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Archiv für die Kategorie: CCN-FEED

Pulverfass Pubertät – 8 Tipps sollten Eltern beachten, wenn Jugendliche in der Gefühls-Achterbahn feststecken

Mit dem Teenie-Alter beginnt für Eltern eine nervenzehrende Phase. Pädagogin Sonja Brocksieper verrät, wie Mütter und Väter das emotionale Chaos ihrer Kinder meistern können.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt – in diesem Spektrum bewegen sich viele Jugendliche, manche innerhalb eines Tages mehrere Male. Gerade war das Leben noch wunderschön, ein paar Minuten später geht die Welt unter. Dieses Gefühlschaos wird zu einem großen Teil durch den Umbau des Gehirns in der Pubertät ausgelöst. Bestehende neuronale Verknüpfungen werden aufgelöst und neue kommen hinzu, sodass manche Gehirnareale eine Zeit lang ruhen, was auch das Ruhen von bestimmten Kompetenzen mit einschließt, zum Beispiel die Impulskontrolle und die Gefühlsregulation. Und das Unberechenbare daran ist, dass Jugendliche oft selbst nicht wissen, wo ihre Stimmung gerade herkommt.

Gefühlschaos sortieren

Außerdem müssen sich Jugendliche neuen und komplexen Entwicklungsaufgaben stellen, zum Beispiel der eigenen Identitätsfindung und der wachsenden Eigenständigkeit. Das kann sie zeitweise überfordern. Kleine Herausforderungen werden dann schnell zu großen Katastrophen. Und gleichzeitig können kleine Glücksmomente eine herausragende Euphorie auslösen. Diese Gefühlsachterbahn kostet eine Menge Kraft – sowohl die Teenager als auch uns Eltern. Aber die gute Nachricht ist: Wir können unsere Kinder darin begleiten, in dieser brisanten Zeit einen gesunden Umgang mit Gefühlen zu lernen. Nicht von heute auf morgen, aber mit Geduld, starken Nerven und Feinfühligkeit können wir helfen, das Gefühlschaos zu sortieren.

1. Die Launen ernst nehmen

Eine wesentliche Grundlage für einen guten Umgang mit Gefühlen ist, dass wir die Empfindungen unserer Kinder ernst nehmen. Läuft uns morgens ein schlecht gelaunter Teenager über den Weg, ist ein Spruch wie „Na, was ist dir denn über die Leber gelaufen?“ wenig hilfreich. Auch Kommentare, mit denen wir uns über den Liebeskummer lustig machen oder mit ironischem Unterton eine bestimmte Gefühlslage abwerten, sind nicht empfehlenswert. Können wir dagegen die Emotionen stehen lassen oder sogar Empathie für die Stimmungsschwankungen entwickeln, fühlen sich Jugendliche mit ihren Emotionen nicht abgewertet.

2. Zuhören und Verständnis zeigen

Alle Gefühle sind okay – auch die, die sich weniger gut anfühlen. Wenn sich ein Teenager darüber ärgert, dass er sich kein Tattoo stechen lassen darf oder dass er die Spülmaschine ausräumen soll, ist das absolut in Ordnung. Auch wir räumen nicht voller Glückseligkeit die Spülmaschine aus. Wenn wir spiegeln, dass wir seine Unlust und seinen Ärger verstehen, bauen wir Brücken. „Ich kann dich verstehen, das macht einfach keinen Spaß.“ Das heißt nicht, dass ihm die Hausarbeit erspart bleibt oder dass wir das Tattoo jetzt doch erlauben. Aber empfinden wir die Gefühle unseres Kindes nach, wird es sich schneller verstanden fühlen und weniger in die Konfrontation gehen.

3. Gefühlen einen Namen geben

Dann ist es gut, das Gefühl zu benennen. Oft ist Wut nur ein Oberflächengefühl und ein ganz anderes Gefühl steckt dahinter: Enttäuschung, Traurigkeit oder Scham. Möglicherweise steckt hinter der Motzerei beim Abendessen ein verletzendes Erlebnis mit den Mitschülern. Wenn wir unseren Kindern helfen, dem eigentlichen Gefühl auf die Spur zu kommen, entlastet das Jugendliche und so manche Situation wird sich entspannen.

4. Nicht bedrängen

Bei Teenagern, die eher introvertiert reagieren und sich in ihr Schneckenhaus zurückziehen, ist es ratsam, den Rückzug zunächst zu akzeptieren und sie nicht zu bedrängen. Je mehr wir auf den verschlossenen Jugendlichen einreden, desto bedrohter und unwohler fühlt er sich. Hier braucht es viel Fingerspitzengefühl, den passenden Moment zu finden, in dem wir Zugang zu dem Jugendlichen bekommen.

5. Gefühle ausdrücken lassen

Wut, die heruntergeschluckt wird, macht krank. Deswegen ist es gut, wenn Teenager die Möglichkeit bekommen, über das, was sie ärgert, zu sprechen. Wir müssen es auch mal aushalten, dass wir von unseren Teenagern angeschrien und angemotzt werden und dass sie manchmal wie ein Pulverfass explodieren. Dürfen sich Teenager ihren ganzen Frust von der Seele schimpfen, haben wir ganz nebenbei die Gelegenheit zu hören, was unser Kind wirklich bewegt und was die Ursache für seinen Ärger ist. Das heißt aber nicht, dass Teenager immer alles unkontrolliert herauslassen dürfen. Damit niemand verletzt oder gefährdet wird, brauchen sie konstruktive Wege, wie sie Dampf ablassen können, ohne etwas zu zerstören.

