtig ist, dass dieses Nein nicht in Stein gemeißelt ist, sondern die Möglichkeit beinhaltet, zu einem Ja zu werden, wenn die notwendige Reife vorhanden ist.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und leitet gemeinsam mit ihrem Mann die Team.F Regionalarbeit im Rheinland. sonja-brocksieper.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/04/Wochenendtrip_franckreporter_Getty-Images-E.jpg 1414 2119 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-04-26 15:07:042023-04-26 15:07:04Wenn Teens ohne Eltern verreisen wollen – das müssen Sie wissen!

Der Beziehungs-Booster: 12 Monate – 12 Challenges

Das Jahr läuft, die Neujahrsvorsätze sind längst vergessen. Ein guter Zeitpunkt, etwas für die Partnerschaft zu tun. Paartherapeutin Ira Schneider stellt eine 12-Monats-Challenge vor.

Der Frühling ist angebrochen. Meine Fantasie malt sich einen weiten Raum. Voller Hoffnung blicke ich in diesen neuen Horizont. Zugleich sehe ich ein unbeschriebenes Blatt. Was wird das weitere Jahr mit sich bringen? Werden sich Sorgen bestätigen? Oder freudige Erwartungen erfüllen? Vieles haben wir nicht selbst in der Hand. Doch manches können wir selbst gestalten.

Gemeinsam unterwegs

Zu wissen, dass mein engster Vertrauter, mein bester Freund und Lieblingsmensch an meiner Seite ist, beflügelt mich. Wir können gemeinsam losgehen. Staunen. Lernen. Loslassen. Annehmen. Uns Vortasten. Ausprobieren. Fallen. Aufstehen. Trösten. Das Leben leben. Mein Mann und ich lieben es, den Alltag zu feiern und uns kleine Challenges, sprich kleine Strategien zu überlegen, um dem anderen eine unerwartete Freude zu bereiten. Hier findet ihr eine Auswahl kleiner Portionen Extraliebe zum Ausprobieren.

Bevor ihr die 12 Challenges lest, empfehle ich, die Monate zu verteilen. Im besten Fall wechselt ihr euch ab. So hat jeder sechs Challenges. Oder machen beide alles? Auf geht’s in 12 Monate lieben und sich lieben lassen. Bist du dabei?

April

Es gibt Tage, da habe ich große Augenringe, zerzauste Haare und meine Haut fühlt sich trocken an. Ich stehe vor dem Spiegel und denke: „Alltag halt …“ Doch genau an solchen Tagen ein Kompliment zu erhalten, kann den Tag in ein anderes Licht rücken.

Sprich deinem Partner oder deiner Partnerin diesen Monat bewusste Komplimente zu. Wie wäre es mit mindestens einem besonderen Kompliment pro Woche?

Mai

Zu einer Beziehung gehört, Erinnerungen im Herzen zu bewahren. Sie sind wie Blumen entlang unseres Lebenspfades als Paar.

Kramt euer Fotoalbum raus und feiert eure gemeinsamen Erinnerungen.

Juni

Freunde von mir haben in Zeiten, in denen Zoom, WhatsApp oder E-Mails noch nicht üblich waren, eine Fernbeziehung zwischen Deutschland und Japan geführt. Sie haben sich in langen Briefen aus ihrem Alltag erzählt. Dann mussten sie warten, bis der Brief ankam und sie eine Antwort erhielten. Ein ganzes Jahr haben sie das geschafft. Wirklich beeindruckend!

Wie wäre es in diesem Monat mit einem Liebesbrief oder einem Brief, in dem du von dem erzählst, was dich bewegt, oder Fragen stellst, um herauszufinden, was dein Gegenüber bewegt?

Juli

Meine Liebessprache sind Geschenke. Wenn ein anderer Mensch an mich denkt und sich in meiner Abwesenheit etwas Liebevolles überlegt, ist das für mich wundervoll. Das Geschenk ist wie ein Stück Liebe, die greifbar wird. Was dann alles toppt, ist, wenn das Geschenk auch noch liebevoll verpackt ist.

Das ist doch mal eine Challenge: Ein unerwartetes und wundervoll verpacktes Geschenk. Es muss nicht teuer sein, aber eine kleine Freude soll es bereiten.

August

Zeitgeschenke sind immer besonders. Wenn ihr kleine Kinder habt, kann es ein kostbares Geschenk sein, dem anderen einen freien Tag zu ermöglichen. So kann der Partner oder die Partnerin einen Tag lang nach Lust und Laune tun, was ihm oder ihr beliebt. Wenn ihr keine (kleinen) Kinder habt, könnt ihr euch dennoch eine größere Aufgabe abnehmen, um einander Zeit für sich oder eigene Aktivitäten zu schenken.

Nimm deinem Schatz Aufgaben oder die Kinderbetreuung ab, damit er oder sie einen Tag für sich gestalten kann.

September

Ein Bereich, der Intimität als Paar schafft, ist der intellektuelle und kreative Austausch. Im Alltag prasseln – in Print oder digital – alle möglichen Informationen und Texte auf uns ein.

Was bewegt oder begeistert dich momentan? Lies deinem Lieblingsmenschen etwas Inspirierendes aus einem Buch, einem Artikel oder der Bibel vor.

Oktober

Jetzt wird es experimentell. Ich lade euch ein, zu verweilen und Stille miteinander auszuhalten und zu genießen.

Stellt euch einen Timer und schaut euch eine Minute lang in die Augen. Das ist alles. Welche Erfahrung macht ihr dabei?

November

Von einem Tag auf den anderen bricht die Kuschelsockenzeit an. Die Heizung wird aufgedreht und die Winterjacke liegt bereit.

Das ist die richtige Zeit für Massagen. Ob Kopf-, Fuß- oder Rückenmassage, du weißt am besten, worüber sich deine Liebste oder dein Liebster am meisten freuen würde. Vielleicht holst du noch eine Flasche Zitronen- oder Orangenöl, dann ist die Wellnessoase perfekt.

Dezember

In den Nikolausstiefeln müssen nicht nur Kekse zerbröseln oder die Schokolade schmelzen. Manchmal bringen Worte das Herz zum Schmelzen.

Schreibe eine Dankeskarte für all die Dinge, Eigenschaften und wunderbaren Eigenarten, die du an deinem Partner oder deiner Partnerin wertschätzt.

Januar

Draußen ist es kalt. Die Festlichkeiten liegen hinter uns. Vielleicht schleppen wir ein paar Kilo mehr mit uns. Jedenfalls ist es nachmittags schnell dunkel und der Frühling lässt noch auf sich warten. Der Weihnachtsbaum ist erloschen, der Adventskranz abgebaut. Trotzdem wollen wir hell erleuchtet ins neue Jahr starten.

Da helfen Teelichter! Zünde sie an und erhelle den Raum. Vielleicht muss dein Lieblingsmensch lange arbeiten und kommt dann unerwartet in ein gemütliches Zuhause. Bei einer Tasse Tee kann der Abend noch richtig gut werden.

Februar

Im Februar wird der Winter zäh. Es war nun lange genug kalt, grau und ungemütlich. Nun erwacht die Vorfreude auf längere Tage. Dieser Ungemütlichkeit kann man zum Beispiel mit einem kulinarischen Vergnügen entgegenwirken – Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen. Aber nicht nur irgendeine Liebe geht durch irgendeinen Magen, sondern es geht um euch!

Hat dein Schatz ein besonderes Lieblingsessen, ein Lieblingsgetränk oder eine Lieblingsleckerei vom Bäcker? Nichts wie hin zum Bäcker, Supermarkt, an den Herd oder zum Coffee-Shop.

