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Archiv für die Kategorie: CCN-FEED

Body Positivity: Mit diesen 4 Hacks lernt Ihr Kind seinen Körper lieben

„Mama, ich bin zu dick“ – oft kommen solche Sätze schon im frühen Teenie-Alter. Therapeutin Melanie Schüer erklärt, wie Eltern gegensteuern können.

Auch Kinder werden von Schönheitsidealen beeinflusst und die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper fängt oft früher an, als Eltern lieb ist. Fünf Dinge können Sie tun, um Ihr Kind bei einer positiven Einstellung zum eigenen Körper zu unterstützen:

1. Seien Sie ein Vorbild bei der Selbstannahme

Kinder lernen viel durch Nachahmung. Sie beobachten intensiver, als man oft meint. Deshalb: Achten Sie ab dem Kleinkindalter darauf, wie Sie mit Ihrem Körper umgehen und wie Sie über ihn sprechen. Jammern Sie nicht über Ihre Figur, sondern drücken eher mal Positives aus: „Den Pulli finde ich toll, der steht mir!“

Extremdiäten sind nicht nur für Sie ungesund, sondern auch für Ihre Kinder ist es schädlich, wenn sie sehen, dass ein Elternteil sich beim Essen extrem einschränkt. So können sie nicht lernen, Genuss und Gesundheit miteinander in Einklang zu bringen. Erklären Sie stattdessen, warum der Körper zum Beispiel Vitamine braucht, dass zu viel Zucker ihn krank machen kann etc.

2. Steigern Sie Spaß an Bewegung

Bewegung und Sport sind sehr förderlich für Body Positivity. Dabei sollte es nicht primär um das Erreichen eines Schönheitsideals oder sportliche Bestleistungen gehen, sondern um die Freude an der Bewegung, die gesundheitlichen Vorzüge von regelmäßigem Sport und das gute Gefühl, das sich durch die Ausschüttung von Glückshormonen entsteht. Deshalb versuchen Sie, regelmäßig spaßige Bewegung einzubauen – zum Beispiel Trampolin springen, Seilspringen, Federball im Garten oder Park, Fangen spielen, Spazierengehen und dabei Steine, Kastanien, Stöcke oder ähnliches sammeln … Seien Sie geduldig, wenn Ihr Kind mehrere Sportarten ausprobiert. Viele Kinder brauchen eine Weile, bis sie das Richtige gefunden haben.

Erklären Sie Ihrem Kind, dass Sport gesund ist (zum Beispiel für das Herz-Kreislauf-System, den Rücken, die Konzentration, aber auch die Stimmung und das Wohlbefinden) und es sich selbst damit etwas Gutes tut. Machen Sie aber auch klar, dass es nicht darum geht, abzunehmen oder der/die Beste zu sein.

3. Seien Sie offen für Vielfalt

Wenn Ihr Kind fragt, warum jemand anders aussieht als andere, dann erklären Sie das respektvoll und machen Sie deutlich: Es ist nicht schlimm, anders zu sein. Jeder ist einzigartig, wir sind alle verschieden. Das ist okay und gut so. Lesen Sie mit Ihrem Kind Bücher, die Toleranz und Mut zum Anderssein stärken, beispielsweise „Das kleine Ich bin Ich“ von Mira Lobe oder „Irgendwie anders“ von Kathryn Cave.

4. Unterstützen Sie das Selbstwertgefühl Ihres Kindes

Wenn Ihr Kind sich insgesamt wertvoll fühlt, dann kann es auch besser seinen eigenen Körper lieben. Überschütten Sie es nicht mit Lob – aber ermutigen Sie es immer wieder. Sagen Sie Ihrem Kind ruhig regelmäßig, was Sie an ihm besonders hübsch finden oder was es gut kann – auch körperlich. Vielleicht kann es beispielsweise gut klettern, tanzen, schnell rennen, etwas Schweres tragen oder ähnliches. Oder, wenn es krank war, betonen Sie: „Nun bist du schon wieder gesund, da hat dein Körper echt gut gearbeitet, um wieder fit zu werden!“

Betonen Sie eher seine Anstrengung als die Ergebnisse. Freuen Sie sich mit ihm oder zeigen Sie einfach Interesse, indem Sie Fragen stellen zu dem, was Ihr Kind interessiert. Sagen Sie auch immer mal wieder, wie lieb Sie Ihr Kind haben und wie wichtig es Ihnen ist. Dass es richtig ist, ganz besonders ist – genau so, wie es ist. Zwei tolle Bücher dazu: „Du bist einmalig!“ von Max Lucado und „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich habe?“ von Sam MacBratney.

Melanie Schüer ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Autorin (neuewege.me).

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/09/family_abnehmen-e1632310309411.jpg 1134 2121 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-02-17 09:36:302022-02-17 09:36:30Body Positivity: Mit diesen 4 Hacks lernt Ihr Kind seinen Körper lieben

„Fühle mich fast schizophren“ – Erfolgreiche Erzieherin scheitert oft als Mutter. Dann greift sie endlich durch

Als Anika Schunke Mama wird, muss sie feststellen: Ihre Erziehungstipps kann sie bei sich selbst nicht umsetzen. Doch dann macht es Klick.

Mehr als die Hälfte meines Lebens bin ich Erzieherin, oder, um dem Ganzen den Qualitätsstempel zu verleihen, den es verdient: pädagogische Fachkraft im Elementarbereich. Zehn Jahre lang war ich in derselben Einrichtung tätig, welche zum Großteil dazu beigetragen hat, dass ich heute beruflich so gefestigt bin. Ich stand mit beiden Beinen im Leben, war etwa sieben Jahre lang stellvertretende Leitung, war von Kolleginnen und Eltern geschätzt und machte mich sogar nebenberuflich selbstständig. Ich habe pädagogische Prinzipien, Überzeugungen und Wertvorstellung, die sich in dieser Zeit fest verankert haben. Mir war immer bewusst, dass es etwas anderes sein würde, Mutter zu sein, spielen hier ganz andere Faktoren eine Rolle. Doch was da kommen sollte, wäre mir im Traum nicht eingefallen.

Die erste Zeit mit Baby ist für alle frisch gebackenen Eltern emotional. Daher war es für mich erst mal nicht dramatisch, dass ich nicht so entspannt und ausgeglichen war, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Da sich die Erziehung zu Beginn noch im Rahmen hielt, beruhigte ich mich mit Sätzen wie „Das wird schon noch“, „Ist halt am Anfang so“ etc. Doch mit den Monaten merkte ich, das ich Dinge tat und dachte, die ich als Erzieherin nie tun oder denken würde und von denen ich sogar schon vielfach abgeraten hatte. Und obwohl es mir bewusst war, war es mir nicht möglich, anders zu handeln oder zu denken. Ich fühlte mich schon fast schizophren.

Schock im Bällebad

Zu Beginn waren es Kleinigkeiten. Zum Beispiel saß ich mit meiner etwa fünf Monate alten Tochter in einem öffentlichen Bällebad. Mit jeder Minute, die ich drin saß, mit jedem Ball, den sie anfasste und ablutschte, schrie es lauter in mir. Eine Stimme in mir rief: „Gefahr! Gefahr! Es ist ein Bazillenbad, getarnt als Bällebad.“ Doch ich hielt tapfer durch und lies meine Tochter und ihr Immunsystem lernen und wachsen. Denn die Erzieherin in mir winkte entspannt ab nach dem Motto: „Das ist nicht so wild, im Gegenteil. Und du weißt es.“

Mittlerweile ist meine Tochter fast drei Jahre alt. Wir können uns wirklich nicht beschweren, sie ist ein tolles Kind. Wir haben selten Schwierigkeiten mit ihr und wenn wir es für anstrengend und stressig halten, ist es im Vergleich zu manch anderen Familien harmlos. Aber die Konflikte häufen sich. Sie probiert mehr aus, diskutiert, bekommt kleine Wut- und Trotzanfälle, was eben alles zum Großwerden dazu gehört. Und hierbei macht sich nun die Schizophrenie zwischen Erzieherin und Mutter deutlich bemerkbar.