6. Auszeiten nutzen

Eine Zeit des Abstands, die Eltern und Jugendliche nutzen können, hilft der Deeskalation. Wenn die Gefühle hoch hergehen, ist es für jeden Menschen schwer, vernünftig zu reagieren. Das liegt daran, dass der Körper in einem aufgeladenen Zustand Cortisol und Adrenalin ausschüttet. Dann ist es aus rein biologischen Gründen nicht mehr möglich, klar zu denken und besonnen zu reagieren. Deswegen macht es Sinn, eine Abkühlungszeit einzuschieben, in der die Gefühle zunächst reguliert werden. Den Raum zu verlassen, bis zehn zu zählen oder kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen, sind Wege, um innerlich Abstand zu bekommen. Anderen hilft ein Boxsack oder Sport oder Musik zu machen.

7. Gefühle aufarbeiten

Erst wenn sich die Wogen geglättet haben, ist es zielführend, einen Konflikt und mögliche Überreaktionen aufzuarbeiten und gemeinsam zu überlegen: Wie hast du dich in dieser Situation gefühlt? Wie ist es zu diesem Konflikt gekommen? Wann ist es eskaliert und wodurch? Wie können wir das in Zukunft vermeiden?

8. Vorbild der Eltern

Zu guter Letzt sollten wir uns als Eltern selbst hinterfragen: Wie gehe ich mit meinen Emotionen um? Habe ich Kontrolle über meinen Ärger, meine Enttäuschung oder meinen Frust? Oft werden Überreaktionen durch anstrengende und schwierige Situationen ausgelöst. Sind wir überfordert oder mit den Nerven am Ende, ist es nicht leicht, seine Gefühle zu kontrollieren und gelassen zu reagieren. Aber wenn wir mit gutem Beispiel vorangehen und wenn Gefühle einen Platz in unserer Familie haben, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass unsere Kinder einen guten Zugang zu ihren Gefühlen bekommen und diese angemessen ausdrücken können.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und ist Mitarbeiterin bei Team.F.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2020/10/family_pubertaet-scaled.jpg 2000 3000 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2020-10-27 16:55:142020-10-27 16:55:14Pulverfass Pubertät – 8 Tipps sollten Eltern beachten, wenn Jugendliche in der Gefühls-Achterbahn feststecken

Konzentrationstrainerin: „Es gibt eine Reizüberflutung in unserer Gesellschaft“ – So sollten Eltern reagieren

Manchen Kindern fällt es schwer, in der Schule aufzupassen. Was dahintersteckt und wie Eltern die Konzentrationsfähigkeit ihres Kindes fördern können, erklärt die Verhaltenstrainerin Susanne Henrich.

Frau Henrich, Sie helfen Kindern, sich besser zu konzentrieren. Wie stellen Sie das an?

Ich biete sogenannte Konzentrationskurse an, die an das Marburger Konzentrations- und Verhaltenstraining angelehnt sind. Die Kinder lernen etwa auf spielerische Weise durch lautes Denken, sich selbst Anweisungen zu geben, was sie als nächstes anstellen sollen. Das nennt man verbale Selbstinstruktion. Das machen wir Erwachsenen auch manchmal, etwa, wenn wir abgelenkt werden und vergessen, was wir tun wollten. In so einem Moment kann man mit sich selbst reden und aufzählen, was man gemacht hat, um sich dann daran zu erinnern, was man eigentlich machen wollte. Das läuft in unserem Gehirn ab, ohne dass wir laut darüber nachdenken müssen. Aber manchmal machen wir es eben auch laut. Das Training in meinen Kursen ist dafür ausgelegt, dass es den Kindern Spaß macht, denn wir lernen und konzentrieren uns natürlich auch viel besser, wenn es uns Spaß macht.

Kindern wird oft zu wenig Zeit zur Entspannung gegönnt

Was sind das für Kinder, die zu Ihren Kursen kommen?

Ich betreue Grundschulkinder, die zum Teil Schwierigkeiten mit ihrer Aufmerksamkeit haben, die sich beim Lernen nicht so gut konzentrieren können, sich leicht ablenken lassen und die nur langsam in der Schule mitkommen. Und auch solche, die ein bisschen schulmüde sind.

Was bedeutet schulmüde?

Die einfach ein bisschen gestresst sind vom Rhythmus der Schule. Sie müssen morgens früh aufstehen, sich anziehen, frühstücken, in die Schule fahren, sich dort lange konzentrieren und haben dann auch am Nachmittag noch Programm. Das ist für Kinder anstrengend. Sie nehmen auch selbst wahr, dass sie in der Schule nicht so mitkommen wie ihre Mitschüler, weil sie sich nicht so gut konzentrieren können, da ihnen immer etwas anderes im Kopf herumschwirrt. Das frustriert sie und drückt auf ihr Selbstbewusstsein. Sie denken dann häufig „Ich kann nichts“ oder „Ich kriege nichts hin“. Die Kinder, die zu meinen Kursen kommen, sind so toll, so schlau und haben so viele kreative Ideen. Sie müssen einfach nur lernen, aufmerksam zu sein, aber auch, sich zu entspannen. Das ist oftmals das Problem, dass den Kindern zu wenig Zeit zur Entspannung gegönnt wird.

Zu viel von allem

Es wird manchmal bemängelt, dass „die Kinder von heute“ sich immer schlechter konzentrieren können. Können Sie das bestätigen? 

Die Tendenz ist da, und ich glaube, dass es unterschiedliche Gründe dafür gibt. Zum einen machen wir uns mehr Gedanken darüber. Es gab in der Vergangenheit bestimmt auch Kinder, die sich leicht haben ablenken lassen, aber das wurde weder in der Schule noch in den Medien so stark thematisiert wie heute. Zum anderen gibt es aber auch ganz klar eine Reizüberflutung in unserer Gesellschaft, ein „zu viel“ an allem und gleichzeitig ein „zu wenig“ an Entspannung.

Meinen Sie, die Kinder haben zu volle Terminkalender? 

