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Archiv für die Kategorie: CCN-FEED

Abitur oder Ausbildung? Eltern fragen sich: „Was passt zu unserem Kind?“

Expertin Corinna Kühne meint: Eine Frage entscheidet darüber, ob Jugendliche weiter die Schule besuchen oder eine Ausbildung anfangen sollen.

„Bald steht die Entscheidung an, ob unser Sohn nach der Sekundarstufe 1 eine Berufsausbildung startet oder in die Sekundarstufe 2 geht, um das Abitur zu machen. Von den Noten steht er so dazwischen. Wie können wir eine gute Entscheidung treffen?“

Sie schreiben, dass Ihr Sohn von den Noten „dazwischen steht“. Er hat also wahrscheinlich gerade so die schulischen Voraussetzungen für den Besuch der Sekundarstufe 2. Für viele Familien ist es in dieser Situation selbstverständlich, dass ihr Kind Abitur (oder Matura) machen soll.

In Gesprächen merke ich jedoch oft, dass Eltern dabei nicht primär ihr Kind mit seinen Interessen und Begabungen im Blick haben. Das kann zum einen daran liegen, dass viele Mitschülerinnen und Mitschüler Abitur machen werden, sie selbst Abitur gemacht haben oder die Gesellschaft ihnen suggeriert, dass man eigentlich nur mit Abitur richtige berufliche Chancen habe. Andere Eltern wollen, dass ihre Kinder einen Abschluss erreichen, den sie selbst nicht geschafft haben. Sie projizieren ihre unerfüllten Ziele auf ihre Kinder. Letztendlich ist es auch die einfachste Entscheidung, da man sich keine Gedanken über Alternativen machen muss.

Was braucht er für den Traumberuf?

Das sind jedoch alles keine guten Gründe, die Sekundarstufe 2 zu besuchen. Wichtig für diese Entscheidung ist neben der schulischen Qualifikation der Berufswunsch. Die Teenager setzen sich bereits ab der 7. oder 8. Klasse damit auseinander, welche Interessen, Fertigkeiten und Begabungen sie haben und lernen unterschiedliche Berufsfelder kennen. Auch ein Betriebspraktikum kann eine wichtige Entscheidungshilfe sein.

Wenn Ihr Sohn schon genaue berufliche Vorstellungen hat und er für seinen „Traumberuf“ das Abitur benötigt, sollte er diesen Weg auf jeden Fall gehen. Dabei muss ihm klar sein, dass der Weg zum Abitur mit harter Arbeit verbunden ist. Es gibt Kinder, die sich dieser Herausforderung gern stellen und an ihr wachsen, die bereitwillig ihre Aufgaben erledigen, für Klassenarbeiten lernen und Referate vorbereiten. Wenn Ihr Sohn zu diesen Kindern gehört, kann der Weg zum Abitur ebenfalls genau der richtige sein. Es kann aber auch sein, dass die Schule für ihn schon lange eine Qual ist und mit Druck und negativem Stress verbunden ist. Dann ist es eher an der Zeit, einen neuen Weg einzuschlagen.

Keine Angst vor Ausbildung

Begleiten Sie Ihr Kind, indem Sie Gesprächsbereitschaft zeigen und sich für seine Überlegungen interessieren. Sollte er Interesse an einem Ausbildungsberuf zeigen, unterstützen Sie ihn darin. Insbesondere wenn sie merken, dass ihm Schule keinen Spaß macht und er lieber etwas Praktisches machen möchte. Ich habe schon oft erlebt, dass insbesondere Jungen zunächst einen Beruf erlernen und zu einem späteren Zeitpunkt das Abitur machen, weil sie noch studieren möchten.

Eine gute Alternative für Kinder, die „dazwischen stehen“, kann auch der Erwerb eines Fachabiturs auf einem Berufskolleg sein (ähnlich der Fachmittelschule in der Schweiz). Dies umfasst sowohl einen schulischen als auch einen praktischen, berufsbezogenen Teil. Dieser Weg ist dadurch sehr abwechslungsreich und für viele Jugendliche motivierend.

Corinna Kühne ist Abteilungsleiterin für die Jahrgangsstufen 8-10 an der Matthias-Claudius-Schule in Bochum. 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/05/family_ausbildung.jpg 1414 2121 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-05-23 15:02:332022-05-23 15:02:33Abitur oder Ausbildung? Eltern fragen sich: „Was passt zu unserem Kind?“

Sorgenkind: „Mama, ich bin mal wieder dabei, mein Leben an die Wand zu fahren!“

Hochbegabt, gemobbt und depressiv: Ihr Erstgeborenes ist ein echtes Sorgenkind. Ehrliche Einblicke einer Mutter.

Dieser Artikel erzählt von unserem Erstgeborenen. Wobei mir wichtig ist zu betonen, dass der Begriff „Sorgenkind“ nur eine Seite unserer Geschichte darstellt. Unser Sohn ist auch oder vor allem ein toller Kerl! Blitzgescheit, fantasievoll, kreativ und begeisterungsfähig. Als Ältester hat er mit seinem Wissensdurst und seinen sprudelnden Ideen wertvolle Weichen für unser Familienleben gestellt.

Aber was heißt überhaupt Sorgenkind? Sorgenmachen gehört doch zum Elternsein dazu, genauso wie Lachen, Streiten und Pausenbrote. Jedes Kind ist mal ein Sorgenkind, zumindest phasenweise. Ein chinesisches Sprichwort lautet: „Du kannst nicht verhindern, dass die Vögel der Sorge über deinem Kopf kreisen, aber du kannst verhindern, dass sie Nester bauen.“

Sorgenkinder sorgen allerdings dafür, dass diese Vögel sehr penetrant werden. Sie kreisen ausdauernd und dicht über elterlichen Köpfen. Manchmal dringt kaum noch die Sonne durch ihre Flügel, und der Kampf gegen ihre Nester ist schwer. Aber natürlich haben alle Eltern die berechtigte Hoffnung, dass diese Plagegeister im Laufe der Jahre ihren Radius immer weiter ziehen und schließlich ganz verschwinden.

Hochbegabtes Schreibaby?

Ich habe mit einigen Sorgenkind-Eltern gesprochen – beruflich und privat. Die Palette ist bunt. Sie reicht von chronischen Krankheiten über Verhaltensauffälligkeiten und massiven Lernproblemen bis hin zu vielfältigen psychischen Problemen wie sozialen Ängsten, Essstörungen, Selbstverletzung …

Mein Mann und ich allerdings starteten jung und völlig sorglos in unser Abenteuer Familie. Zwar wurden wir überrascht von den Komplikationen rund um die Geburt, aber als wir unseren Sohn in den Armen halten durften, waren wir überzeugt, vor uns liege nun ein Weg voller Harmonie und Freude. Dieser Weg war leider sehr kurz, denn unser Kind entpuppte sich als Schreibaby. Wer das selbst erlebt hat, kennt alle Facetten elterlicher Erschöpfung und Verzweiflung.

Als Kleinkind erlebten wir ihn aufgeweckt und neugierig, aber auch weiterhin unruhig und zu heftigen Wutausbrüchen neigend. Aufgrund seiner guten Sprachentwicklung äußerte schon früh jemand in unserem Umfeld den Verdacht der Hochbegabung. Tatsächlich interessierten ihn Gleichaltrige wenig, stattdessen brachte er sich schon im Kindergartenalter selbst das Lesen bei. Bücher wurden seine besten Freunde.

Ausgegrenzt und gemobbt

Die starke Diskrepanz zwischen sozial-emotionaler und kognitiver Entwicklung wurde immer deutlicher. Wie schon im Kindergarten fiel er auch bald in der Schule durch seine Unruhe und sein Verhalten auf. Wir suchten Rat bei Fachleuten und ließen ihn eine Klasse überspringen. Das half nur kurz. Er blieb ein Problemschüler – ging ungern hin, war unterfordert und überfordert zugleich und eckte häufig an. Unsere Hoffnung, dass es auf dem Gymnasium besser werden würde, erfüllte sich nicht. Es kamen Ausgrenzung und Mobbing hinzu. Unser Sohn litt und wir mit ihm. Wir taten, was wir konnten, um ihn zu trösten und zu stärken. Eine neuerliche Diagnose ergab neben der Hochbegabung auch Anzeichen von ADHS und dem Asperger-Syndrom. Aber irgendwie passte er in keine Schublade. Die vorgeschlagenen Medikamente und Therapien überzeugten uns nicht.

In den Pubertätsjahren entspannte sich die Lage erstaunlicherweise. Unser Sohn wurde ruhiger, seine sozialen Fähigkeiten reiften. Er fand einen netten, kleinen Freundeskreis, der Schulbesuch wurde weniger verhasst. Die letzten beiden Schuljahre waren unbeschwert wie nie zuvor. An seinem Abiball hörte ich zum ersten Mal aus dem Mund eines Lehrers: „Sie haben einen tollen Sohn!“ Er ahnte sicher nicht, welch Balsam das für mein Mutterherz war.

Depression nach Liebeskummer

Nun schien alles rundzulaufen. Er bekam seinen Traumstudienplatz in unserer Stadt, spielte in einer Jugendband und erlebte seine erste Liebe. Wie waren wir erleichtert und dankbar! Wir hatten unser Kind mit Gottes Hilfe durch eine schwierige Kindheit begleitet, und nun wurde es erwachsen und es war an der Zeit, Schritt um Schritt loszulassen.

Der erste Liebeskummer setzte unseren Hoffnungen ein jähes Ende. Unser Sohn rutschte in kürzester Zeit in eine Depression. Er zog sich von seinen Freunden zurück, ging nicht mehr zu den Vorlesungen und schmiss schließlich sein Studium. Auch uns ließ er nicht mehr an sich heran. Unser Drängen, professionelle Hilfe anzunehmen, stieß auf taube Ohren. Er war seit Kurzem volljährig und bestand darauf, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Nach einigen schweren Wochen überraschte er uns schließlich mit der Nachricht, er habe sich für ein Psychologiestudium beworben und eine Zulassung in einer anderen Stadt erhalten. Wir schluckten unsere Bedenken hinunter und halfen ihm bei Zimmersuche und Umzug. Dann war es so weit – unser erstes Kind verließ das Nest.

