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Archiv für die Kategorie: CCN-FEED

Pädagogin verrät: So steigern Sie das Selbstbewusstsein Ihrer Teenie-Tochter

Vielen Teenagern fehlt das Selbstvertrauen. Genau hier können Eltern sie unterstützen, sagt Diplompädagogin Sonja Brocksieper.

„Unsere Tochter (13) ist total schüchtern und wirkt oft verunsichert. Ich habe das Gefühl, dass sie gar kein Selbstvertrauen hat. Wie können wir sie stärken und unterstützen?“

Die Teenagerjahre sind oft von Unsicherheiten und Selbstzweifeln geprägt, und Eltern sollten in dieser Phase sowohl das Wertgefühl ihres Kindes stärken als auch ein gesundes Selbstvertrauen vermitteln. Denn genau genommen müssen wir zwischen diesen beiden Begriffen „Selbstwertgefühl“ und „Selbstvertrauen“ unterscheiden.

Selbstwertgefühl ist nicht gleich Selbstvertrauen

Für ein gesundes Selbstwertgefühl braucht Ihre Tochter zunächst die Gewissheit, dass sie eine wertvolle Persönlichkeit ist, die um ihrer selbst willen geliebt wird, und das unabhängig von dem, was sie leistet. Nehmen Sie Ihr Kind als ganze Person ernst, mit all ihren Meinungen, Empfindungen und ihrem Temperament. Das bedeutet, dass Sie Ihrer Tochter vermitteln: „Du bist okay so, wie du bist. Und auch wenn ich nicht immer mit allem einverstanden bin, was du tust, bist du geliebt und angenommen.“ Wenn ihre Tochter oft schüchtern wirkt, ist das erst mal okay. Nicht jeder steht gerne im Mittelpunkt und hat das Bedürfnis, sich anderen mitzuteilen. Sprechen Sie Ihrer Tochter zu, dass dieser Wesenszug okay ist und sie sich nicht verbiegen muss.

Selbstvertrauen ist dagegen etwas ganz anderes. Es ist das Wissen um die eigenen Fähigkeiten und Begabungen. Und dieses Vertrauen in die eigenen Stärken kann Ihre Tochter entwickeln, wenn Sie ihr etwas zutrauen. Jedes Kind bringt ein Potenzial mit, das man lobend hervorheben und bestärken kann. Überlegen Sie gemeinsam mit Ihrer Tochter, was sie richtig gerne macht, was sie auszeichnet und besonders macht. Eine gute Schulnote in einem bestimmten Fach, ein gelungenes Musikvorspiel, Erfolg im Sport – all das kann gefeiert werden.

Ermutigen Sie Ihr Kind!

Nutzen Sie dafür die Macht der Worte. Diese haben eine nicht zu unterschätzende Kraft. „Du schaffst das.“ „Ich bin stolz auf dich.“ „Probiere es ruhig aus. Wenn es nicht klappt, helfe ich dir.“ Solche Sätze haben eine starke Wirkung und fördern das Selbstwertvertrauen Ihres Kindes. Wenn ein Kind dagegen ständig hört, was alles nicht gut läuft, dann entwickelt es schnell ein einseitiges Bild von sich selbst. „Pass bloß auf!“ „Das musste ja schiefgehen.“ „War ja klar, dass du die Mathearbeit verhaust.“ All das sind negative Botschaften, die das Selbstvertrauen schwächen. Schaffen Sie stattdessen eine Atmosphäre der Ermutigung.

Manchmal lässt sich aber auch Kritik im Umgang mit Kindern nicht vermeiden. Hierbei sollten Sie sich vor Augen führen, wie vernichtend manch kritische Äußerung sein kann. Vor diesem Hintergrund sollten Sie Kritik möglichst in Maßen, behutsam und besonnen äußern. Und je mehr ein gutes Polster an Wertschätzung und Anerkennung vorhanden ist, desto eher wird die Kritik auf offene Ohren stoßen.

Schwächen sind normal

Übrigens sollte jede Form der Ermutigung und des Lobes angemessen und realistisch sein, damit Kinder kein falsches Selbstbild entwickeln. Jedes Kind hat Schwächen und Begrenzungen, die nicht ignoriert werden sollten. Erzählen Sie von Ihren eigenen Schwächen und Ihrem Umgang damit. Solche persönlichen Erfahrungen können Ihrer Tochter helfen, mit ihren eigenen Misserfolgen selbstsicher umzugehen. Je besser das Selbstwertgefühl eines Kindes ist, desto leichter können Kinder motiviert werden, an ihren weniger starken Seiten zu arbeiten.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und ist Mitarbeiterin bei Team.F. sonja-brocksieper.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/06/family_teenie-e1622634564540.jpg 1295 1905 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2021-06-02 13:58:422021-06-02 13:58:42Pädagogin verrät: So steigern Sie das Selbstbewusstsein Ihrer Teenie-Tochter

„Kann so nicht weiterleben“ – Wie Model und Mutter Mirja du Mont ihre Lebenskrise überstand

Mirja du Mont wollte es im Beruf und in der Familie allen recht machen. Dann kam der Zusammenbruch. Im Interview erzählt sie, wie sie zurück ins Leben fand und was sie anderen Müttern rät.

Mirja, nach der Trennung von deinem Exmann Sky du Mont hast du dir selbst sehr viel Druck gemacht. Warum?

Ich wollte mir selbst und meinem Ex beweisen, dass ich keinen Mann brauche, um mich zu finanzieren. Ich wollte zeigen, dass ich stark bin, alle meine Jobs machen kann und zusätzlich auch die Kinder und den Haushalt unter einen Hut bekomme. Dabei stand mir mein Perfektionismus zusätzlich im Weg. Ich sah all die Perfektion in den sozialen Medien, die falschen Fassaden der anderen, und ich wollte mir und der Welt beweisen, dass ich auch alles kann. Und das nicht nur irgendwie, sondern richtig gut. Aber der Druck und die Termine lagen alle viel zu eng. Es war viel zu viel.

Wie sah das konkret aus?

Es gab den Punkt in meinem Leben, an dem ich zeitgleich drei verschiedene Fernsehshows hatte: Dance dance dance, die Reportage bei VOX „6 Mütter“ und meine eigene Show bei Channel24. Die Fernsehproduktion bei VOX begleitete mich zusätzlich jeden Tag und zu all den anderen Shows. Auch am Wochenende. Es war permanenter Stress. Zusätzlich versorgte ich die Kinder, kochte abends vor und machte mir selbst viel Druck. Ich wollte meine Arbeit wirklich gut machen, denn ich arbeite sehr gerne, bin gleichzeitig gern Mama und liebe mein Leben. Ich hatte nicht mal Hilfe im Haushalt, weil meine Mama auch immer alles alleine geschafft hat und ich es nicht mag, wenn andere für mich arbeiten müssen.

Plötzlich taub

Das kann nicht lange funktionieren. Was ist passiert?

Morgens war ich im Möbelgeschäft und hatte sehr viel eingekauft. Als ich zu Hause ankam, stellte ich fest, dass der Fahrstuhl kaputt war und ich alles alleine in den vierten Stock schleppen musste. Als ich das geschafft hatte, überkam mich plötzlich eine unendliche Müdigkeit. Ich hätte am liebsten den ganzen restlichen Tag verschlafen. Aber meine Freundinnen hatten abends für uns einen Tisch reserviert und ich hatte mich auf sie gefreut. Also fuhr ich hin. Doch schon während des Termins spürte ich, dass es mir eigentlich zu viel ist und ich lieber schlafen würde.

Als ich nach Hause fuhr, passierte es plötzlich: Mein Ohr ging zu, als würde man an einem Regler drehen und es ausschalten. Ich erschrak, aber hatte die Hoffnung, dass es am nächsten Morgen schon weitergehen würde.

Aber am nächsten Morgen war nicht alles gut?

Ich wachte auf und es durchzuckte mich. Ich lag auf meinem gesunden Ohr, daher hörte ich gar nichts. Nicht mal den Baustellenlärm vor meinem Fenster. Ich dachte, ich sei taub geworden. Als ich ein paar Sekunden später begriff, dass es doch nur das eine Ohr war, beruhigte mich das nicht viel weniger.

Ich fuhr ins Krankenhaus. Dort stellte man fest, dass ich einen Riss im Innenohr hatte und Hörflüssigkeit ausgelaufen war. Ich hatte dadurch Schwindelstörungen und als Folge dessen Sehstörungen. Und das ein ganzes Jahr lang. Ich konnte nicht mehr raus gehen, nicht einkaufen gehen. Nichts. Meine ganze Welt drehte sich einmal um 180 Grad. Dazu kam eine große Angst. Was, wenn das nie mehr aufhört? Was, wenn irgendwann mein anderes Ohr auch betroffen sein könnte?

Das klingt nach einer schrecklichen Phase …

Als ich meine Eltern besuchte, erlebte ich einen Knackpunkt. „Ich kann so nicht weiterleben“, sagte ich gegenüber meinem Papa. Ich war absolut körperlich und psychisch am Ende. Meine Eltern trösteten und hielten mich. Ich wusste in dem Moment: Ich bin geborgen. Diese Liebe hat mir viel Kraft gegeben.

Ich bekam kurz danach Psychopharmaka aufgrund der großen Angststörung, die ich entwickelt hatte. Ich hatte Angst, essen zu kochen, Angst, vor die Tür zu gehen und einiges mehr. Diese Medikamente vertrug ich allerdings so schlecht, dass ich in eine Klinik kam.

Kein Iron Man

Wie bist du wieder gesund geworden? Wo hast du Hilfe gefunden?

Meine Familie ist sehr eng, hier helfen wir uns alle gegenseitig. Meine Kinder waren mir auch eine große Hilfe, weil sie so viel Verständnis zeigten. Ich dachte in dem Moment, dass es vielleicht auch etwas Gutes ist, dass sie sehen, dass Mama nicht nur Iron Man ist mit 80 Armen und 50 Beinen und alles immer kann. Dass Mama auch mal schwach sein darf und Hilfe braucht.

In der Zeit meiner Krankheit starb meine sehr liebe Freundin. Sie war mir ein leuchtendes Vorbild, denn sogar am Ende ihres Lebens, als sie kaum noch konnte, sagte sie immer wieder zu mir: „Das Leben ist wunderschön“. Ihr gegenüber empfand ich es als unfair, dass ich hier die Leidende war. Ich starb ja nicht an meiner Krankheit. Dadurch habe ich mich zusammengerissen.

Wie fühlte sich das für dich an, dass andere dir geholfen haben?

Ich wusste, dass ich es alleine nicht schaffen werde und war dankbar für all die Hilfe. Auf der anderen Seite empfand ich viel Scham. Ich wollte nicht, dass jemand weiß, wie es mir tatsächlich geht. Später schrieb ich aus diesem Grund mein Buch. Ich wollte lieber selbst meine Geschichte erzählen, damit Betroffene sehen können, dass man wieder gesund werden kann.

In ihrem Buch erzählt Mirja du Mont ihre Geschichte ausführlich. Cover: adeo

In ihrem Buch erzählt Mirja du Mont ihre Geschichte ausführlich. Cover: adeo

„Jetzt mache ich auch mal zwei Wochen gar nichts“

Was hat sich durch diese Lebenskrise in die verändert? Was machst du jetzt anders als vorher?