Es ist gut, wenn Kinder Hobbys haben. Zum Fußball gehen, ein Instrument lernen, sich verabreden. Ich bin selbst dreifache Mutter und kenne den Alltag mit Kindern. Nachmittagsprogramm ist nicht per se schlecht, aber man muss es nicht übertreiben. Auch um unserer selbst willen nicht, denn auch für uns Eltern ist es stressig, wenn wir unsere Kinder von einem Termin zum anderen fahren müssen. Dann bin ich als Mutter auch nicht entspannt, und das überträgt sich wiederum aufs Kind. Kinder brauchen nicht rund um die Uhr Aktivitäten. Das führt zur Reizüberflutung. Kinder brauchen die Chance, das Erlebte zu verarbeiten.

Achten Sie auf Bewegung!

Was können Eltern tun, um die Konzentrationsfähigkeit ihrer Kinder zu fördern? 

Grundsätzlich ist es gut, darauf zu achten, dass Kinder ausreichend und guten Schlaf bekommen, das heißt zum Beispiel, vor der Bettgehzeit keine Filme mehr zu gucken oder Videospiele zu spielen, die sie aufwühlen und die sie erst mal verarbeiten müssen. Achten Sie auf ausreichend Bewegung! Melden Sie Ihr Kind in einem Verein an oder gehen Sie mit ihm viel nach draußen – das schult gleichzeitig auch die Wahrnehmung. Es ist etwas anderes, ob man sich einen Film über Tiere und Wälder anguckt oder es draußen konkret erfährt, indem man sich auf eine Wiese setzt und das Gras unter seinen Füßen fühlt.

Spielt die Ernährung auch eine Rolle?

Ja. Wir wissen inzwischen alle, dass zu viel Zucker schädlich ist – nicht nur für unseren Körper, sondern auch für unsere Konzentration. Das bedeutet nicht, dass man Kindern grundsätzlich verbieten sollte, Zucker zu essen. Aber achten Sie auf das Maß! Achten Sie auch darauf, dass Ihr Kind viel trinkt. Und schaffen Sie Erholungsphasen und Zeiten der Entspannung. In meiner Kindheit saß ich oft am Fenster und hab Schneeflocken beobachtet. Wenn das fünf Minuten sind, ist das schon eine Entspannung. Wir als Familie handhaben es auch so, dass die Kinder, wenn sie von der Schule kommen und Mittag gegessen haben, sich erst einmal eine halbe Stunde lang auf ihren Zimmern zurückziehen, um zur Ruhe zu kommen, mit Lego spielen, ein Hörspiel hören oder einen Mittagsschlaf machen – jeder auf seine Art und Weise. Schaffen Sie eine Zeit, in der Ihr Kind einfach mal nichts tut, und haben Sie auch mal den Mut, Langeweile zuzulassen. Nichtstun muss man lernen.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2020/10/family_medium-scaled.jpg 1688 3000 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2020-10-22 13:23:122020-10-22 13:23:12Konzentrationstrainerin: „Es gibt eine Reizüberflutung in unserer Gesellschaft“ – So sollten Eltern reagieren

Diese Familie kündigt die perfekte Wohnung – Grund ist ein jahrealtes Versprechen

Elisabeth und Jürgen Vollmer lieben ihr Zuhause. Jetzt sind sie ausgezogen, um ein Versprechen einzulösen.

„Wenn man etwas Besseres findet, muss man halt das Gewohnte zurücklassen“, kommentiert eine Bekannte die Nachricht, dass wir im Sommer umziehen werden. Auf die Antwort, dass wir das Bessere zurücklassen, kommt der zweite Erklärungsversuch: „Oder halt was Günstigeres.“ Doch auch günstiger ist die Wohnung nicht, die wir beziehen werden. Warum ziehen wir also um? Es gibt eine Menge Gründe, die dagegensprechen. Wir haben die beste Nachbarschaft, die wir je hatten, wohnen natur- und stadtnah mit aller Infrastruktur, die es braucht, und wir fühlen uns in dem Reihenhäuschen seit 15 Jahren pudelwohl. Es gibt aber auch den einen Grund, auszuziehen. Und der wiegt schwerer.

Fünf Jahre warten auf die richtige Wohnung

Als junge Familie mit drei Kindern zwischen ein und sechs Jahren sind wir bei unserem Umzug von Mannheim nach Freiburg zunächst in eine „Übergangswohnung“ gezogen. Schlecht geschnitten, zu teuer, aber etwas anderes war aus der Ferne nicht zu finden. Und so zogen wir ein. Optimistisch, dass wir bald etwas Besseres finden würden.

Wir suchten. Fünf Jahre lang. Unternahmen alles Menschenmögliche und beteten intensiv, dass Gott Türen öffnen würde. Es war eine harte Zeit. Unsere Spaziergänge durch den Ort waren immer mit wachem „Rollladenblick“. Wo auch immer wir den Eindruck hatten, dass ein Haus unbewohnt sein könnte, warfen wir einen netten Brief mit Familienfoto ein. Wer länger als fünf Minuten mit uns zusammenstand, wusste, dass wir auf der Suche waren. Wir gingen an vielen Häusern vorbei, bei denen wir wussten, dass darin nur ein „älteres Ehepaar“ wohnte, während wir uns in der engen Wohnung arrangieren mussten.

Das Versprechen

Dann geschah das Wunder: Über Freunde vermittelt konnten wir ein Reihenmittelhäuschen beziehen. Wir übernahmen umfangreiche Renovierungsarbeiten in Eigenleistung. Dafür konnten wir das Häuschen günstig mieten. Was für ein Geschenk! Wir genossen fortan Haus, Garten und Nachbarschaft. Und wir versprachen uns: Wenn unsere Kinder aus dem Haus sind, werden wir es anders machen. Dann ziehen wir hier aus und gönnen diesen Luxus einer jungen Familie mit Kindern!