Ich weiß genau, dass dieses Verhalten völlig normal ist, sogar sein muss, um eine gefestigte Persönlichkeit zu entwickeln. Ich weiß auch, dass es richtig ist, wenn wir konsequent sind. Und trotzdem sitze ich heulend da und frage mich, was hier los ist. Warum kann ich nicht mit meiner gewohnten Professionalität darauf reagieren? Warum stellt sich die emotionale Mutter in mir so sehr gegen die souveräne Erzieherin? Und das, obwohl sie weiß, dass es uns allen besser ginge, wenn sie mehr mitreden könnte.

Erzieherin und Mutter im Dauerstreit

Da gibt es beispielsweise die „Situation Schnuller“. Dieser ist Fluch und Segen. Als Säugling wollte meine Tochter den Schnuller nicht, was ich prinzipiell gut finde. Jedoch hätte sie sonst den ganzen Tag an der Brust gehangen, um sich zu beruhigen, und das wollte und konnte ich nicht zulassen. Also musste der Schnuller Abhilfe schaffen. Mittlerweile ist es so, dass sie ihn ziemlich oft im Mund hat. Und das stört mich. Denn sie ist jetzt fast drei Jahre alt und ich finde, der Schnuller ist nach wie vor zur Beruhigung gedacht, also zu Ausruh- und Schlafenszeiten.

Am meisten stört mich, wenn sie ihn draußen beim Spazierengehen oder beim Radfahren im Mund hat. Ich finde es schrecklich! Denn das Bild ist so kontrovers. Auch wenn die Erzieherin in mir täglich mehrere Elterngespräche mit der Mutter in mir führt, schaffe ich es einfach nicht, ihr den Schnuller nur für die oben genannten Zeiten zu erlauben. Es ist wie eine Blockade.

Streit ums Thema Essen

Genauso ist es mit der „Situation Essen“. Wir legen beide großen Wert darauf, dass sie um gute Tischmanieren weiß. In meinem Erzieheralltag habe ich vielen Kindern unter drei Jahren das selbstständige Essen mit Löffel und Gabel beigebracht. Meine Tochter benutzt immer noch oft die Finger, obwohl es mich stört und ich es anders möchte. Ich habe oft gepredigt, dass Konsequenz das A und O ist, und ich weiß es auch ganz genau. Doch auch hier scheint diese Funktion mit dem Mutterinstinkt nicht kompatibel zu sein. Nach fast einem Jahr Theater, Gemotze und Tränen am Tisch hat die Erzieherin in mir sich doch mal energisch der Mutter gegenüber gezeigt und eine Lösung gefunden.

Die sieht so aus: Wir haben uns dafür entschieden, ihr eine positive Konsequenz anzubieten, wenn sie ordentlich isst. Auf dem Tisch liegen vier Gummibärchen. Wenn wir schimpfen müssen, weil sie ihr Essen rumschmiert, mit der Gabel rumfuchtelt etc. nehmen wir, nach einer Vorwarnung, ein Gummibärchen weg. Das vierte Gummibärchen bekommt sie, wenn sie den Teller leer gegessen hat. Was ihr nicht schmeckt, muss sie allerdings nicht essen.

Die Erzieherin erwacht

So langsam scheint die Erzieherin in mir den Ernst der Lage erfasst zu haben und mischt sich öfter ein. Ich habe das Gefühl, die Mutter in mir ist sehr erleichtert, war sie doch so oft hilflos und verzweifelt, weil sie das nötige Wissen nicht abrufen konnte. Vielleicht hat die Erzieherin in mir einfach ein bisschen Urlaub genommen oder auf Teilzeit gewechselt und das ganze Wissen mitgenommen. Nun beginnen die beiden endlich, als Team zusammenzuarbeiten. Ich merke das daran, dass ich Fachwissen wieder abrufen kann. Ich kann schwierige Situationen und ihren Ursprung besser deuten und angemessen reagieren.

Zum Beispiel in der „Situation Selbstständigkeit“. Mir ist es sehr wichtig, dass meine Tochter sich auch mal selbst beschäftigen kann. Bisher spielte das jedoch keine große Rolle, denn ich habe es als Mutter sehr genossen, viel Zeit mit meiner Tochter zu verbringen. Ich wollte sehen, was sie spielt. Somit war ich oft dabei, wenn sie in ihrem Zimmer gespielt hat. Dies hat aber zur Folge, dass sie es nicht gewohnt ist, sich alleine zu beschäftigen. Also stand wieder ein internes Elterngespräch an, in dem sich Erzieherin und Mutter schnell einig wurden, dass dies geübt werden muss. Die Erzieherin zaubert einige gute Ideen aus ihrem kompetenten, pädagogischen Hut und das Problem wird nun einfach angegangen. Im konkreten Fall heißt das beispielsweise: Während ich sauge, gebe ich ihr eine Aufgabe, welche sie in der Zeit erledigt. Das kann ein Puzzle sein oder etwas zum Nachbauen. So hat sie konkret ein Bild davon, was sie tun soll. Und falls das Saugen länger dauert als die Aufgabe, findet sie eher in ein selbstständiges Spiel.

Ich hoffe sehr, dass sich die nun beginnende, gute Zusammenarbeit nicht mit der Geburt des zweiten Kindes wieder auflöst. Zum Wohle aller.

Anika Schunke lebt in der Nähe von Karlsruhe und ist Erzieherin. Aktuell ist sie in Mutterschutz, arbeitete davor jedoch in einer Kita. Außerdem ist sie Autorin des Buchs „Kleine Räume, großer Spaß“. 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/09/family_erziehung-e1632320321661.jpg 1060 2121 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-02-15 14:23:432022-02-15 14:25:15„Fühle mich fast schizophren“ – Erfolgreiche Erzieherin scheitert oft als Mutter. Dann greift sie endlich durch

10 Tipps: So können Sie den Auszug der Kinder feiern

Wenn die Großen das Haus verlassen, ist das ein wichtiger Moment. Zweifach-Mama Kerstin Wendel gibt Tipps, wie Tag X zum Highlight wird.

Der Tag X – im Leben vieler Familien gibt es ihn: den Tag, an dem der Sohn oder die Tochter das Haus verlässt. Sie brechen auf zum Freiwilligen Sozialen Jahr oder zum Studium, zur Ausbildung oder zur „Weltreise“, um sich mit Work and Travel über Wasser zu halten. Herrliche Freiheit ruft. Großartige Erfahrungen locken. Das pralle Leben wartet. So die Erwartung der Aufbrechenden, verbunden vielleicht mit ein bisschen Wehmut oder Respekt vor dem Neustart ganz allein.

Für die Familie ist Tag X ein großer Einschnitt – für die loslassenden Eltern, das freiheitsliebende Kind, aber auch für eventuell vorhandene Geschwister. Der gemeinsame Alltag mit seiner Routine, der Geborgenheit, dem Spaß und den Möglichkeiten, aber auch mit allen Reibungspunkten wird so in Zukunft nicht mehr stattfinden. Das riecht ein bisschen nach Abschied vor dem Neubeginn.

Erinnerungen teilen

Unsere beiden Kids drängten beide ins Freiwillige Soziale oder Ökologische Jahr „raus ans Meer“. Wir Wendels haben ihre Entscheidungen sehr begrüßt. Wir wissen um unsere Begrenztheit als Eltern und vertrauten darauf, dass unsere Kids woanders gut weiterwachsen würden.

Am Abend vor dem Tag X haben wir jeweils ein Abschiedsfest gefeiert. Nur wir vier (nach Lisannes Auszug wir drei). Es gab leckeres Essen, das ich vorher mit der Familie abgesprochen hatte. Außerdem hat das ausziehende Kind ein persönliches Lesebuch bekommen. Darin waren Erinnerungen und Sprüche aus der Kindheit notiert, gesammelt in den 18 Lebensjahren. Es hat Spaß gemacht, noch mal die eine oder andere Erinnerung zu teilen und kräftig zu lachen. Da gibt es ja genug Stürze, Sprüche, Missgeschicke, Witziges, Chaotisches, was zu den gemeinsamen Erinnerungen gehört. Weißt du noch? Wir haben an dem Abend auch miteinander gebetet und unseren Sohn beziehungsweise unsere Tochter für den neuen Lebensabschnitt gesegnet.