Ich habe gelernt, Nein zu sagen und meine Grenzen zu ziehen. Das konnte ich früher überhaupt nicht. Ich entschuldige mich sogar immer noch, wenn ich mal etwas absagen muss. Da habe ich noch etwas Lernstoff vor mir. Ich mache keine Jobs mehr gleichzeitig, sondern nur noch nacheinander. Und das Wichtigste: Jetzt mache ich auch mal zwei Wochen gar nichts. Früher war ich sogar im Urlaub auf Achse.

Was hat dir Kraft gegeben?

Ich glaube, dass es eine höhere Kraft gibt. Ich kann es nicht betiteln und weiß auch nicht, was es ist, aber ich habe das Gefühl, dass meine verstorbene Oma und meine geliebte Freundin auf mich aufpassen. Das und natürlich meine Familie und Freunde.

Immer noch Tinnitus

Hat die Krankheit noch Nachwirkungen?

Ich lebe inzwischen mit Dauertinnitus. Viele Menschen haben das in Deutschland und viele nehmen Schlaftabletten. Wenn man das Geräusch und die Krankheit nicht akzeptiert, dreht man durch. Der Tinnitus ist dein Kumpel, er ist immer da. Es gibt schlimmere Sachen im Leben. Wenn man den Tinnitus akzeptiert, kann man damit leben.

Wie kann man sich Tinnitus vorstellen? 

Der Tinnitus ist ein Piepen und ein Rauschen, wie ein Radio ohne Frequenz. Und er ist so laut, als würde man direkt neben dem Radio sitzen. Früher konnte ich damit nicht einschlafen, man hört immer, dass man krank ist und das ist sehr schwer.

Wie lebst du damit?

Mein Papa sagte mal zu mir: „Es ist nur ein Ohr, Mausi. Was machen Menschen, die nicht sehen können?“ Das veränderte mein Denken. Am Anfang brauchte ich jemanden, der mich bemitleidet, und dann jemanden, der mir in den Arsch tritt.

Zu guter Letzt: Wie lebst du Familie, was ist dir wichtig?

Empathie und Respekt anderen Menschen gegenüber sind wichtige Werte für mich. Schon in den kleinen Alltagsdingen. Dass man alten Menschen im Bus seinen Platz anbietet zum Beispiel. Mir ist es auch wichtig, dass unsere Kinder sich nicht beleidigen. Ich liebe Menschen und das Leben, daher wünsche ich mir weniger Hass und mehr Liebe.

Die Fragen stellte Priska Lachmann.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/05/family_Mirja-du-Mont_cOliver-Reetz-e1621325777715.jpg 832 1600 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2021-06-01 08:26:542021-06-01 08:26:54„Kann so nicht weiterleben“ – Wie Model und Mutter Mirja du Mont ihre Lebenskrise überstand

Trauere ich richtig? Nicole erkärt, warum sie um ihre sterbende Katze mehr weint als um ihren Mann

Nicole Schenderlein hat schon viele Tode erleben müssen. Und dabei gelernt: Es gibt keine falsche Trauer.

Die Katze stirbt. Nach einer menschlichen Volljährigkeit ist unser Stubentiger am Ende seines Lebens angekommen. Das war zu erwarten. Sie ist alt. Und trotzdem wirft es mich aus der Bahn. Ich schlafe nicht, esse wenig und weine fast mehr als nach dem Suizid meines Mannes und dem Tod meines Vaters, um nur die letzten zwei Toten meines Lebens zu nennen. Ich bin erst knapp über vierzig und habe schon so viele Todesfälle erlebt; da müsste ich doch ein dickeres Fell haben. Oder?

Man könnte doch meinen: So ist das Leben, am Ende gehört das Sterben dazu. Irgendwann müssen alle Abschied nehmen. Und all die weiteren Floskeln, die man so von sich gibt, wenn ein Lebewesen zum letzten Mal seinen Odem aushaucht. Ist halt so. Punkt.

Trauern ist wie Liebeskummer

Ja und nein. Dieser pragmatische Umgang mit dem Tod kann eine Variante sein, wie wir als sterbliche Wesen damit umgehen: Akzeptanz. Und weiter geht’s. Es ist aber nicht die allgemeingültige Variante. Denn allgemeingültig, das gibt es nicht beim Trauern.

Für mich ist der bald nahende Tod unserer Katze nicht nur ein Fakt, den ich akzeptieren muss. Es ist Liebe, die nicht mehr gelebt werden kann. Wenn ein Mensch oder ein Tier stirbt, zu dem wir eine Bindung haben, erleben wir Liebeskummer. Nur ohne dieses: „Liebt er oder sie mich vielleicht doch noch?“ Denn das tut er oder sie. Meistens. Doch die Liebe wird getrennt. Die Bindung gekappt. Und das für immer.

Akzeptanz ist nicht immer eine Lösung

Mit sachlicher Akzeptanz kommen wir da nicht weit. Zumindest nicht auf Dauer. Sachliche Akzeptanz funktioniert so lange, bis es uns selbst betrifft. Wenn ein Bekannter stirbt oder ein Promi oder ein Verwandter, den ich kaum gesehen habe in meinem Leben, fehlt mir die Bindung. Hatte ich eine liebevolle Beziehung zu dieser Person? Nein? Dann ist das kein Problem mit der Akzeptanz.

Und das ist auch gut so. Man stelle sich vor, wir würden bei jedem Menschen, der stirbt, diesen Schmerz erleben. Diese unerwiderte Liebe auf ewig. Zumindest fühlt es sich so an, auch wenn wir an ein Leben nach dem Tod glauben und auf ein Wiedersehen in der Ewigkeit hoffen. Hier in unserem irdischen Leben, in unserem Alltag zwischen Zähneputzen, Arbeit und Älterwerden entsteht plötzlich eine Lücke, die sich nicht mehr füllen lässt. Auch wenn manche es versuchen.

Menschen trauern unterschiedlich

Unsere Katze ist nicht das erste Tier, von dem ich mich verabschieden muss. Vor einigen Jahren musste ich unseren ersten Hund einschläfern lassen. Bis ich wieder eine Fellnase in mein Leben ließ, dauerte es mehrere Jahre. Ich brauchte Zeit, um die Liebe loszulassen und Platz zu schaffen in meinem Herzen für einen anderen Hund.

Als meine Eltern ihren Hund verloren, kam gleich wenige Wochen später ein neuer ins Haus. Eine Hündin, die bis heute ab und zu mit „er“ angeredet wird. Weil die Rolle des Hundes im Leben von ihr übernommen wurde. Meine Mutter bereut das heute ein wenig. Sie liebt ihren jetzigen Hund und möchte ihn nicht mehr hergeben. Trotzdem wurde ihr bewusst, dass sie nicht nur einfach einen Hund vermisst. Sondern den Hund, der gestorben war. Hund ist eben nicht gleich Hund. Auch wenn der Lebensrhythmus mit Gassi-Gehen und Füttern und Streicheln und Spielen wieder da ist.

„Trauer verträgt keine Beurteilung“

Darüber habe ich etwas die Nase gerümpft. Aus der Distanz. Denn auch wenn ich es traurig fand, dass der erste Hund gestorben war, hatte ich nicht dieselbe Bindung zu dem Tier wie meine Eltern. Trotzdem habe ich es mir angemaßt, darüber zu urteilen, wie sie trauern sollten. Weil ich es anders gemacht hatte.

Für meine Eltern funktionierte das so aber nicht. Sie handelten aus ihrem Erfahrungsschatz heraus: Als pragmatische Menschen versuchten sie, die Lücke praktisch zu füllen. Und haben neue Erfahrungen damit gemacht. Dass ich das verurteilte, half ihnen nicht. Und mir auch nicht.

Trauer verträgt keine Beurteilung. Denn Beurteilung trennt. Zusätzlich zum Tod. Da haben wir schon ein geliebtes Wesen verloren und werden innerlich noch von Menschen verlassen, die unsere Art des Trauerns nicht gutheißen. Also müssen wir doppelt trauern. Weil der Tod nicht nur eine Beziehung gekappt hat, sondern auch noch lebende Beziehungen stört.

Spielarten der Liebe

Klar darf man urteilen. Aber man sollte es nicht. Denn wer möchte schon freiwillig noch mehr Verlust erleben? Weil wir Liebeskummer haben, brauchen wir genau das Gegenteil: Wir brauchen mehr Liebe. Und genauso, wie es verschiedene Arten gibt, Liebe auszudrücken, gibt es verschiedene Arten, verstorbene Liebe zu zeigen. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, sie zu be- und verurteilen. Sondern sie auszuhalten, uns hineinzudenken, uns vielleicht sogar inspirieren zu lassen.

In der Wohnung meiner Schwiegermutter hängen sehr viele Fotos von ihrem Sohn. Meinem verstorbenen Mann. Und Fotos von ihrem verstorbenen Mann. Es gibt kaum einen Raum, in dem es nicht eine Erinnerung gibt. Sie geben ihr Halt. Sie bekräftigen ihre Liebe, die auch nach dem Tod weitergeht.

In meinem Haus gab es nach dem Suizid meines Mannes nur noch ein Foto von ihm. Eines mit ihm und meiner Tochter. Mehr brauchte und wollte ich nicht. Denn als seine Ehefrau war meine Beziehung zu ihm eine andere als die seiner Mutter zu ihm.

Schmerz folgt keinen Regeln

Bei einem Suizid ist die Trauer spezieller. Die Traurigkeit vermischt sich viel mehr mit Wut als bei anderen Todesfällen. Was bei mir zur Folge hatte, dass ich relativ kurz nach seinem Tod seine Kleidung aus dem Schlafzimmer geräumt und die Möbel darin umgestellt habe. Das wäre für meine Schwiegermutter nie in Frage gekommen nach dem Tod ihres Mannes. Sie hat lange gebraucht, bis sie sich von seinen Sachen trennen konnte. Beide Wege sind okay. Beides darf sein.

Fast fünf Jahre nach dem Suizid ist meine Schwiegermutter immer noch ein Teil meines Lebens. Weil wir unsere Arten der Trauer akzeptieren können, wie sie sind. Unterschiedlich. Denn Schmerz hat verschiedene Facetten. Schmerz folgt keinen Regeln. Weil auch Liebe keinen Regeln folgt.

Kein Platz für neue Liebe?

Trotzdem haben wir so etwas wie eine innere Richtschnur. Eine Einteilung in gut und böse. Eine unangenehme Angewohnheit von uns Menschen. Schwer wieder abzulegen. Ich dachte immer, dass man sich Zeit zum Trauern nehmen sollte. Was auch stimmt. Trauer braucht Raum. Was aber nicht bedeutet, dass da kein Platz mehr ist für etwas anderes.

Ein befreundeter Witwer erzählte mir einige Zeit nach dem Tod meines Mannes, dass er eine neue Liebe gefunden hatte. Ich freute mich. Es war zwei Jahre, nachdem meine Freundin und seine Frau gestorben war. Gleichzeitig hielt ich das für mich für ausgeschlossen. Nicht nur, weil ich mir Zeit zum Trauern nehmen wollte. Sondern weil kein Platz war für neue Liebe. Ich hatte alle Hände voll damit zu tun, das Chaos zu beseitigen, das mein Mann nach seinem Suizid hinterlassen hatte. Das hat mehrere Jahre gedauert. Bis heute.