März

„Morgenstund hat Gold im Mund“, weiß der Volksmund. Aber vor allem morgens ist es hektisch. Gerade dann nehme ich mir vor der Arbeit, wenn wir zu unterschiedlichen Zeiten gehen, vor, achtsam innezuhalten und eine WhatsApp-Nachricht an meinen Mann zu schreiben. Ein paar warme Guten Morgen-Worte ermutigen und er darf wissen, dass ich an ihn denke.

Schnapp dir diesen Monat öfter morgens dein Handy und hinterlasse eine liebevolle Nachricht für den Tag.

 

Ira Schneider arbeitet als psychologische Beraterin in einer Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/04/F_Schneider_PaarChallenges_BN_FatCamera_Getty-Images-scaled-e1681481290422.jpg 1065 1600 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-04-20 14:33:072023-04-20 16:32:14Der Beziehungs-Booster: 12 Monate – 12 Challenges

Kann-Kinder: Sollen sie früher eingeschult werden? Das sagen Pädagogik-Experten

Die Einschulung steht bevor und damit die Entscheidung für Eltern von „Kann-Kindern“: Sollen wir unser Kind vorzeitig einschulen lassen? Experte rät im Interview zur Vorsicht.

Wenn ein Kind ein sogenanntes „Kann-Kind“ ist, also vorzeigit eingeschult werden kann, ist ja die Hauptfrage: Wie finde ich heraus, ob es schulreif ist?

Armin Krenz: Zunächst eine kleine fachliche Anmerkung: früher sprach man von „Schulreife“, heute werden die Begriffe „Schulfähigkeit“ beziehungsweise „Schulbereitschaft“ benutzt, weil einerseits der Teilbegriff „Reife“ die Vorstellung provoziert, mit zunehmendem Alter „reife“ jedes Kind körperlich und kognitiv heran. Andererseits wird Schulfähigkeit oder Schulbereitschaft seit Jahren sehr viel umfassender betrachtet.

Kann man denn sein Kind zu früh einschulen oder aber zu lange warten?

Krenz: Eine vorhandene Schulfähigkeit oder Schulbereitschaft ergibt sich immer aus vier Kompetenzfeldern: einer emotionalen, motorischen, sozialen und kognitiven Schulfähigkeit. Zu ihr gehören vor allem seelische Stabilität, Belastbarkeit, eine größere Portion Selbstsicherheit, ein grundsätzlich vorhandenes Regelbewusstsein, Lerninteresse und Neugierde, ein Bündel an sozialen Verhaltensweisen sowie Entspannungsfähigkeiten, Ausdauer, Zuversicht und ein gewisses Maß an Konzentrationsfertigkeit. Da jedes Kind ein „Unikat“ ist, das sich von anderen Kindern – auch unabhängig vom Alter – individuell unterscheidet, ist die Stichtagregelung in Deutschland nur bedingt hilfreich. Es kann festgehalten werden:

  • Nicht das Stichtagsalter ist entscheidend, sondern das Vorhandensein bestimmter Fertigkeiten!
  • Britische, US-amerikanische und deutsche Studien weisen deutlich darauf hin, dass die Schulfähigkeit bei 6-jährigen Kindern deutlich stärker vorhanden ist als bei 5-jährigen Kindern.
  • Vorzeitig eingeschulte Kinder wiederholen häufiger eine Klasse.
  • Bei zu früh eingeschulten Kindern ziehen sich nicht selten Fertigkeitsmängel durch die folgenden Schuljahre.
  • Wenn die Kita eine spannende, kommunikationsreiche und selbstständigkeitsfördernde, situationsorientierte Pädagogik mit handlungsaktiven Projekten anbietet, kann eine spätere Einschulung keine entwicklungshinderlichen Folgen hervorbringen.

Sollte ich mein Kann-Kind, wenn es noch ein Jahr länger in den Kindergarten geht, zusätzlich intellektuell fördern, zum Beispiel mit Musik- oder Sprachunterricht?

Krenz: Es geht bei einem Aufbau der Schulfähigkeit – im Gegensatz zur landläufigen Meinung vieler Erwachsener – nicht primär um eine intellektuelle Förderung. Das ist eine immer wiederkehrende Fehlannahme und würde am vorhandenen Problem vorbeiführen. Vielmehr muss es darum gehen, mit Kindern Rollen-, Musik-, Theater-, Fantasie-, Bewegungsspiele zu erleben, alltagsorientierte Gespräche zu führen, Umfelderkundungen zu unternehmen sowie die Selbstständigkeit der Kinder auszubauen, das Selbstwertgefühl von Kindern zu stärken und ihre Neugierde auf Neues anzusprechen! Die Schulbereitschaft setzt sich in erster Linie aus den Fertigkeiten Lernmotivation, Lernbereitschaft und Lernfreude zusammen. Es geht also um Persönlichkeitsmerkmale und nicht um Lernergebnisse.

Wie sollen wir damit umgehen, wenn unser Kind das erste Schuljahr wiederholen muss?

Krenz: Verschiedene Untersuchungen haben immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass die Grundlagen der vier basalen Kulturtechniken (Sprache/ Lesen/ Schreiben/ Rechnen) von Anfang an ein sicheres Fundament besitzen müssen. Insofern ist bei starken Fertigkeitsdefiziten eine Klassenwiederholung angezeigt, damit sich fehlende Basiskompetenzen mit jedem Schuljahr nicht weiter potenzieren. Doch es sollte am besten gar nicht erst durch eine zu frühe Einschulung zu einer Wiederholungsnotwendigkeit kommen.

Prof. Dr. h.c. Armin Krenz ist Wissenschaftsdozent für Elementarpädagogik und Entwicklungspsychologie und Autor des Buches „Ist mein Kind schulfähig? Ein Orientierungsbuch“ (Kösel).

Die Fragen stellte Ruth Korte.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/04/Schulkind_GettyImages_romrodinka_iStock_Getty-Images-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-04-18 14:00:462023-04-18 14:00:46Kann-Kinder: Sollen sie früher eingeschult werden? Das sagen Pädagogik-Experten

Wenn Teens sich zurückziehen: So können Eltern reagieren

Wenn aus Kindern Teens werden, ziehen sie sich von ihren Eltern zurück, suchen aber doch auch immer wieder ihre Nähe. Familienberaterin Daniela Albert verrät, wie Eltern das Dilemma lösen können.

„Was liest du, guckst du oder zockst du gerade?“ Das sind neuerdings Fragen, die mein Mann oder ich am Abend gestellt bekommen, wenn wir unseren eigenen Beschäftigungen nachgehen. Normalerweise ist es dann schon nach 21 Uhr. Ich muss mich noch daran gewöhnen, dass um diese Zeit bei uns nicht mehr die selige Ruhe aus Grundschultagen herrscht.

Zwei unserer Kinder sind endgültig aus der Phase herausgewachsen, in der sie sich um 20 Uhr ins Bett gelegt und geschlafen haben. Stattdessen hantieren sie viel später noch herum, suchen Hefte oder bringen ihre Brotdosen in die Küche. Und nicht selten kommen sie noch einmal zu uns und fragen, was wir tun.

Unaufdringliche Präsenz

Unausgesprochen wollen sie jedoch etwas anderes wissen: Darf ich dazukommen? Ist bei dem, was du gerade machst, Raum für mich? Darf ich mit dir zusammen ein bisschen auf den Bildschirm schauen, eine Tasse von deinem Tee schnorren und dir vielleicht erzählen, was ich den ganzen Tag für mich behalten habe? Von der Mathearbeit, die ich mit Sicherheit vergeigt habe, den Freundinnen, die sich in letzter Zeit so komisch verhalten, der Gruppe, aus der ich mich ausgeschlossen fühle? Darf ich dir erzählen, welches YouTube-Video mich gerade beschäftigt und welchen Gaming-PC ich cool finde? Können wir zusammen schweigen, damit ich es nicht allein in meinem Zimmer tun muss?

Ich gebe zu: Manchmal denke ich mir in solchen Momenten, dass ich meine Abende lieber allein verbringen würde. Gleichzeitig weiß ich, dass sie so wichtig und wertvoll sind.