Neustart ohne Auszug

Und was ist, wenn es den Tag X nicht in Form eines Auszuges gibt? Vielleicht bleibt das Kind zu Hause und studiert von dort aus? Oder es hat eine Ausbildung oder einen FSJ-Platz am Heimatort? Oder es ist krank oder behindert, sodass ein Umzug aktuell nicht in Frage kommt? Auch wenn kein Umzug mit dem Neustart verbunden ist, bietet sich ein Fest an. Denn der junge Mensch ist nun erwachsen. Es sollte klar sein, dass er nun mehr Rechte und vielleicht auch mehr Pflichten zu Hause hat. Man kann trotzdem ein Abschiedsfest gestalten, vielleicht auch gemeinsam planen, wie das Miteinander nun weiterlaufen kann. Was gibt es für Wünsche, Hoffnungen, Ideen?

Für mich als Mutter ist die Erinnerung an dieses Abschiedsfest wichtig gewesen, besonders in der Abschiedszeit, die zunächst etwas tränenreich war. Sie hat mir geholfen, in mein neues Leben hineinzufinden.

10 Ideen für ein Abschiedsfest

  • Leckeres Essen vorbereiten
  • Alternativ gemeinsam kochen oder ein Picknick an einem Lieblingsplatz gestalten
  • Erinnerungen von früher teilen: Fotos anschauen, Geschichten vorlesen
  • Gemeinsam beten und das ausziehende Kind segnen
  • Tief miteinander reden: sich für etwas entschuldigen oder wichtige Wünsche für die Zukunft des Kindes aussprechen
  • Einen Film gucken, der typisch für die Kinder- oder Teeniejahre war
  • Das Lieblings-Spiel noch einmal spielen Wenn es ein gemeinsames Hobby gab, dieses noch mal aufleben lassen: beispielsweise Musik machen, etwas gemeinsam basteln, angeln gehen …
  • Möglich ist auch, eine gemeinsame Collage zu erstellen oder auf großem Poster zu notieren: „Woran ich mich gern erinnere …“ Jedes Familienmitglied schreibt oder malt auf, was es mit dem nun Ausziehenden verbindet
  • Ideen für die neue Zeit sammeln

Kerstin Wendel, Referentin und Autorin aus Wetter/Ruhr, findet Abschiedsrituale klasse, weil sie stärken und freisetzen.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/02/family_Abschied.jpg 1414 2120 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-02-11 12:41:542022-02-11 12:41:5410 Tipps: So können Sie den Auszug der Kinder feiern

Mutter unsicher: „Ist es okay, wenn wir uns vor den Kindern streiten?“ – Das sagt die Expertin

Schadet es den Kindern, wenn sie den Streit der Eltern mitbekommen? Nicht unbedingt, sagt Erziehungswissenschaftlerin Daniela Albert.

„Mein Mann und ich streiten uns ab und zu, mal mehr, mal weniger. Neulich hat es am Familientisch so richtig zwischen uns gekracht, und ich frage mich: Ist es okay, wenn man sich vor den Kindern streitet, oder sollte man das besser tun, wenn die Kinder nicht mit dabei sind?“

Es ist ein guter Grundgedanke, nicht vor den Kindern zu streiten. Streit zwischen den Eltern kann bei Kindern zu Verunsicherung führen. Wenn ihre beiden wichtigsten Menschen sich vor ihnen in die Haare bekommen, kommen sie selbst oft in einen Loyalitätskonflikt. Sie haben beide Elternteile lieb und wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen, wenn diese gerade sauer aufeinander sind oder heftig diskutieren.

Dazu kommt, dass Elternstreit bei Kindern auch zu Ängsten führen kann. Gerade wenn diese schon alt genug sind und vielleicht schon einmal mitbekommen haben, dass Erwachsene sich getrennt haben, können sie fürchten, dass das ihren Eltern nun auch passiert. Es gibt also auf den ersten Blick gute Gründe, Streit vor den Kindern zu vermeiden.

Streiten – aber mit Regeln

Tatsächlich gehen hier jedoch in den meisten Familien Wunsch und Realität weit auseinander. Und das ist auch gar nicht so schlimm, wenn man ein paar Regeln beachtet. Wichtig ist, eine Streitkultur zu pflegen, in der kein Elternteil das andere abwertet, wissentlich kränkt oder beleidigt. Wir Menschen sind unterschiedlich impulsiv und folglich streiten manche Paare lautstärker und gefühlsgeladener als andere.

Bis zu einem gewissen Maß darf das so sein, denn unsere Kinder dürfen auch unsere Temperamente kennenlernen. Doch gerade wenn man von sich weiß, dass man zu sehr starken Gefühlsausbrüchen neigt, ist es wichtig, im Beisein der Kinder rechtzeitig die Reißleine zu ziehen und beispielsweise zum Durchatmen den Raum zu verlassen. Wenn Fragen zu tief gehen, für Sie als Eltern zu emotional besetzt sind oder schwere Themen betreffen, sollte eine Diskussion tatsächlich vertagt werden und nicht vor den Kindern stattfinden.

Streit kann lehrreich sein

Wenn wir so vor unseren Kindern streiten, können diese am Ende sogar etwas dabei lernen. Sie bekommen von Anfang an mit, dass Menschen verschiedener Meinung sein können, ja sogar einmal richtig in Konflikt miteinander geraten und sich trotzdem noch liebhaben. Sie können sehen, dass Meinungsverschiedenheiten keinen Beziehungsabbruch bedeuten müssen und nichts Bedrohliches sind. Sie können so selbst lernen, für sich einzustehen und keine Konflikte zu scheuen.

Doch das Wichtigste, was sie von uns lernen können, ist, sich nach dem Streit wieder zu vertragen. Generell halte ich viel davon, sich Dinge nicht lange nachzutragen und sie schnellstmöglich zu klären. Wie wäre es mit einer für die Kinder sichtbaren Versöhnung, sobald der Essenstisch abgeräumt und das Streitthema geklärt ist? Falls es einmal nicht so schnell gehen kann, finde ich es wichtig, den Kindern hinterher zumindest zu erzählen, dass der Streit geklärt ist und man sich wieder vertragen hat.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern– und Familienberaterin (familienberatung-albert.de). Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel und bloggt unter eltern-familie.de. 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/02/family_streit.jpg 1414 2121 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-02-08 13:18:392022-02-08 13:18:39Mutter unsicher: „Ist es okay, wenn wir uns vor den Kindern streiten?“ – Das sagt die Expertin

Streit mit der Teenie-Tochter: Expertin verrät, wie Sie die Situation entschärfen

Die Pubertät ist eine Zerreißprobe für Eltern. Pädagogin Stefanie Diekmann gibt Tipps, was sie tun können, wenn das Kind sie zur Weißglut bringt.

„Meine Teenie-Tochter (15) und ich rasseln immer häufiger aneinander, ja, sie bringt mich richtig zur Weißglut! Neulich habe ich sie angeschrien und mich danach total schrecklich gefühlt – sie sich natürlich auch. Wie kriege ich es hin, meine Wut unter Kontrolle zu halten, ihr aber auch zu vermitteln, wo sie meine Grenzen überschreitet?”

Diese Zeiten fordern viel – von Eltern und den Teens. Gerade war man als Familie noch ein eingespieltes Team, nun trifft die Pubertät mit irritierenden Pfeilen in die vertrauten Beziehungen. Die Heranwachsenden suchen Halt in ihrer sich so stark verändernden Welt. Halt, den sie sich tatsächlich besonders in der Familie suchen. Paradoxerweise geschieht dies gerade bei Vertrauten durch Pöbeln, Motzen, Provozieren und Boykottieren. Paradoxerweise, denn das Abgrenzen durch Bemerkungen und Sticheleien fühlt sich nicht an, als würde der oder die Jugendliche Halt suchen.

Ja, Teenager sind gute Beobachter und haben über ihre Eltern durch die gemeinsame Lebenszeit ausreichend „belastendes“ Material angesammelt. Mit wenigen Bemerkungen werden Treffer gelandet, die gerade Eltern schmerzhaft aus dem Gleichgewicht bringen. Nicht selten sind Schnappatmung, plötzlicher Zorn und Empörung nach einem gut gesetzten Teenie-Blick oder Kommentar die Begleiterscheinungen für Eltern von Pubertierenden auf der Suche nach Halt.

Grenzen klar machen

Gerade weil der junge Mensch Halt sucht, ist es notwendig, dass Eltern bewusst ihr Stoppschild sichtbar machen. Geben Sie Ihrer Tochter Halt durch eine klare Haltung. Bedenken Sie: Ihre Tochter bringt zwar persönlich verletzende Argumente vor, es geht ihr aber nicht um die Beziehung.