Plötzlich verliebt

Ich wollte vor allem aber nicht wieder vertrauen. Ich wollte mich nicht mehr auf einen anderen Menschen verlassen müssen und dann verlassen werden. Tja. Und dann kam die Liebe. Wie sie eben so ist. Sie kam einfach so.

Einige Wochen nach dem Tod meines Mannes habe ich mich verliebt wie noch nie. Diese Liebe hat das Chaos nach dem Suizid überstanden. Mein Misstrauen. Gerede. Menschen, die mich verurteilt und verlassen haben. Eine Haussanierung in einer Pandemie. Diese Liebe ist nicht daran gestorben, sie ist gewachsen. Und hat mich unterstützt in meiner Trauer. Sie hat den Boden bereitet, mich der Wut und dem Schmerz zu stellen. Damit ich auch meinen ersten Mann wieder lieben konnte. Denn das tue ich immer noch. Ich habe nicht einen Menschen durch einen anderen ersetzt. Ich kann beide Lieben leben. Denn Liebe ist nicht exklusiv.

Liebe darf alles

Darf man sich also nach dem Tod einer zwanzigjährigen Beziehung wieder verlieben? Darf man die Wohnung mit Fotos von Toten vollhängen? Darf man alles wegwerfen, was einen mit den Toten verbindet? Darf man versuchen, dem Alltag von vorher wieder möglichst nahezukommen? Darf man alles verändern und wegziehen? Darf man sachlich und pragmatisch sein? Darf man emotional und aufbrausend sein? Trauer darf. Trauer darf das alles. Weil Trauer Liebe ist. Und Liebe ist wie Gott: nicht greifbar, nicht einzuteilen, größer und stärker, als wir erwarten, aber immer da.

Trauer darf alles, solange es Liebe bleibt. Dazu gehören auch Schmerz und Wut. Wut und Schmerz dürfen sein. Manchmal auch Jahre später. Weil sie dann erst genug Sicherheit haben, um sich zu zeigen. Alles hat seine Zeit. Trauer darf. Immer. Alles. Bis auf eins: ein Arschloch sein – aburteilen, pöbeln, Rache nehmen. Ich darf auf die Verstorbenen wütend sein. Auf Gott. Darüber, dass es den Tod überhaupt gibt. Aber ich darf diese Wut nicht an den Lebenden auslassen. Weder an anderen noch an mir selbst. Das wäre das Gegenteil von Liebe.

Dass meine Katze jetzt stirbt, macht mich wütend. Auf die Vergänglichkeit. Aber nicht auf die Katze. Weil ich sie liebe. Dieser Liebe versuche ich, Ausdruck zu geben in der letzten Zeit, die sie noch hat auf dieser Erde. Und das tut weh. Jedes Mal wieder, wenn jemand stirbt, den wir lieben. Weil diese Liebe einzigartig ist. Wie jeder von uns.

Nicole Schenderlein ist gelernte Journalistin und Bildhauerin (art.green-woman.de). Als Gründerin von „Blattwenden“ setzt sie sich für einen krea(k)tiven Umgang mit Suizid und Trauer ein: blattwenden.eu

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/05/family_herz.jpg 1414 2121 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2021-05-25 08:05:432021-05-25 08:05:43Trauere ich richtig? Nicole erkärt, warum sie um ihre sterbende Katze mehr weint als um ihren Mann

Der kleine Justus kämpft gegen die Leukämie – Warum die Eltern die Hoffnung nicht aufgeben

Wie ein Kometeneinschlag trifft Familie Müller die Krebs-Diagnose ihres damals fünfjährigen Sohnes. Über Leid, Hoffnung und grenzenlosen Optimismus.

„Papa!“, jubelt Jussi und springt Andy in die Arme, als er an diesem Abend nach Hause kommt. Eine Minute später ist er schon wieder unterwegs, turnt über einen Sessel, robbt unter einem Stuhl durch, kippt seine Legokiste aus – krawumm! Der Siebenjährige ist schnell, laut, lebhaft. Mit seinen dunkelblauen Augen und den blonden Haaren sieht Justus, wie er richtig heißt, aus wie ein Lausebengel. Eine Ahnung davon, dass sein Kopf voller Streiche steckt, bekommt man, wenn man Jussi nur ein paar Minuten dabei beobachtet, wie er durch das gemütliche, großzügige Haus von Familie Müller tobt. Stillsitzen ist nicht Jussis Ding.

Im Frühjahr 2019 sieht das ganz anders aus: Jussi hat die Grippe und fühlt sich danach schlapp. Er ist sehr anhänglich, will lieber kuscheln statt spielen. Sein Schwimmkurs strengt ihn über die Maßen an, und zu Hause friert er noch so sehr, dass Mama Esther ihn in eine Decke wickelt. Nachwirkungen der Grippe, denkt sie. Das denkt auch der Kinderarzt, den die Familie erneut aufsucht, als Jussi zwei Wochen später immer noch merkwürdig blass aussieht und antriebslos ist.

„Ich wusste, dass irgendetwas im Busch ist“

Als der damals Fünfjährige nach weiteren zwei Wochen noch schlapp wirkt und über Druck an einem Auge klagt, sucht Esther wieder den Kinderarzt auf. Ein großes Blutbild wird gemacht. Weil die Arztpraxis einer Klinik angeschlossen ist, kommen die Laborwerte noch am selben Tag. „Ich wusste, dass irgendetwas im Busch ist, weil ich allein zur Ärztin reingehen und die Sprechstundenhilfe bei Jussi bleiben sollte“, erzählt Esther. Die Kinderärztin fängt an, von weißen Blutkörperchen zu sprechen. „Ich habe gleich gesagt: ‚Leukämie, oder?‘“, erinnert sich Esther. Ja, der Verdacht steht im Raum. Esther soll mit Jussi sofort in die Klinik.

Andy ist zu der Zeit dienstlich unterwegs. Er arbeitet als Jugendevangelist und ist auf einem Ferien-Festival, um jungen Menschen von Gott zu erzählen. Dass seine Schwester sich an diesem Tag für einen Besuch bei seiner Frau und den Kindern angekündigt hat, ist ein Segen, denn so kann sie Jussis drei Jahre älteren Bruder Noah von der Schule abholen, während Esther und Jussi in der Klinik sind.

Diagnose Leukämie

Es ist ein Freitagmittag, als Esther erstmals die Kinderonkologie im Kasseler Klinikum betritt. Es ist ruhig auf der Station. Weil Jussi als Notfall eingeliefert wird, kümmert sich sofort ein Onkologe um ihn. Sein Hämoglobin-Wert liegt bei 4,9 – lebensbedrohlich. Normal für Kinder seines Alters ist ein Hb-Wert zwischen 12 und 15. Dass Jussi viel zu wenige rote Blutkörperchen im Blut hat, erklärt auch seinen Augendruck. Nach einer weiteren Blutuntersuchung, Ultraschall, Herz-Screening und EKG bestätigt sich der Verdacht: Jussi hat Leukämie.

Die Diagnose trifft die Familie wie ein Kometeneinschlag. „Wenn du so etwas erfährst, funktionierst du einfach“, sagt Esther. „Du stehst so unter Adrenalin, da denkst du gar nicht viel.“ Sie klingt abgeklärt, wenn sie darüber spricht. Daran, dass ihr Kind sterben könnte, denkt sie keinen Augenblick, sagt Esther. Sie ist eine Pragmatikerin und Optimistin, genauso wie ihr Mann Andy. Als dieser von der Krankheit seines Jüngsten erfährt, befindet er sich inmitten von frohen Menschen in Ferienstimmung. In wenigen Minuten soll er ein Seminar geben und dabei Jesus verkündigen. Das Seminar findet wie geplant statt, die private Sorge merkt ihm niemand an. Danach zieht Andy sich zurück und kann die Tränen nicht unterdrücken. Für ihn ist es ein Segen, dass ein guter Bekannter, der damalige Vorsitzende des Gnadauer Verbandes, vor Ort ist, dem er sein Herz ausschütten kann. Danach fährt Andy heim zu seiner Familie.

90 Prozent Hoffnung

Die Ärztin erklärt Andy und Esther, dass Jussi unter einer Form von Leukämie leidet, die sehr gut erforscht sei und bei der Betroffene mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent wieder gesund werden. Das beruhigt die Eltern. Esther ist keine, die die Möglichkeit der schlechten zehn Prozent in den Fokus rückt. Sie sagt sich: 90 Prozent ist eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass alles wieder gut wird. Nie wollen sie und ihr Mann Andy fragen: „Warum wir?“, sondern immer: „Wie gehen wir damit um?“

An der Form von Leukämie, die bei Jussi diagnostiziert wird, erkranken in Deutschland jedes Jahr rund 500 Kinder im Alter zwischen 0 und 14 Jahren. 90 Prozent von ihnen leben nach fünf Jahren krankheitsfrei. Erkrankt ein Kind zum zweiten Mal, sinkt die Überlebensrate drastisch auf nicht einmal 40 Prozent.

Ein fast normales Leben

Die Krankheit wird mit Chemotherapie behandelt. Dabei bekommt das Kind Medikamente, die das Zellwachstum hemmen und die Krebszellen abtöten sollen. Jussis Therapie wird in drei Abschnitte eingeteilt. Er ist bei unserem Treffen kurz davor, die zweite Therapiephase abzuschließen, bei der er zu Hause wohnen und weitgehend normal leben und zur Schule gehen kann. Alle zwei Wochen steht ein Termin im Klinikum an. Danach werden seine Blutwerte regelmäßig kontrolliert, bis er 18 Jahre alt ist.

Jussi ist an diesem Winterabend besonders gut drauf, denn sein Stoffhund hat heute eine neue rote Mütze bekommen. „Dreimal darfst du raten, wie der heißt“, sagt er und hält das schwarzbraune Fellknäuel hoch. „Bello“ heißt er, aber eben nicht nur. Bello ist Akademiker: Doktor Bello bitte! Doktor Bello war von Anfang an in der Klinik dabei, ebenso wie Krankenschwester Hasi und der Papagei Bobo, Krankenwagenfahrer.

„Doktor Bello hat den Ärzten immer erklärt, was sie machen sollen“, erinnert sich Papa Andy. Einmal soll Doktor Bello draußen warten. Als Jussi aus dem Behandlungszimmer kommt, findet er Bello liebevoll auf eine Decke drapiert. Vor ihm steht ein Fressnapf mit einer echten kleinen Leberwurst in Folienverpackung, neben ihm liegt ein bisschen Hundespielzeug.

Dauerhaft auf der Kinderkrebsstation

Es sind kleine Episoden wie diese, die Müllers von der Zeit im Krankenhaus erzählen. Ein halbes Jahr lang ist Jussi nur mit kleinen Unterbrechungen dauerhaft auf der Kinderkrebsstation. „Das Personal wird zu deiner zweiten Familie“, sagt Andy. Sie hätten gute Gespräche geführt und auch viel gelacht. Natürlich habe es auch diese andere Seite gegeben, erzählt Esther, und schildert, wie sie einmal das Bild eines kleinen Mädchens auf einem Altar im Gang sieht. Oder wie ein krebskranker Junge kurz vor einer Operation erfährt, dass er möglicherweise einen zweiten Tumor hat. „In dem Fall können wir nichts mehr für ihn tun“, lassen die Ärzte die Eltern des Jungen wissen.