Zu schön um auszuziehen

Nach und nach wurden unsere Kinder flügge. Zuerst bekam Jürgen ein abgelegtes Kinderzimmer als Arbeitszimmer, dann ich. Als unsere jüngste Tochter ihr Auslandsjahr in Peru machte, waren wir zwar nur noch zu zweit. Aber für uns war klar: Sie muss ein Zuhause haben, wenn sie – übergangsweise – zurückkommt. Aber letzten Sommer ist sie endgültig ausgezogen. Das dritte Zimmer wurde zum Fernseh- und Gästezimmer. Wir konnten Gastfreundschaft leben. Und den Balkon an diesem Zimmer hatten wir all die Jahre nie genutzt. Er hat einen wunderschönen Blick ins Tal! Wir lieben es, dort zu frühstücken. Aber dann gab es ja dieses Versprechen, das wir uns selbst gegeben hatten. Uns wurde bewusst: Wenn wir jetzt nicht ausziehen, werden wir es wahrscheinlich nie tun. Und so beschlossen wir im letzten Herbst, dass 2020 unser Umzugsjahr werden sollte. Zunächst hatten wir die Illusion, eine Eigentumswohnung kaufen zu können. Doch der Immobilienmarkt in Freiburg hat uns eines Besseren belehrt. Also haben wir begonnen, nach Mietwohnungen zu schauen. Doch auch da haben wir gemerkt, dass der Angebote wenige und der Interessenten viele sind.

Plötzlich geht alles ganz schnell

Am Ostermontag sind wir auf ein Angebot gestoßen. Zwar war es weder in unserer Wunschwohnlage, noch gab es die Dachterrasse, von der wir träumten. Aber sonst klang alles gut: 100 Quadratmeter, vier Zimmer, zwei Balkone, naturnahe Lage, ansprechende Fotos. Am nächsten Tag besichtigten wir die Wohnung. Die darin lebende Tochter des Vermieters war äußerst sympathisch, die Wohnung wirklich schön, und so erbaten wir eine Nacht Bedenkzeit. Völlig überrascht davon, wie schnell es jetzt gehen könnte. Ich ging durch unser Häuschen und fragte mich, warum wir hier eigentlich raus sollten. Es war so schön und so vertraut! So viele gute Jahre haben wir hier gelebt. Und doch: Als der Morgen kam, waren wir uns einig. Es ist schwer, aber es ist richtig, dass wir dieses Haus jetzt abgeben. Und so sagten wir zu.

Der Gang zu den Nachbarn war der Schwerste

Interessenten für unser Häuschen gab es viele. Die Wohnungsnot für junge Familien in Freiburg ist groß. Als wir meinen Neffen Johannes und seine Frau anriefen, lieferten sie ihre zwei Kinder bei meiner Schwester ab und machten sich auf den Weg, das Häuschen anzuschauen. Am Tag darauf teilten wir dem Vermieter unsere Kündigung mit und schlugen die Familie als Nachmieter vor. Wieder einen Tag später saßen wir zusammen im Garten und machten alles fest. Der Mietpreis ist weiterhin günstig, die junge Familie glücklich. Der Gang zu den Nachbarn, um ihnen unseren Wegzug mitzuteilen, war bisher das Schwerste. Es waren einfach gute Jahre, und da ist eine tiefe Beziehung gewachsen, die sich verändern wird.

Leider ohne Feuerschale

Dass nun mein Neffe und seine Familie unser Häuschen beziehen werden, macht es mir leichter zu gehen. Sie kommen aus einer engen Drei-Zimmer-Wohnung, und so können wir alle Möbel, die wir nicht mitnehmen können, stehen lassen. Die geschreinerte Eckbank mit dem großen Esstisch zum Beispiel und das Trampolin im Garten. Beides werde ich vermissen. Auf dem Trampolin liegen wir im Sommer gern und schauen nach Sternschnuppen. Auch die Feuerschale können wir nicht mitnehmen. Dabei liebe ich es doch so sehr, am Feuer zu sitzen und Stockbrot zu essen.

Ballast abwerfen

Neben aller Wehmut kommt auch vorfreudige Spannung auf. Wir gehen diesen Schritt zu zweit! Diese neue Wohnung werden wir nur für uns einrichten. Und wir werden vieles zurücklassen, das wir nicht mehr brauchen. Ballast abwerfen. Das atmet Freiheit! Und so ist es noch immer nicht leicht, und ich erwarte auch nicht, dass die nächsten Monate leicht werden. Aber es ist gut und richtig, auszuziehen und damit Raum für eine junge Familie zu schaffen. Das haben wir uns versprochen.

Elisabeth Vollmer ist Religionspädagogin und Mutter von drei erwachsenen Kindern. Sie lebt mit ihrem Mann in Freiburg.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2020/10/family_vollmer-scaled-e1602167538980.jpg 1327 3000 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2020-10-15 12:25:512020-10-15 12:25:51Diese Familie kündigt die perfekte Wohnung – Grund ist ein jahrealtes Versprechen

Psychologe warnt vor Bullerbü-Komplex: „Eltern scheitern grandios an einem Idealbild“

Viele Familien sehnen sich nach einer heilen Welt wie der in Astrid Lindgrens Kinderbuch „Wir Kinder aus Bullerbü“. Psychologe und Buchautor Lars Mandelkow sieht darin eine Gefahr.

Was ist so schlimm an Bullerbü?
An Bullerbü ist erst mal gar nichts schlimm. Das ist ein wunderbares Kinderbuch. Ich habe es geliebt und meinen eigenen Kindern vorgelesen. Bedenklich ist allerdings, dass dieses Bullerbü-Bild bei vielen jungen Familien ein Idealbild geworden ist, dem manche hinterherstreben und dann grandios daran scheitern. Denn in unserer wirklichen Welt kann es nie so sein wie in Bullerbü. Ich kenne viele Familien, die versuchen, so einen pastellfarbenen Alltag hinzukriegen. Im rauen Alltag mit Schulterminen, Leistungsdruck etc. schaffen sie es aber nicht. Und meinen dann, sie hätten etwas falsch gemacht. Das ist schlimm an Bullerbü. Also nicht Bullerbü selbst, sondern die Art, wie es mehr oder weniger unbewusst instrumentalisiert wird.