Wenn unsere Kinder größer werden, gehen sie mehr und mehr in eine Welt, in die wir nur auf Einladung Zutritt haben. Wir wissen nicht mehr selbstverständlich, was sie beschäftigt, mit wem sie rumhängen oder welche Wünsche und Träume ihnen gerade durch den Kopf geistern. Oft wollen die Heranwachsenden das auch gar nicht. Dass sich gerade junge Teenager und Pre-Teens zurückziehen, ist normal. Doch das bedeutet nicht, dass sie uns nicht brauchen. Das tun sie. Unsere Ohren und unsere Herzen. Unsere unaufdringliche, kaum sichtbare Präsenz in ihrem Leben.

Kontrolle oder Laissez-faire?

Was diese Präsenz angeht, kann man auf beiden Seiten vom Pferd fallen. Man kann sich mit dem Loslassen unfassbar schwertun und das Gefühl haben, dass man die Zügel viel stärker in der Hand behalten will. Müsste ich nicht noch Hausaufgaben kontrollieren und die Eltern der neuen Freunde mal anrufen? Sollte ich nicht darauf beharren, dass das Hobby, das keinen Spaß mehr macht, weitergeführt wird? Kann mein Kind seine Verpflichtungen als angehender Konfirmand wirklich allein organisieren? Sollte ich seine Chats lesen? Und wie viel Mitspracherecht habe ich eigentlich noch bei Klamottenauswahl und Körperpflege?

Ich kann aber auch zu wenig präsent sein. Der völlig freie Zugang zu Medien kann sich, gerade bei jüngeren Teenagern, als richtig schlechte Idee erweisen. Wie viel Laissez-faire ich an den Tag lege, wenn Jugendliche um die Häuser ziehen, hängt wohl auch sehr vom individuellen Reifegrad und dem Wohnort ab – aber auch hier kann ein allzu sorgloser Umgang mit einem bösen Erwachen enden. Und dass unser Kind Probleme in der Schule hat, sollten wir auch nicht erst beim Unterschreiben des Zeugnisses merken.

Egal, wie wir es halten, wir werden wohl bei der Begleitung von Teenagern auch mal stürzen. Ich denke, das gehört dazu, wenn wir mit ihnen einen neuen Lebensabschnitt beginnen. Genau wie wir im Rückblick das eine oder andere aus der Babyzeit anders machen würden, werden sich auch Entscheidungen, die wir mit älteren Kindern treffen, als falsch erweisen. Das ist okay und gehört dazu. Großwerden ist heute unfassbar komplex. Keine Elterngeneration vor uns musste sich mit so vielfältigen Herausforderungen, gerade in der medialen Welt, auseinandersetzen, wie wir ihnen gegenüberstehen.

Zuhören und ernst nehmen

Genau deswegen habe ich für mich festgestellt, dass es vor allen Dingen einen Bereich gibt, bei dem ich nicht loslassen möchte: unseren Dialog. Ja, manchmal würde ich meine Abende gern anders verbringen. Und gleichzeitig ist es ein riesiges Geschenk, dass unsere Kinder zu uns kommen. Dass sie mit uns reden. Dass sie Familienregeln ausdiskutieren wollen und nicht einfach hinter unserem Rücken brechen.

Das läuft nicht immer harmonisch ab. Im Gegenteil, es kostet meinen Mann und mich gelegentlich Zeit, Schlaf und Nerven und geht manchmal nicht ohne Geschrei und Tränen vonstatten. Und doch ist es wichtig, dass wir einander anhören, ernst nehmen, uns entgegenkommen und Kompromisse finden.

Gerade bei strittigen Themen müssen wir Eltern uns bewusst machen, worum es eigentlich geht. Denn was für uns nach einem sinnvollen Verbot klingt, kann für den Teenager eine Vollkatastrophe sein. Nicht nur verderben wir damit vielleicht jede Menge Spaß – wir katapultieren das Kind mitunter auch aus einer sozialen Gruppe heraus. Dabei ist Zugehörigkeit ein menschliches Grundbedürfnis, und gerade Jugendliche finden sie nun einmal vor allem unter ihren Peers.

Im Dialog bleiben

Das bedeutet nicht, dass wir alles toll finden und erlauben müssen. Aber wir schulden unseren Kindern, dass wir uns kritisch mit der Frage auseinandersetzen, warum wir etwas nicht wollen: Hat das triftige Gründe oder spielen hier übertriebene Ängste mit hinein? Trauen wir unserem Kind zu wenig zu oder treffen wir eine gute Entscheidung zu seinem Schutz? Wo kann ich großzügig sein und auch mal einen Glaubenssatz über Bord werfen, um meinem Kind Raum für seine Bedürfnisse zu geben? Und wo bleibt mir nichts anderes übrig, als seine Freiheit zu beschneiden zu dem Preis, dass es sich unter seinen Freunden ausgeschlossen fühlt?

Für viele dieser Fragen suche ich meine Antworten noch, und für einige kann das, was sich heute richtig anfühlt, morgen schon nicht mehr passen. Im Dialog zu bleiben, scheint mir der einzig hilfreiche Weg durch diesen Dschungel. Neben dem Vertrauen auf den großen Reiseführer im Himmel, der sowieso seine ganz eigenen Geschichten mit unseren Kindern schreibt.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin (familienberatung-albert.de). Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel und bloggt unter eltern-familie.de.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/04/BN_Sneksy_GettyImages-1165490497-scaled-e1681311706764.jpg 1067 1600 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-04-13 10:49:182023-04-13 10:49:18Wenn Teens sich zurückziehen: So können Eltern reagieren

Tabuthema: Alkohol- und Medikamentensucht bei Frauen

Überforderung und Traumata sind die häufigsten Ursachen für eine Alkohol- oder Medikamentensucht bei Frauen. Klinikleiter Gotthard Lehner erklärt im Interview, wie eine Abhängigkeit entsteht und wie betroffenen Frauen geholfen werden kann.

Ist Sucht bei Frauen im mittleren Alter ein häufiges Thema im Vergleich zu jüngeren oder älteren Frauen?

Das würde ich jetzt so nicht sagen. Sucht ist in jedem Lebensalter präsent. Die Grenzen zwischen den Altersstufen werden immer unschärfer. Die meisten Frauen, die wir behandeln, sind zwischen 36 und 60 Jahren alt. Die Zahlen sind bei den jüngeren und mittleren Frauen ziemlich konstant. Ältere Menschen hingegen haben häufiger Suchterkrankungen als jüngere Menschen. Zum Beispiel nachdem sie in Rente gegangen sind, weil sie dann ihr Leben wieder neu organisieren müssen. Früher mussten sich Frauen wieder neu definieren, wenn die Kinder aus dem Haus gegangen sind. Heute ist das durch die Berufstätigkeit allerdings kein so großes Thema mehr.

Wovon werden diese Frauen abhängig?

Nach Aussagen der Deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren sind 4,5 Prozent der Männer und 1,7 Prozent der Frauen alkoholabhängig. Dann gibt es noch die Medikamentenabhängigkeit. Vor allem ältere Frauen, die häufig über einen längeren Zeitraum Psychopharmaka verordnet bekommen haben, werden medikamentenabhängig. In unserer Fachklinik für suchtkranke Frauen gibt es 60 Plätze. Wir haben immer zwei, drei Frauen mit einer „reinen“ Medikamentenabhängigkeit, bei vielen anderen ist die Medikamentenabhängigkeit mit einer Alkoholabhängigkeit kombiniert. Die Medikamentenabhängigkeit ist eher eine verborgene Sucht: Wenn ich morgens um zehn zu Ihnen komme und Sie um eine Tablette bitte, weil ich Kopfschmerzen habe, dann hoffe ich, dass Sie so nett wären, mir eine zu geben. Aber wenn ich zu Ihnen komme und Sie um zwei Schnäpse bitte, dann würden Sie – ohne mich näher zu kennen – wahrscheinlich meine Bitte ablehnen.