Auch für Esther und Andy ist die Zeit nicht nur wegen der Diagnose an sich eine Belastungsprobe: Jeden zweiten Tag wechseln sie sich ab, wer im Krankenhaus bleibt und wer sich zu Hause um Jussis Bruder kümmert. Die Nächte sind kurz, weil das Elternteil in der Klinik jede Stunde aufstehen muss, um dem Kind zu helfen, damit die Medikamentengabe reibungslos laufen kann. „Besonders am Wochenende langweilst du dich, weil nichts passiert“, sagt Andy. Er habe es gefeiert, als er den Infusionswagen dazu gebracht habe, nicht länger nervtötend zu quietschen.

Klinikclowns helfen gegen die Monotonie

Während der ersten Behandlungsphase muss die Umgebung keimfrei sein, weil das Immunsystem des kleinen Patienten komplett heruntergefahren ist. Daher sind die Spielmöglichkeiten begrenzt. „Du kannst nicht ununterbrochen vorlesen“, sagt Esther. Umso dankbarer ist sie für Abwechslungen im Klinikalltag wie den Klinikclown, das Sandmännchen, das die Kinder abends besucht, und den Erzieher, der auf der Station für alle Kinder da ist.

„Das Personal war cool“, sagt Andy. Gut informiert über das, was passiert, fühlen sich Müllers immer. Das ist wichtig, denn so sind sie auch auf das, was mit dem Kind passiert, vorbereitet: Es gibt Wochen, in denen die Medikamente für extreme Stimmungsschwankungen beim Kind sorgen. Andere Medikamente lösen Heißhungerattacken aus. Jussi verliert seine Haare.

„Die Krankheit ist eine Riesen-Scheiße“, sagt Andy, doch er und Esther suchen immer auch gute Momente. Weil Andys Mutter ebenfalls an Krebs erkrankt ist, hat auch sie keine Haare. Als Jussi seine verliert, solidarisieren sich die beiden Glatzköpfigen und die Oma setzt dem Enkel ihre Perücke auf. Andy lacht herzlich, als er sich an die Situation erinnert. Dass Esther und er sich diese positive Sicht aufs Leben erhalten können, empfinden sie als Geschenk. Dass auch Jussi ein geborener Optimist ist, hilft ungemein. Als Andys Mutter im Mai 2019 stirbt, sagt Bruder Noah: „Oma ist ja jetzt an Krebs gestorben, und Jussi hat ja auch Krebs …“ Jussi fällt ihm ins Wort: „Ja, aber ich habe doch einen ganz anderen Krebs!“

Wie ein kompletter Lockdown

Dass Jussi mit der eigenen Situation so optimistisch umgeht und dass er ein sehr unkomplizierter Patient ist, macht es auch den Eltern leichter. „Jussi hat das alles auch als Abenteuer erlebt“, meint Andy: „Er hat im Schwesternzimmer vor den Monitoren gesessen und war ganz in seinem Element, wenn er Sachen gesagt hat wie: ‚Auf der 3 ist der Puls zu hoch!‘“ Einmal sagt Jussi, der den Fußballern vom BVB die Daumen drückt, zu einer Ärztin: „Ich rede heute nicht mit dir!“ – „Wieso? Was habe ich gemacht?“ – „Du bist Bayern-Fan!“

Neben der Tatsache, dass Jussi gut kooperiert, nehmen Esther und Andy ihr christliches Umfeld als sehr hilfreich wahr. Beide haben christliche Arbeitgeber, die sie mit großer Selbstverständlichkeit unkompliziert von heute auf morgen freistellen. Ihr Hauskreis, eine Kleingruppe in ihrer Kirchengemeinde, leistet praktische Hilfe. „Gold wert“ sei das gewesen, sagt Esther. Als Jussi nach vier Wochen erstmals für ein paar Tage nach Hause darf, hat der Hauskreis das komplette Haus geputzt, damit alles möglichst keimfrei ist. „Das hätten wir unmöglich allein geschafft“, sagt Esther, zumal ja immer nur ein Elternteil zu Hause sein kann. Dass der Freundeskreis die ganze Zeit den Kontakt hält und nicht nur fürs Kind, sondern auch für die Eltern betet, schätzen Andy und Esther ungemein. „Du kannst ja nirgendwo mehr hin, es ist wie ein kompletter Lockdown für dich selbst, nur, dass draußen das Leben weitergeht“, sagt Esther.

Eine kleine Gebetserhörung

Eine Freundin aus dem Hauskreis arbeitet zufälligerweise auf der Station in der Kinderklinik, auf die Jussi kommt. Auch das hilft. Zusammen mit den Freunden, Bekannten und ihren Familien beten Andy und Esther viel. Einmal bekommt Jussi Fieber. Das ist schlecht, weil es die Therapie zurückwirft. „Ich habe gebetet, und das Fieber ging zurück“, sagt Andy. Dabei stellt er klar, dass natürlich nicht jedes Gebet erhört wird und es nicht unbedingt eine Beziehung zwischen „richtig“ oder „genug“ gebetet und dem Ausgang einer Situation gibt. „Aber das haben wir als Geschenk genommen“, sagt er.

Der hoffnungsvolle und optimistische Umgang von Müllers mit ihrer Situation bleibt nicht unbemerkt. An einem Abend kommt eine Schwester zu ihm: „Du, Andreas, du bist doch handwerklich so’n bisschen begabt. Im Nebenzimmer tropft die Dusche.“ Sie zögert. Und dann: „Das Kind hat eine Krankheit, die ihr gut kennt. Es täte denen gut, wenn ihr mal mit denen redet.“

Die Familie geht auf dem Zahnfleisch

An einem Samstag im November schwingt Jussi mit aller Kraft einen schweren Schlägel über den blanken Kopf und haut damit auf einen großen Gong. So feiern alle Patienten der Kinderkrebsstation, die die erste Therapiephase erfolgreich hinter sich gebracht haben: „Hoch die Hände, Chemoende“, steht auf einem Schild neben der runden Metallplatte.

Ein halbes Jahr später ist eine vierwöchige Familien-Reha angedacht. „Erst da haben wir gemerkt, wie sehr wir auf dem Zahnfleisch laufen“, sagt Esther. Die Diagnose selbst, die Trennungszeiten, der Schlafmangel, kein normales Familienleben: „Du kannst nicht allen gerecht werden. Ständig sitzt du zwischen den Stühlen und merkst erst später, wie sehr das alles geschlaucht hat.“ Die Familie muss die Reha, die im darauffolgenden März beginnt, nach zwei Wochen wegen Corona abbrechen. Sie soll wiederholt werden. Darauf freuen sich alle vier. Ihr größter Wunsch ist es, endlich wieder einen normalen Alltag zu führen.

An dem Abend, an dem Doktor Bello seine rote Mütze bekommt, sitzen die vier am Abendbrottisch. Jussi hampelt auf seinem Stuhl herum und stört sich gar nicht an den Ermahnungen seiner Eltern, erst zu beginnen, wenn alle sitzen, und sich nicht den ganzen Teller voller Gurkenscheiben zu laden. Er wippt hin und her, tritt heimlich unterm Tisch und verdreht die Augen dazu: ein ganz normaler Junge eben.

Stefanie Ramsperger arbeitet als freie Journalistin und Lektorin und leitet die Öffentlichkeitsarbeit des Jugendverbands „Entschieden für Christus“ (EC). Zuvor hat sie als Redaktionsleiterin und Redakteurin verschiedener Magazine gearbeitet. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/05/family_justus-scaled.jpg 2000 3000 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2021-05-19 16:04:502021-05-19 16:04:50Der kleine Justus kämpft gegen die Leukämie – Warum die Eltern die Hoffnung nicht aufgeben

Trauma nach Operation des Kindes: Hier bekommen Väter Hilfe

Mutter fragt sich nach OP verzweifelt: Wie kann ihr Mann mit der Angst um das Kind umgehen? Das rät ihr Expertin Hermine Nock.

„Wir haben nach der Geburt erfahren, dass unser Sohn einen Herzfehler hat. Er musste gleich operiert werden. Ich habe es mittlerweile ganz gut verarbeitet, aber mein Mann kommt nicht darüber hinweg. Er hat ständig Angst um unseren Sohn. Er hat das Trauma nicht aufgearbeitet und ist auch nicht der Typ, der über seine Gefühle redet. Wie kann ich ihm helfen?“

Wir hören in unserem Beratungsalltag sehr häufig, dass Mütter und Väter unterschiedlich mit „schlechten Nachrichten“ oder schwer krankem Familienzuwachs umgehen. Oft haben Mütter das Bedürfnis, darüber zu reden und Erfahrungen auszutauschen, während Väter im Internet aktiv sind oder sich in ihre Rolle als Ernährer zurückziehen. Auch sich aktiv Hilfe zu holen, scheint für Männer oft schwerer zu sein als für ihre Partnerinnen.

Männer leiden anders als Frauen

Manche leiden still, aber genauso intensiv – nur eben anders. Die Paarbeziehung gerät in den Hintergrund, die Eltern „funktionieren“ in der gemeinsamen Sorge um das herzkranke Kind. Für die Geschwister bleibt oft nicht mehr so viel Kraft und Zeit, wie diese es sich wünschen. Die sorgen sich ja auch und bräuchten viel Zuwendung und Erklärungen, warum jetzt alles so anders ist, seit das herzkranke Kind in die Familie kam. Ein Dilemma, für dessen Lösung die Familien Hilfe und Unterstützung brauchen.

Falls Sie es noch nicht getan haben, rate ich Ihnen, Hilfe über Eltern-Vereine in Anspruch zu nehmen. Bei Elterncoachings beispielsweise können Sie gemeinsam mit professionellen Coaches Ihre drängenden Fragen und Ängste besprechen und erhalten dort einen zuversichtlichen Blick in eine Zukunft mit dem oft chronisch herzkranken Kind. Und Sie lernen andere Eltern in ähnlichen Situationen kennen, mit denen Sie sich austauschen können. Coronabedingt tauschen sich Väter, Mütter und Coaches derzeit in Online-Seminaren aus, was den Vorteil hat, dass beide Eltern gleichzeitig anwesend sein können.

Angebote speziell für Väter

Die Eltern-Vereine verhelfen Ihnen auch zu einer Familienorientierten Reha (FOR). In Nachsorgekliniken können sich die belasteten Familien inklusive der Geschwister vier Wochen lang neu finden und Kraft tanken für den künftigen gemeinsamen Alltag. Dort gibt es auch Angebote speziell für Väter. Die Kosten trägt entweder die Renten- oder die Krankenversicherung.

Es gibt auch „Väter-Wochenenden“, die speziell die Bedürfnisse von Vätern ansprechen. In einem geschützten Raum können sie sich fallenlassen, sich jemandem anvertrauen und sich mit anderen Betroffenen austauschen. Hier können sie neue Methoden für den Umgang mit Rückschlägen erlernen und Kraft tanken.

Hermine Nock ist Geschäftsführerin beim Bundesverband Herzkranke Kinder e. V. 