Hochs und Tiefs im Studium

In den folgenden Wochen brodelten in mir die widersprüchlichsten Gefühle. Neben die Sorge, dass mein verletzliches Kind nun ganz allein in einer fremden Stadt zurechtkommen musste, mischte sich Stolz auf seinen Mut, trotz aller Hindernisse voranzugehen. Und obwohl ich ihn sehr vermisste, machte sich auch ein gewisses Gefühl der Erleichterung breit – gefolgt von typisch mütterlichen Schuldgefühlen. Doch unser Sohn fand sich erstaunlich schnell zurecht, genoss die neue Freiheit und reifte an der Selbstständigkeit. Er fand gute Freunde, das Studienfach begeisterte ihn. An dieser Stelle gäbe es nun zum zweiten Mal die Option für ein Happy End.

Tatsächlich aber konnten auch die guten Umstände nicht verhindern, dass die Depression ihn in Abständen immer wieder einholte. In diesen Phasen vernachlässigte er sein Studium, aber auch soziale und finanzielle Verpflichtungen, was zu zusätzlichen Problemen führte. Obwohl ich dankbar war, dass er mittlerweile darüber sprechen konnte, traf es mich doch bis ins Mark, wenn er am Telefon weinte: „Mama, ich bin mal wieder dabei, mein Leben an die Wand zu fahren!“

Für uns Eltern war es schwer, in diesen Momenten Hunderte von Kilometern entfernt zu sein. Wie oft haben wir ihn aus der Ferne und unter Tränen im Gebet in Gottes liebende und heilende Hände gelegt. Wie schon durch seine Schulzeit haben wir ihn auch durch dieses Studium hindurchgebetet. Er hat nach vielen zusätzlichen Semestern tatsächlich einen guten Abschluss geschafft.

Mann und Freunde helfen bei Sorgenkind

Wenn ich heute zurückschaue, staune ich, dass unsere Familie entgegen mancher Prognosen so gut durch diese Jahre gekommen ist. Sorgenkinder belasten und gefährden nicht selten die seelische Gesundheit und die Ehe der Eltern. Auch Geschwisterkinder leiden unter den Spannungen. Sie fühlen sich oft übersehen oder spüren den Druck, dass doch wenigstens sie gut funktionieren sollten.

In unserer Familie war wohl ich es, die am dichtesten dran war. Mir halfen vor allem mein Mann, der die Last mit mir teilte, aber auch offene Gespräche mit guten Freunden. Trotzdem gab es immer wieder Zeiten, in denen ich mich schwach, verzweifelt und hilflos fühlte – aber tatsächlich nie allein! Keine Lektion meines Lebens hat mich tiefer gelehrt, was es heißt, alle Sorgen auf Gott zu werfen und ihm zu vertrauen. Unser Sohn ist mittlerweile ein erwachsener Mann. Wir stehen in gutem Kontakt und sind dankbar, dass er an seinem Wohnort einen stabilen Freundeskreis und eine Gemeinde gefunden hat. Er hat gelernt, Depressionsschübe rechtzeitig zu erkennen und lässt sich professionell helfen. Allerdings gestaltet sich sein Berufsweg bisher noch eher holprig, und auch im Privaten läuft längst nicht alles rund. Die Vögel kreisen noch! Und wir Eltern leben weiterhin in der Spannung zwischen Sorge und Zuversicht. Und in der festen Hoffnung, dass alles in guten Händen liegt.

Die Autorin möchte anonym bleiben, um ihren Sohn zu schützen.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/05/family_sorgenkind.jpg 1414 2121 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-05-20 15:08:362022-05-20 15:08:36Sorgenkind: „Mama, ich bin mal wieder dabei, mein Leben an die Wand zu fahren!“

„Ich hab Angst, Papa!“ – Leidet mein Kind an einer Angststörung?

Dass Kinder Angst haben, ist normal. Aber welches Maß an Sorge gehört zu einer gesunden Entwicklung dazu und wann sollten Eltern Hilfe holen?

Der neunjährige Ben (alle Namen geändert) fürchtet sich seit Beginn der Covid-Pandemie davor, allein zu seinem Freund zu laufen, obwohl dessen Haus um die Ecke liegt. Lana ist im zweiten Schuljahr und wagt nicht, in der Schule zu sprechen, weil andere Kinder sie auslachen könnten. Gian gruselt sich mit fünf Jahren davor, in seinem eigenen Zimmer zu schlafen oder nachts auf die Toilette zu gehen. Die elfjährige Julia hat so starke Angst davor, keine Luft mehr zu bekommen, dass ihre Eltern sie immer wieder von der Schule abholen.

Ängste begleiten unsere Kinder auf jedem Schritt ihrer Entwicklung. So sehr wir es ihnen wünschen würden, eine Kindheit ohne Furcht gibt es nicht. Aber warum spüren Kinder so starke Furcht? Welche Ängste sind normal in ihrer Entwicklung – und wann brauchen Kinder fachkundige Hilfe?

Warum gibt es Angst?

„Mama, warum muss es überhaupt Angst geben? Es wäre viel schöner ohne sie …“, fragte mich unsere jüngste Tochter verzweifelt, als sie sieben Jahre alt war. Als Biologin antwortete ich darauf: Wir Menschen sind eine sehr verwundbare Spezies. Uns schützen kein dicker Panzer, keine Reißzähne und keine Beine, die schneller als andere Tiere laufen können. Wir brauchen zum Überleben ein Frühwarnsystem.

Genau diese Funktion übernimmt die Angst. Unsere Sinne scannen die Umgebung permanent danach ab, ob uns etwas bedrohlich werden könnte. Dazu gehört neben körperlichen Gefahren auch das Risiko, dass wir andere falsch einschätzen oder uns selbst unangemessen verhalten, denn Menschen können nur in der Gruppe überleben. Aus diesem Grund sind soziale Ängste so ausgeprägt.

In der frühen Menschheitsgeschichte hatten vorsichtige Menschen eher die Chance zu überleben und Nachwuchs zu bekommen. Auch Kinder, deren Bindungssystem aktiviert wird von Ängsten, blieben nahe bei den schützenden Erwachsenen. So wurde die Angst tief in uns verankert.

Diese Kinderängste sind normal

Kinder durchlaufen verschiedene Ängste als Teil ihrer gesunden Entwicklung. Dazu gehören:

  • beim Säugling das Erschrecken bei lauten Geräuschen und die Angst, allein zu sein: So lebensbedrohlich, wie es früher für ein Baby gewesen wäre, schutzlos in die Nachbarshütte gelegt zu werden, fühlt sich auch heute noch das Alleingelassen-Sein an.
  • bei Babys ab 6 bis 8 Monaten das Fremdeln: Ab diesem Alter unterscheiden Kinder zwischen vertrauten Personen und Fremden, die ihnen Angst einflößen. So wird das zunehmend mobile Kind an seine schützen den Bezugspersonen gebunden.
  • ab dem Kleinkindalter die Furcht vor einer Begegnung mit Tieren wie Hunden, Schlangen, Spinnen: Als Menschen noch naturnäher lebten, hätte dies dafür gesorgt, dass Kinder sich zunächst an Erwachsenen oder älteren Kindern orientieren, bevor sie sich potenziell gefährlichen Tieren vorsichtig nähern.
  • als Kindergartenkind die Angst vor der Dunkelheit: Nachts waren Menschenkinder am sichersten in unmittelbarer Nähe ihrer Eltern und Verwandten. Hinzu kommt, dass Kinder ab diesem Alter die Fantasie entwickelt haben, sich ausmalen zu können, wie Einbrecher durchs Fenster klettern oder Monster unter dem Bett sein könnten.
  • ab dem Grundschulalter die Sorge, schulisch nicht mitzukommen oder von anderen Kindern ausgeschlossen zu werden: Den Schulkindern wird bewusst, wie wichtig es ist, die geforderte Leistung zu bringen und als Teil einer Gruppe funktionieren zu können. Auch Ängste vor Tod und Krankheit können in diesem Alter vermehrt auftauchen.

Häufige Angststörungen

Von einer Störung spricht man, wenn die Manifestationen der Angst so übersteigert sind, dass sie das alltägliche Leben der Kinder stark beeinträchtigen, schweren Stress und/oder ein längerfristiges Vermeidungsverhalten auslösen. Etwa 10 bis 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen durchleben eine Angststörung. Seit Beginn der Covid-Pandemie haben Ängste und Sorgen bei Kindern deutlich zugenommen: Im Herbst 2021 empfanden etwa 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen die Corona-Krise als „ziemlich oder äußerst belastend“, knapp 30 Prozent hatte ein Risiko für psychische Auffälligkeiten. Vor Corona waren es ca. 18 Prozent (COPSY-Studie 3). Angststörungen zeigen sich bei Kindern besonders häufig als:

Trennungsängste: Die Kinder fürchten sich davor, dass ihnen oder ihren Eltern etwas zustoßen könnte, während sie getrennt sind. Diese Störung kann auch zum Verweigern von Kindergarten oder Schule führen oder dem Ablehnen von Übernachtungen und Ausflügen ohne die Eltern.

Phobien: Wenn spezifische Situationen oder Objekte unangemessen starke Ängste auslösen, spricht man von einer Phobie. Kinder können Phobien entwickeln vor Tieren, Höhen, engen Räumen, Blut und Spritzen, Naturkatastrophen etc. Phobien treten intensiv und dauerhaft auf und hemmen das Kind in seiner Entwicklung.

Ungenügende Leistungen werden zur Katastrophe

Soziale Ängstlichkeit: Kinder mit sozialen Ängsten fürchten übermäßig, sich zu blamieren, kritisiert zu werden oder in sozialen Situationen „Fehler“ zu machen. Sie fühlen sich gehemmt, wenn sie in der Schule im Fokus stehen und wagen kaum, sich zu melden. Oft reden sie wenig und leise, vermeiden Blickkontakt und fühlen sich anderen gegenüber unterlegen.