Sie testet unbewusst: Halten meine Eltern das aus? Sie als Eltern dürfen die angespannte Situation verlassen, sich gegebenenfalls sogar gegenseitig an das Verlassen erinnern. Einige Familien einigen sich auf Codewörter, die beide Seiten nennen dürfen. Andere verabreden zusammen, dass sie nicht das Haus verlassen, aber im Schlafzimmer ungestört sein können.

Ins Gespräch kommen

Das Verlassen der akuten Situation erscheint Eltern paradox, weil sie ihren aufgeplusterten Giftschützen unbedingt im Vollzug das „So nicht!“ verdeutlichen und ihre Macht demonstrieren wollen. Das fördert aber eher den Willen nach Unabhängigkeit des Jugendlichen und eine weitere Stufe der Emotionen wird freigeschaltet. Die gewünschte Einsicht ist allein von der Gehirnbeschaffenheit im Streit nicht möglich und führt eher zu Eskalationen, die die Beziehung sehr belasten.

Nehmen Sie in einem ruhigeren Moment das Gespräch mit der Tochter wieder auf. Rutschen Sie dabei nicht auf ihre Stufe und reagieren Sie nicht nachtragend. Die Frage: „Wie ging es dir im letzten Streit mit mir?“ hilft, sich gegenseitig neu kennenzulernen und den wirklichen emotionalen Druck des Haltsuchenden als Eltern zu verstehen. Dabei kann auch zur Sprache kommen, welche verletzenden Kommentare Sie von Ihrem austickenden Teen nicht mehr hören möchten. Im Gespräch zu bleiben, ist die Grundvoraussetzung für das Überleben der Beziehungen. Dann kann es auch nach Turbulenzen später wieder Humor und Respekt geben.

Stefanie Diekmann ist Pädagogin, Trainerin für Eltern und Autorin. Sie gestaltet mit ihrem Mann die Kirchengemeinde EFG Göttingen und genießt ihre Familie. 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/02/family_teenager.jpg 1415 2119 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-02-03 09:47:112022-02-03 09:47:11Streit mit der Teenie-Tochter: Expertin verrät, wie Sie die Situation entschärfen

Paartherapeut: Eine Fähigkeit verbessert den Sex. Aber sie ist schwer zu erlernen

Um die Erotik auch bei langjährigen Beziehungen aufrechtzuerhalten, braucht es laut Jörg Berger nicht viel. Aber Paare müssen dafür etwas wagen.

„Hat seine Wirkung nicht verfehlt“, schreibt Heinz-Dieter in der Bewertung in der Shop Apotheke. Früher waren es Tollkirsche, Muskat oder auch die Tomate als „Liebesapfel“, heute heißen sie Libido Lady oder libiLoges (Heinz-Dieters Wahl). Mittel, die unser Begehren steigern oder uns sogar begehrenswerter machen – das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Gleichzeitig gibt es kaum ein Paar, das sich nicht einmal Gedanken um die Erotik in seiner Beziehung macht. Ist die Anziehung zwischen uns noch so, wie wir es uns wünschen? Ist es normal, wenn die Intensität unserer sexuellen Begegnungen nachlässt?

Tatsächlich gibt es das: Ein Liebesmittel, das unser Begehren weckt und uns begehrenswerter macht. Es wirkt biochemisch. Trotzdem können wir es in keiner Apotheke kaufen. Es ist teuer. Doch wir bezahlen nicht mit Geld, sondern mit Mut. Das Liebesmittel ist die seelische Nähe, die ein Paar wagt, ein Lebendigsein in der Gegenwart des anderen. Sie entsteht durch Offenheit. Denn allein die räumliche Nähe schafft noch keine seelische Nähe. Zwei Gefangene können sich die Zelle teilen, ohne sich nahezukommen, zwei Kranke das Zwei-Bett-Zimmer oder auch ein pensioniertes Paar den ganzen Alltag. Seelische Nähe erfordert den Mut zur Offenheit und den Mut, den Partner so willkommen zu heißen, wie er wirklich denkt, fühlt und handelt. Aber tun wir das nicht ganz selbstverständlich? Und falls nicht, warum nicht?

Was ist psychische Nähe?

Wie lange können Sie Ihrem Partner in die Augen schauen, ohne dass es peinlich wird? Wie lange können Sie den Körper des anderen einfach betrachten oder aufmerksam berühren? Und wann wird das irgendwie unangenehm? Wie offen teilen Sie Ihre Gedanken, Gefühle, Bedürfnisse und Gelüste mit? Wie lange fühlen sich beide sicher, wenn Tränen fließen?

Jedes Paar reguliert seelische Nähe. Es wagt Nähe und löst sie wieder auf: ansehen und wegsehen, die Intimität eines Schweigens zulassen und durch Humor wieder vertreiben, tiefe Gefühle offenbaren und dann sagen, dass sie kein Drama sind, einem Herzensleid Raum geben und dann nach einer Lösung suchen.

Das Mittelmaß ist wichtig

Offenbar haben wir ein Gefühl dafür, wie viel Nähe gut ist. Wir sorgen dafür, dass sie nicht zu viel und nicht zu wenig wird. Wir wollen uns dem anderen nicht auf eine Weise zumuten, die vielleicht unangenehm oder bedrohlich wird. Jeder hat als Kind auch die Erfahrung gemacht, einem Elternteil mit den eigenen Bedürfnissen und Verhaltensweisen zu viel zu sein. Das hat uns geprägt. Außerdem kann Nähe bei einem selbst zwiespältige Gefühle auslösen, zum Beispiel Unsicherheit oder Verpflichtung. Wenn wir eine entspannte Zeit haben wollen, regulieren wir seelische Nähe am besten auf ein gutes Mittelmaß. Aber wir können auch mehr seelische Nähe zulassen. Das setzt stärkere Gefühle frei. Wir werden lebendiger und drücken uns tiefer aus. Das kommt auch dem Sex zugute.

Mehr seelische Nähe zulassen bedeutet allerdings auch: mehr Scham, mehr Unsicherheit und mehr Schuldgefühle erleben. Billiger bekommen wir seelische Nähe nicht. Wir können diese Gefühle aber zulassen und annehmen. Sie sind menschlich. Mit der Zeit werden wir uns immer sicherer dabei fühlen. Außerdem können wir den anderen liebevoll unterstützen, wenn sie/er sich schämt, unsicher oder schuldig fühlt. Wie das aussieht und was das ermöglicht, kann ich an einem Beispiel aus der Sexualtherapie zeigen. Ich habe es verfremdet und andere Namen gewählt.

Ein Beispiel: Von wenig Lust auf Sex zu mehr Sex

Marit lernt für Prüfungen. Sie ist gestresst und das wird noch ein paar Monate dauern. Auf Sex lässt sie sich nur ein, wenn sie sich entspannt fühlt, und das kommt gerade selten vor. Gleichzeitig fühlt sie sich schuldig, weil sie so wenig auf Svens Bedürfnisse eingeht und diejenige ist, die bestimmt, was geht und was nicht. Sven ist ausgehungert und fast immer offen für Sex. Er versucht aber, kein Begehren aufkommen zu lassen. Denn er will den sexuellen Frust nicht spüren. Außerdem will er Marit nicht bedrängen. Was würden Sie den beiden raten?

Marit und Sven haben ihre Toleranz für seelische Nähe gesteigert. Denn Marit lässt sich nun auch auf Zärtlichkeiten ein, wenn sie gestresst ist. Das entspannt sie und sie öffnet sich für Svens Nähe, wenn sie unausgeglichen ist. Der Preis ist: Marit mutet sich Seiten zu, die sie selbst an sich nicht mag, ihre schlechte Laune und Gereiztheit zum Beispiel. Sie muss außerdem manchmal dazu stehen, dass Zärtlichkeiten nicht zum Sex führen. Mehr geht dann einfach nicht. Nun schämt sie sich und fühlt sich auch schuldig: Sie hat Sven Lust gemacht und muss sich zurückziehen.