Ist die Medikamentenabhängigkeit also weniger auffällig?

Es wird geschätzt, dass etwa 1,5 bis 1,9 Millionen Personen in Deutschland medikamentenabhängig sind. Zum Vergleich: Laut Bundesgesundheitsministerium sind etwa 1,6 Millionen Menschen alkoholabhängig. Das ist ähnlich viel. Trotzdem werden bei der Deutschen Rentenversicherung deutlich mehr Anträge für die Behandlung alkoholabhängiger Menschen gestellt. Denn Medikamentenabhängigkeit lässt sich, wie schon gesagt, besser verstecken. Bis sie auffällt, dauert es oft lange. Frauen nehmen zum Beispiel auch im Alltag Medikamente, wenn sie ihre Periode haben. Manche gehen dann immer ganz naiv zum Arzt und lassen sich was verordnen. Und sagen: „Das hat mir der Doktor verordnet, dafür kann ich nichts.“ Sie hinterfragen nicht, was sie nehmen. Bei uns in der Suchttherapie kommt also mehr der Alkohol an.

Was sind denn die häufigsten Ursachen für eine Abhängigkeit?

Die Gründe sind immer so individuell wie die Person, jede Frau hat da ihre eigene Lebensgeschichte. Oft spielt das Thema Trennung eine Rolle, Partnerschaften, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr funktionieren. Bei Frauen ist es auch häufig eine Frage der Überforderung: Im Durchschnitt übernehmen sie heute immer noch, selbst wenn sie arbeiten gehen, einen Großteil der Hausarbeit. Auch die Pflege von Eltern wird meistens von Frauen übernommen. Die größere Belastung führt oft zur Überforderung. Und dann kommt abends, zunächst erst mal ganz harmlos, das Feierabendbier oder der Wein als Entspannungsmittel dazu. Mütter von kleineren Kindern treffen sich auch gern mal mit einer Flasche Sekt auf dem Spielplatz, für die gute Stimmung, während die Kinder im Sandkasten spielen.

Gibt es noch weitere Gründe?

Eine weitere große Gruppe, die zu uns kommt, sind traumatisierte Frauen, die sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt haben und das nie therapeutisch bearbeitet haben. Erst heute Morgen haben wir über eine Patientin gesprochen, die bestimmt 10, 15 Jahre von ihrem Vater sexuell missbraucht wurde. Manche Frauen suchen sich immer wieder toxische Beziehungen und haben Partner, die sie schlagen. Das alles betäuben sie mit einem Suchtmittel. Diese Frauen kommen aber nicht gleich zu uns. Man muss zwei bis fünf Jahre regelmäßig trinken, bis man in eine Suchtmittelabhängigkeit gerät. Oft lässt sich das dann auch noch lange verstecken.

Wenn jemand merkt, dass er oder sie wahrscheinlich ein Suchtproblem hat – was sollte man als Erstes tun?

Zum einen sollte er oder sie Kontakt zu einer örtlichen Suchtberatung aufsuchen. Da bekommt man schnell und unkompliziert kostenlose Beratungstermine. Die nächste Stufe wäre dann eine ambulante Psychotherapie, 22 Gesprächstermine, die bei der Rentenversicherung beantragt werden müssen. Dabei hilft aber auch die Suchtberatungsstelle. Wird in der ambulanten Therapie gemerkt, dass die Situation sehr komplex ist und es helfen würde, die gewohnte Umgebung zu verlassen, dann wird zu einem Klinikaufenthalt geraten. Parallel rate ich immer dazu, Selbsthilfegruppen zu besuchen, die leisten wirklich sehr viel. Viele kommen allein durch den Besuch einer Selbsthilfegruppe, wie die Anonymen Alkoholiker oder das Blaue Kreuz, wieder aus ihrer Sucht heraus. In der Selbsthilfegruppe oder der Suchtberatung kann ich mich dann mit meinem Suchtverhalten auseinandersetzen und überlegen: Wie bin ich da reingerutscht und was muss ich in meinem Leben ändern? Kein Mensch nimmt sich mit 14 oder 15 Jahren vor: „Ich möchte mal suchtmittelabhängig werden.“ Irgendwann im Leben ist etwas passiert, was mich dazu gebracht hat, von der Autobahn meines Lebens herunterzufahren und die falsche Ausfahrt zu wählen.

Was können Angehörige oder Freundinnen tun, wenn sie bemerken: Hier gerät jemand gerade in eine Abhängigkeit oder ist schon abhängig?

Ich würde es als Erstes immer offen ansprechen und sagen: „Weißt du was, mir fällt auf, dass du immer viel trinkst. Könnte es sein, dass du ein Problem damit hast?“ Dann wird mein Gegenüber höchstwahrscheinlich sagen: „Nein, um Himmels willen, wie kannst du so was sagen? Ich bin doch keine Säuferin.“ Man kriegt erst mal einen Eimer Wasser ins Gesicht. Trotz allem halte ich das für den richtigen Weg. So wird der Person bewusst: Es ist aufgefallen. Sie wird sich dann erst mal zurückziehen. Als Freund oder Angehörige können Sie nicht mehr tun, als es anzusprechen. Sie können sie nicht zwangsweise zum Arzt schleppen. Näheren Angehörigen empfehle ich immer, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen. Das ist wichtig, um festzustellen: Ich bin nicht der Einzige, den das betrifft. Auch die anderen haben den Eimer Wasser ins Gesicht bekommen.

Und wenn die Person auch langfristig alles abstreitet?

Dann kann ich vielleicht noch mal sagen: „So stelle ich mir mein Leben nicht vor. Da muss sich etwas ändern oder ich gehe.“

Was wäre dann die letzte Konsequenz als Partner? Einen Schlussstrich ziehen? Oder es aushalten?

Ich sage immer: „Drohen Sie mit nichts, was Sie nicht halten wollen.“ Auch die Angehörigen haben ein Recht auf ein zufriedenes Leben. Wir können nicht unser Leben weggeben, weil die andere Person einen Lebensentwurf gewählt hat, der für uns nicht akzeptabel und zerstörerisch ist.

Wie können Angehörige oder Freunde unterstützen, wenn jemand bereits in Therapie ist?

Wichtig sind die Angehörigengespräche während der Therapie. In denen sollte möglichst ehrlich das besprochen werden, was vorgefallen ist. Auch der Angehörige leidet ja. Nichts ist falscher, als nachher wieder eine heile Welt vorzuspielen. In der Klinik sage ich deswegen immer: Bringen Sie mir die Angehörigen. Lassen Sie uns miteinander sprechen, selbst wenn es wehtut. Begeben wir uns dann auf den Weg, dass das wieder gesunden kann. Leider erleben wir in der Klinik auch immer wieder, dass Partner sich dann trennen. Das engste Umfeld ist aber natürlich sehr wichtig in dieser Zeit. Überhaupt jede Form von Gemeinschaft. Wir haben bei uns in der Klinik eine Seelsorgerin, die die Frauen begleitet. Manche Frauen kommen bei uns auch zum Glauben. Und die Seelsorgerin überlegt dann: Welche Gemeinde kann ich ihnen nach dem Aufenthalt empfehlen? Wo gibt es Gemeinden, die auch Menschen ohne eine perfekte Biografie willkommen heißen?

Das ist eine gute Frage. Wie sollten Gemeinden Menschen mit Suchterkrankungen denn willkommen heißen?