Prüfungs- und Leistungsängste: Kinder und Jugendliche fürchten sich davor, den Ansprüchen von anderen oder sich selbst nicht zu genügen. Oft zeigen sie ein rigides Lernverhalten, das mit Gedanken einhergeht wie: „Ich muss alles wissen!“, und interpretieren ungenügende Leistungen als Katastrophe. Viele zweifeln ihre eigene Leistungsfähigkeit stark an und glauben, dass Lernen allen anderen leichter fällt.

Generalisierte Angststörung: Bei dieser Störung wirken Kinder dauerhaft ernst und betrübt, leiden unter geringem Selbstwertgefühl und ausgeprägten Sorgen in vielen Lebensbereichen. Sie grübeln oft darüber nach, ob sie nicht einen Fehler gemacht haben, in der Schule nicht gut genug sind oder nicht genügend Freunde haben. Weitere Symptome können Ruhelosigkeit, Schlafstörungen, Erschöpfung, Reizbarkeit und Konzentrationsprobleme sein.

Bei Angststörung unbedingt Hilfe holen!

Als Eltern sollten wir bei ersten Hinweisen auf eine Angststörung unbedingt handeln und mit unseren Kindern eine erfahrene Fachperson aufsuchen. Ohne Behandlung kann es zu einem chronischen Verlauf kommen, bei dem das Leben des Kindes immer stärker von Ängsten dominiert und eingeschränkt wird oder weitere Ängste und Depressionen hinzukommen.

Angststörungen sind gut behandelbar, wobei die Erfolgschancen umso höher sind, je früher mit einer Behandlung begonnen wird. Es gibt unterschiedliche Therapie-Ansätze gegen Ängste, die unseren Kindern effektiv helfen. Dabei hat sich vor allem die kognitive Verhaltenstherapie als wirksam erwiesen.

Wie helfe ich meinem Kind bei Angst?

Kindern hilft es, wenn sie ihre Ängste besser kennenlernen. Das gelingt, wenn sie offen über die Angst sprechen, ihr sogar eine Stimme und Gestalt verleihen, sie malen und beschreiben dürfen. Es gibt viele Kinderbücher, wie das Sach- und Mitmach-Buch „Huch, die Angst ist da!“, die zum Reflektieren einladen. Sie können sehr wertvoll sein, um ins Gespräch zu kommen und sich mit den Ängsten in der Familie auszusöhnen. Auch Lieder und Gebete sind hilfreich.

So lernen unsere Kinder: Die Angst besucht jeden von uns manchmal. Wenn wir sie annehmen, kann sie uns wie ein freundliches Wesen warnen und helfen, gut auf uns aufzupassen. Manchmal übertreibt unsere Angst aber auch und veranstaltet ein großes Kopfkino. Dann können wir lernen, sie weniger ernst zu nehmen, vielleicht sogar über sie zu schmunzeln.

Als Erwachsene begleiten

Wenn Befürchtungen zu einem riesigen, bedrohlichen Angstmonster anwachsen, gibt es viele Wege, sie wieder zu einem hilfreichen Begleiter zu zähmen: Atem- und Entspannungs-Übungen helfen Kindern bei akuten Angstwellen. Sicher gebunden und begleitet durch Erwachsene können sie erfahren, wie man für angsteinflößende Situationen einen Plan machen und sich ihnen in kleinen Schritten nähern kann.

So merken die Kinder: „Zusammen mit meinen Eltern konnte ich mich meiner Angst stellen und sie aushalten. Jetzt ist mein Angstmonster schon ein Stückchen kleiner geworden, mein Mut und mein Selbstvertrauen sind größer!“

So bringen Bens Eltern ihn nur noch bis zur Straßenecke, ab dort läuft er zu seinem Freund allein. Lana bespricht ihre Sorgen mit einem Kinderpsychologen und schafft es in der Schule schon, in einer Kleingruppe zu sprechen. Gian schläft jetzt in seinem Zimmer bei offener Tür ein, darf aber nachts ins Elternschlafzimmer schleichen und sich dort auf eine Matratze legen. Und Julia lernt bei der Atemtherapeutin, wieder tief durchzuatmen und sich auf ihren Körper zu verlassen. Auf ein Leben mit einer schützenden, hilfreichen Angst sind sie gut vorbereitet.

Ulrike Légé arbeitet als freie Journalistin und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Basel. Zusammen mit Fabian Grolimund hat sie das Buch „Huch, die Angst ist da!“ (Hogrefe) geschrieben – es eignet sich für Kinder von 6 bis 11. 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/05/family_angst.jpg 1414 2121 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-05-18 08:21:062022-05-18 08:21:06„Ich hab Angst, Papa!“ – Leidet mein Kind an einer Angststörung?

Hilfe für Ukraine: Wir können nicht alles stehen und liegen lassen

Menschen (nicht nur) aus der Ukraine brauchen unsere Hilfe. Doch wie viel können wir ihnen geben? Ein Kommentar.

„Man muss doch etwas tun!“ – Dieser Gedanke ist wohl vielen in den letzten Wochen durch den Kopf geschossen. Angesichts des Leids in der Ukraine, angesichts der Menge an Geflüchteten spüren wir den dringenden Wunsch zu helfen. Und viele packen mit an: spenden Geld, Lebensmittel, Kleidung. Helfen an Sammelstellen, Spenden zu verladen. Fahren Hunderte Kilometer, um Hilfsgüter auszuliefern und Menschen mitzunehmen. Viele öffnen ihr Haus, ihre Wohnung, um eine Familie bei sich aufzunehmen.

Ich weiß nicht, was von all dem du schon gemacht hast. Ich kann nicht groß prahlen mit meinen guten Taten. Ja, ich habe gespendet. Ja, ich habe Dinge, die benötigt wurden, zu einer Sammelstelle gebracht. Ja, ich habe mitgeholfen, als an einem Wochenende 50 Menschen aus der Ukraine in unserer Gemeinde untergebracht werden mussten. Aber ich bin nicht mit einem Sprinter an die polnisch-ukrainische Grenze gefahren. Ich habe keine Familie bei mir aufgenommen. Ja, ich habe ein schlechtes Gewissen. Weil andere so viel mehr machen. Weil ich mein normales Leben weiterführe, während andere Menschen gerade alles verloren haben.

Komfortzone verlassen – ja, aber nicht um jeden Preis

„Wir müssen einfach mal unsere Komfortzone verlassen“, meint Britta, die sich über Tage intensiv bei der Unterbringung von Geflüchteten in unserer Gemeinde engagiert. Aber es ist auch klar: Diese Notaktion für ein Wochenende, das können wir leisten. Dauerhaft schaffen wir es nicht. Wir können ja nicht alles stehen und liegen lassen – unsere Kinder, unsere Jobs, unser Engagement in anderen Bereichen. Und so verbringe ich tatsächlich mit gutem Gewissen ein Wochenende damit, den Geburtstag meines Sohnes zu feiern. Weil er zwei Jahre lang kaum Highlights hatte in seinem Leben. Und weil das für ihn jetzt wichtig ist.

Es bleibt – wie so vieles – ein Spagat. Besondere Situationen erfordern einen besonderen Einsatz. Wir müssen immer wieder unsere Komfortzone verlassen. Aber wir müssen auch unsere Grenzen sehen – und unsere realistischen Möglichkeiten. Also: Augen auf und sehen, wo wir helfen können. Und dafür auch mal alles stehen und liegen lassen. Aber auch akzeptieren, was nicht geht. Und übrigens: Unabhängig davon, ob ich etwas tun kann oder nicht, hilft es mir, ein Gebet für die Menschen und Situationen an Gott zu richten.

Bettina Wendland ist Redaktionsleiterin von Family und FamilyNEXT und lebt mit ihrer Familie in Bochum.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2020/10/jenna-jacobs-mVH02yefmUs-unsplash-scaled.jpg 2000 3000 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-05-05 11:52:312022-05-05 11:52:31Hilfe für Ukraine: Wir können nicht alles stehen und liegen lassen

Gehörlose Mutter: So meistert Influencerin Christine ihren Alltag

Instagram-Influencerin und Mutter Christine Eggert ist gehörlos zur Welt gekommen. Ihr Alltag bewegt sich zwischen Ablehnung und Mutterstolz.

„Gebärdensprache ist die schönste Sprache“, schreibt die 30-jährige Christine Eggert auf ihrem Instagram-Profil. Und: „Ich bin stolz, taub zu sein. So, wie ich lebe, bin ich stolz.“ Die zweifache Mama aus dem kleinen Ort Hettstadt bei Würzburg hat auf Instagram fast 40.000 Follower. Auf ihrem Account „_chocosecret_“ postet sie täglich über Lifestyle-Themen wie Mode, Beauty oder Reisen – und über ihre Gehörlosigkeit.

Das war nicht immer so: Als sie 2014 ihren Account startete, verlor sie in ihren Posts kein Wort darüber, dass sie taub ist. Erst knapp vier Jahre später wagte sie das „Outing“: „Ich habe lange überlegt“, signalisiert Christine ihrer Freundin, die sie heute als „Übersetzerin“ eingeladen hat, auf Gebärdensprache. Grund zu zögern hatte sie: „In meinem Alltag habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich Hörende zurückziehen, wenn sie mit uns Gehörlosen konfrontiert werden.“ Versucht sie Hörende, die sie nicht kennen, etwas zu fragen, komme es vor, dass sie einfach stehen gelassen wird. „Viele reagieren schockiert und gehen weg“, berichtet Christine. „Das ist typischer Alltag für mich: Viele geben sich überhaupt keine Mühe, mit mir zu kommunizieren.“

Vater lernte nie Gebärdensprache

Auch in ihrer Familie habe sie sich oft als Außenseiterin gefühlt, erzählt Christine. Ihre Eltern haben nicht gewusst, wie sie mit der Gehörlosigkeit ihrer Kinder umgehen sollen. Bis heute könne ihr Vater keine Gebärdensprache, ihre Mutter und ihre Schwester nur rudimentär. Auch ihr kleiner Bruder ist taub zur Welt gekommen, spreche aber mehr als sie, so Christine.