Sven kann seinen Frust und seine Ungeduld dann nicht immer verbergen. Aber für all das gibt es nun eine Erlaubnis. Es darf so sein. Sven hilft Marit sogar, sich nicht schuldig zu fühlen, Marit bejaht Svens Frust und nimmt ihn nicht persönlich. Die beiden haben nun häufiger Sex als vorher. Denn Marit nutzt auch die Vielleicht-kommt-die-Lust-ja-Situationen, nicht nur die sicheren, entspannten Abende. Doch noch wertvoller ist die gewachsene seelische Intimität. Beide bringen tiefere Gefühle in die sexuelle Begegnung ein. Sie sind spontaner und zeigen mehr von sich. Sie folgen zwar immer noch einem vertrauten Ablauf, aber durch das, was sie von sich zeigen, erleben sie es immer anders.

Zu Lust und Unlust stehen

Hier sehen wir, wie seelische Nähe – wenn wir sie wagen – den Sex belebt. Je mehr wir in der sexuellen Begegnung von uns zu zeigen wagen, desto spannender wird sie. Auch wenn es manchmal Mut kostet, zur eigenen Lust und Unlust zu stehen, spontane Gedanken und Gefühle zu zeigen oder einer Neugier zu folgen, ohne vorher zu wissen, wie das für den anderen ist. Mut kostet es, weil wir beim anderen auch einmal einen Schreck auslösen, eine Abwehr oder ein Unbehagen. Aber genau das macht seelische Nähe aus, dass beide mit allem sein dürfen, was sie denken, empfinden und brauchen, und so reagieren dürfen, wie sie eben reagieren. Dabei setze ich voraus, dass dies einigermaßen taktvoll geschieht und keiner mit harter Kritik oder langem Rückzug belastet wird. Man könnte zwar auch bei Kritik oder Rückzug behaupten: „Ich bin authentisch und drücke so meine Gefühle aus.“ Aber das stimmt ja nicht, denn die wahren Gefühle bleiben hinter der Kritik oder dem Rückzug verborgen.

Wer seelische Nähe wagt, fördert auch die erotische Polarität. Idealerweise baut sich im Alltag eine erotische Spannung auf, die sich im Sex entlädt. Spannung entsteht zwischen Polen. Romane und Filme spielen mit der Polarität: die Karrierefrau und der Chaot, der Snob und die Frau aus einfachen Verhältnissen, der Vernunftmensch und die verhängnisvoll leidenschaftliche Femme fatale. Auch unsere Liebesbeziehungen spielen sich zwischen solchen Polen ab.

Gegensätze ziehen sich an

Bei größeren Projekten – einem großen Ausmisten oder einem Umzug zum Beispiel – packt mich Furor, eine aggressive Entschlossenheit. Sie erleichtert Entscheidungen. Sie hilft, unsere Pläne auch gegen Widerstände zu behaupten. Meine Frau kann mit meiner Aggression besser umgehen, seit ich sie mit Worten ankündige oder zu ihr stehe, wenn sie sich nicht verbergen lässt. Denn dann ist klar, dass meine Frau ihren Pol ruhig auch ausleben darf. Sie hält meiner Geradlinigkeit dann Feingefühl entgegen, das auch mal wartet oder einen Umweg geht. Auch wenn das Konfliktpotenzial birgt, ergänzen wir uns. Gleichzeitig beleben solche Situationen unsere Beziehung auch in erotischer Hinsicht. Es wird eine Polarität spürbar, die vielleicht schon zu Beginn unserer Liebe Anziehungskräfte ausgeübt hat.

Andere Pole sind: stille Tiefgründigkeit und spritzige Geselligkeit, Sparsamkeit und Großzügigkeit, Gewohnheit und Veränderung, Berührbarkeit und Robustheit, Disziplin und Freiheit, Selbsthingabe und Durchsetzung. Die seelische Nähe nimmt zu, je mehr sich die Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse beider Pole zeigen dürfen und in der Beziehung Raum finden. Auch wenn wir Spannungen nicht unbedingt in unserer Beziehung brauchen, hält uns die Spannung lebendig. Manchmal würden wir den anderen lieber auf unseren Pol ziehen. Das Miteinander wäre dann einfacher. Aber statt echter Nähe hätten wir dann nur ein Arrangement, bei dem sich beide beschneiden und vieles für sich behalten. Warum sollten wir jemanden begehren, der uns immer ähnlicher wird? Warum verschmelzen mit einem Menschen, der sein Geheimnis verloren (nein! – nur vor uns verborgen) hat und uns kaum mehr schenken kann als das, was wir von uns selbst kennen?

Sex auf Platz zwei

Die Psychologie der seelischen Nähe ist mir in einer Hinsicht sympathisch. Sie verweist den Sex auf den zweiten Platz. Dort gehört er hin. Manchmal ist er ein Zeichen, wie es um die Liebe steht. Unsere Sehnsucht nach erfüllendem Sex verweist uns auf etwas Wichtigeres. Michael Lukas Moeller, Professor für Medizinische Psychologie und Paartherapeut, beschrieb das so: „Seit Menschengedenken sind alle Kulturen erpicht auf Liebesmittel, Aphrodisiaka. Mit den Beziehungen der Paare – kann man daraus schließen – stand es schon immer nicht zum Besten. Denn was ist das wirksamste Aphrodisiakum? Jeder weiß es, keiner wagt es, die Einsicht auszusprechen: das lebendige Paar.” (aus: Die Wahrheit beginnt zu zweit, S. 113)

Jörg Berger ist Psychotherapeut und Paartherapeut in Heidelberg. Neben Ratgebern veröffentlicht er Online-Kurse, die Paaren helfen (epaartherapie.de; derherzenskompass.de/schwereliebe).

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/02/family_naehe.jpg 1414 2121 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-02-01 15:35:402022-02-01 15:35:40Paartherapeut: Eine Fähigkeit verbessert den Sex. Aber sie ist schwer zu erlernen

Kind in die Schule schicken: Drei Gründe dafür – und zwei dagegen

Seit Dienstag können Berliner Eltern selbst entscheiden, ob sie ihr Kind zur Schule schicken möchten oder nicht. Wir geben eine Entscheidungshilfe.

Die Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) teilte am Montag,  24. Januar, überraschend mit, dass die Präsenzpflicht in Schulen bis Ende Februar aufgehoben wird. Grund dafür sind die neuen Quarantäne-Regeln der Berliner Amtsärzte: Nur noch infizierte Schülerinnen und Schüler müssen isoliert werden. Andere Mitschülerinnen und -schüler müssen nicht mehr in Quarantäne, selbst wenn sie direkte Sitznachbarn gewesen sind. Besorgte Eltern können nun ihr Kind zu Hause lassen, müssen dann aber auch sicherstellen, dass es seine Aufgaben zu Hause erledigt. Was spricht dafür, sein Kind weiter in die Schule zu schicken? Und was dagegen?

Pro Schule: Lernrückstände aufholen

  1. Isolation verstärkt negative Folgen. Bewegungsmangel, Übergewicht, Einsamkeitsgefühle: Die Pandemie hat so einiges im Leben vieler Schülerinnen und Schüler zum Unguten verändert. In der bundesweiten COPSY-Studie berichteten beispielsweise 83 Prozent der Kinder und Jugendlichen von einem Rückgang ihrer sozialen Kontakte während der Lockdowns. Gehen sie nun nicht mehr in die Schule, könnten sich diese negativen Entwicklungen verstärken.
  2. Lernrückstände sollten minimal bleiben. Die Lerneinbußen bei Kindern im Grundschulalter waren im ersten Lockdown besonders groß. Bei ihnen ging rund ein Viertel Schuljahr verloren. Besonders Kinder und Jugendliche aus Familien, in denen die Eltern einen niedrigen Bildungsabschluss haben, haben aktuell zu kämpfen. Das Lernen ist für sie anstrengender, der schulische Alltag nicht gut zu bewältigen. Zuhause können sie nicht genug Hilfe bekommen, sie brauchen die persönliche Unterstützung durch Lehrkräfte.
  3. Hybridunterricht überfordert. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands Heinz-Peter Meidinger hält die Aufhebung der Präsenzpflicht an Berliner Schulen für falsch. Ein geordneter Unterrichtsbetrieb und ein angemessener Lernfortschritt seien kaum möglich. Denn die gleichzeitige Betreuung von Präsenz- und Distanzlernenden durch Lehrkräfte sei im Grunde nicht umzusetzen, sagte Meidinger dem Nachrichtenportal „Business Insider“ am Dienstag.