Es braucht eine Kultur, in der auch Menschen, die nicht perfekt sind, die gescheitert sind und Narben mitbringen, willkommen sind. Das sind oft hochsensible Menschen, sie haben sehr genaue Antennen und spüren, ob sie gemocht werden oder nicht. Werden sie akzeptiert? Ist man beispielsweise bereit, Abendmahl nur mit Saft zu feiern? Am Ende sind es auch nur Menschen wie du und ich. Wir haben alle unsere Blessuren, die uns das Leben mitgegeben hat. Da kann der Glaube eine zusätzliche Kraftquelle sein. Erkenne ich für mich: „Ich bin eine von Gott geliebte Person“ – dann ist das eine wichtige Ressource, die mir hilft, wenn andere mich ablehnen.

 

Das Interview führte Sarah Kröger, Journalistin und Projektmanagerin.

Gotthard Lehner ist Leiter der Fachklinik Haus Immanuel in Thurnau (Oberfranken). Die Einrichtung hat sich auf die Behandlung von Frauen mit einer Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit spezialisiert. haus-immanuel.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/03/Alkoholsucht_GettyImages_CaroleGomez_E-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-03-28 09:51:202023-03-28 09:51:20Tabuthema: Alkohol- und Medikamentensucht bei Frauen

Partnerschaft in Krisenzeiten – gemeinsam durch die Arbeitslosigkeit

Wenn ein Mensch den Arbeitsplatz verliert, kann das die Existenz bedrohen und Psyche sowie die Paarbeziehung belasten. Was in Krisen hilft, berichten ein betroffenes Ehepaar und eine Paartherapeutin.

Genau zu der Zeit, als Anne nach längerem Hoffen endlich wieder schwanger wurde, verlor ihr Mann Markus zum zweiten Mal seine Arbeitsstelle. Das brachte Unsicherheit und Existenzsorgen in die Beziehung. Bereits bei der ersten Kündigung war es für Anne als Freiberuflerin schwierig, finanziell nicht so stark wie erwartet auf Markus bauen zu können: „Ich war selbstständig und wollte mich gern finanziell auf sein Einkommen verlassen. Das stellte für mich auch einen Konflikt in der Rollenverteilung dar, und ich konnte nicht so frei sein, mich erst mal auszuprobieren, sondern musste gleich Geld verdienen“, erinnert sich Anne. Nach einiger Zeit kamen bei ihr Frust und Vorwürfe auf und die Fragen, ob ihr Mann wirklich sein Bestes gibt und überhaupt für die Arbeitswelt gemacht ist.

Auch bei Markus entstanden Selbstzweifel. Doch es war beiden wichtig, all diese Emotionen zuzulassen. Sie überlegten als Paar gemeinsam mit Hilfe eines Berufungsbuches, wie es weitergehen kann und wo sie sich in ihren Fähigkeiten noch mehr unterstützen können. „Das hat Markus geholfen, sich zu reflektieren, und mir, die Potenziale in ihm zu sehen, und unseren Teamgeist geweckt“, sagt Anne. Außerdem zeigte ihnen diese Krise neu, dass sie vieles nicht selbst im Griff haben. Gestärkt hat sie das gemeinsame Gebet. Das hat ihnen geholfen, auf Gott zu vertrauen. „Ich habe neu gelernt, Krisenzeiten erst mal so anzunehmen, wie sie sind, und nicht gleich in Aktivismus zu verfallen, sondern wirklich zu vertrauen und geduldig zu sein mit meinem Partner. Letztlich sind wir als Team unterwegs und keiner ist besser als der andere, nur weil er mehr verdient“, resümiert Anne.

Durch die Krise wurden beide reflektierter für die eigenen Schwächen, den eigenen (Arbeits-)Anteil an der Beziehung, aber auch die Erfolge des anderen. Ihre Erfahrungen geben Anne und Markus auch gern an andere weiter. „Als Paar ist es schön, wenn man gemeinsam sowas überwunden hat und davon auch erzählen und zuversichtlich sein kann, dass Gott einen durchträgt“, fasst Anne zusammen.

Zusammen Neues wagen

Paartherapeutin Diana Muschiol hat schon einige Paare in existenzbedrohlichen Krisen begleitet. „Für viele Menschen ist die Berufstätigkeit mit dem eigenen Selbstwert verknüpft, gibt Sinn und Identität“, sagt sie. Fällt die Arbeitstätigkeit weg, entsteht oft eine Leere. Dann ist es wichtig, sich bewusst auf Neues einzulassen, um wieder Sinn zu finden. Berufungsbücher wie bei Anne und Markus können hilfreich dabei sein.

Mit dem Jobverlust einhergehende Gefühle wie Scham, Schuld, Minderwertigkeitsgefühle oder Selbstzweifel können gefährlich sein. „Das sind unangenehme Gefühle, die meist einen Rückzug bedeuten, ein innerliches Dichtmachen, wenn man diese Gefühle nicht fühlen und schon gar nicht irgendjemandem zeigen will. Dadurch sind aber Distanz und Entfremdung in der Partnerschaft vorprogrammiert“, weiß Muschiol. Auch die möglicherweise veränderten Rollen in der Familie und dadurch vielleicht ungewohnte Aufgaben können das Gefühl von Unfähigkeit verstärken. Der Alltag muss eventuell neu organisiert, Aufgaben neu verteilt werden. Alle Gefühle zuzulassen und ehrlich miteinander zu kommunizieren, ist deshalb sehr wichtig! Statt sorgenvoll zu verzweifeln, sollte man die Situation erst mal akzeptieren. Und dann als Paar gemeinsam umdenken, flexibel nach Lösungen und Ideen suchen und diese umsetzen. Der Fokus sollte dabei auf dem vorhandenen Guten in der Beziehung sowie den Ressourcen jedes Einzelnen, als Paar und auch im sozialen Umfeld liegen. Von diesem Punkt aus kann man sich gemeinsam neue Ziele setzen und daran arbeiten, sie zu erreichen. So wie Markus und Anne, die sich mittlerweile freuen dürfen, dass Markus erfolgreich einen neuen Job gefunden hat.

Interview mit Paartherapeutin Diana Muschiol

Was kann Paaren helfen, schwierige Zeiten gemeinsam durchzustehen?
Allein die Paarbeziehung an sich hilft schon, Krisen zu meistern. Zahlreiche Studien zeigen, dass eine zufriedene und glückliche Beziehung gesund hält und uns auch befähigt, mit Herausforderungen und Schmerz besser umzugehen. Daher ist ein sehr wichtiger Faktor für Paare in Krisenzeiten, an ihrer Beziehung festzuhalten und diese weiter auszubauen.

Zusätzlich ist ein offener und ehrlicher Austausch miteinander sehr hilfreich, zum Beispiel darüber, was an der Krise Sorgen oder Angst bereitet. Und das mit der Bereitschaft, das Gegenüber wirklich verstehen zu wollen. Wenn wir selbst in Not sind oder unbedingt verstanden werden wollen, verlieren wir manchmal das „Wir“ aus den Augen. Da sind echtes Interesse und Empathie sehr hilfreich. Auch eine vorsichtige Nachfrage oder ein Gesprächsangebot, wenn der Partner sorgenvoll scheint, ist eine gute Möglichkeit.

Gibt es überhaupt so etwas wie eine Patentlösung für die Bewältigung von Krisen als Paar?
Wenn überhaupt, dann würde ich sagen, ist es eine glückliche, zufriedenstellende Beziehung, in der sich beide verbunden fühlen, angenommen sind und die Zuversicht haben, das gemeinsam durchzustehen. Eine Beziehung, in der sie sich emotional und körperlich erreichen, sich aufeinander verlassen können, sich auf emotionaler Ebene mitteilen und dann auch wohlwollend auf das Gehörte und Wahrgenommene reagieren.