Ihre Befürchtung, auch ihre Instagram-Follower könnten sie wegen ihrer Gehörlosigkeit ablehnen, hat sich nicht bestätigt: „Einige haben sich sogar dafür interessiert, die Gebärdensprache zu lernen“, sagt Christine. Wir sitzen im hell und clean eingerichteten Wohn- und Esszimmer der Eggerts. Christines zweijähriger Sohn Levian schläft, Töchterchen Emilie ist in der Nachmittagsbetreuung ihrer Grundschule. Bevor sie Mama wurde, hat Christine eine Ausbildung zur Köchin gemacht. „Ich war sehr unsicher mit meiner Berufswahl und habe nur Party im Kopf gehabt, keine Ziele“, erinnert sie sich.

Während ihrer Ausbildung lernt sie ihren Mann Ringo kennen, der auch taub ist. Sie zieht nach Nürnberg, wo Ringo eine Arbeitsstelle gefunden hat – und drei Monate später ist sie schwanger. „Das war nicht geplant“, erzählt sie. „Es war eine harte Zeit, alles ging so schnell und wir mussten uns entscheiden, ob wir das Kind behalten wollen. Ich war erst 21 Jahre alt.“

Implantat oder nicht?

Ihr Gefühl habe ihr gesagt, dass ihr Kind hören können wird, sagt Christine. Als Tochter Emilie zur Welt kommt, ist sich der Arzt nicht sicher. Nach sechs Monaten wird bei Emilie unter Narkose ein Hörtest gemacht. Das Ergebnis: Emilie ist komplett gehörlos. „Ich war schockiert und konnte das erst nicht akzeptieren“, sagt Christine. „Ich wollte Emilie gleich Cochlea-Implantate einsetzen lassen, Ringo war erst skeptisch.“ Solche Implantate ermöglichen tauben Menschen das Hören und damit auch den Spracherwerb. Aber sollte ein Implantat mal einen Defekt haben, müsste Emilie wieder operiert werden.

Christine hat selbst ein Implantat auf einem Ohr. Die Erfahrung, die sie bei der Operation als Siebenjährige gemacht hat, hielt sie davon ab, ein zweites Implantat einsetzen zu lassen: „Es war ein Schock für mich, nach der Operation auf einmal mit einem Verband am Kopf aufzuwachen.“ Vor der Operation habe ihr niemand verständlich erklärt, was mit ihr geschehen würde.

Später sei sie natürlich überglücklich gewesen, als sie schließlich hören konnte, sagt Christine. Doch ihre Sprachentwicklung konnte sie nicht mehr aufholen: „Ich war sehr faul mit dem Sprechen“, sagt Christine. „Es war mir nicht so wichtig, besonders als 2002 die Gebärdensprache anerkannt wurde.“ Ohne ihr Implantat, sagt Christine, könnte sie nicht leben. Auch wenn sie es in der Tasche lasse, wenn sie allein zu Hause oder nur mit Gehörlosen zusammen ist.

Kindergarten für Hörgeschädigte ist keine Lösung

Durch Christines Wohnung schießen Lichtblitze: Ihr „Alarm“, der signalisiert, dass ihr Sohn aufgewacht ist. Wenige Minuten später machen sich alle auf den zwanzigminütigen Fußweg zu Emilies Schule. Mit ihrer pinkfarbenen Schultasche kommt Emilie durchs Schultor gerannt. Ein Erzieher ruft ihr etwas hinterher. Emilie dreht sich um: „In Ordnung!“ Sie versteht und spricht ausgezeichnet. Einziger Hinweis darauf, dass sie taub ist, sind die beiden Implantate, die man unter ihren langen, braunen Haaren erst auf den zweiten Blick sieht.

„Mit der Sprache hat sich Emilie als Kleinkind schwergetan. Sie hat nur mit Gebärdensprache kommuniziert.“ Als Emilie zwei Jahre alt ist, findet Christine Arbeit im Frühstücksservice eines Hotels. Die kleine Familie ist inzwischen aus Nürnberg weg- und zurück in die Nähe beider Eltern gezogen. „Ich habe Emilie im Kindergarten für Hörgeschädigte angemeldet, aber das hat nicht gut funktioniert“, erzählt Christine. „Zu Hause hat sie viel gebärdet, aber im Kindergarten und nach außen hin war sie sehr verschlossen.“

Glücklich in der Regelschule

Ein bilingualer Kindergarten in Würzburg war die Lösung: „Emilie konnte mit und ohne Gebärdensprache sprechen und war glücklich“, erinnert sich Christine. Heute geht Emilie in die Regelschule am Ort und hat dort einen Dolmetscher. „Sie spricht sehr gut und will nicht in die Schule für Gehörlose“, sagt Christine. „22 Kinder ihrer Schulklasse lernen durch sie sogar Gebärdensprache – ich bin sehr stolz auf sie.“

Nach der Nachmittagsbetreuung gehen Christine und ihre Kids regelmäßig zum Bäcker. So auch heute – Emilie führt an und hat ihren kleinen Bruder auf seinem Kinderfahrrad stets im Blick. Beim Bäcker bestellt sie für alle und vergewissert sich bei ihrer Mama auf Gebärdensprache, dass auch nichts fehlt.

Levian wächst zweisprachig auf

Wenig später geht’s zum Spielplatz. Auf dem Weg sieht Emilie immer wieder Freunde aus der Nachbarschaft, grüßt und winkt. „Emilie möchte nicht als Gehörlose wahrgenommen werden, sondern als Hörende“, sagt Christine. „In der Öffentlichkeit gebärdet sie nicht so gern und sie will ihre Haare lieber offen tragen, um ihre Implantate zu verstecken.“ Christine ist froh, sich früh für die Implantate für Emilie entschieden zu haben: „Freunde haben mich gewarnt, dass Emilie sich eines Tages ärgern könnte, aber so ist es nicht: Sie liebt ihre CIs und trägt sie von morgens bis abends.“

Genau wie Emilie hat auch Levian im Alter von einem Jahr zwei Cochlea-Implantate bekommen, denn auch er ist von Geburt an gehörlos. „Levian war ein Wunschkind“, erzählt Christine. „Wir hätten gern noch mehr Kinder gehabt, aber da nun auch Levian taub zur Welt gekommen ist und die CI-Operationen so anstrengend sind, haben wir uns gegen weitere Kinder entschieden.“

Wie Emilie wird Levian „zweisprachig“ aufwachsen. Vormittags kommt die Frühförderung ins Haus und bringt ihm bei, mit dem Mund zu sprechen. Für den Rest des Tages kümmern sich seine Eltern darum, dass er auch mit Mimik und Händen sprechen kann. „Bis jetzt hat er keine Lust zu sprechen, und er gebärdet noch wenig“, sagt Christine. „Er hört wie ein ganz normales Kind, aber er muss sich erst langsam an Töne gewöhnen und Geräusche kennenlernen.“

„Taubstumm“ ist eine Beleidigung

Dank CIs und der frühen Förderung werden Christines Kids nicht mit Situationen zu kämpfen haben, die für Christine zum Alltag gehören: Emilie und Levian werden beispielsweise problemlos ohne Dolmetscher beim Notarzt erklären können, was ihnen fehlt. „In Deutschland gibt es für Gehörlose noch sehr viele Barrieren“, sagt Christine. „Wir leben in einer modernen Zeit, und doch ist die Zeit in vieler Hinsicht zurückgeblieben.“ Rückständig sei etwa der Begriff ‚taubstumm‘: „Eine Beleidigung“, sagt Christine. „Schließlich sprechen wir sehr wohl – nur eben mit Gebärdensprache.“ Diese kennt übrigens auch Dialekte, in jedem Land gibt es andere Zeichen.

„Viele Unternehmen möchten keine gehörlosen Mitarbeiter einstellen, die nur mit Gebärdensprache sprechen können“, sagt Christine. „Dass sich Gehörlose viel besser auf ihre Arbeit konzentrieren, gerade weil sie nicht hören und daher weniger abgelenkt sind, sehen Firmen meist nicht.“ Als Christines Mann in der Corona-Krise seinen Job als Fensterbauer verlor und drei Monate lang arbeitslos war, wurde Christines Einkommen als Instagram-Influencerin dringend gebraucht. „Es war eine Unterstützung, aber allein davon können wir nicht leben“, sagt Christine. Sie könnte erfolgreicher sein, wenn sie die Gesichter ihrer Kinder auf den Fotos zeigen würde. Das komme für sie aber nicht in Frage: „Auf Social Media gibt es Menschen, die Hass verbreiten“, erklärt sie. „Meine Kinder zu zeigen, wäre mir zu unsicher.“ Inzwischen hat ihr Mann eine neue Arbeitsstelle gefunden, und der Familien-Rhythmus hat sich wieder eingependelt. „Familie ist das wahre Glück des Lebens“, schreibt Christine in einem ihrer Posts. Dieses Glück hat sie gefunden.

Nadine Wilmanns ist Lifestyle-Journalistin, -Fotografin und Modedesignerin. Auf ihrem Blog nadinewilmanns.com schreibt sie über Kreativität und Fotografie. Sie lebt in Metzingen und in London.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/05/family_eggert-scaled-e1651562745588.jpg 1710 3000 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-05-03 09:44:352022-05-03 09:44:35Gehörlose Mutter: So meistert Influencerin Christine ihren Alltag

Ein Monatsgehalt für Strom in Beirut: „Es ist besser für unsere Kinder, wenn sie gehen“

Die Kinder von Raffi Messerlian verlassen den Libanon aus wirtschaftlichen Gründen. Der Vater trauert – und doch weiß er keine andere Lösung. Ein Interview.

Reverend Raffi, Sie leben in Beirut im Libanon. Nehmen Sie uns mit hinein in die Welt der Gerüche, Farben und Geräusche Ihres Heimatlandes.
Ich denke an die duftende Zeder, mit ihren Farben grün, weiß und rot, wie sie auf unserer Landesflagge abgebildet ist. Der Baum erinnert an eine lange Geschichte, über die auch die Bibel viel zu sagen hat. Auch der Duft von Kiefern ist typisch für den Libanon. Kirchenglocken, deren Klang sich mischt mit den Rufen der Muezzin von den Minaretten im Land, weisen auf die Werte im Libanon hin, wo Christen und Muslime Tür an Tür wohnen. Sie leben miteinander in einer einzigartigen Kultur.