Webtipps:

bvhk.de
kohki.de
herzkind.de
kindernetzwerk.de
evhk.ch
herznetz.ch

Facebookgruppe: „Eltern und Familien herzkranker Kinder“

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/05/family_depression.jpg 1280 1920 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2021-05-12 12:40:132021-05-12 12:40:13Trauma nach Operation des Kindes: Hier bekommen Väter Hilfe

Mit Kindern streiten: Auf diese fünf Punkte kommt es an

Gerade Konflikte mit den eigenen Kindern fordern Eltern stark. Um sie gut zu meistern, braucht es laut dem Therapeuten Daniel Gulden vor allem eines: Da sein.

Kennen Sie …

  • … lautstarken Zoff mit dem 14-Jährigen, der stundenlang vor dem PC sitzt und mit Freunden zockt? Und jede Ihrer Reaktionen sorgt für schlechte Stimmung?
  • … endlose Diskussionen mit der 13-Jährigen, die nicht einsehen will, dass sie um 22 Uhr zu Hause sein muss?
  • … Diskussionen mit dem 8-Jährigen, der sich konsequent weigert, seine Hausaufgaben zu machen?
  • … gegenseitige Vorhaltungen und Vorwürfe der Eltern, weil man sich nicht einigen kann, was für die 3-Jährige in Sachen Essen richtig, wichtig und angemessen ist?

Erziehung gleicht einem Marathon. Oft machen sich Ohnmacht, Wut oder Resignation breit. Gute Vorsätze von liebevoller, verständnisvoller und partnerschaftlicher Erziehung sind wie weggeschmolzen. Wie kann Erziehung heute gelingen?

Die Psychologen Haim Omer und Arist von Schlippe beschreiben dies in ihrem Konzept der „Neuen Autorität“. Die Grundprämisse lautet: „Ich kann dich nicht zwingen, aber ich bleibe beharrlich.“ Ihr Ziel ist es, Eltern in unterschiedlichen Situationen zu unterstützen, „präsent“ zu bleiben oder die in Schieflage geratene Beziehung wiederherzustellen und zu entwickeln. Und zwar so, dass Eltern weder die eigene Position aufgeben noch mit Drohungen oder Strafen die Beziehung zu ihrem Kind gefährden. Dabei steht der Begriff der „Präsenz“ im Mittelpunkt. Präsenz beschreibt das äußere und innere Reagieren der Eltern auf das Verhalten des Kindes.
Präsenz ist die Folge innerer Haltungen, die Omer und von Schlippe so beschreiben:

  • Ich bin da! Ich bin an dir interessiert! Ich lasse mich nicht abschütteln! Ich möchte mit dir im Kontakt bleiben.
  • Ich bleibe da – auch wenn es (gerade) schwierig ist.
  • Ich kämpfe nicht gegen dich, sondern setze mich für eine wohlwollende Beziehung zu dir ein.
  • Ich kann dich nicht kontrollieren, aber ich kann und werde beharrlich bleiben.
  • Ich bleibe nicht allein.

So zeigt sich Präsenz

Aus diesen Haltungsaspekten, die in Präsenz sichtbar werden, haben Martin Lemme und Bruno Körner sechs Dimensionen formuliert, die den Begriff der Präsenz näher erläutern. Bevor Sie weiterlesen: Erinnern Sie sich an eine sich wiederholende oder einmalige schwierige Erziehungssituation. Eine Situation, in der Sie nicht so handeln konnten, wie Sie wollten. Oder in der Sie mit Ihrem Handeln oder dem Ergebnis unzufrieden waren. Ich lade Sie ein, sich diese konkrete Situation bei den folgenden Punkten jeweils vor Augen zu führen, um sie durch die Brille Ihrer Präsenz zu betrachten. Folgende Dimensionen sind dabei wesentlich:

1. Ich bin da und bleibe da.

Erinnern Sie sich: Wo genau waren Sie in diesem Konflikt? Welche Körperhaltung hatten Sie? Hat sich Ihre Körperhaltung verändert? Wie hoch war die Geschwindigkeit des Konfliktes – im Reden und Handeln? Waren Sie vielleicht abgelenkt und mit etwas anderem beschäftigt oder waren Sie ganz da?

Körperliche Präsenz beschreibt die Qualität und die Quantität der körperlichen Anwesenheit der Eltern. Dies ist geprägt durch drei Aspekte: (1) Körperliches Wohlbefinden – Eltern spüren ihre Kraft, fühlen sich wohl und stabil. (2) Geistige Klarheit – Eltern sind nicht abgelenkt. (3) Bereitschaft, sichtbar zu werden – Eltern suchen den Kontakt mit dem Kind.
Oft vermeiden Eltern aus Angst vor Konflikten kritische Situationen. Dies jedoch intensiviert die schwierige Situation. Um Körperpräsenz zu halten, ist es wichtig, gerade in kritischen Situationen einen wohlwollenden und beziehungsfördernden Kontakt zum Kind zu suchen. Dadurch zeigen Eltern: „Ich bin da – und bleibe da.“ Gleichzeitig sollte das elterliche Auftreten geprägt sein durch Zuwendung, Unterstützung und Beziehung.

Fragen zur Reflexion:

  • In welchen Momenten erlebe ich meine Energie wie und wo im Körper?
  • Bin ich in der Lage, mich ganz auf mein Kind zu konzentrieren – ohne Ablenkung?
  • Bin ich in kritischen Situationen für mein Kind sicht- und erlebbar?
  • Welche Botschaften sende ich durch meine Stimme, Körperhaltung und Mimik?

2. Ich kann handeln.

Erinnern Sie sich: Hatten Sie das Gefühl, wirksam und erfolgreich handeln zu können? Konnten Sie gegebenenfalls auf alternative Handlungsweisen (Plan B oder C) zurückgreifen?

Handlungspräsenz oder pragmatische Präsenz beschreibt die Fähigkeit der Eltern, in kritischen Momenten handlungsfähig zu bleiben und/oder verschiedene Handlungsweisen parat zu haben. Hilfreich ist es, wenn Eltern ihr Handeln unabhängig vom Verhalten des Kindes gestalten können. In manchen Situationen wissen Eltern oft nicht, wie sie konkret wirksam handeln können, oder sie haben nur eine Lösung parat, die jedoch vom Handeln des Kindes abhängt. Dadurch entstehen entweder überhitzte Konflikte, die mit Zwang und Drohung einhergehen, oder Resignation: Eltern schmeißen die Flinte ins Korn.

Eltern können ihre Handlungspräsenz stärken, wenn sie auf wiederkehrende kritische Momente einen Wenn-Dann-Plan für das eigene Verhalten erstellen. So ein Wenn-Dann-Plan könnte lauten: „Wenn ich mich durch das Verhalten des Kindes unter Druck fühle, achte ich auf meinen Atem und verringere mein Sprechtempo.“ Sollten Eltern von einem Verhalten überrascht werden, können sie sich vornehmen, nicht sofort und endgültig zu entscheiden, sondern ihre Reaktion aufzuschieben und zu vertagen.

Fragen zur Reflexion:

  • Wann erlebe ich eine hohe Handlungspräsenz? Wann eine niedrige?
  • Fühle ich mich in meinem Handeln sicher und wirksam? Verfüge ich über verschiedene Handlungsmöglichkeiten?

3. Ich habe meine Emotionen im Blick.

Erinnern Sie sich: Wie emotional haben Sie sich in der Situation erlebt? Konnten Sie Ihre Gefühle in dem Moment wahrnehmen und regulieren? Konnten Sie sich von den Gefühlen Ihres Kindes distanzieren?

Emotionale Präsenz beschreibt die Fähigkeit der Eltern, rechtzeitig aus Konflikten auszusteigen und die eigenen Gefühle und Reaktionen zu regulieren. Eltern handeln unabhängig von aufwallenden Gefühlen. Das heißt nicht, dass sie keine Emotionen mehr zeigen dürfen, sondern dass sie aus Emotionsspiralen aussteigen können. Folgende Schritte können hilfreich sein, um die emotionale Präsenz wiederherzustellen:

  • Aussteigen: Sollten in einem Konflikt „wunde Punkte“ angerührt werden und die Gefühle „hochkochen“, ist es hilfreich, sich und dem Gegenüber eine Pause zu gönnen. Dabei hilft es, durchzuatmen oder ein Thema bewusst aufzuschieben: „Ich höre, was du sagst. Ich bin damit nicht einverstanden. Ich mache mir Gedanken und komme darauf zurück.
  • Beruhigen: Eltern lernen Strategien, wie sie sich beruhigen können. Folgendes könnte dabei helfen: langsames (Aus-)Atmen, ein Spaziergang, Kontakt zu vertrauenswürdigen Menschen.
  • Darauf zurückkommen: In einem günstigen Augenblick sollten Eltern das Gespräch mit ihren Kindern wieder aufnehmen, um die Situation zu klären. Möglicherweise müssen sich Eltern auch bei ihrem Kind entschuldigen.

Fragen zur Reflexion:

  • Wie gelingt es mir, meine Emotionen rechtzeitig wahrzunehmen?
  • Inwieweit gelingt es mir, „heiße“ Situationen zu vertagen und auf günstigere Momente zu verschieben?
  • Was genau führt mich zum Verlust meiner Selbstkontrolle? Sind es immer wieder ähnliche Situationen?
  • Welche Möglichkeiten habe ich, mich selbst zu beruhigen? Was hilft mir dabei?

4. Ich handle, wie ich es will.

Erinnern Sie sich: Haben Sie in dieser Situation so gehandelt, wie Sie es wollten? Waren Sie im Nachhinein von Ihrem Handeln überzeugt? Wenn Ihnen ein Fehler unterläuft, wie gehen Sie dann mit sich um?

Überzeugungs-Präsenz meint das konkrete Verhalten der Eltern, das mit ihren Werten, Vorsätzen und Grundüberzeugungen übereinstimmt. Im Eifer des Alltags erleben Eltern immer wieder, dass das Handeln von den eigenen Werten und Vorsätzen abweicht. Dies führt dazu, dass sie sich selbst oder einander verurteilen und abwerten. Ihre Präsenz wird dadurch geschwächt. Eltern, die klare Grundüberzeugungen haben und wissen, wie sie diese im Alltag umsetzen können, erleben sich wirkungsvoll und zeigen Stärke. Zur Stärkung der Überzeugungs-Präsenz ist es hilfreich, sich seiner inneren Überzeugungen bewusst zu werden und diese positiv zu formulieren.

Fragen zur Reflexion:

  • Bin ich mit dem, was ich bisher tue oder getan habe, einverstanden? Oder stelle ich mein eigenes Handeln in Frage?
  • Ist das, was ich in kritischen Situationen tue, auch das, was ich tun will?
  • Inwieweit kann ich den Haltungen von Omer/von Schlippe (s.o.) zustimmen? Welche Haltung fällt mir leicht, welche schwer?

5. Ich bleibe nicht allein.

Erinnern Sie sich: Hatten Sie das Gefühl, auf ein unterstützendes Netzwerk zurückgreifen zu können, oder fühlten Sie sich allein? Wissen Sie, an wen Sie sich wenden können, wenn eine Situation brenzlig wird?

Unter systemischer Präsenz oder Wir-Präsenz versteht man das gegenseitig stärkende und unterstützende Handeln verschiedener Erziehungspartner: (getrennt lebende) Eltern, Tanten, Großeltern, Erzieherinnen, Lehrer … Alle Beteiligten bilden ein Bündnis für das Kind und gestalten eine positive Beziehung zum Kind.