Kann man von einer Paar-Resilienz sprechen oder ist Krisenbewältigung in erster Linie Sache jedes einzelnen Partners?
Beides. Eine gemeinschaftliche Bewältigung ist hilfreicher als die alleinige. Und wenn ein Partner in der Beziehung eine Krise oder Not erlebt, hat das direkte Auswirkungen auf den anderen oder die andere. Aber es braucht den eigenen Beitrag. Man kann sich nicht ausschließlich darauf verlassen, dass das Gegenüber einem die Bewältigung abnimmt. Man darf seinen eigenen Beitrag dazu leisten, sollte aber auch Unterstützung annehmen. Dafür ist es erforderlich, sich selbst verletzlich zu zeigen. Das bedeutet, die eigenen Gefühle mitzuteilen: Sorgen, Ängste, Unzufriedenheit, Probleme und auch Sehnsüchte, Hoffnungen und Wünsche. Wir können nicht davon ausgehen, dass unser Gegenüber weiß, wie es in uns aussieht, wenn wir es nicht zeigen.

Was verändert sich aus Ihrer Sicht an einer Beziehung, wenn Paare gemeinsam Krisen bewältigen?
Das gemeinsame Bewältigen von Krisen kann viele Ressourcen in einem Paar hervorbringen. Oft wachsen der gegenseitige Respekt und die Wertschätzung. Aber auch Verbundenheit, Vertrauen, Intimität und Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln sich weiter und verfestigen sich. Durch das Erleben, schon einmal eine Krise gemeistert zu haben, entstehen auch Hoffnung und Zuversicht, kommende Krisen ebenfalls zu bewältigen. Hoffnung ist ein weiterer wichtiger Aspekt von Resilienz. Und je mehr wir Menschen Resilienz erleben, desto mehr baut sie sich auf. Durch das gemeinsame Bewältigen von Anforderungen entwickelt sich Selbstwirksamkeit bei jedem Einzelnen und auch die des Paares. Was wiederum genutzt werden kann, für andere Impulsgeber und Vorbild zu sein.

TIPPS VON BETROFFENEN UND PAARTHERAPEUTIN DIANA MUSCHIOL ZUR BEWÄLTIGUNG VON KRISEN IN DER PARTNERSCHAFT:

  • die Partnerschaft priorisieren, Zusammengehörigkeitsgefühl stärken, zum Beispiel durch Auszeiten zu zweit
  • im Alltag immer wieder Verbindung zueinander schaffen durch eine Umarmung, ein Lächeln, einen Kuss oder liebe Worte
  • bewusst den Fokus darauf setzen, was gut läuft
  • sich bewusst dafür entscheiden, zusammenzubleiben und miteinander durch die Krise zu gehen
  • sich durch praktische Unterstützung im Alltag gegenseitig Freiräume schaffen, um einzeln Bedürfnissen nachzugehen und Auszeiten zu nehmen

Kommunikation ist alles

  • ein Grundlevel an Kommunikation aufrechterhalten, zum Beispiel durch kurze Spaziergänge
  • offen und ehrlich Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse teilen
  • sich in den Partner einfühlen, gegenseitig ungeteilte Aufmerksamkeit und echtes Interesse schenken
    sich um gegenseitige Akzeptanz und Verstehen bemühen
  • dem Partner andere Bedürfnisse und Verarbeitungsstrategien zugestehen
  • bei Bedarf  therapeutische oder praktische Unterstützung annehmen
  • negative Gedanken und Gefühle zulassen und aussprechen, sich aber nicht davon beherrschen lassen
  • Krisen nicht „vergeuden“, sondern als zum Leben dazugehörende Chance für etwas Neues und Gutes sehen und sie, wenn möglich, aktiv gestalten

Hilfreiche Fragen

  • Was ist in dieser Situation oder in diesem Moment der Krise unser langfristiges Ziel?
  • Wie können wir dahingehend unsere Energie und Zeit nutzen?
  • Was brauchen wir gerade in der Krise: eher aktive Lösungsschritte oder eine Stärkung unserer emotionalen partnerschaftlichen Verbindung?

Lisa-Maria Mehrkens ist Psychologin und freie Journalistin und lebt in Chemnitz

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/03/BN_-Getty-Images_chameleonseye_iStock-Getty-Images-Plus-e1679557355598.jpg 1183 2294 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-03-23 08:43:422023-03-23 08:43:42Partnerschaft in Krisenzeiten – gemeinsam durch die Arbeitslosigkeit

„Was willst du eigentlich von mir?“- richtig Streiten will gelernt sein

Sie diskutiert hochemotional, er schweigt. Eine neue Perspektive ist nötig, um diesem Teufelskreis zu entkommen.

Raphael ist schleierhaft, was eigentlich Katrins Problem ist. Er weiß nur, dass sie „zu emotional“ und „sehr vorwurfsvoll“ ist. Er sagt: „Ich bemühe mich, ein guter Partner zu sein, und es ist wohl nicht mein Fehler, dass ich nun mal kein gefühlsbetonter Mensch bin.“ Katrin fällt ihm ins Wort: „Ein Stein bist du!“ Raphael schweigt. Deshalb macht Katrin weiter: „Dir geht es nur darum, wie wir unsere Beziehung am besten um deine Arbeit herumorganisieren können. Du warst nicht einmal da für mich, als meine Mutter gestorben ist.“

Raphael zuckt mit den Schultern und blickt starr an die Wand. Katrins Botschaft ist dringend, aber sie kommt bei Raphael nicht an. In seinen Augen macht sie einfach wieder mal ein furchtbares Theater.

Die Verbindung halten

Wenn die Verbindung zum Gegenüber in Gefahr ist, ist das sehr bedrohlich. Diese Bedrohung führt bei Katrin dazu, dass sie Vorwürfe macht. Sie reagiert emotional und will von Raphael eine Reaktion sehen. Ihre Angriffe sind ein Ausdruck ihres Wunsches nach Nähe. Sie will spüren, dass er noch hier ist.

Raphael hat auch Angst, dass ihre Beziehung in die Brüche geht. Nur reagiert er ganz anders. Er spielt alles runter und versucht, die Wogen zu glätten. Er will rationale Lösungen für ihre Probleme finden und die Gespräche in geordneten Bahnen halten. Um sich vor Katrins Angriffen zu schützen, geht er auf Distanz.

Das führt zu einem Teufelskreis. Katrin greift an, um eine Verbindung herzustellen. Raphael geht in Deckung und zieht sich zurück. Deshalb spürt ihn Katrin noch weniger und macht noch aggressivere Vorwürfe, was aber wiederum dazu führt, dass er sich noch mehr distanziert. So geht das immer weiter. Sie sitzen in dieser Abwärtsspirale fest.

Gemeinsam statt gegeneinander

Beide haben das gleiche Ziel: Sie wollen Nähe herstellen und ihre Beziehung stärken. Doch ihre Strategien sind kontraproduktiv. Um aussteigen zu können, müssen sie dieses Muster durchschauen. So können sie sich entscheiden, gemeinsam gegen die negative Dynamik zu kämpfen. Wenn sie diesen gemeinsamen Feind haben, kann es ihnen gelingen, sich verletzlich zu zeigen und über ihre Gefühle und ihren Wunsch nach Nähe zu sprechen.

Vielleicht gelingt Katrin dann ein sanfterer Einstieg: „Ich weiß nicht, ob du für mich da bist, wenn ich dich brauche. Ich liebe dich und ich mache mir Sorgen um unsere Beziehung.“

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter familyife.cd/five 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/03/Paar-streitet_GettyImages_skynesher_E-e1679061137159.jpg 1023 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-03-21 09:08:462023-03-21 09:08:46„Was willst du eigentlich von mir?“- richtig Streiten will gelernt sein

Konflikte mit den Schwiegereltern – was tun?

Wenn ein Paar heiratet, kommt ein neues Mitglied in die Familie. Das kann zu Konflikten zwischen (Schwieger-)Eltern und Kindern, aber auch zwischen den Partnern selbst führen.  Psychologe Jörg Berger über ein herausforderndes Beziehungsdreieck.