Das ist die eine Seite des Landes. Es gibt auch die andere. Erzählen Sie von der wirtschaftlichen Situation im Libanon.
Der Libanon hat sehr große soziale, wirtschaftliche und finanzielle Probleme. Die krasse Inflation im Land führt dazu, dass die Menschen von Tag zu Tag ärmer und hoffnungsloser werden. Eins unserer größten Probleme ist, dass es uns an Strom fehlt. Vom Staat bekommen wir zwei Stunden Strom täglich. Alles andere müssen wir privat dazukaufen. Möchte ich für meine Familie 14 bis 16 Stunden Strom am Tag haben, habe ich meinen kompletten Lohn dafür ausgegeben. Dann ist für nichts anderes mehr Geld übrig. Das kann man sich vielleicht schwer vorstellen, wenn man in einem Land lebt, in dem es normal ist, 24 Stunden am Tag Strom nutzen zu können.

Menschen protestieren – ohne Sicht auf Besserung

Gegen diese Entwicklung haben Menschen in Beirut Ende 2019 protestiert.
Und seither ist es immer schlimmer geworden. Nach der Explosion am Hafen von Beirut im August 2020 gab es wieder verstärkt Proteste. Die Krise hat sich immer weiter zugespitzt und die Menschen verlieren den Mut. Im November 2019 hat mein Sohn Hovsep angefangen, davon zu sprechen, dass er wegen der wirtschaftlichen und finanziellen Probleme keine Perspektive im Libanon für sich sieht.

Was sind stattdessen seine Pläne?
Hovsep möchte sein Studium beenden und das Land dann verlassen. Als Vater verstehe ich ihn, weil die Situation hier tatsächlich hoffnungslos und sehr schwer ist. Aber natürlich sind wir auch sehr traurig, wenn er unsere Familie verlässt. Ich kann es ihm nicht übel nehmen, weil der Libanon gefühlt alle 15 Jahre eine Krise durchmacht, die das Leben hier extrem unsicher macht. Von 1975 bis 1990 hatten wir Bürgerkrieg im Land. Nun ist es die wirtschaftliche Situation und eine korrupte politische Führung, die Leute daran hindert, ihre grundlegendsten Bedürfnisse zu stillen.

Junge Menschen können keine Familie gründen

Die Situation verbessert sich nicht, wenn die jungen Leute abwandern.
Das nicht, aber sie finden hier im Land kaum Jobs, nachdem sie vorher ein kleines Vermögen in ihre Ausbildung gesteckt haben. Und selbst wenn sie einen Job bekommen, ist ihr Lohn im Verhältnis zum tatsächlichen Wert des Geldes so gering, dass sie sich davon kein Haus oder irgendwas leisten können, was ihnen ermöglichen würde, eine eigene Familie zu gründen. Manche sehen auch deswegen die Auswanderung als Perspektive, weil sie auf diese Weise ihre Familie, die im Libanon zurückbleibt, unterstützen können.

Wie ist es denn mit Ihrer Tochter? Wo lebt sie?
Meine Tochter Nayiry ist eine Woche nach ihrer Hochzeit in die Niederlande ausgewandert. Uns war klar, dass sie auswandern würde. Dazu muss man wissen: Wir leben auf dem Campus der Armenischen Kirche in Beirut, wo wir auch eine Schule betreiben. Unser Viertel ist sehr stark bevölkert. Es gibt auch viele arme Menschen dort, Afrikaner und vor allem syrische Flüchtlinge. Unsere Tochter hat einen Syrer geheiratet, der mit seiner Familie geflohen ist, als der Krieg dort begonnen hat. Unser Schwiegersohn wollte auf keinen Fall zurück nach Syrien, sollte die Situation sich so ändern, dass sie gezwungen wären, zurückzugehen. Deswegen war es ihm wichtig, einen europäischen Pass zu bekommen, und er hat eine gute Arbeitsstelle in den Niederlanden gefunden.

Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie darüber nachdenken?
Wir sind einerseits glücklich für sie, weil sie es geschafft haben, in ein stabiles Land zu ziehen und der Situation, die wir hier im Mittleren Osten haben, entkommen sind. Andererseits sind wir natürlich sehr traurig, weil wir uns sehr nahestanden und sie jetzt weg sind. Es ist auch völlig klar, dass sie nie mehr zurückkommen werden.

Kontakt zur Tochter über WhatsApp

Wie oft können Sie Ihre Tochter sehen?
Ich habe das Glück, beruflich viel reisen zu können. Deswegen kann ich sie alle paar Monate besuchen. Für meine Frau ist es unglaublich schwer. Sie vermisst sie sehr. Wir reden über WhatsApp miteinander. Natürlich wünschen wir uns, dass die Situation hier besser wäre und sie bei uns leben könnten. Das würde unser Leben reicher machen.

Sie sind Pastor. Haben Sie sich bei Gott über die Situation beklagt?
Ehrlich gesagt habe ich nicht mit Gott gehadert. Ich habe es ziemlich schnell so akzeptiert, wie es ist. Ich bete, dass Gott meine Kinder segnet, egal, wo sie sind.

Vielen Familien geht es ähnlich

Befinden sich viele Familien in einer ähnlichen Situation?
Ja, ich kenne viele Familien, deren Kinder auswandern. Wir haben alle dieselben Sorgen. Aber wir können uns auch damit arrangieren, weil wir wissen, dass es für die Zukunft unserer Kinder besser ist, wenn sie den Libanon verlassen.

Was sagen Sie jungen Menschen, die nach Perspektiven suchen?
Natürlich ermutigen wir sie, hierzubleiben. Aber ich versuche sie auch zu verstehen, wenn sie – wie meine Kinder – keine Hoffnung hier sehen, wo wir leben. Wenn sie reisen, geben wir ihnen mit auf den Weg, ihre christlichen Werte beizubehalten. Ich empfehle ihnen auch dringend, den Kontakt zu ihrer Familie aufrechtzuerhalten und in dem Land, in dem sie sind, ihre libanesischen Wurzeln nicht zu vergessen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Reverend Raffi Messerlian ist am 13. Februar 1968 geboren. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Seine 24-jährige Tochter lebt in den Niederlanden, sein 21-jähriger Sohn noch im Libanon. Raffi Messerlian hat Pädagogik und Theologie studiert und arbeitet seit 1996 als Pastor in Beirut. Als Präsident des Jugendverbandes „World Christian Endeavor“, in Deutschland als EC-Verband bekannt, ist er auch international viel unterwegs.

Stefanie Ramsperger arbeitet als freie Journalistin und leitet die Öffentlichkeitsarbeit des Jugendverbands „Entschieden für Christus“ (EC). Sie ist verheiratet und hat eine Tochter.

Hintergrund: Libanon

Die Weltbank hat die Situation im Libanon zu einer der weltweit zehn schwersten ökonomischen Krisen seit Mitte des 19. Jahrhunderts erklärt. Die Inflation ist immens: Die libanesische Währung hat in den vergangenen Jahren 90 Prozent ihres Wertes verloren. Korruption und Unsicherheit prägen die politische Situation im Land. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut. Dass es an Strom mangelt, ist nicht nur ein Problem für Privathaushalte, sondern auch im öffentlichen Raum, wie zum Beispiel für Krankenhäuser.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/04/family_libanon-scaled.jpg 2250 3000 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-04-26 10:38:432022-04-26 10:38:43Ein Monatsgehalt für Strom in Beirut: „Es ist besser für unsere Kinder, wenn sie gehen“

Wie ehrlich sollten Partner miteinander sein? Das sagen die Experten

Ist die kleine Notlüge in der Beziehung erlaubt? Wann Ehrlichkeit zwingend notwendig ist und wann nicht, darauf gibt es keine leichte Antwort.

Paul [Name von der Redaktion geändert] hat seit mehreren Wochen eine Affäre. Seine Ehefrau und seine Familie liebt er, so sagt er. Sexuell fehlt ihm seit Jahren etwas in seiner Ehe. Trennen will er sich auf keinen Fall. Denn seine Familie steht für Paul an erster Stelle und er fühlt sich moralisch verpflichtet, zu seinem Ehegelübde zu stehen. Ehrlichkeit ist für ihn keine Option. Seine sexuellen Bedürfnisse permanent hintanstellen kann er aber auch nicht.

Auch Clara [Name von der Redaktion geändert] hat ein Geheimnis. Sie verschweigt ihrem Mann, dass ihre Konten jeden Monat überzogen sind, sie überall Schulden hat und ihre Kreditkarte glüht. Clara kauft Kleidung. Ihr Selbstwertgefühl ist nicht sehr hoch und sie kompensiert diesen Mangel mit einem kurzen Glücksgefühl, wenn sie eine neue Tüte mit Kleidung in ihren Händen trägt. Sie versteckt die neuen Sachen vor ihrem Mann. So lange, bis sie ihm ohne zu lügen sagen kann, dass ihre angeblich neuen Sachen doch schon etwas älter sind.

Die Frage nach Ehrlichkeit stellt sich in einer Beziehung oft erst, wenn einer oder beide Partner sich unehrlich verhalten. Wird die Beziehung die Wahrheit aushalten? Oder kann sie scheitern an Lüge und Verschwiegenheit? Wie Menschen diese Frage für sich beantworten, ist entscheidend dafür, wie offen sie gegenüber der Partnerin oder dem Partner sind.

Verletzende Wahrheiten besser verschweigen?