Contra Schule: Die Infektionszahlen sind enorm

  1. Infektionszahlen steigen massiv. Die Inzidenz bei den Fünf- bis 14-Jährigen liegt in Berlin aktuell bei 3.667. Hoch sind auch die Infektionsraten bei Erzieherinnen und Erziehern sowie Lehrkräften. Angesichts immer neuer Omikron-Infektionen den Schulbetrieb einfach weiterlaufen zu lassen, bezeichnete der Linken-Politiker Carsten Schatz gegenüber dem rbb als „Russisch Roulette“. Er fordert zudem, die Winterferien um eine Woche zu verlängern und Wechselunterricht zu erlauben.
  2. Der Zeitraum ist begrenzt. Berlins Bürgermeisterin Franziska Giffey wies bei der Talkveranstaltung „Tagesspiegel Live“ am Mittwochabend, 25. Januar, darauf hin, dass am Freitag bereits die Winterferien starten. Danach seien es nur noch 15 Schultage, bis die Präsenzpflicht wieder aufgehoben wird. Gerade in diesen Tagen wäre nochmal eine besonders hohe Inzidenz zu erwarten. „Ich hoffe, dass wir dann so weit sind, dass die Zahlen wieder runtergehen“, so Franziska Giffey.

Sarah Kröger ist freie Journalistin und Projektmanagerin und bloggt unter neugierigauf.de zu Themen wie Familie, Digitales, Arbeit, Soziales und Nachhaltigkeit.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/01/family_Maedchen_schreibt.jpg 1514 1920 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-01-28 14:35:442022-01-28 14:35:44Kind in die Schule schicken: Drei Gründe dafür – und zwei dagegen

Besser als gedacht: Debora und ihr Mann gestalten ihre Ehe mit einem Business-Tool

Eigentlich soll die Methode „OKR“ Unternehmen nach vorne bringen. Debora Herwig und ihr Mann haben sie im Familienalltag ausprobiert, mit erstaunlichem Ergebnis.

Ein Business-Tool für die Ehe? Und das soll ein Ehekurs sein? Für mich klang OKR, also „objectives and key results“ (Ziele und Schlüsselergebnisse) nach Arbeit, nach Zielen und Unternehmensplänen, sehr fremd und wenig einladend. Außerdem war ich mit unserem Sohn im Kleinkindalter so ausgelastet, dass ich keinen Nerv dafür hatte, mir eine Ehe-Vision zu überlegen, die ich auch noch umsetzen soll. Mein Mann war jedoch sofort Feuer und Flamme, als er vom Seminar „OKR für Paare“ hörte. Mit OKR ist er vertraut, da er die Methode im Beruf anwendet.

Wir hatten uns bei unserer Hochzeit vor sieben Jahren vorgenommen, einmal im Jahr etwas ganz Besonderes für unsere Ehe zu tun. Wir gönnen uns zum Beispiel ein Wochenende zu zweit oder einen Ehekurs, um unserer Beziehung etwas Gutes zu tun und sie frisch zu halten. Der Kurs „OKR für Paare“ war aber ganz anders gestrickt als die Ehekurse, die wir bereits besucht hatten.

Partner entwickeln eine gemeinsame Vision

Wie können wir unser Leben so gestalten, dass wir uns nach unseren Zielen ausrichten und unsere Wünsche und Bedürfnisse Erfüllung finden? Genau darum geht’s bei „OKR für Paare“. Das fand ich spannend und überzeugend. Es gibt in diesem Kurs keinen Input zu klassischen Beziehungsthemen. Wir lernten eine Methode kennen, die uns in kurzer Zeit helfen sollte, das Leben zu leben, das wir uns wünschen. Es geht dabei um eine Ehe mit Sinn und tiefer Verbundenheit zum Ehepartner – trotz vieler Aktivitäten und begrenzter Zeit im Alltag.

Zunächst entwickelten wir eine gemeinsame Ehe-Vision basierend auf der Fragestellung: Wie soll unser (Ehe-)Leben in den nächsten Jahren aussehen? Dann arbeiteten wir eine Mission aus und definierten fünf Strategiefelder oder Bereiche, in denen wir diese Vision leben wollen.

Konkret sieht dies bei uns so aus: Wir haben viele großartige Menschen um uns herum, die nicht wissen, wie wertvoll sie sind und wie sie ihre Begabungen entfalten können. Wir haben daher die Vision entwickelt: „Die Welt blüht auf, weil Menschen eine neue Perspektive leben.“ Davon abgeleitet haben wir die Mission: „Menschen in unserem Umfeld erkennen ihren Wert und leben ihre Berufung.“ Dafür schlägt unser Herz! Zuallererst möchten wir diese Mission bei unseren Kindern und den Menschen um uns herum leben. Zusätzlich habe ich mich als Lebens- und Familienberaterin selbstständig gemacht. Mein Mann ist als Mentor für junge Männer tätig.

Leitfragen bestimmen den Alltag

Nun kann man große Visionen haben, ohne dass sie im Alltag eine Rolle spielen. Und irgendwann fragt man sich, welches Leben man eigentlich gelebt hat. Genau hier kommen die OKRs ins Spiel. Abgeleitet von den großen Linien werden viermal im Jahr konkrete Wünsche, Bedürfnisse und Ziele für die nächsten drei Monate entwickelt. Hierbei geht es nicht um To-do-Listen. Die Leitfrage lautet vielmehr: Wie soll sich unser Leben in drei Monaten anfühlen? Und woran erkennen wir, dass dabei herauskommt, was wir möchten? Die OKRs werden dann in einem „Wochencheck“ besprochen.

Wir wünschen uns mehr Ruhe und Zeit für uns? Wir wünschen uns eine tiefere Beziehung zu unseren Kindern? Wir möchten uns geliebt fühlen? All dies können Ziele für ein Quartal sein.

Eines unserer Strategiefelder ist zum Beispiel unsere wachsende Familie. Ein weiterer Sohn bereichert mittlerweile unsere Familie. Wir haben uns vorgenommen, dass wir herausfinden, was unseren Kindern Freude bereitet, und bauen dies bewusst in unseren Alltag ein. Unser Erstgeborener spielt gerne mit Wasser. Erst kürzlich wollte er mir in der Küche helfen und hat für mich „gespült“. Ich wusste, dass er danach von oben bis unten nass sein und die ganze Küche unter Wasser stehen würde. In unserer Strategie steht jedoch, dass unser Sohn glückliche Momente erleben soll, in denen er zum Beispiel „nass ist“. So konnte ich mich über seine Hilfe beim Spülen freuen, auch wenn das für mich hinterher viel Arbeit bedeutete.

Mehr Glück durch Wochenchecks

In unserer Strategie haben wir auch die Beziehungen zu unseren Herkunftsfamilien angeschaut und überlegt, wie wir diese leben möchten. Die Oma von meinem Mann ist schon alt. Es ist uns wichtig, dass unsere Kinder eine gute Beziehung zu ihr aufbauen können und wir die Zeit nutzen, die wir (noch) mit ihr haben. Konkret wurde daraus ein regelmäßiges Essen bei ihr zu Hause. Dass wir unser Abendbrot in einen Korb packen und zu ihr fahren, bedeutet für uns wenig Mehraufwand, es bereichert aber unsere Beziehung zu ihr. Das macht einen großen Unterschied.

Auch unsere Paarbeziehung ist ein wichtiger Teil unserer Strategie. Dort haben wir festgehalten, dass wir uns jede Woche Zeit als Paar nehmen, dass wir uns gemeinsam engagieren wollen, uns ein gemeinsames Hobby suchen wollen und unsere Kinder merken sollen, dass wir uns lieben. Hierzu haben wir uns überlegt, wann wir uns selbst vom anderen geliebt fühlen und dann immer beim Wochencheck reflektiert, wie stark wir dies in der vergangenen Woche erlebt haben. Das klingt im ersten Moment unromantisch, jedoch ist der Vorteil, dass wir unsere konkreten Wünsche im Blick haben, unsere Beziehung im Alltag bewusster gestalten und dadurch glücklicher sind.