Warum sind Schwiegermütter so sprichwörtlich geworden – als Schreckgestalt, besonders für ihre Schwiegertöchter? Schwiegermütter sind ja auch Ehefrau, Freundin, Kollegin und vielleicht Oma. Irgendetwas muss an der Rolle der Schwiegermutter besonders verhängnisvoll sein. Natürlich können auch Schwiegerväter zum Albtraum ihrer Schwiegerkinder werden. Das Verhängnis liegt in der Dreiecksbeziehung, die zwischen Schwiegereltern, Kindern und Schwiegerkindern entsteht.

Schwiegereltern haben Erwartungen an ihre erwachsenen Kinder. Je weniger reif sie mit diesen Erwartungen umgehen, desto mehr Konflikte entstehen. Ein Partner, der noch stark unter dem Einfluss seiner Eltern steht, sitzt dann zwischen den Stühlen. Er stellt sich manchmal auf die Seite seiner Eltern, wo er an der Seite der Partnerin stehen sollte, oder schweigt, obwohl er die Eltern konfrontieren sollte.

Außerdem hat die Position eines Schwiegerkindes gleich zwei Nachteile. Einerseits kann man den Schwiegereltern nicht einfach aus dem Weg gehen. Sie sind Teil der eigenen Familie geworden. Andererseits ist man nicht ihr Kind, man kann sich nicht sicher sein, von ihnen so vorbehaltlos geliebt zu werden und ihnen so wichtig zu sein, wie ein eigenes Kind. Stattdessen werden Schwiegerkinder manchmal wie Eindringlinge empfunden. Sie werden bewertet und nur in dem Maß geliebt, wie sie sich an die Regeln und Sichtweisen der Schwiegerfamilie anpassen. Natürlich kann es auch anders sein: Dann finden Schwiegerkinder eine wunderbare Ergänzung zu dem, was sie aus ihrer eigenen Familie kennen. Doch an dieser Stelle soll es um die schwierigen Konstellationen gehen.

Die Basis der Dreiecksbeziehung

Eigentlich dürfte es keine Probleme mit Schwiegereltern geben, auch nicht, wenn diese schwierig sind: Denn es gibt ja den Partner. Als Tochter oder als Sohn können Partner durchsetzen, dass sich die Eltern fair und liebevoll verhalten, wenn sie ihrer Schwiegertochter oder ihrem Schwiegersohn begegnen. Wie das möglich ist, habe ich in den ersten beiden Teilen der Serie gezeigt. Doch nicht immer ist sich ein Paar einig. Manche Partner sind gegenüber den Schwächen ihrer Eltern abgestumpft: „So sind sie eben. Warum soll man mit ihnen streiten? Die werden sich nicht ändern. Man muss sie eben ertragen.“ Doch dann stehen Schwiegerkinder allein da. Sie sind nicht abgestumpft, sondern sie leiden. Sie haben nicht resigniert, sondern wollen nicht alles ertragen, was die Schwiegereltern ihnen zumuten. Wenn man es genau betrachtet, haben Schwiegerkinder dann kein Problem mit den Schwiegereltern. Sie haben ein Problem mit dem Partner. Denn der Partner verschließt die Augen und macht sich auch stumpf gegenüber dem, was der oder die andere von den Schwiegereltern erleidet. Deshalb findet sich der Ansatzpunkt zunächst in der Paarbeziehung. Hier finden Sie einen Crashkurs für den Umgang mit einem Partner, der gegenüber schwierigen Eltern resigniert hat:

  • Kritisieren Sie die Schwiegereltern nicht. Die dürfen bleiben, wie sie sind, und sein, wie sie wollen. Doch auch Sie dürfen so sein, wie Sie sind, und auf die Schwiegereltern reagieren, wie es Ihnen und Ihrem Wohlbefinden entspricht.
  • Kritisieren Sie nicht, wie Ihr Partner mit den Eltern umgeht. Abstumpfung ist auch ein Weg. Im Alter werden viele Schwiegereltern milder, und es kann wieder ganz nett mit ihnen werden. Aber Abstumpfung ist vielleicht nicht Ihr Weg. Auch dazu dürfen Sie stehen.
  • Bleiben Sie bei sich und beschreiben Sie Ihrem Partner ohne Vorwürfe, wie es Ihnen mit den Schwiegereltern geht und warum Sie sich das auf Dauer so nicht vorstellen können.
  • Machen Sie Ihrem Partner konkrete Vorschläge, wie er Sie vor den Schwiegereltern besser schützen könnte.
  • Machen Sie Ihrem Partner deutlich, dass Sie zur Not auch allein einen Weg gehen werden, an dessen Ende Sie sich mit den Schwiegereltern wieder wohlfühlen werden. Meist beinhaltet das, gegenüber den Schwiegereltern taktvoll auszusprechen, dass man sich mit ihnen nicht immer wohlfühlt und warum das so ist. Das lädt Schwiegereltern zu einer besseren Beziehung ein. Vielleicht ändert sich etwas. Wenn nicht, können Sie Besuche einschränken oder vermeiden, mit den Schwiegereltern Zeit allein zu verbringen. Sie können sogar etwas anderes unternehmen, wenn die Schwiegereltern zu Besuch kommen.

Schwiegereltern und die Regeln der Gastfreundschaft

Wir machen uns das nicht immer bewusst, doch jede Gastfreundschaft beruht auf einem feinfühligen Umgang mit Zumutungen. Der Gast tritt in die Welt des Gastgebers ein und muss mit dem zurechtkommen, was er dort vorfindet: die Einrichtung, die Umgangsformen, die Abläufe, die Getränke und Mahlzeiten. Ein Gast zeigt auch da Wertschätzung, wo der Gastgeber seinen Geschmack nicht trifft. Ein Gast erträgt höflich, wenn ein Gastgeber seine Bedürfnisse nicht erkennt. Im Gegenzug tut ein Gastgeber alles, damit sich ein Gast wohlfühlen kann. Er erkundet aufmerksam, was dazu nötig ist.

Dieses Wechselspiel ist nicht immer einfach. Wer könnte keine Geschichten von missglückten Besuchen erzählen? Von Gästen, nach deren Gehen man aufatmet. Von Gastgebern, deren Einladung man kein zweites Mal annimmt. Schwiegereltern können jedoch zum Härtefall der Gastfreundschaft werden. Denn sie besucht man häufig und oft länger als zum Beispiel Freunde. Ihre nächste Einladung kann man kaum ausschlagen, nur weil man sich beim letzten Mal nicht wohlgefühlt hat. Außerdem begegnet man bei Besuchen nicht nur den Schwiegereltern, sondern manchmal der ganzen Sippe, zum Beispiel bei Geburtstagen oder Familienfesten. Dann sind Geschwister da, Tanten, Onkel oder Großeltern.

Eine andere Familienkultur

Schwiegerkinder sind einer Familienkultur ausgesetzt, die alle für selbstverständlich halten. In manchen Familien herrscht ein derber Humor, der für angeheiratete Partner verletzend sein kann. Manche Familien entspannen sich bei oberflächlicher Konversation, während Schwiegerkinder das Gefühl haben, emotional zu verhungern. Sie fühlen sich austauschbar und erleben kein persönliches Interesse. In anderen Familien wird laut gestritten, schamlos werden Konkurrenzkämpfe ausgetragen, eines der Geschwisterkinder wird noch heute gemobbt oder es gibt eine allseits bewunderte Person, die alle Aufmerksamkeit an sich bindet. All das mag für die Familie in Ordnung sein, doch sobald ein Gast da ist, der nicht aus der Sippe stammt, verpflichtet die Gastfreundschaft zur Rücksicht: Fühlt sich ein Gast mit unserer Familienkultur wohl?