Was, wenn man genau weiß, dass die eigene Ehrlichkeit verletzend sein wird? Gerade bei Paul würde seine Ehrlichkeit sehr viel Schmerz auslösen. Es ist jedoch illusorisch, zu denken, Verletzungen in der Partnerschaft ließen sich vermeiden. „Dinge nicht anzusprechen kann genauso verletzend sein wie sie auszusprechen“, sagt Veronika Schmidt, klinische Sexologin und systemische Beraterin. Letztlich traue man dann dem anderen und der Beziehung Herausforderungen nicht zu. Durch Frustrationen und Belastungen würden wir stärker, die Beziehung brauche sie. Könne eine Beziehung das nicht aushalten, könne sie letztlich vielleicht auch langfristig nicht bestehen. „Wenn man ehrlich ist, so sollte man sich bewusst sein, dass der eigenen Ehrlichkeit ein schmerzhafter Weg folgt, den man mitzugehen bereit sein sollte. Ist man das nicht, könnte Schweigen vielleicht sogar angebrachter sein“, ergänzt die Beraterin.

Diesem Ansatz widerspricht Dr. Tatiana Gorbacheva, Professorin für Psychologie an der LEE University in Cleveland, Tennessee. Sie plädiert für ehrliche Beziehungen, weil es darin keine Zweideutigkeiten und dadurch hervortretenden Stress gibt. Sie ist der Meinung, dass das Eingestehen eines Fehlverhaltens, die Reue und die Konfrontation mit den Folgen der Verletzung des Anderen helfen kann, einander näherzukommen. „Im Allgemeinen sind Geheimnisse schädlich für Beziehungen und Menschen“, betont Dr. Tatiana Gorbacheva. Sie entzweiten Ehepartner und führten zu einer ungesunden Dynamik, weil einer etwas vor dem anderen verbergen müsse. Geheimnisse seien oft mit Scham verbunden. „Und: Man sagt auch ‚Du bist so krank, wie deine Geheimnisse‘.“

Paare sollten unveränderliche Fehler nicht ansprechen

Clara hat eine Schwäche fürs Shoppen. An ihrer Schwäche kann sie arbeiten. Oftmals aber ist es ähnlich wie bei Übergewicht, Rauchen, Zuckersucht, Bequemlichkeit, mangelndem Selbstvertrauen oder Unpünktlichkeit: Es sind Gewohnheiten, die sich in der eigenen Persönlichkeit manifestiert haben und die sich aus eigener Kraft kaum überwinden und verändern lassen.

Manche Makel lassen sich außerdem gar nicht ändern. Dazu können gehören: schlechter Orientierungssinn, Nervosität vor fremden Menschen, körperliche Schönheitsfehler und noch vieles mehr. Solch einen Makel dem Partner vorzuhalten, ist nicht nützlich, meint der Psychotherapeut Jörg Berger. Besser sei es, einen Weg zu finden, um den Partner anzunehmen. „Auch dass man darum ringt, muss der Partner nicht unbedingt erfahren. Denn wenn es sich bei seinem Makel um einen wunden Punkt handelt, könnte dies die Sicherheit in der Beziehung und das Gefühl des Geliebtseins erschüttern.“

Zwanghafte Ehrlichkeit

Wenn sich ein Paar dazu entscheidet, miteinander ehrlich alles zu teilen, müssen sie sich bewusst machen, dass das Leben zu kurz und zeitlich begrenzt ist, um tatsächlich alles miteinander teilen zu wollen. Auch gibt es eine Form der sogenannten „tyrannischen Intimität“, die beinah zwanghaft vom Gegenüber fordert, jeden Gedanken offenzulegen. „Man will ständig in den Kopf, die Gedanken und Gefühle des anderen eindringen. Das hat letztlich nichts mit Ehrlichkeit zu tun, sondern mit Kontrolle“, sagt Veronika Schmidt. Aus dieser Kontrolle resultiert oft, dass der oder die Andere noch eher versuchen wird, Dinge zu verheimlichen, weil die Person sich nicht vollständig ausliefern will.

Der Psychotherapeut Jörg Berger plädiert ebenfalls dafür, Respekt vor dem Geheimnis des Partners oder der Partnerin zu haben und nicht zu sehr in diese Intimsphäre einzudringen. „Es ist ein Geschenk, wenn Partner sich einander öffnen, sich in ihren tiefen Gedanken und Gefühlen mitteilen können. Doch Menschen tragen ihre schwersten Kämpfe in einer existenziellen Einsamkeit aus, an Orten, zu denen kein anderer Zutritt findet“, schreibt er in einem Artikel für die Zeitschrift Family: „Wenn man nach diesen Kämpfen in ein freundliches Zuhause tritt und eine Umarmung spürt, dann ist das Glück.“

Paare sollten sich grundsätzliche Fragen stellen

Die grundsätzliche Frage, die sich ein Paar laut Veronika Schmidt gemeinsam stellen sollte, ist: Wie ehrlich wollen wir sein? Ist das etwas, was wir gemeinsam als Wert festlegen wollen? Oder: Warum können wir voreinander nicht ehrlich sein? Und: Habe ich mich genug selbst reflektiert, um überhaupt ehrlich sein zu können? Die Antworten auf diese Fragen können Paare auf eine zukunftsorientierte und tragende Diskussionsebene bringen.

Von Priska Lachmann

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/12/family_enttaeuschung.jpg 1415 2120 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-04-14 15:27:012022-04-14 15:27:01Wie ehrlich sollten Partner miteinander sein? Das sagen die Experten

„Das schaffst du doch mit links!“ – Expertin gibt Tipps für linkshändige Kinder

Psychotherapeutin Dr. Johanna Barbara Sattler leitet die erste deutsche Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder. Sie erklärt Dos und Don’ts für Eltern, wenn ihr Kind mit der linken Hand malt, isst und bastelt.

Ab welchem Alter können Eltern erkennen, ob ihr Kind Rechts- oder Linkshänder ist?
Bei manchen Kindern sieht man es schon sehr früh. Bei den meisten klärt es sich bis zum Alter von drei bis vier Jahren. Wenn es bei einem Vierjährigen noch nicht klar ist, sollte man mit dem Kinderarzt sprechen, was die Gründe dafür sein könnten. Bei diesen Kindern gibt es manchmal auch motorische Probleme oder Auffälligkeiten. Dann ist es sinnvoll, therapeutisch einzugreifen.

Der Besteck-Trick zeigt dominante Hand

Manche Eltern, deren Kind häufig die linke Hand benutzt, hoffen, „dass sich das noch gibt“. Ist diese Hoffnung berechtigt?
Bei Linkshändern ist die gegenüberliegende, also die rechte Gehirnhälfte motorisch dominant, sie gibt die stärkeren Signale. Eltern sollten nicht versuchen, das Kind zur Benutzung der rechten Hand anzuregen oder es gar umzuschulen. Denn wenn ein Kind in die falsche Händigkeit kommt, kann das negative Auswirkungen haben wie Konzentrationsstörungen oder Lernschwierigkeiten. Deshalb sollten Eltern nicht versuchen, das Kind zu beeinflussen. Wenn die Händigkeit unklar ist, sollten sie zum Beispiel das Besteck mittig in den Teller legen und dem Kind die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden, welche Hand es nimmt.

Und wenn Eltern sicher sind, dass das Kind ein Linkshänder ist?
Dann sollten sie das Glas oder Besteck auf die linke Seite legen oder stellen. Damit verhindern sie, dass das Glas umfällt oder dass der Ärmel immer durch die Suppe geht. Außerdem sollten sie rechtzeitig auf eine lockere Mal- und Schreibhaltung bei ihrem Kind achten. So helfen sie dem Kind, dass es später nicht über das gerade Geschriebene wischt und dass es den Text gut lesen kann und nicht mit der Hand verdeckt. Dazu gibt es für linkshändige Kinder auch vorbereitende Kindergruppen, die seit der Coronapandemie auch online angeboten werden.

Kindergarten informieren

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Linkshänder und Linksfüßer?
Was wir mit den Händen und was wir mit den Füßen tun, ist grundlegend unterschiedlich. Füße brauchen Gleichgewicht. Um mit einem Bein zu schießen, muss man auf dem anderen Bein gut stehen können. Deshalb kommt es oft vor, dass ein Kind, das eigentlich linkshändig ist, mit dem rechten Fuß schießt – und umgekehrt.

Sollten Eltern die ErzieherInnen im Kindergarten auf die Linkshändigkeit hinweisen?
Ich würde nachfragen, wie sie mit Linkshändern umgehen und ob sie Linkshänder-Scheren haben. Es ist auch wichtig, dass das Kind beim Essen und Basteln nicht rechts von einem Rechtshänder sitzt, sonst kommen sich die beiden in die Quere.

Interview: Bettina Wendland

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/04/family_linkshaenderin.jpg 1414 2121 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-04-13 10:58:352022-04-13 10:58:35„Das schaffst du doch mit links!“ – Expertin gibt Tipps für linkshändige Kinder

Ihr Sohn bricht das Studium ab und wird Koch – das lehrte Barbara-Christine diese Phase

Nicht jeder muss studieren. Barbara-Christine Schild hat das bei ihrem Sohn selbst erlebt. Und warnt davor, dass Eltern beim Berufswunsch mitbestimmen.

Mit der Entscheidung für einen zukünftigen Beruf stellen viele Jugendliche erstmals im Leben eigenverantwortlich die Weichen für ihre Zukunft. Das ist sowohl Chance als auch Risiko und für viele eine immense Herausforderung. Sie müssen sich mit sich selbst auseinandersetzen, ihre Talente und Interessen erkennen und gleichzeitig die Zukunftsfähigkeit des anvisierten Berufes abwägen. Darüber hinaus ist der Weg zum Ziel nicht immer gleich erkennbar. An dieser Stelle brauchen die Jugendlichen Unterstützung. Uns als Eltern kommt dabei eine besondere Rolle zu, auf die wir uns bewusst vorbereiten und in die wir nicht einfach hineinrutschen sollten.

Denn nicht nur in den Gesprächen, die wir mit unseren Kindern zu deren beruflicher Zukunft führen, auch ganz nebenbei im Alltag formulieren wir Vorstellungen, die wir für unsere Kinder haben. Damit machen wir Vorgaben, die oft für den Nachwuchs zur Orientierung oder gar Leitlinie werden – nicht zuletzt im Vertrauen darauf, dass die Eltern mit ihrer Lebenserfahrung schon wissen, was für die Kinder gut sein könnte.