Eltern erleben sich präsent, wenn sie durch ein gutes Netzwerk Unterstützung finden. Ein Netzwerk von Unterstützern funktioniert nur dann, wenn Offenheit, Wertschätzung und Echtheit das Miteinander prägen.

Fragen zur Reflexion:

  • Welche Menschen unterstützen mich in kritischen Situationen?
  • Wen könnte ich um Unterstützung bitten? Wie und wann gestalte ich die Kontaktaufnahme in der kritischen Situation?

6. Ich habe eine gute Absicht.

Erinnern Sie sich: Was war die Absicht Ihres Handelns? Ging es Ihnen um die Beziehung zum Kind oder darum, dass Sie sich durchsetzen? Wem hat Ihr Handeln gedient? Hatten Sie in der Situation die Entwicklung des Kindes im Blick?

Mit Absichtspräsenz beschreibt man den Fokus oder die Absicht des konkreten Handelns. Die Ausgangsfrage lautet: Welches Ziel verfolge ich durch mein Tun, und woran wird mein Kind dieses erkennen? Das oberste Ziel des Handelns ist die Herstellung einer stabilen und vertrauensvollen Beziehung. In schwierigen Situationen ist es herausfordernd, die Absicht des eigenen Handelns klar im Auge zu behalten.

So kann die Absichtspräsenz gestärkt werden:

  • Eltern erleben sich stärker, wenn sie eine „gute“ Absicht haben, die eine positive Beziehung im Blick hat. Eine destruktive Absicht führt durch Fremd- oder Selbstvorwürfe zumeist zu einer inneren Schwäche. Deshalb stärkt es die Absichtspräsenz, wenn Eltern dem Kind positive Beziehungsangebote machen und die Bereitschaft signalisieren, ihm zuzuhören. Sollte der Kontakt abgebrochen sein, ist die erste Frage: Wie komme ich mit meinem Kind neu in Kontakt?
  • Fehler sind unvermeidlich. Es zeugt von Stärke, wenn Eltern für ihr Fehlverhalten um Entschuldigung bitten können.

Fragen zur Reflexion:

  • Wem dient mein Handeln?
  • Welche Absicht verfolge ich in schwierigen Erziehungssituationen? Geht es um „Sieg und Niederlage“ oder um eine positive Beziehung zu meinem Kind?
  • An welchen Gesten oder Handlungen erlebt mein Kind diese Absicht?
  • Woran kann mein Kind erkennen, dass es mir am Herzen liegt und dass ich Interesse an ihm habe?

Daniel Gulden ist Systemischer Therapeut, Supervisor und Coach für (Neue) Systemische Autorität. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Kaisersbach: beziehungs-weise.biz

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/04/family_streit.jpg 1414 2121 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2021-04-29 08:50:062021-04-29 08:50:06Mit Kindern streiten: Auf diese fünf Punkte kommt es an

Happy End: So wurde Eremias aus Eritrea ein Teil von Alexanders Familie

Der Geflüchtete Eremias ist mittlerweile ein Dauergast bei Alexander. Jetzt erzählen beide, was ihre Freundschaft ausmacht.

Teil 1: Der familienlose Vater Eremias (35)

Vor zwei Jahren kam ich aus Eritrea nach Deutschland. Meine Frau und unsere zwei Söhne sind noch in Afrika. Ich vermisse sie sehr. Ich hoffe, dass sie bald alle Papiere bekommen, um nachzureisen. Bis dahin versuche ich, Geld zu verdienen, eine Wohnung zu finden und Deutsch zu lernen. Gott sei Dank habe ich Freunde gefunden, die mir helfen. Alexander ist einer von ihnen. Er übt mit mir Deutsch. Gemeinsam füllen wir Anträge aus, er begleitet mich zum Amt oder zu einem Vorstellungsgespräch. Es ist sehr anstrengend für mich, denn alles ist fremd und ungewohnt.

Im Flüchtlingsheim wohne ich mit vier Männern in einem kleinen Zimmer. An der Wand neben meinem Bett hängen die Fotos meiner Frau und unserer beiden Söhne. Mein Jüngster war ein Baby, als ich ihn zuletzt sah. Jetzt kann er laufen und sprechen. Manchmal telefonieren wir und dann höre ich meine Kinder plappern.

Gemeinsam deutsch lernen

Ich war sehr glücklich, als mich Alexander in seine Familie einlud. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder im Schulalter. Wir gingen gemeinsam in den Gottesdienst und aßen zusammen Mittag. Je besser wir uns kennenlernen, umso häufiger bin ich bei ihnen. Ich versuche, keine Mühe zu machen und will die Familienroutine nicht stören. Anfangs lehnten sie meine Hilfe ab, aber es ist kein gutes Gefühl, wenn ich meine Dankbarkeit nicht ausdrücken kann. Nun mähe ich den Rasen oder helfe in der Küche mit. Wenn die Kinder am Küchentisch Hausaufgaben machen, übe ich auch. Ich lese und schreibe in Deutsch. Die Kinder lachen, wenn ich etwas falsch ausspreche. Dann verbessern sie mich. Ich versuche, ihre Bücher zu lesen. Manche sind sehr lustig. Alexanders Frau sagt immer: „Wenn man Humor versteht, versteht man sehr viel.“

„Ich war das erste Mal in einem Kino“

Seit ich Alexanders Familie besuche, bin ich fröhlicher. Ich darf bei ihnen duschen und kann mir dabei Zeit lassen. Ich habe eine gute Internetverbindung, um mit meiner Familie in Afrika zu chatten. Bei schlechtem Wetter verbringe ich die Zeit auf ihrem Sofa. Es ist so gemütlich bei ihnen. Sie geben mir ein Gefühl von Heimat Alexander und seine Familie nehmen mich mit auf Ausflüge, zu Festen oder auf den Spielplatz. Ich freue mich schon darauf, meinen Kindern den See, den Wald oder die Stadt zu zeigen. Mit Alexander war ich das erste Mal in einem Kino. Ich habe nicht alles verstanden, aber die Bilder und die Stimmung waren großartig. Ich aß Popcorn aus einem Eimer.

Alexander schenkte mir sein altes Fahrrad. Wir haben es gemeinsam repariert. Ich bin ziemlich schlecht gefahren. Wir übten auf einem Weg und die Kinder flitzten mit ihren kleinen Rädern neben mir her. Wenn ich die Hoffnung verliere, bald mit meiner Familie vereint zu sein, macht mir Alexander Mut.

Teil 2: Der Familienvater Alexander (46)

Immer wieder kommen Flüchtlinge in unseren Ort. Es werden immer Helfer gesucht, und ich will gern helfen. Eremias lernte ich im Deutschkurs kennen. Er ist ein junger Familienvater. Ich stellte mir vor, wie schrecklich es sein muss, die eigene Familie nicht beschützen und versorgen zu können. Ich unterstütze Eremias, damit er möglichst schnell selbstständig wird. Die vielen Anträge und Behördengänge sind mühsam, aber jedes Dokument bringt uns ein Stück vorwärts. Er hat Aussicht auf eine Arbeitsstelle als Küchenhilfe in einem Hotel. Der Arbeitgeber würde ihm eine Dienstwohnung zur Verfügung stellen. Das wäre ein großer Fortschritt.

Als ich sah, wie Eremias in der Flüchtlingsunterkunft lebt, lud ich ihn zu uns ein. Anfangs behandelten wir ihn wie einen Gast. Er sollte sich einfach nur wohlfühlen. Aber wir merkten, dass er helfen will. Er will kein Gast sein, er möchte eher ein Hausfreund sein. Er ist sehr hilfsbereit. Also packt er im Garten mit an. Beim Rasenmähen erwischt er manchmal die Pflanzen meiner Frau. Jetzt stellt sie bunte Plastikhütchen hin, damit er weiß, was stehen bleiben soll. Wir lernen, die Dinge nicht zu eng zu sehen. Wenn etwas kaputtgeht oder misslingt, dann ist es so. Wir kauften für ihn Wäsche, aber er bestand darauf, sie selbst zu bezahlen. Ich muss lernen, ihn nicht zu betüddeln oder zu bedrängen.

„Immer wieder schreibt er RIP unter die Bilder“

Manchmal mache ich mir Sorgen, dass ihn unser Familienleben erst recht traurig macht. Als meine Schwiegereltern zu Besuch waren, suchte er den Kontakt zu meiner Schwiegermutter. Seine Großfamilie fehlt ihm und es scheint ihn zu trösten, dass er bei uns Anschluss hat.

Meine Söhne spielen gern mit Nerfs, diesen Spielzeugwaffen, die Schaumstoffpfeile abschießen. Durch Eremias verstehen sie, wie schrecklich Krieg und Flucht sind. Jetzt sind sie in einem Alter, in dem Shooter Games interessant werden. Sie sind sensibler geworden und lehnen die Spiele ab, die zu realistisch sind. Eremias zeigt uns die neuesten Fotos seiner Familie, spielt eritreische Musik vor oder wir suchen auf Google Earth sein Heimathaus. Er versucht, uns mit in seine Welt zu nehmen. Aber er erzählt nur wenig von seiner Flucht und was er in den unterschiedlichen Camps erlebt hat. Als katholischer Christ wurde er von Andersgläubigen schikaniert. Seine Art, den Glauben zu leben, hat mich sehr berührt. Auf Facebook teilt er immer wieder Traueranzeigen von Freunden aus seiner Heimat. RIP. Immer wieder schreibt er RIP unter die Bilder. Eremias lebt mit so viel Zerbruch, dass mir meine Probleme ganz klein erscheinen. Wir beten mit ihm. Meine Kinder spüren auch die Traurigkeit in ihm.

„Die Freundschaft macht uns bescheidener“

Eremias lädt uns auch zu sich ein. Dann hocken wir in dem kleinen Zimmer zwischen den anderen Männern. Er hat für uns gekocht und ist stolz, uns zu bewirten. Das Essen sieht seltsam aus. Ich kann die Zutaten nicht erkennen, aber es schmeckt erstaunlich gut. Mein ältester Sohn liebt die scharfen Speisen. Den Kindern gefällt es, dass sie mit den Händen essen dürfen. Sie stippen Fladenbrot in Soßen und dicke Suppen. Wenn mir das Essen zu scharf ist und ich einen roten Kopf bekomme, lachen die Männer.

Es ist schön, mit Eremias etwas zu unternehmen, das er nicht kennt. Wir sind mit ihm in die Berge gefahren, gingen ins Konzert und besuchten ein Schwimmbad mit Sprungturm. Dadurch entdecken auch wir immer etwas Neues. Nichts ist selbstverständlich. Es macht uns bescheidener. Die Freundschaft zu Eremias hat mir gezeigt, wie kostbar Familie ist. Die besten Träume und Wünsche nützen nichts, wenn man nicht in Frieden leben darf.

Protokoll: Susanne Ospelkaus

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/03/family_eremia-scaled.jpg 2250 3000 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2021-04-15 09:03:222021-04-15 09:03:22Happy End: So wurde Eremias aus Eritrea ein Teil von Alexanders Familie

Langjährige Beziehung: Drei Tipps helfen, wenn im Bett die Luft raus ist

Je länger man verheiratet ist, umso unwichtiger wird Sex? Das ist kein Muss, sagt Sexualtherapeutin Cordula Kehlenbach.