Allen schwierigen Eltern und Schwiegereltern ist gemeinsam, dass sie sich diese Frage nicht stellen. Schwiegerkinder haben dann nur zwei schlechte Möglichkeiten: Entweder leiden sie still oder sie erscheinen als undankbarer, unzufriedener oder überempfindlicher Gast. Denn die Höflichkeit gebietet ja, als Gast dankbar zu empfangen, was man vorfindet. Sich aus dieser Position gegen die Familienkultur zu stemmen, ist zwar nicht unmöglich, aber sehr, sehr schwierig.

Es ist deshalb zuallererst Aufgabe des erwachsenen Kindes, in seiner Herkunftsfamilie echte Gastfreundschaft einzufordern. Oft gelingt das mit geduldiger Aufklärung. Das kann zum Beispiel so klingen:

  • „Papa, ich finde, wir sind eine tolle Familie. Aber in einer Sache sind wir extrem. Ich glaube, dass es nicht viele Familien gibt, in denen so laut gestritten wird. Ich habe mich daran gewöhnt, aber Vanessa fühlt sich dadurch bedroht. Sie hat aber auch das Recht, sich bei uns wohlzufühlen. Vielleicht denkst du jetzt: In meinem Zuhause kann ich mich so verhalten, wie ich es für richtig halte. Das stimmt auch, solange keine Gäste da sind. Wenn du erwartest, dass Vanessa das einfach erträgt, wird sie irgendwann nicht mehr gerne kommen.“
  • „Mama, jetzt ist mal gut. Du merkst wahrscheinlich gar nicht, wie sehr du Tim gerade bedrängst und in welche Verlegenheit du ihn bringst. Wenn ich mit Tims Augen auf unsere Familie sehe, dann fällt mir auf, wie sehr wir uns einmischen und wie schwer es uns fällt, unterschiedliche Sichtweisen einfach mal stehen zu lassen.“
  • „Papa, wir sind als Familie ja nicht so wahnsinnig gut darin, über Gefühle zu sprechen und uns persönlich für andere zu interessieren. Das ist auch okay so. Aber ich fände es schön, wenn du bei jedem Besuch einmal nachfragst, wie es Hanna geht. Das ist eine kleine Geste, die ihr viel bedeuten würde.“

Freie Herzen und Hände

So kann man zur Not immer wieder die gleiche Botschaft aussenden: Schwiegerkinder sind Gäste und verdienen Gastfreundschaft. Keiner kann erwarten, dass sie sich einer fremden Familienkultur einverleiben lassen. Wer seine Gäste schlecht behandelt, muss damit rechnen, dass sie nicht mehr kommen.

Viele Paare, die ich begleitet habe, erleben einen zweiten Frühling, wenn es mit den Schwiegereltern besser wird. Erst im Nachhinein kann das Paar spüren, wie groß die Last war, die es durch die schwierige Beziehung zu den (Schwieger-)Eltern getragen hat. Sie hat so viel Energie gekostet, so viele schwierige Gespräche erfordert und sogar zu Streit in der Paarbeziehung geführt. Paare staunen deshalb über die Leichtigkeit, die in ihre Beziehung einzieht, wenn das Verhältnis zu den Schwiegereltern geklärt ist. Es ist plötzlich mehr Energie da, die ein Paar in lohnende Aufgaben investieren kann.

Jörg Berger ist Diplom-Psychologe und Autor. Er arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis in Heidelberg.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/03/F_Berger_BN_Getty-Images_AleksandarNakic_Getty-E-Plus-scaled-e1678780430340.jpg 2000 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-03-16 12:50:182023-03-16 12:50:18Konflikte mit den Schwiegereltern – was tun?

Was tun, wenn der Teenie kifft? Expertin gibt Rat

Kiffen ist weit verbreitet und gilt als Einstiegsdroge. Wie sollten Eltern damit umgehen, wenn sie ihre Kinder beim Kiffen erwischen? Suchtexperten raten: Das Gespräch suchen und die Hintergründe erfragen.

„Unser Teenie kifft. Wir hatten schon länger den Verdacht, dass er es tut, aber nun haben wir ihn dabei erwischt. Wir machen uns Sorgen, dass er süchtig ist. Wie finden wir das heraus? Wie können wir das Thema ansprechen? Und wo finden wir Hilfe?“

Wenn Jugendliche Cannabis konsumieren, ist dies oft ein vorübergehendes Phänomen. Am Anfang steht häufig die Neugierde. Jugendliche wollen wissen, was es mit diesem Cannabis auf sich hat. Manche Jugendliche kiffen, weil Freunde es tun. Sie wollen an einem Erlebnis in einer Gruppe teilhaben, Neues ausprobieren, Grenzen ausloten, Risiken eingehen – all dies kann dazu beitragen, mehr über sich selbst zu erfahren.

Cannabis birgt viele Risiken

Dass Sie sich Sorgen machen, ist verständlich. Wir raten Eltern, das Gespräch mit ihrem Kind zu suchen. Als Eltern sind und bleiben Sie für Ihr Kind ein zentraler Orientierungspunkt. Dabei gilt es, die Ansichten und Gedanken möglichst unaufgeregt zu vertreten. Wir ermuntern Väter und Mütter, eine gemeinsame Haltung zu vertreten und Cannabis weder zu dramatisieren noch zu banalisieren. Es gibt gute Gründe, weshalb Ihr Kind es nicht konsumieren sollte. Es ist wichtig, dass Sie diese Haltung vertreten.

Je jünger ein Kind ist, desto ausgeprägter sind die Risiken. Vor allem das Gehirn reagiert empfindlicher, weil es noch in der Entwicklung ist. Bei Jugendlichen unter 16 Jahren sind die Risiken zu groß. Kein Konsum sollte das Ziel sein. Auch bei älteren Jugendlichen ist es ratsam, auf Cannabis zu verzichten. Vor allem wenn Cannabis konsumiert wird, um mit Stress umzugehen oder negative Gefühle zu bewältigen, ist das Risiko größer, dass immer mehr konsumiert wird.

Den Gründen auf der Spur

Erklären Sie Ihrem Kind, dass es Ihnen wichtig ist zu erfahren, was das Cannabis zu bedeuten hat. Stellen Sie Fragen zu den Beweggründen, wo und wann es kifft und wie es den eigenen Konsum einschätzt. In unserem Leitfaden „Cannabis. Mit Jugendlichen darüber sprechen. Ein Leitfaden für Eltern“ auf suchtschweiz.ch finden sich Tipps für eine gelingende Gesprächsführung. Bleiben Sie ruhig und verständnisvoll, zeigen Sie Interesse und sprechen Sie über sich selbst. Beschreiben Sie Ihre Haltung, Ihre Beobachtungen und Sorgen. Legen Sie gemeinsam Ziele fest. Wenn Sie möchten, auch schriftlich. Besprechen Sie gemeinsam, was das Kind und was Sie als Eltern brauchen, um diese Ziele zu erreichen.

Wir ermutigen Sie, den Dialog aufrechtzuerhalten und nicht nur auf das Kiffen zu begrenzen: Fühlt sich das Kind wohl in seinem Freundeskreis? Wie läuft es in der Schule oder der Ausbildung? Interesse zu zeigen, fördert den Dialog und erleichtert die Einschätzung, ob Cannabis immer mehr Platz einnimmt.

Wenn man merkt, dass man nicht weiterkommt und es dem Kind zusehends schlechter geht, gibt es immer die Möglichkeit, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Unterstützung für Sie und Ihr Kind bieten Fachstellen für Suchtberatung (suchtindex.ch in der Schweiz, dhs.de in Deutschland oder praevention.at in Österreich), Erziehungs- und Jugendberatungsstellen.

Monique Portner-Helfer ist Pressesprecherin von Sucht Schweiz: suchtschweiz.ch

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/03/Jugendliche_kiffen_GettyImages_LanaStock_GIPlus-e1678707513838.jpg 1048 2119 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-03-14 08:26:592023-03-14 08:26:59Was tun, wenn der Teenie kifft? Expertin gibt Rat
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