Nicht ganz unvoreingenommen

Aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit im Bundesinstitut für Berufsbildung könnte man vielleicht vermuten, dass ich die ideale Begleiterin in Sachen Berufswahl der eigenen Kinder sein könnte. Ich denke, dass das für mich persönlich nicht gilt – sonst wären die Dinge bei uns anders gelaufen. Auch in unserer Familie wurden die Gespräche über die berufliche Zukunft offenbar nicht ganz ergebnisoffen geführt: Tatsächlich hatte sich bei unserem Sohn die Vorstellung manifestiert, dass wir von ihm erwarten, nach dem Abitur ein Studium zu absolvieren. Dies hat uns doch sehr überrascht, denn eigentlich hatten wir gedacht, den Zukunftsvorstellungen unserer Kinder unvoreingenommen begegnet zu sein. Erst die persönliche Erfahrung hat meinen Blick dafür geschärft, wie man die Kinder begleiten sollte, wenn sie wichtige Entscheidungen für die berufliche Zukunft treffen müssen – und dass wir immer wieder unsere eigene Neutralität hinterfragen sollten.

Die befreiende Frage

Unser heute 27-jähriger Sohn hat das Gymnasium besucht, in der Oberstufe die Leistungskurse Sport und Mathe belegt und nach dem Motto „Ein kluges Pferd springt nicht höher, als es muss“ ein eher mittelprächtiges Abitur abgelegt. Anschließend hat er die Entscheidung zur eigenen Zukunft zunächst einmal vertagt und für sich eine „Findungsphase“ eingefordert. Die haben wir ihm unter der Auflage gewährt, dass er sich einen Job sucht und eine fixe Aufgabe im Haushalt übernimmt. Gesagt, getan: Den Job fand er schnell in einem Restaurant, zu Hause übernahm er das Kochen für die Familie.

Wir merkten schnell, wie begeistert er von diesen Aufgaben war. Dennoch hatte sich bei ihm der Gedanke, „dass man nach dem Abitur halt studiert“ und dass dies ja auch mit den elterlichen Vorstellungen einhergeht, offenbar schon sehr gefestigt. Deshalb begann er nach diesem Jahr mit einem Studium. Begeisterung dafür war jedoch keine zu spüren, er berichtete kaum über seinen Unialltag. Stattdessen drehten sich die Gespräche mit ihm immer wieder um das Kochen und wie welche traditionellen Gerichte zu modernisieren wären. Irgendwann haben wir dann die „befreiende“ Frage gestellt, was er denn nun wirklich möchte: studieren oder eine Ausbildung zum Koch machen?

Plötzlich ist der Berufswunsch klar

Es sprudelte nur so aus ihm heraus. Den Plan, Koch zu werden, hatte unser Sohn schon vollends ausgeklügelt, das erforderliche Vorgehen bereits klar durchdacht. Er wusste, dass er die französische Küche von der Pike auf lernen wollte, und hatte sich bereits ein Restaurant mit bestem Ruf ausgesucht. Die zentrale Begründung war, dass dort der Koch nicht im Fernsehen, sondern in der Küche zugegen sein und ihn einweisen würde. Wir haben ihm zugestimmt, es zu versuchen. Von da an ging alles schnell. Die Bewerbung war nach drei Tagen auf den Weg gebracht, weitere drei Tage später kam die Einladung des Restaurants. Für eine Woche wollten sie ihm die Möglichkeit geben, die Anforderungen des Hauses kennenzulernen.

Er war so beseelt von seinem Tun dort, dass völlig klar war: Hier hat jemand seine Profession gefunden. Eine Woche nach dem Praktikum lag der unterschriebene Ausbildungsvertrag in unserem Briefkasten. Die Ausbildung war wirklich hart, menschlich wie fachlich. Aber nicht einen Tag hat unser Sohn diese Entscheidung in Zweifel gezogen. Inzwischen leitet er die Küche eines Düsseldorfer Restaurants und sagt: „Das Kochen ist für mich das Bedienen eines Grundbedürfnisses. Und ich darf das jeden Tag tun – wow!“ Jetzt sind wir froh, dass wir alle zusammen rechtzeitig die Kurve bekommen haben. Für uns als Eltern bleibt die Erkenntnis, mehr auf unsere Kinder zu vertrauen. Sie wissen schon ganz gut, wie sie sich auf den Weg in die eigene Zukunft machen müssen. Das Ziel sollten die Jugendlichen selbst wählen – auf dem Weg dorthin können und müssen wir sie unterstützen.

Eltern sollten nur begleiten, nicht leiten

Die unvoreingenommene Beratung ist für Eltern nicht ganz einfach, denn sie „wollen ja immer das Beste“ für ihre Kinder – und glauben gern, das auch beurteilen zu können, denn sie haben ihre Kinder auf ihrem bisherigen Weg stets „gelenkt“. Aber in diesem Fall verändert sich unsere Rolle vom Leitenden zum Begleitenden. Sich dessen bewusst zu sein, dass für uns eine neutrale Beratung der eigenen Kinder bei der Berufswahl nicht ganz einfach ist, kann ein erster Schritt hin zu einer ergebnisoffenen Begleitung sein. Die fehlende Objektivität gegenüber den Kindern ehrlich zu formulieren, kann sie motivieren, die elterlichen Vorstellungen tatsächlich mit Blick auf die Vereinbarkeit mit den eigenen Ideen zu hinterfragen. Es muss für Kinder deutlich werden, dass die kritische Auseinandersetzung mit den Vorstellungen der Eltern legitim ist – was im Übrigen nicht nur bei der Berufswahl gilt.

Wenn die Berufsorientierung zum Thema wird, gilt die Devise: erst einmal zuhören und die Kinder reden lassen. Darüber hinaus sollten wir als Eltern uns bewusst machen, dass es heute nicht nur eine Vielzahl an Möglichkeiten gibt, sondern auch, dass sich Berufsbilder sehr stark gewandelt haben. So kann es sein, dass meine Vorstellungen von Berufen und deren Tätigkeiten sowie Anforderungen nicht mehr aktuell sind. Es hilft auch, sich als Eltern über den heutigen Stand in den jeweiligen Berufen erst einmal zu informieren.

Traumberuf: ja oder nein?

Ich sollte mein Kind nicht von seinem Berufswunsch abbringen, selbst wenn dieser nicht dem entspricht, was ich mir erhoffe: Wenngleich es Zeit kostet und vielleicht auch mit Enttäuschungen verbunden ist, sollten Kinder sich mit ihren Ideen versuchen dürfen. Allein schon, damit keine „offenen Fragen“ im Leben bleiben – getreu dem Motto: „Hätte ich doch …“. Auf der anderen Seite gibt es natürlich Jugendliche, die zunächst einen ähnlichen Weg wie die Eltern einschlagen möchten. Sich ein Stück weit auf „vertrauten Pfaden“ zu bewegen, etwas zu tun, was man schon zu kennen glaubt, erscheint zunächst vielleicht als der Weg des geringsten Widerstands.

Dabei sollten wir Eltern aber schon erkennen, ob bei unseren Kindern ein echtes Interesse vorliegt. Falls ja, ist es aus meiner Sicht sinnvoll, dass sie die Ausbildung in einem fremden Betrieb der gleichen Branche machen und nicht im elterlichen Unternehmen. Oder man zeigt den Kindern ähnliche Optionen auf. So nennen viele Kfz-Mechatroniker/in als Berufswunsch, aber vielleicht wäre auch eine Ausbildung als Zweiradmechaniker/in oder Land- und Baumaschinenmechatroniker/in spannend. Das erweitert zudem die Perspektive.

Einfach in Berufe reinschnuppern

Eltern sollten die vielfältigen Informationsmöglichkeiten nutzen, zum Beispiel digitale Angebote (siehe unten) oder Elternabende zur Berufsorientierung in der Schule. Vorteil des heutigen Schulsystems sind die vielfältigen Angebote zur Berufsorientierung: zum Beispiel Potenzialanalysen, Berufsfelderkundungen oder Praktika. Als Eltern können wir unsere Kinder motivieren, sich auszuprobieren und in Berufe hineinzuschnuppern, die sie nicht auf dem Schirm hatten. Sie sind ja auch einen Schritt weiter, wenn sie wissen, was auf keinen Fall in Frage kommt. Vielleicht werden sie aber auch positiv überrascht. Es hilft, praktische Erfahrungen zu sammeln.

Generell sollten wir als Eltern unsere Kinder stärken, sich etwas zuzutrauen und Rückschläge nicht als totales Versagen zu interpretieren. Die wichtigste Botschaft an die Jugendlichen ist: Welchen Beruf auch immer ihr auswählt, entscheidend ist, dass ihr es so gut macht, wie ihr könnt!

Barbara-Christine Schild ist Diplom-Geografin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Hilfreiche Online-Portale

berufenavi.de: Das neue Berufsorientierungsportal für Jugendliche des Bundesministeriums für Forschung (BMBF) und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) will Jugendliche bei der Suche nach ihrem Wunschberuf unterstützen. Neben einer Selbsteinschätzung bietet es Orientierungshilfen, Talenttests, Praktikumsbörsen und Beratungsangebote sowie Links zu weiteren Online-Angeboten.

berufsberatung.ch: Das offizielle schweizerische Informationsportal bietet eine Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung und beantwortet Fragen rund um Lehrstellen, Berufe, Aus- und Weiterbildungen.

jugendportal.at/themen/arbeit-beruf/ berufsorientierung: Hier gibt es zahlreiche Links zu Websites und Beratungsangeboten in Österreich.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/04/family_koch.jpg 1414 2121 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-04-06 09:30:012022-04-06 09:30:01Ihr Sohn bricht das Studium ab und wird Koch – das lehrte Barbara-Christine diese Phase

Aufklärung: So können Eltern mit Kleinkindern über Sex reden

Was tun, wenn das Kind sich an Penis oder Vagina fasst? Wie darüber sprechen, wo Babys herkommen? Sexualberaterin Ute Buth zur Aufklärung.