Die Aussicht auf ein dauerhaft aufregendes Sexleben ist verlockend. Es soll vor allem lebendig sein, es soll sich etwas regen in Körper und Herz, die Beziehung soll in Bewegung bleiben. Mit Nervenkitzel, bitteschön. Wir haben glücklicherweise eine Ahnung, wie es sein könnte. Der Weg dorthin führt aber nicht über optimierte Techniken, Dessous oder Schönheitsoperationen. Sondern über …

1. Einzigartigkeit

Wir können heute viel lesen und hören über scheinbare Normalität in Sachen Sexualität. Dauernd Lust auf Sex zu spüren, fünf Stellungswechsel bei einer sexuellen Begegnung zu absolvieren (wozu eigentlich?) oder Spaß an Fesselspielen zu haben. Das Bild ist stark geprägt vom Internet mit seinen Fake News. Und macht vielen Menschen Stress. Aus „So kann man das machen“ ist ein „So muss man das machen“ geworden. Vor allem Männer stehen in der Gefahr, die Norm erfüllen zu wollen oder sogar einen Leistungssport aus dem Liebesspiel zu machen. Aus Spiel wird dann eine ernste, schlimmstenfalls abtörnende Sache. Welche Angst treibt einen in solchen Momenten? Den anderen zu enttäuschen? Vor der imaginären Konkurrenz schlecht dazustehen? Verlassen zu werden?

In Wirklichkeit sind andere Dinge „normal“: Dass man beim Sex auch abgelenkt ist, dass manchmal etwas wehtut, dass Erregung nachlässt, dass Highlights die Ausnahme sind.
Wahr ist auch, dass jeder einmalig ist mit seinen Vorlieben, Bedürfnissen und Ideen. Und dass jedes Paar einzigartig und wunderbar ist in seiner Kombination. Das ist spannend – und aufregend. Da steckt Potenz(ial) drin. Vergesst die Norm. „Die anderen“ sind nicht hilfreich. Findet heraus, was euch gefällt, was ihr wollt und genießen könnt. Es wird nicht mit einem Fingerschnippen die große Erkenntnis kommen. Sondern man kann – wenn auch etwas aufgeregt – zulassen, sich bei jeder Begegnung ein Stückchen besser zu verstehen und zu akzeptieren.

2. Forschergeist und Mut

Ins Reich der Märchen gehört, dass ein guter Liebhaber der Geliebten alle Wünsche erfüllt – und vor allem die unausgesprochenen. Tatsache ist, dass man doch gar nicht wissen kann, was für den anderen gerade jetzt angenehm ist. Es sei denn, man beherrscht das Gedankenlesen. Möchte mein Partner heute erst geküsst werden oder zart gestreichelt? Erst an den Armen oder lieber gleich an der Brust? Je mehr man es richtig machen möchte, um so verkrampfter wird es. Ja, wir haben Erfahrungen und können empathisch sein. Dennoch gibt es reichlich Spielraum für Fehlinterpretationen. Bedeutet das Schweigen jetzt Genuss oder Langeweile? Manche Missverständnisse werden jahrelang nicht aufgeklärt. Dabei liegt der Experte für die Lust des Partners doch direkt neben einem. Sie könnte mich entlasten, indem sie mich wissen lässt, was jetzt guttut. Mit Worten oder indem sie zum Beispiel meine Hand nimmt und sie an die richtige Stelle legt.

Reden erscheint unerotisch? Da erscheint mir den Mund zu halten, Unangenehmes zu ertragen und viel Unsicherheit aber wesentlich unerotischer. Vor allem bringt es keine Erregung in die Sexualität, sondern Erstarrung.

Den anderen neugierig zu erforschen oder sich immer wieder erforschen zu lassen, braucht Mut. Ich weiß nicht, ob der Partner mir diesen Wunsch auch erfüllen möchte. Oder ist sie geschockt, empfindet er das als unangenehm oder lehnt es ab? Nichts zu brauchen oder zu sagen ist da viel ungefährlicher. Aber führt nicht zum besagten „aufregenden“ Sex.

3. Improvisation

Aufregende Lebendigkeit in der Sexualität kann sich nur entwickeln, wenn man nicht nach einem festen Plan Liebe macht, sondern improvisiert. Also nicht einem angeblich vorgegebenen Plan zu folgen (Küssen, Fummeln, Ausziehen…), sondern sich gemeinsam treiben zu lassen und das Schöne auszukosten. Vielleicht beginnt es einmal mit einer Hand- oder Augenmassage. Sich treiben und fallen lassen kann nur, wer vertraut, dass es schön wird und dass er jederzeit auch abbrechen kann. Dieses Kontrollbedürfnis ist hier sinnvoll. Denn nur wer eingreifen kann, wenn etwas schiefläuft, kann sich genießend dem hingeben, was schön ist.

Damit kann man den anderen natürlich enttäuschen. Aber wenn er sich getäuscht hat (dass eine Berührung oder Stellung angenehm sei), ist es doch nur liebevoll, ihn – freundlich – darauf hinzuweisen. Diese positive Art von Kontrolle kann man auch als notwendige Eigenverantwortung bezeichnen. Hinderliche Kontrolle ist dort nötig, wo man sich nicht traut, seine Bedürfnisse klar zu äußern. Oder wo man sich nicht drauf verlassen kann, dass der Partner die gewünschten Grenzen respektiert. Das kann an beiden Seiten liegen. Eines ist klar: Lust kann nur aus Sicherheit entstehen.

Improvisation schließt nicht aus, dass man sich dafür im Bett verabredet, dass man den Zeitraum für möglichen Sex plant. Die Lust muss nicht am Anfang stehen! Freude auf eine Zeit mit entspannter, liebevoller Körperlichkeit (mit Open End!) reicht aus und ist außerdem verlockender als ein Pflichtprogramm. Wie bei musikalischen Improvisationen ist es auch wichtig, dass jeder sein Instrument, also seinen Körper kennt und auf ihm spielen kann. Nicht perfekt, aber gut genug für das Zusammenspiel. So kann aufregende Musik entstehen.

Je mehr Mut, Ehrlichkeit und Vertrauen in euch beiden über die Jahre wachsen – nicht nur im Liebesleben –, umso mehr wird sexuelle Kreativität Raum bekommen. Fühlt euch frei von der Norm. Bleibt Forschende. Und macht, was ihr wollt! So kann euer Sexleben aufregend bleiben.

Dr. med. Cordula Kehlenbach ist Sexualtherapeutin in eigener Praxis in Krefeld. Einige Gedanken hat die Autorin dem Buch „Guter Sex geht anders“ von Berit Brockhausen entnommen.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/03/family_sexualitaet.jpg 1414 2119 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2021-04-13 11:24:352021-04-13 11:24:35Langjährige Beziehung: Drei Tipps helfen, wenn im Bett die Luft raus ist

Eltern fragen sich: „Sollen wir für die Wohnung unseres Sohnes bürgen?“

Eine Bürgschaft ist schnell abgeschlossen, kann aber weitereichende Folgen haben. Ein Rechtsanwalt gibt Tipps für Eltern.

„Unser Sohn hat uns gefragt, ob wir für seine neue Wohnung eine Bürgschaft übernehmen würden. Da unsere finanziellen Möglichkeiten begrenzt sind, fällt es uns schwer, ihm das zuzusagen. Was würde denn im schlimmsten Fall auf uns zukommen?“

Zunächst ist die Frage zu stellen: Geht es um die Miete oder den Kauf der Wohnung? Dann: Ist die Bürgschaft auf einen gewissen Teil beschränkt oder auf alles? Verfügen Sie über ein gewisses Vermögen? Besitzen Sie etwa ein belastungsfreies Haus, mehrere tausend Euro Rücklagen oder „nur“ eine kleine Rente und leben Sie zur Miete?

Was ist eine Bürgschaft?

In einem Bürgschaftsvertrag verspricht man als Bürge, dass man, falls die Person, für die man bürgt, eine Verbindlichkeit nicht zahlen kann, diese gegenüber dem Gläubiger ausgleichen wird. Dies ist üblich bei Kredit-, aber auch bei Mietverträgen – wie im Beispiel Ihres Sohnes. Der Umfang und das Risiko einer Bürgschaft ist vom Vertrag abhängig.
Bei Mietverträgen haftet man für alle Forderungen aus dem Mietvertrag, bei Darlehensverträgen für das gesamte Darlehen, wenn es schiefgehen sollte. Es gibt sogenannte Höchstbetragsbürgschaften. Dort kann man den Betrag, für den man im Zweifel haftet, festschreiben.

Die Höhe der Bürgschaft festschreiben

Wenn Sie also für einen Mietvertrag bürgen wollen, sollten Sie im Vorhinein die Höhe der Bürgschaft festschreiben. Ansonsten könnte es Ihnen passieren, dass der Sohn auszieht, seine Freundin aber nicht, und der Mietvertrag einfach weiterläuft. Dann könnte nach mehreren Jahren der Vermieter auf Sie zukommen und die offenstehenden Mietbeträge von Ihnen fordern. Dasselbe gilt auch für Kreditverträge. Wenn man unbeschränkt bürgt, kann tatsächlich das gesamte angesparte Vermögen verloren sein.

Wenn kein Vermögen da ist und man unterhalb der Pfändungsfreigrenze Einkommen hat, kann man auch unbeschränkt bürgen. Man bürgt zwar, kann aber zwangsweise nicht zur Zahlung geführt werden. Für jeden, der Einkommen, also laufende Einnahmen hat, hat der Gesetzgeber einen Mindestbetrag an pfändungsfreiem Einkommen festgeschrieben. In normalen Haushalten wird man nichts Pfändbares finden.

Reden Sie mit ihrem Kind!

Die Bürgschaft hat aber oft auch eine emotionale Seite, die ein Problem sein könnte. Erwartet Ihr Sohn, dass Sie als seine Eltern für ihn bürgen? Diesen Druck sollte man unbedingt aus der Situation herausnehmen. Vielleicht ist die Frage nach der Bürgschaft auch eine Möglichkeit, über die Fragen des finanziellen Ergehens Ihres Sohnes zu sprechen? Oft fehlt nämlich, insbesondere bei Mietverträgen, die sogenannte Bonität. Das ist oft ein Zeichen, dass irgendwelche Verträge schon geplatzt sind. Das Problem sollte man grundständig angehen und darüber sprechen. Aber auch dort: Bitte keinen Druck aufbauen, zuhören und Lösungsalternativen finden.

Wenn eine Wohnung eigentlich nicht finanzierbar ist (mehr als 30-50 Prozent des Einkommens dadurch gebunden werden), ist die Inanspruchnahme vorprogrammiert. Die Weisheit „Über Schulden spricht man nicht“ ist auch im verwandtschaftlichen Rahmen nicht sinnvoll. Schweigen ist dann nicht Gold.