Was sind denn Aspekte von Bullerbü, die Eltern gern in ihren Alltag integrieren würden?
Bullerbü ist die klassische heile Welt – diese drei Höfe, die in unberührter Natur in Schweden liegen. Es gibt keinen Arbeitsplatz, der weit entfernt ist. Alles ist zu Fuß zu erreichen. Die Kinder haben nichts weiter zu tun, als den ganzen Tag zu spielen. Und die Eltern bilden eine sanft lächelnde Kulisse. Alles ist ruhig und übersichtlich. Es gibt ein paar schöne Familienrituale, aber keine großen Konflikte. Es gibt nur wenig Beispiele von echten Problemen. Selbst der Tod und das Alter werden friedlich beschrieben. Es ist eine heile Welt. Auf ganz vielen Ebenen ist sie heil. Und das macht diese große Sehnsucht aus. Deshalb ist das so ein starkes Bild, weil sich viele Leute nach einer heilen Welt sehnen, sie aber nicht erleben.

Kinder brauchen entspannte Eltern

Sie fordern in Ihrem Buch „Der Bullerbü-Komplex“ Eltern auf, es „gut sein zu lassen“, und betonen, dass es reicht, „gut genug“ zu sein. Aber woher weiß ich, wann dieser Punkt erreicht ist?
Wenn man sich an dem Besten orientiert, ist es klar: Dann geht es immer aufwärts, immer das nächstbeste ist das Ziel. Sich an dem zu orientieren, das gut genug ist, ist eine Kunst. Sich mit etwas Durchschnittlichem nicht nur zu arrangieren, sondern es sogar besser zu finden als das ständige Streben nach dem Besseren – das ist eher ein Lebensraum als ein Zielpunkt. Wann kann ich beginnen, zufrieden zu sein? Wann habe ich das letzte Mal meine Kinder dafür gefeiert, dass sie eine Drei nach Hause gebracht haben? Wann habe ich mich selbst dafür gefeiert, dass mir eine Aufgabe „ganz gut“ gelungen ist? Und nicht „ganz großartig“? Es ist eine Haltungsübungssache, nicht immer nach oben zu gucken.

Was ist das Allerwichtigste in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern?
Wenn ich meine Kinder angucke und sie in meinem Blick Entspannung sehen, dann ist ganz viel erreicht. Wenn Kinder Eltern erleben, die entspannt sind mit sich selbst, mit der Familie, mit den Erwartungen, dann ist das etwas Zentrales. Wenn nicht dauernd die Unzufriedenheit im Vordergrund steht: „Hast du schon …? Bist du sicher, dass du nicht noch …?“ Wenn Unzufriedenheit und Unvollkommenheit immer im Fokus sind, kann das ein Gift sein in der Beziehung. Entspannte Eltern – das ist das, was Kinder am meisten brauchen.

Ist die Liebe sichtbar?

Es passiert aber wohl allen Eltern, dass sie mal die Beherrschung verlieren und ihr Kind anschreien.
Natürlich passiert es, dass Eltern ihre Kinder anschreien. Da muss man sich fragen, ob es das Grundmuster der Beziehung ist oder die Ausnahme. In den meisten Fällen ist es die Ausnahme, und Kinder können das durchaus wechseln. Es ist sogar gesund, wenn Kinder erleben, dass Mama oder Papa mal einen schlechten Tag haben. Wenn man sich fragt: Erleben meine Kinder eigentlich grundsätzlich, dass sie geliebt sind? Nicht 100 Prozent jeden Tag, aber regelmäßig, immer wieder an den meisten Tagen. Wenn man sie fragen würde: Lieben Papa und Mama dich? Und sie würden sagen: Ja. – Dann ist das gut genug. Es kommt auf den Grundton an. Ausnahmen sind normal. Wenn man sich diese Ausnahmen nicht gestattet als Eltern, kommt man schnell in die Überforderung. Ich habe den Eindruck, dass manche Eltern glauben, dass das nicht gestattet ist, weil sofort die psychische Krankheit der Kinder folgt oder ein Entwicklungsschaden.

Eltern haben in der Tat Angst, ihre Kinder könnten psychische Schäden davontragen, wenn sie etwas falsch machen oder dem Kind zu wenig Zuwendung geben. Sie schreiben in Ihrem Buch: „Es ist nicht der Mangel an Zuwendung, der Kinder krank macht. Es ist der absolute Mangel.“ Aber wie kommt es dann, dass Jugendliche psychisch krank werden, die aus Familien kommen, in denen es eine gute Beziehung und Zuwendung gibt?
Ich finde diese Frage ganz wunderbar – nur falsch gestellt. Wenn Sie die Frage so stellen, klingt es so, als wäre die Ursache für psychische Schwierigkeiten von Kindern als Allererstes in der Familie zu suchen. Die Frage, so wie Sie sie stellen, stellen sich viele Eltern auch und denken sofort: „Ich bin schuld. Ich habe irgendwas nicht gut genug gemacht.“ Meistens gibt es aber eine gute Beziehung zwischen Kindern und Eltern. Also kann es nicht daran liegen. Psychische Schwierigkeiten treten mit normalen Schwankungen überall auf, ganz unabhängig von der Familie. Vor allem aber glaube ich, dass viel mehr Ursachen für psychisches Ungleichgewicht aus der Umgebung der Kinder kommen: aus den Medien, aus der Schule, aus anderen Erwartungen, die um die Familie herum zu suchen sind. Und die Eltern, die eigentlich eine gute Beziehung zu den Kindern haben, könnten viel Gutes tun, wenn sie diese gute Beziehung selbstbewusst leben und in den Vordergrund stellen: „Wir haben es gut zusammen, bei mir kannst du einen sicheren Hafen finden.“