Warum ist die Phase, in der Kinder sich mit dem Thema Sexualität und ihren eigenen Geschlechtsorganen auseinandersetzen, so wichtig?
Wenn Kinder heranwachsen, entdecken sie Geschlechtsorgane wie alles andere, was sie entdecken. So gesehen ist es also eigentlich gar keine besondere Phase, die Kinder zu einem bestimmten Zeitpunkt erlebt haben müssen. Das ist höchst individuell. Die Kinder entdecken auch, dass sie selbst Geschlechtsorgane haben und manche, dass sie schöne Gefühle machen. Wichtig ist, dass die Kinder lernen, dass diese Organe zu ihrem Körper gehören, sie zu benennen, ihren Körper zu schützen und die Körpergrenzen anderer zu respektieren. Dieses Grundwissen spielt nicht zuletzt in Zeiten von #metoo eine wichtige Rolle.

Dass Kinder ihr Geschlecht entdecken, ist normal

Wenn ich mitbekomme, dass sich mein Kind an den Kitzler oder den Penis fasst, wie soll ich dann reagieren?
Wenn Kinder entdecken, dass sie Geschlechtsorgane haben und sich dort berühren, bedeutet das noch nicht, dass sie sich daran betätigen und sich selbst befriedigen. Manchmal juckt etwas oder sie ziehen nur die Kleidung gerade. Wenn sie die Organe entdecken, dann ja erst einmal, dass es da etwas wie die Genitallippen, den Kitzler oder den Penis oder Hoden gibt. Bei Jungen sind die Harnwege und die Geschlechtswege gleich. Ein Junge kommt also gar nicht umhin, sich mit seinem Penis zu beschäftigen. Er wird ja täglich zum Wasserlassen berührt, ist vorgelagerter und gut greifbar und so probieren sie auch aus, was sie damit machen können.

Bei Mädchen sind die Harn- und Geschlechtswege getrennt. Der Kitzler liegt verborgener unter den Genitallippen. Sie entdecken sexuelle Gefühle deshalb nicht so selbstverständlich wie Jungen. Manche entdecken sie beim Duschen, beim Trockenrubbeln danach oder wenn sie auf einer Sofakante sitzen. Wenn Kinder ihre Organe entdecken, anfassen, fühlen oder daran reiben, ist das also an sich normal. Wenn Sie das als Eltern mitbekommen, ist es ratsam, sich nicht aus Scham wegzudrehen, es pauschal zu verbieten oder einen abwertenden Kommentar abzugeben. Denn damit beschämen Sie Ihr Kind für etwas, was selbstverständlich zu seinem Sein dazu gehört. Dass unsere Geschlechtsorgane fühlen können, gehört zur Grundausstattung von uns Menschen und zum Menschsein.

Reagieren, wenn Kinder Sex nachspielen

Wenn man sich nicht wegdrehen, es nicht pauschal verbieten oder abfällige Kommentare dazu machen soll, wie soll man denn dann reagieren?
Dafür gibt es kein Patentrezept. Wichtig ist, das Kind nicht zu beschämen. Man kann schon zum Beispiel fragen, was es da macht und wie es dem Kind damit geht. Oder man kann in der Situation oder danach ins Gespräch darüber kommen, dass es einen intimen Privatbereich gibt und wie man den schützt. Erstmal ist es doch so: Die Kinder stellen fest: Was ich da tue, macht mir schöne Gefühle. Sie denken sich nichts Böses dabei. Manchmal erzählen sie auch begeistert davon und wollen ihr neu gewonnenes Wissen mit den Eltern teilen, im Sinne von ‚ich gebe einen guten Tipp weiter‘.

Gibt es auch Situationen, auf die man reagieren sollte, und wie?
Wenn ein Kind explizit irgendwelche sexuellen Handlungen nachspielt und das immer wieder, dann könnte man sich fragen, wo es das womöglich gesehen hat. Ist es vielleicht mit Pornografie in Kontakt gekommen? Wenn ein Kind sich selbst befriedigt, würde ich schauen, wie oft es das macht, ob es dieses Verhalten sehr in Beschlag nimmt und sich irgendwelche Muster abzeichnen: Wenn es sich immer dann, wenn es traurig oder gestresst ist, so verhält, dann kann es sein, dass Selbstbefriedigung zum Tröster oder Entspannungstool wird. Falls Sie als Eltern unsicher sind, können Sie auch ihren Kinderarzt um Rat bitten.

Wenn die Selbstbefriedigung eine Funktion erfüllt und Sie sie einfach unterbinden würden, machen es die meisten Kinder heimlich weiter – dann aber belastet mit einem schlechten Gewissen. Suchen Sie mit dem Kind gemeinsam nach Alternativen, indem Sie überlegen, was es beruhigt, was sonst noch guttut. Wenn es sich in der Öffentlichkeit, wo andere es sehen und sich darüber lustig machen können, an seine Geschlechtsorgane fasst oder sogar befriedigt, sollte es lernen, seinen Privatbereich in Sachen Intimität zu schützen.

Kinder lernen spätestens ab der Schule, woher Babys kommen

Welche Rolle spielen Eltern bei der Aufklärung der Kinder?
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Sexualität eine große Rolle spielt. Eltern sollten sich bewusst machen, dass sie keine Aufklärungshoheit haben und dass sie auch nonverbal aufklären. Das permanente Schweigen zum Thema Sex sendet auch die Botschaft, darüber spricht man nicht! Wenn ein Kind bis zum Schuleintritt nicht weiß, woher die Babys kommen und was Sex ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es das in der Schule lernt, riesengroß – und damit meine ich nicht in erster Linie den Aufklärungsunterricht! Bis dahin haben sie in aller Regel schon etliches auf dem Schulhof, von anderen Kindern oder in den Medien erfahren.

Medienwissenschaftler weisen darauf hin, dass die ersten Informationen, die man auf einem Wissensgebiet erhält, einen viel stärker prägen als Folgeinformationen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Eltern möglichst vor dem Schuleintritt eine gute Grundlage für die Aufklärung ihrer Kinder legen. Ich ermutige Eltern, Aufklärung als Aufgabe und Chance zu begreifen und sich auch mit der eigenen Lerngeschichte auseinanderzusetzen. Wenn sie schambestimmt reagieren, weil ihr Kind sich mit seinen Geschlechtsorganen beschäftigt, hat das häufig mit Hilflosigkeit aber auch mit der eigenen Prägung zu tun. Wenn ich gelernt habe, dass man so etwas nicht tut, was ich aber nun mein eigenes Kind tun sehe, dann gerate ich womöglich schon dadurch in einen inneren Konflikt, bei dem eine Klärung hilfreich sein kann.

Kind kein Aufklärungsgespräch aufzwingen

Und wenn sich mein Kind gar nicht für das Thema interessiert?
Dass ein Kind nicht danach fragt, bedeutet nicht, dass es keine Fragen in seinem Kopf hat. Es kann durchaus sein, dass es Fragen hat, vielleicht sogar auch schon Kontakt mit dem Thema hatte und es so schräg findet, dass es meint, mit den Eltern nicht darüber sprechen zu können oder Sorge hat, Ärger oder peinliche Rückfragen zu bekommen, wenn es Fragen stellt. Wichtig ist, sich möglichst früh sprachfähig auch zu sexuellen Themen zu positionieren. Dann lernt Ihr Kind, dass es normal ist, dass die Eltern dazu ansprechbar sind.

Überfordern Sie Ihr Kind nicht und zwingen Sie ihm kein peinliches Aufklärungsgespräch auf. Es geht ja auch nicht darum, den ganzen Tag über Sex zu reden, aber eben auch darüber zu reden. Manchen Kindern hilft es, über die eigene Zeit als Baby ins Gespräch über das Thema zu kommen. Die Eltern können auch von der Schwangerschaft erzählen und so nach und nach Informationen vermitteln.

Aufklärung nach dem Baukastenprinzip

Wie klärt man Kinder am besten auf?
Aufklärung ist kein Termin im Kalender, den man abhakt und dann ist es erledigt. Aufklärung ist ein Lebensstil. Es geht im Prinzip darum, dass ich wie beim Baukastenprinzip immer wieder an vorhandenes Wissen weitere Informationen anbaue und dafür vor allem zu Beginn Begriffe aus der Alltagswelt des Kindes benutze.

Haben Sie dafür Beispiele?
Ich habe meinen Kindern immer erzählt, dass Mütter im Bauch das Zimmer „Gebärmutter“ haben und darin die Babys wohnen. Vom Zimmer Gebärmutter führt der Gang „Scheide“ nach draußen. Aus dem kommen die Babys dann heraus. Auf dem Weg zum Schwimmkurs knöpfte ich einmal daran an und erklärte, dass das Zimmer Gebärmutter auch ein Schwimmbad ist, dass da Wasser drin ist und es den Babys Bewegung ermöglicht und wie sich die Gebärmutter durch das Wasser dehnt. Ein anderes Mal sagte eine ältere Dame zu meiner 3-jährigen Tochter: „Du hast die Augen und die Haare von deiner Mama.“ Ich erklärte ihr daraufhin, dass wenn ein Baby entsteht, es die Hälfte von Mama und die andere Hälfte von Papa bekommt. Damit hatte ich Zeugung erklärt, aber auf einem ganz niedrigen Level – nichts von Samen, Eizellen, Penis, Scheide und Sex.

Daran kann man dann anbauen und darüber sprechen, dass Frauen im Bauch kleine Eier haben. Eier können sich die Kinder gut vorstellen und Samen kennen sie auch – zum Beispiel aus dem Frühjahr, wenn sie Samen aussäen, damit daraus etwas wächst. Nur dass man Papas Samen nicht in den Boden stecken und gießen kann, damit ein Baby daraus wächst, sondern dass sie die winzigen Eier von der Mama treffen müssen. So gibt man immer weitere kleine Informationen dazu, damit die Kinder nach und nach ihr Wissen auf eine breitere Basis stellen können.

Die Fragen stellte Ruth Korte.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/04/family_gespraech.jpg 1414 2121 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2022-04-05 15:04:462022-04-05 15:04:46Aufklärung: So können Eltern mit Kleinkindern über Sex reden
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