Schwierige Gespräche, gutes Ergebnis

Der Wochencheck hilft nicht nur, die gemeinsame Entwicklung im Blick zu behalten, er schafft auch eine tiefe Verbindung zueinander, weil wir uns intensiv darüber unterhalten, wie es uns geht, was uns beschäftigt, was uns fehlt … Diese Gespräche sind sehr wertvoll, auch wenn sie ab und an schwierig sind, da es hier ans Eingemachte geht. Uns wird immer wieder deutlich, dass es schmerzhaft ist, wenn Bedürfnisse und Wünsche im Alltag untergehen. Manchmal stehen sich Bedürfnisse auch gegenseitig im Weg. So wünsche ich mir Sicherheit und Zeit mit der Familie, während mein Mann seine Selbstständigkeit gerne ausbauen möchte. Es ist herausfordernd, solche Themen zu klären, gleichzeitig ist es sehr wichtig, hinter unsere Wünsche und Ziele zu schauen. Genau solche Knackpunkte zu besprechen, die Bedürfnisse herauszufinden und vielleicht auch ganz neue Lösungen zu finden – dafür bietet die Methode einen guten Rahmen.

Nach über einem Jahr mit „OKR für Paare“ können mein Mann und ich diese Methode wärmstens empfehlen. Mit geringem zeitlichem Aufwand kann sich viel Positives in der Ehe und im Alltag verändern – das ist beeindruckend!

Debora Herwig ist Diakonin und Systemische Beraterin (deboraherwig.de). Sie lebt mit ihrer Familie im Kreis Calw im Nordschwarzwald.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/01/family_lachen.jpg 1414 2121 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-01-26 11:41:242022-01-26 11:41:24Besser als gedacht: Debora und ihr Mann gestalten ihre Ehe mit einem Business-Tool

Unfälle vermeiden: So einfach machen Sie Ihre Wohnung babysicher

Im Kleinkindalter passieren die meisten Unfälle drinnen. Andreas Kalbitz von der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder zeigt, wo die Fallstricke liegen.

Was gehört ins Babyzimmer?
Neugeborene brauchen eine gewisse Grundausstattung: ein Kinderbett, eine Wickelkommode, einen Schrank, ein Regal fürs erste Spielzeug oder Bücher. Der Wickeltisch sollte eine hohe Umrandung haben und möglichst in einer Zimmerecke stehen, das vermindert die Sturzgefahr. Lassen Sie beim Wickeln immer eine Hand am Kind und lassen Sie es nie unbeaufsichtigt. Die Möbel sollten stabil angebracht werden, damit sie dem Kind nicht entgegenkommen, wenn es sich daran festhält oder hochzieht. Mein Rat bei der Einrichtung: Weniger ist mehr! Das gilt sowohl für kleine als auch für ältere Kinder. Ein Zuviel schadet nicht nur der Orientierung, sondern erhöht auch die Unfallgefahr. Denn wo viel herumliegt, gibt es auch viele Stolperfallen.

Was sollten Eltern beim Einrichten ihrer Wohnung beachten?
Begeben Sie sich in die Perspektive Ihres Kindes. Wie sieht die Wohnung aus diesem Blickwinkel aus? Vielleicht fallen Ihnen Dinge auf, die bei Ihrem Kind Neugierde wecken könnten. Natürlich sollen Kinder die Welt entdecken dürfen. Fragen Sie sich aber, mit welchen Dingen eine Unfallgefahr einhergehen könnte: herunterhängende Kabel eines Wasserkochers zum Beispiel, Pfannenstiele, die den Herdrand überragen, herumliegende Stromkabel, die zu Stolperfallen werden könnten, und – ganz klassisch – ungesicherte Steckdosen oder Treppen.

Stürze häufigste Kinderunfälle

Was sind zu Hause die häufigsten Kinderunfälle?
Im Alter zwischen null und sechs Jahren sind es zu zwei Dritteln Stürze. Während die Kleinen häufig vom Wickeltisch stürzen, stürzen ältere Kinder häufig vom Hochbett oder beim Toben. Hinzu kommen Verbrühungen und Verbrennungen. Diese können bei den Kindern schwerwiegende Folgen haben. Eine Tasse Kaffee reicht aus, um einen kritischen Anteil der Körperfläche eines Babys zu verbrühen! Was auch vorkommt, sind Stromunfälle durch das Fassen in Steckdosen oder Vergiftungen durch Wasch- und Reinigungsmittel. Auch beim Baden kommt es zu Unfällen. Hier gilt: Immer beim Kind bleiben und die Aufsicht nicht aufs ältere Geschwisterkind übertragen, weil es im Krisenszenario noch nicht in der Lage ist, damit umzugehen. Im Sommer kommt es häufiger zu Stürzen aus Fenstern oder von Balkonen. Hier darauf achten, dass die Türen und Griffe gesichert sind und keine Steighilfen wie Hocker oder Kisten in der Nähe stehen.

Manche Eltern achten auf schadstofffreie Möbel. Ist das wichtig?
Schadstoffe können tatsächlich gesundheitliche Auswirkungen haben, bis hin zu hormonellen Veränderungen. Hier kann man sich an Öko-Siegeln orientieren. Das gilt übrigens auch für Spielzeug, das ja oft in den Mund genommen wird, und für Kleidung, die den ganzen Tag auf der Haut der Kinder aufliegt.

Interview: Ruth Korte

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/01/family_sicherheit.jpg 1414 2121 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-01-21 12:13:332022-01-21 12:13:33Unfälle vermeiden: So einfach machen Sie Ihre Wohnung babysicher

Streit mit erwachsenen Kindern: „Hört auf, mich ständig kontrollieren zu wollen“, schreibt Daniel per WhatsApp

Wenn junge Erwachsene den Eltern Vorwürfe machen oder Forderungen stellen, wird das Bild einer guten Beziehung schnell zerrüttet. Wie Sie in solchen Situationen reagieren können.

„Hört auf, mich ständig kontrollieren zu wollen, das habt ihr bis jetzt mein ganzes Leben lang gemacht!“ Diesen Satz knallte uns Daniel (Name geändert), unser 20-jähriger Sohn, per WhatsApp hin. Obwohl schon tagelang heftige Diskussionen liefen, ließ mich dieser Vorwurf erst einmal völlig gelähmt aufs Sofa sinken.

Es ging um ein Konto für Ausbildungszwecke, über das er selbst verfügen wollte. Ein kräftiger Streit folgte mit der immer stärker werdenden Forderung von Daniel nach Verfügungsgewalt und unseren Bedenken dagegen. Dieser Konflikt gipfelte in dem eingangs genannten Vorwurf: „Ihr habt mich schon mein Leben lang kontrolliert!“ Auch davor waren schon harte Worte gefallen – die meisten davon auf die aktuelle Situation bezogen, vermutlich aus der Wut heraus geschrieben und eindeutig übertrieben. Obwohl sie verletzend waren, konnten wir sie dementsprechend einordnen und nicht so persönlich nehmen.

Die Mütter-sind-an-allem-schuld-Alarmglocken

Dieser Vorwurf aber bezog sich nun auch auf die Vergangenheit. Sofort gingen meine Mütter-sind-an-allem-schuld-Alarmglocken an: Hatte da etwas jahrelang in unserem Sohn gegärt, was nie angesprochen wurde und nun in einem Streit hervorbrach? Haben wir durch unser Verhalten seine gute Entwicklung behindert, eine Belastung in sein Leben gelegt, die ihn negativ prägt und unsere Beziehung nun belastet?

Andererseits kamen mir auch gleich Rechtfertigungen: Ja, manchmal habe ich ihn zum Lernen gedrängt. Aber von sich aus hätte er viel weniger gemacht. Und ja, ich habe nachgefragt, mit wem er abends fortgeht und wann er wiederkommt – ist das schon zu viel Kontrolle? Immerhin haben wir Eltern ihm nie Freundschaften ausgeredet oder gar verboten. Auch konnte er Hobbys und Ausbildung selbst wählen. Wir haben ihn auch dort unterstützt, wo wir mit seiner Wahl nicht glücklich waren. So schlimm kann das mit der Kontrolle ja nicht gewesen sein …

Der Auszug kann zu Konflikten führen

Ich berichte deshalb so ausführlich, weil ich weiß, dass meine Reaktionen ziemlich typisch sind. Vermutlich haben viele Leserinnen und Leser Ähnliches durchlebt oder durchleben es gerade. Der Auszug eines Kindes ist für alle Beteiligten ein großer Umbruch. Da liegen manchmal die Nerven blank. Die Belastung durch viel Neues, das bewältigt werden muss, aber auch die Erregung über all die Möglichkeiten, die sich nun bieten, können dazu führen, dass alte Verletzungen aufbrechen, die bisher verborgen waren. Eltern sind dann oft wie vor den Kopf gestoßen, wenn plötzlich Vorwürfe auftauchen, die das bisherige Bild völlig über den Haufen werfen: „Meine Schwester war ja immer euer Liebling.“ „Euer Einsatz für die Gemeinde hatte immer Vorrang, für uns blieb kaum Zeit.“ „Ich konnte euch nie etwas recht machen.“

Andere Kinder stellen nach dem Auszug Forderungen, aus denen ein heftiger, verletzender Konflikt entsteht: mehr finanzielle Unterstützung etwa, die sich die Eltern nicht leisten können oder die für einen Lebensstil „gebraucht“ wird, den die Eltern nicht gutheißen. Jeder fühlt sich mit seinen Forderungen oder seinem Verhalten im Recht. Zudem werden dabei oft grundlegende Werte berührt, die keiner leicht aufgeben kann. So ein Konflikt kann deshalb schnell eskalieren und die Beziehung in der Familie sehr belasten.