Gnade ist das Zentrum

Im dritten Teil Ihres Buches stellen Sie den Begriff der Gnade in den Mittelpunkt. Warum?
Zum einen ist der Begriff Gnade das Zentrum meines christlichen Glaubens. Es ist eine Aufgabe, mit mir selbst gnädig zu sein. Die Aufgabe, miteinander gnädig zu sein. Je mehr Gnade, desto besser. Und nicht: Je mehr Bullerbü, desto besser. Wir brauchen keine heile Welt, sondern in der Welt, in der wir leben, brauchen wir die Gnade als tragenden Grund. Und der ist uns geschenkt. Der andere Grund, warum mir das wichtig war in meinem Buch: Ich dachte, es ist zu wenig, nur das Problem zu beschreiben und zu versuchen, eine Lösung zu skizzieren. Denn es braucht ja auch einen Grund, auf dem das Ganze steht. Man braucht einen Ausgangspunkt für diese ganzen Gedanken.

Wie kann Gnade in der Familie praktisch gelebt werden?
Gerade in Momenten, wo der Druck steigt oder sich das Leben schwierig anfühlt, kann man sich angucken, was Gnade bedeutet: Wenn die Kinder mir als Gnadengabe geschenkt sind, was bedeutet das für meine Beziehung zu ihnen? Wie wäre ich als Vater, wenn ich ein gnädiger Vater wäre? Wie wäre ich als Ehemann, wenn ich Gnade wichtig finden würde? Oft hat das mit Geduld, mit Vergebung und mit Humor zu tun. Wenn ich merke, ich schaffe es nicht, alle Erwartungen zu erfüllen, dann kann ich mich in schlechtem Gewissen versenken oder ich kann die Gnade greifen und sagen: Ich bin, wie ich bin. Gnade bedeutet, dass ich so sein darf. Das ist ein Ausgangspunkt dafür, den nächsten Tag anders zu gestalten, ein bisschen freundlicher mit mir selbst und anderen zu sein.

Das Interview führte Bettina Wendland, Redakteurin bei Family und FamilyNEXT.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2020/10/Christoffer-Askman_GettyImages-129300794-scaled.jpg 2000 3000 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2020-10-08 09:15:532020-10-08 09:15:53Psychologe warnt vor Bullerbü-Komplex: „Eltern scheitern grandios an einem Idealbild“

Real Life Guys: YouTube-Star hat Krebs im Endstadium – Wieso er die Hoffnung nicht verliert

Die Ärzte geben dem YouTuber Philipp Mickenbecker (The Real Life Guys) noch maximal zwei Monate zu leben. Trotzdem sprudelt er im Video vor Lebensfreude.

Eigentlich bauen die Brüder Philipp und Johannes Mickenbecker U-Boote aus Badewannen, Seilbahnen und menschliche Drohnen. Am Wochenende zeigte Philipp seinen 1,2 Millionen Abonnenten eine ganz andere Lebensrealität auf: Er hat Krebs, bereits zum dritten Mal. „Der Arzt hat mir einfach gesagt, dass es sehr, sehr schlecht aussieht und dass der Tumor schon im Endstadium ist und dass er mir tatsächlich nur noch zwei Wochen bis zwei Monate zu leben gibt“, sagt er im Video.

Medizinisch aussichtslos, trotzdem hoffnungsvoll

Die Krankheit begleitet Philipp schon seit seiner Jugend. Zwei Mal schien der Tumor bereits besiegt. Drei Jahre lang konnte der YouTube-Star ohne Schmerzen leben. Die Geschichte seiner Heilung beschreibt er in seinem jüngst erschienenen Buch „Meine Real Life Story“ (Adeo-Verlag). Alles schien gut – bis die Schmerzen zurückkamen. Eine Untersuchung zeigte, wie schlecht es um den 23-Jährigen steht. Medizinisch gesehen gebe es keine Möglichkeit, den Krebs zu bekämpfen, erzählt er im Video. Trotzdem ist er voller Hoffnung.

„Auf übernatürliche Weise gesund geworden“

Der Grund: Philipp Mickenbecker ist nach eigener Aussage überzeugter Christ. Dass er den Krebs bereits zwei Mal überlebt hat, erklärt er sich durch das Handeln Gottes: „Ich lag damals ja wirklich im Sterben und bin da auf übernatürliche Art und Weise gesund geworden“, sagt er.  Er glaube, dass es jemanden gebe, der einen Plan mit ihm und „dieser ganzen Sache“ habe.

Schwester starb durch Unfall

Diese Überzeugung hatte Philipp nicht immer. Über Jahre fand er Kirche nach eigener Aussage einfach langweilig. Dann stirbt die Schwester der YouTuber bei einem Flugzeugabsturz. Es folgt die Krebserkrankung. „Durch diese schweren Zeiten haben wir zu Gott gefunden. Ich habe Gott als jemanden erlebt, der mich durchträgt, tröstet und Hoffnung schenkt.“ Auch darüber schreibt er in seinem Buch. Außerdem will er zukünftig darüber auf dem YouTube-Kanal „Life Lion“ erzählen.

Erster Schritt entscheidend

Den Hauptkanal „The Real Life Guys“ wollen die beiden Brüder übrigens so lange wie möglich weiterführen. Darin zeigen sie, wie sie aus Alltagsgegenständen ungewöhnliche Dinge bauen. Ihr neustes Projekt ist ein U-Boot aus einem Gastank. „Wir wollen unsere Zuschauer motivieren, ihre Ideen umzusetzen. Dabei ist der erste Schritt entscheidend. Wenn du nicht loslegst, bleibt es nur bei einer Idee“, sagte Philipp in einem Interview mit der Zeitschrift Teensmag.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2020/10/family_reallifeguys-1024x683-1.jpg 683 1024 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2020-10-05 11:35:362020-10-05 11:35:36Real Life Guys: YouTube-Star hat Krebs im Endstadium – Wieso er die Hoffnung nicht verliert

Plötzlich ist Daniel todkrank: „Wir wussten nicht, ob wir unsere Hochzeit erleben“

Daniel und Miriam lieben sich und wollen heiraten. Doch dann diagnostiziert der Arzt Nierenversagen. Niemand weiß, ob Daniel die nächsten Tage überlebt.