Steffen Bundrück ist Rechtsanwalt in Bochum und vertritt als Fachanwalt für Insolvenzrecht hauptsächlich Menschen, die Verbindlichkeiten haben.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/03/family_buergschaft.jpg 1414 2121 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2021-03-31 11:20:462021-03-31 11:20:46Eltern fragen sich: „Sollen wir für die Wohnung unseres Sohnes bürgen?“

Helikoptermutter? Erst bei ihrem zweiten Kind kann Anna entspannen

Anna Koppri liest ihrem ersten Sohn jeden Wunsch von den Lippen ab. Erst beim zweiten Kind merkt sie: Das kann ein Fehler sein.

Antonin, mein jahrelang ersehntes Wunschkind – endlich ist er da. Natürlich möchte ich alles richtig machen. Deshalb habe ich mich in der Schwangerschaft ausführlich mit dem Mutterwerden und bedürfnisorientierter Begleitung (das Wort Erziehung mochte ich noch nie) befasst. Ich beherzige den Rat meiner Hebamme: Messe täglich sechsmal seine Temperatur, notiere mir die Stillminuten an jeder Brust, Farbe und Konsistenz seiner Ausscheidungen. Beim Wickeln habe ich stets eine Hand auf dem Kind, damit es nicht vom Tisch purzelt.

Immer an der Seite des Kindes

Schon bald liegt er jeden Abend pünktlich um 19 Uhr in seinem Bettchen, um die „richtige Zeit zum Einschlafen“ zu verinnerlichen. Niemals würde ich ihn allein in einem Raum lassen, es sei denn er schläft gerade und das Babyfon ist eingeschaltet. Wenn mein Baby meckert, bin ich sofort zur Stelle, nehme es hoch, schuckle, biete Brust oder Schnuller an – schließlich möchte ich, dass er eine sichere Bindung zu mir bekommt. Einige meiner Rezeptoren sind stets mit meinem Baby verbunden, und so fällt es mir in den ersten Monaten sehr schwer, abzuschalten. Wandle ich durch die Wohnung, um etwas zu erledigen, wird das mit ziemlicher Sicherheit durch ein Bedürfnis des Kindes unterbrochen.

Glanzfolie und Glöckchen zur Beschäftigung

Sobald er etwas wacher ist, bemühe ich mich, meinen Sohn bestmöglich zu beschäftigen. Der Spielebogen steht eigentlich ununterbrochen über dem kleinen Geschöpf, das so neugierig alles aufsaugt, das man ihm bietet. Bald reichen ihm die drei Figuren, die da baumeln, nicht mehr aus. So hänge ich auf Anraten der Hebamme ständig neues Spielzeug über ihm auf: knisternde Glanzfolie, Glöckchen … Meinen Tagesablauf gestalte ich nach den Schlaf-, Wach- und Essenszeiten meines Babys. Gegen 17:30 Uhr weint er viel, um die Eindrücke des Tages zu verarbeiten, weshalb ich um diese Zeit stets mit ihm zu Hause bin. Das hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt. Ich dachte, ich könnte ihn überall hin mitnehmen.

Fast eine Helikoptermutter

Naja, ich bin in Elternzeit, und die ist schließlich dazu da, meine ganze Energie in das neue Leben zu stecken. Klar mache ich auch Dinge, die mir Spaß machen. Zum Beispiel verbringe ich fast den ganzen Sommer mit ihm am See. Meine Freunde würden wohl nicht auf die Idee kommen, ausgerechnet mich als Helikoptermutter zu beschreiben. Doch dieses Kind ist mein absoluter Fokus. Ich achte darauf, dass er in seinem ersten Jahr möglichst kein Körnchen Salz zu sich nimmt und auch kein Sonnenstrahl ihn direkt trifft. Sein Vater und ich, beide sehr freiheitsliebende Individualisten, bekommen eine ganze neue Verbindung durch den gemeinsamen Fokus auf unser Kind.

Das zweite Kind ändert alles

Drei Jahre später ist Antonins kleiner Bruder Benjamin da. Dieses Ereignis erleben wir wesentlich unaufgeregter als die Ankunft des Ersten. Wir sind zwar genauso verliebt in das kleine Wesen, doch beschäftige ich mich wesentlich weniger damit, was ich nun alles richtig oder falsch machen könnte. Erst jetzt wird mir bewusst, wie sehr ich um mein erstes Baby gekreist bin. Ständig habe ich mir Gedanken gemacht, ob ihm zu kalt, zu warm oder etwa langweilig sein könnte. Ständig hatte ich dieses unbestimmte Gefühl, ein Bedürfnis zu übersehen oder ihm nicht gerecht zu werden. Ständig waren alle Augen und Erwartungen auf ihn gerichtet.

„Lass ihn ruhig meckern“

Mit meiner neuen Hebamme, die ich als tiefenentspannt und sehr ganzheitlich erlebe, lerne ich einiges, was ich gern schon bei Antonin gewusst hätte. Wir stehen am Wickeltisch, auf dem das neugeborene Menschlein liegt. Als Benjamin anfängt zu meckern, stecke ich routiniert meinen kleinen Finger in seinen Mund, um ihn zu beruhigen. „Lass ihn ruhig ein bisschen meckern. Das darf er, er möchte sich auch mitteilen. Wenn er immer sofort etwas in den Mund bekommt, erhält er die Botschaft, dass das unerwünscht ist,“ erklärt Susanne. Okay, so habe ich das noch gar nicht gesehen.

Das Kind braucht Zeit alleine

Weil Benja so ein ausgeglichener Knirps ist, lasse ich ihn manchmal allein im Wohnzimmer liegen – sofern der große Bruder gerade keine Gefahr für ihn darstellt. Der probiert gern mal aus, ob er ihn schon tragen kann. Ich schaue so gut wie gar nicht auf die Uhr, sondern gestalte ganz normal meinen Tag mit dem Großen, der coronabedingt gerade monatelang zu Hause ist. Das Baby kommt einfach immer mit.

Oft liegt Benja mehr als eine Stunde zufrieden auf einer Decke im Garten oder Wohnzimmer und unterhält sich mit den Bäumen oder der Wand. Manchmal habe ich fast ein schlechtes Gewissen, dass sich so lange niemand mit ihm beschäftigt. Doch meine Hebamme bestärkt mich darin, einfach zu genießen, dass ihm das Liegen und Schauen schon ausreicht: „Es ist sogar wichtig für die Entwicklung der Kleinen, auch mal allein zu sein, ihre Umgebung wahrzunehmen und nicht ständig beschäftigt zu werden oder im Fokus zu sein.“ Den Spielebogen soll ich ihm frühestens mit sechs bis acht Wochen anbieten und dann auch immer nur mal für ein paar Minuten, um ihn nicht zu überfordern oder an zu viel Entertainment zu gewöhnen. Benja ist in diesen Spielzeug-Minuten tatsächlich immer völlig aus dem Häuschen und braucht danach eine Weile, um wieder runterzukommen. Sein liebstes Spielzeug sind schon seit Wochen seine kleinen Händchen und Füßchen.

Viel mehr Vertrauen – trotz weniger Aufmerksamkeit

Aus Gewohnheit biete ich ihm auch noch mit drei Monaten alle eineinhalb bis zwei Stunden die Brust an, wenn er meckert, so wie ich es aus seinen ersten Wochen kenne. Er trinkt meist ein paar Schluck, wendet sich dann ab und schreit oder verschluckt sich. Zuerst halte ich das für ganz normal. Aber als er ein paar Tage lang fast völlig das Trinken verweigert, frage ich meine Hebamme um Rat. Sie erklärt mir, dass Benja ein sicher gebundenes Kind ist und in diesem Alter höchstens alle drei bis vier Stunden Milch braucht. Nicht jedes Mal, wenn er an seinen Fingern lutsche, bedeute das, dass er Hunger habe. Ein echter Augenöffner für mich, und sobald ich ihren Rat beherzige, reguliert sich unsere Stillbeziehung wie von selbst. Erstaunlich, dass mein zweiter Sohn, der den Großteil des Tages mit sich allein auf einer Decke liegt, mehr Vertrauen zu haben scheint als mein erster, dem ich jedes Bedürfnis von den Augen abgelesen und sofort gestillt habe.

Corona schafft Routinen

Mit vier Monaten liegt Benjamin noch immer zufrieden auf seiner Decke. Natürlich nicht immerzu, er ist ein ganz normales Baby, das auch mal schreit. Doch der Corona-Lockdown bekommt ihm sehr gut. Immer dieselben Routinen und Umgebungen lassen ihn sich sicher und aufgehoben fühlen. Solange sein Bruder um ihn herum spielt und seine Eltern sich ihm zwischendurch immer mal zuwenden, ist seine kleine Welt im Lot.

Von meiner Hebamme lerne ich, dass es dem Kind auch Sicherheit vermittelt, wenn ich ihm jeweils nach etwa eineinhalb Stunden Wachphase wieder in den Schlaf helfe, sofern er nicht selbst dorthin findet. Jetzt mit vier Monaten könne es auch immer mal vorkommen, dass er dann schreit. Erstaunlich oft und immer wieder große Verwunderung bei unseren Freunden auslösend, schafft er es allerdings, ganz allein in den Schlaf zu finden. Seinen Nachtschlaf beginnt er, genau wie sein großer Bruder, gegen 21 Uhr, und dafür schläft er morgens auch bis acht oder neun (natürlich mit Stillunterbrechungen). Als Eltern können wir uns nicht über zu kurze Nächte beklagen. Manchmal frage ich mich, weshalb ich damals bei Antonin das Gefühl hatte, keine Zeit zu haben. Wenn ich jetzt nur Benjamin zu Hause hätte, hätte ich unglaublich viel Zeit für alles Mögliche.

Nachts schreien beide noch

Mein Dreijähriger wacht nachts immer mal auf und schreit dann fast wie ein Baby. Ich frage meine Hebamme, weshalb er das wohl tut. Sie vermutet, dass das damit zusammenhängt, dass wir immer sofort gesprungen sind und ihm etwas angeboten haben, wenn er sich als Baby gemeldet hat. Er habe dadurch noch nicht gelernt, sich selbst zu regulieren. Nachts greife er auf das Schreien zurück, um von uns reguliert zu werden. Auch Benja lassen wir natürlich nicht schreien, doch manchmal darf er sich ein bisschen beschweren und meckern, ohne dass wir ihm sofort etwas anbieten. Meist findet er einen seiner Finger und nuckelt daran, bis er sich wieder entspannen kann, oder ich rede ein bisschen mit ihm, was ihn auch schon beruhigt.

Inzwischen ist Benja ein halbes Jahr alt, Antonin geht wieder in die Kita und dem Kleinen ist es manchmal ein bisschen zu ruhig mit Mama allein. Dann bemühe ich mich um etwas Entertainment, versuche das aber in Grenzen zu halten und habe recht viel Zeit für anderes. Selten gibt es Situationen, die mich beunruhigen, was am gesunden, ausgeglichenen Wesen von Benja, aber sicher auch an meiner inneren Entspanntheit liegt. Davon hätte ich mir bei meinem Großen ein wenig mehr gewünscht.

Anna Koppri liebt es, Mama zu sein und sich nebenher Gedanken über Gott und die Welt zu machen, zum Beispiel auf ihrem Blog: liebenlernenblog.wordpress.com

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/03/family_koppri-e1617021484574.jpg 991 1483 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2021-03-30 12:27:252021-03-30 12:27:25Helikoptermutter? Erst bei ihrem zweiten Kind kann Anna entspannen
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