Allerdings sind die „Kinder“ ja erwachsen. Sie sollen und müssen ihre Entscheidungen selbst treffen, ihr Leben selbst gestalten. Die Zeit der Erziehung ist vorbei. Was bleibt uns Eltern an Möglichkeiten, solche Konflikte zu lösen? Oder zumindest einen Weg zu finden, der die Beziehung zum Kind erhält? Und der auch für die Eltern gangbar ist? Hier einige Impulse für die oben genannten zwei Konfliktarten: Vorwürfe über (frühere) Fehler der Eltern und Forderungen, die wir als Eltern nicht erfüllen können oder wollen.

Herausfinden, was dahintersteckt

Wie in unserem Fall tauchen Vorwürfe oft im Lauf eines Streites auf, manchmal aber auch in einem „normalen“ Gespräch. Im Idealfall kann ich nach dem ersten Schock eine kurze Auszeit nehmen, in der ich mir meine Reaktion auf den Vorwurf erst einmal bewusst mache. Dazu kann ich das Gespräch unterbrechen, um es später fortzuführen („Das muss ich jetzt erst mal verdauen – ich ruf dich nachher nochmal an.“). Dann höre ich in mich hinein, was da alles hochkommt: Schuldgefühle, Rechtfertigung, Leugnen, Scham, Trauer usw. – ohne etwas zu bewerten! Dieser erste Schritt ist wichtig, um eine gewisse Distanz zu meinen Gefühlen zu bekommen. Dadurch nehme ich sie wahr, lasse mich aber nicht von ihnen überschwemmen.

Auf dieser Grundlage kann dann eine weitere Klärung erfolgen, die erst einmal hauptsächlich aus Zuhören und Nachfragen bestehen sollte: Kannst du mir ein Beispiel erzählen? Wann hast du das zum ersten Mal/besonders stark erlebt? Hast du früher schon versucht, mir das zu vermitteln? Wie bist du bisher damit umgegangen? Wie hättest du es dir anders gewünscht?

Ob das, was das Kind dann erzählt, objektiv genau so stimmt oder nicht – es ist seine Wahrnehmung und damit für sie oder ihn die Wirklichkeit, das, was sein oder ihr Leben im Moment prägt. Dieser Gedanke kann helfen, nicht vorschnell alles zu relativieren oder zu leugnen nach dem Motto: „So schlimm war das doch nicht.“

Fehler eingestehen

Erst, nachdem ich möglichst konkret erfahren habe, was mein Kind verletzt hat, sollte von mir eine Reaktion kommen. Dafür kann man sich auch wieder Zeit nehmen, wenn nötig. Vielleicht kann ich zunächst die Aussagen von Sohn oder Tochter zusammenfassen, damit sicher ist, dass alles richtig ankam. Dann darf ruhig auch meine Sicht der Ereignisse auf den Tisch, wenn ich Situationen anders erlebt habe – ohne den Anspruch, dass eines falsch und das andere richtig ist! Für Versäumnisse kann ich um Vergebung bitten, Fehler eingestehen oder auch Entscheidungen neu bewerten: „Damals war uns diese Arbeit ein großes Anliegen, es ist uns auch heute noch total wichtig. Aber wenn ich nun höre, wie du dich dadurch nicht genug geliebt gefühlt hast, dann tut mir das sehr leid. Mit diesem Wissen würde ich es heute anders machen.“

Das Vergangene lässt sich nicht mehr ändern, es lässt sich nur vergeben. Und die Auswirkungen lassen sich abmildern. Für den Blick nach vorn kann ich deshalb die Frage stellen: Was würde dir helfen, dass diese Verletzung heilen kann und unsere Beziehung gefestigt wird?

Kompromisse beim Geld finden

Als Eltern kennen wir Forderungen unserer Kinder eigentlich ab deren Geburt. Mit dem Auszug kann es jedoch sein, dass nicht erfüllte Forderungen viel tiefergehende Folgen haben: Ohne ein eigenes Auto ist der Studienort nicht zu erreichen. Wenn die Oma nicht das Baby nimmt, kann die Ausbildung nicht beendet werden. Ohne zusätzliches Geld dauert das Studium länger. – Wo viel davon abhängt, ist auch die Gefahr eines langen Streits darum größer.

Hier wäre für Eltern die erste Überlegung: Kann ich die Forderung erfüllen? Wenn ja – will ich sie erfüllen? Warum nicht? Auch hier ist der nächste Schritt das Gespräch mit dem Kind. Dabei sollten die Bedürfnisse und Möglichkeiten so klar wie möglich auf den Tisch: Wie viel Geld oder wie viele Betreuungstage sind nötig? Was können Eltern höchstens aufbringen? Wenn diese Zahlen weit auseinanderliegen, kann man gemeinsam nach Alternativen suchen.

Wertvorstellungen führen zu Konflikten

Schwieriger wird es, wenn bei den Eltern Wertvorstellungen berührt sind: Der Sohn will eine Wohnung mit der Freundin finanziert haben, aber die Eltern lehnen unverheiratetes Zusammenleben ab. Oder die Tochter strebt eine Model-Karriere an, die die Eltern nicht unterstützen wollen. Da tritt besonders deutlich das Dilemma des Jung-Erwachsenseins auf: Man ist weitgehend selbstständig, aber finanziell noch von den Eltern abhängig.

Konflikte, die sich daraus ergeben, lassen sich – man muss es so klar benennen – nicht wirklich zufriedenstellend für alle lösen. Letztlich werden Eltern entweder dem Kind seinen eigenen Weg verweigern – was zu dauerhafter Entfremdung führen kann – oder sie haben das Gefühl, etwas Falsches auch noch zu unterstützen – was ihr eigenes Gewissen belasten kann. Es bleibt ihnen nicht erspart, zwischen diesen Möglichkeiten abzuwägen und das kleinere Übel zu wählen.

Liebe hat Priorität

Meiner Ansicht nach sollte die Beziehung zum Kind die oberste Priorität haben. In unserem Fall haben wir letztlich entschieden, dass ein Beharren auf unserem „Recht“ die Beziehung zu unserem Sohn nachhaltig vergiften könnte – und deshalb nachgegeben. Das finanzielle Polster war für uns nachrangig. Schließlich sollten sich Eltern immer wieder bewusst machen, dass sie nicht mehr verantwortlich sind für Entscheidungen der erwachsenen Kinder – selbst, wenn sie diese mitfinanzieren!

Als Christin glaube ich, dass Gott uns unsere Kinder anvertraut hat, um sie zu lieben und sie zur Eigenständigkeit zu führen. Die Eigenständigkeit ist irgendwann erreicht – die Liebe aber bleibt. Ich wünsche allen konfliktgeplagten Eltern, dass dieser Gedanke ihnen Mut gibt, auch in Konflikten die Hoffnung nie aufzugeben und die Gesprächstür für die Kinder immer geöffnet zu halten!

Susanne Bosch lebt mit ihrem Mann im Raum Hohenlohe, ihre beiden Söhne sind schon ausgezogen. Sie arbeitet in eigener Beratungspraxis und ist als Referentin unterwegs. seelsorge-susannebosch.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/01/family_streit.jpg 1414 2121 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-01-18 11:29:162022-01-18 11:29:16Streit mit erwachsenen Kindern: „Hört auf, mich ständig kontrollieren zu wollen“, schreibt Daniel per WhatsApp
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