Sie kennen sich seit ihrer Geburt. Daniels Mama ist Miriams Patentante, ihr Papa sein Patenonkel. Schon als Zweijährige kann man sie gemeinsam auf einem Foto in die Kamera lachen sehen. 500 Meter Luftlinie haben sie in dem kleinen sächsischen Dorf ihrer Kindheit voneinander getrennt, aber erst in der Kirchengemeinde haben sie sich mit 14 und 16 Jahren besser kennengelernt. Sie konnten so gut miteinander sprechen, dass sie stundenlang chatteten. Buchseiten hätten sie füllen können mit all den Worten, die zwischen ihnen getauscht wurden.

Diagnose: Nierenversagen

Auf einem Festival 2007 sind sie schließlich zusammengekommen. Miriam stellte dafür allerdings eine Bedingung: „Wir kommen nur zusammen, wenn du mich heiratest.“ Und Daniel konterte: „Ich will im Ausland von meinem Glauben erzählen, da musst du mitkommen.“ Ende 2009 bekam Daniel plötzlich nacheinander verschiedene Symptome: Husten, Bindehautentzündung und Gelenkentzündungen. Als er zum Arzt ging, stellte dieser fest, dass er kurz vor dem Nierenversagen stand. Es folgten zahllose Untersuchungen und eine dreiwöchige Spurensuche. Schließlich stellten die Ärzte eine Autoimmunerkrankung fest, die zu multiplen Entzündungen führt. Ohne Behandlung, wäre er zwei Wochen später vermutlich einfach tot umgefallen.

Der Körper am Ende

Die gemeinsame Zukunft war plötzlich total ungewiss. Sie hatten keine Ahnung, ob sie nun heiraten sollten oder jemals Kinder bekommen würden. Sie wussten nicht mal, wie viele Tage Daniel zu leben hatte. Trotz allem entschieden sie schließlich, den ungewissen Schritt in ein gemeinsames Leben zu wagen. Während Daniel im Krankenhaus war, widmete Miriam sich den Vorbereitungen. Am Tag der Hochzeit hofften alle nur, dass Daniel den Tag überstehen würde. Sein Körper war am Ende. Die Flitterwochen gingen an die Ostsee, dort war er eigentlich nur krank. „Ich hatte einen anderen Mann geheiratet, als ich kannte“, erzählt Miriam. „Durch die Medikamente war er persönlichkeitsverändert. Außerdem war er überhaupt nicht leistungsfähig. Nach zehn Minuten Spaziergang musste er sich erst mal wieder ausruhen.“ „Wir mussten in dieser Zeit lernen, Menschen zu enttäuschen, weil keine Kraft mehr da war“, fügt Daniel hinzu. Für beide war die Zeit der Krankheit eine Zeit, in der sie gemeinsam krank waren. Jeder litt auf seine eigene Weise. Ändern konnte man daran nichts.

Immer glücklich

Trotz allem zweifelte Miriam nie an ihrer Entscheidung für Daniel. Beide waren immer glücklich. Auch die Frage, ob sie es schaffen würde, durchzuhalten, stellte sie sich nie. In Krisenzeiten war die einzige Überlegung: „Was kann ich tun, damit es Daniel besser geht?“ 2011 entschieden sie sich, gemeinsam eine theologische Ausbildung zu machen. Das „European Theological Seminary“ befand sich im Schwarzwald, in einem Luftkurort. Die Natur, die vielen Spaziergänge, auch das Gebet, bewirkten, dass es Daniel immer besser ging. In der nächsten Kreisstadt gab es einen Arzt, der ausgerechnet auf Daniels Autoimmunerkrankung spezialisiert war. Hier konnte er sich ambulant behandeln lassen und drei Jahre später tatsächlich die Medikamente absetzen. Sein Immunsystem hatte sich erholt, es gab keinerlei Krankheitsanzeichen.

Ein kleines Wunder

In den darauffolgenden Jahren wurden sie Eltern. Doch mit der Zeit wurden Daniels Nierenwerte wieder schlechter. Die Autoimmunerkrankung war nicht wiedergekommen, dennoch brauchte er eine Nierentransplantation. Mit zwei Kindern und zehn Jahre später, machte ihm diese Nachricht viel mehr zu schaffen. Anfang März 2010 kam er zum ersten Mal ins Krankenhaus. Zehn Jahre später sollte das Erstgespräch zur Nierentransplantation stattfinden. Anfang März 2020 bekam Daniel seine aktuellen Blutwerte − sie waren wie durch ein Wunder plötzlich viel besser, sodass eine Transplantation nicht mehr nötig war.

„Die Krise hat uns zusammengeschweißt“

„Wenn man dreimal pro Woche ans Sterben denken muss, und schon mal kurz davor war, dann verändert das dein ganzes Leben“, sagt Daniel. „Wir brauchen nicht so viel Zeit und Geld. Wir leben bewusster und sind für viele kleine Dinge dankbar. Stundenlanges Spazierengehen gehört beispielsweise dazu.“ „Wir wären ohne einander nicht die, die wir jetzt sind“, fügt Miriam hinzu, „wir sind die glücklichste Familie auf der Welt.“ Und dabei lachen beide herzlich. „Die Krise hat uns zusammengeschweißt. Die Krankheit ist ein Teil von uns und gehört nicht nur zu Daniel. Wenn man Krisen von außen hat, braucht man innen keine mehr.“ „An den schlimmsten Tagen haben wir einen Cappuccino getrunken, dabei aus dem Fenster gesehen und uns gesagt: „Das Leben ist schön.“ Das Positive zu sehen, hat uns immer sehr geholfen“, erinnert sich Daniel.

Stark trotz Schwachheit

Beide verarbeiten die Krankheit auch durch ihre Kunst. Daniel hat in den vergangenen 12 Jahren 80 Lieder geschrieben. Miriam malt und zeichnet. Durch ihre Künste begegnen andere Menschen ebenfalls Gott. Daniel lebt seinen Glauben dort, wo er gerade ist. Im Krankenhaus genauso wie in der Gemeinde, wo er arbeitet. Beide merken: Auch in ihrer Schwachheit können sie etwas bewirken. Ohne den Schmerz könnten sie nicht das weitergeben, was sie zu geben haben. Sie wissen, dass alles zerbrechlich ist und dass sie nicht absehen können, wie viel Leid noch auf sie zukommen wird. Aber sie investieren viel Kraft und Energie, um immer das Gute zu suchen, sich auf den anderen einzulassen und im Gespräch zu bleiben. Und das nun schon seit zehn Jahren.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2020/09/family_hochzeit-scaled-e1601379155847.jpg 1545 3000 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2020-10-01 14:35:082020-10-01 14:35:08Plötzlich ist Daniel todkrank: „Wir wussten nicht, ob wir unsere Hochzeit erleben“

„Hilfe, mein Kind ist rechts!“ – Das können Eltern tun, wenn Jugendliche abrutschen

Experte Torsten Niebling berät Eltern im Umgang mit rechtsextremen Jugendlichen. Wichtig ist: Nicht emotional werden!

Welches Verhalten gilt als „rechtsextrem“?
Das Teilen oder Nachahmen rechtsextremer Symbole wie Hakenkreuzen. Handlungen wie den Hitlergruß zeigen. Oder auch das Verunstalten und Posten von Fotos von Mitschülern. Auch äußerliche Merkmale wie das Tragen bestimmter Kleidung oder das Hören bestimmter Musik mit Freunden gehören dazu. Es geht immer darum, Angst zu verbreiten, die eigene Gruppe aufzuwerten und andere zu diskriminieren, zu bedrohen und bestimmte Ideologien zu verbreiten.

Nachfragen!

Was sollen Eltern tun, wenn ihre Jugendlichen plötzlich rechte Lieder trällern oder entsprechende Meinungen äußern?
Eltern haben aufgrund der besonderen Beziehung zu ihrem Kind immer die Möglichkeit, auf es einzuwirken. Falsch wäre, so ein Verhalten nur schulterzuckend zur Kenntnis zu nehmen oder aber nur mit Enttäuschung und Wut, also sehr emotional, zu reagieren. Das verhärtet nur die Fronten. Kommen Sie stattdessen miteinander ins Gespräch. Bemerken Sie, dass es Sie irritiert, dass Ihr Sohn so eine Position vertritt, und fragen Sie ihn, wo er das herhat, was genau er damit meint. Stellen Sie ihm Fragen, denn das führt dazu, dass er sich erklären muss – und mit einer anderen Sichtweise konfrontiert wird. Zeigen Sie sich politisch. Sagen Sie ihm, dass Sie es nicht so sehen und warum. Diskutieren Sie miteinander! So werden Sie auch herausfinden, wie feststehend seine Meinung wirklich ist, oder ob er „nur“ mal provozieren und testen wollte, wie das ankommt.

Manche Jugendliche wollen provozieren

Wo kommt so ein Verhalten her?
Jugendliche politisieren sich durch die Verarbeitung von Erfahrungen im Alltag. Diese Entwicklung ist eingebettet in den Prozess von Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsfindung. Sie bilden sich eine eigene Meinung – auch und gerade unabhängig von den Eltern. Manche gehen gezielt über die Grenzen der Eltern hinaus, um sich als selbstständig zu erleben. Und Eltern kann man mit rechtsextremen Meinungen mitunter sehr stark provozieren! Viele rechtsextrem orientierte Jugendliche haben aber noch keine gefestigte politische Einstellung. Sie haben zwar ihre Meinung, sind darin aber noch in der Entwicklung und somit beeinflussbar.

Holen Sie Hilfe!

Wie können Eltern rechtsextremen Tendenzen entgegenwirken?
Wenn Ihr Kind in die rechte Szene gerät, holen Sie sich frühzeitig Hilfe – auch bei Beratern. Kultivieren Sie eine Konflikt- und offene Gesprächskultur. Dafür ist es nie zu spät! Es geht nicht immer darum, das bessere Argument zu haben. Wenn in Familien nicht über Politik und Werte diskutiert wird, lernen Jugendliche nicht, sich eine Meinung dazu zu bilden und – ganz wichtig! – andere Meinungen zu respektieren. Wir wissen aus Biografien rechtsextremer Gewalttäter, dass sie häufig in kalten Familien aufgewachsen sind, wo es wenig Wertschätzung, keinen Ausdruck von Gefühlen und sogar Gewalt gab. All das sind Risikofaktoren für Gewalt. Lassen Sie Ihren Jugendlichen deshalb viel Wärme erleben und begleiten Sie ihn in seinem Aufwachsen. Jugendliche beobachten sehr genau, wie ihre Eltern mit aktuellen Themen oder Krisen umgehen und wie sie über andere sprechen. Deshalb seien Sie Vorbild!

Torsten Niebling arbeitet bei „Rote Linie“, einer pädagogischen Fachstelle für Rechtsextremismus in Marburg.
Interview: Ruth Korte

https://www.family.de/wp-content/uploads/2020/09/jde_rechtsextrem-scaled.jpg 2000 3000 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2020-09-29 14:01:292020-09-29 14:01:29„Hilfe, mein Kind ist rechts!“ – Das können Eltern tun, wenn Jugendliche abrutschen

Medienpädagogin: Auch Dreijährige dürfen schon fernsehen – wenn diese Regeln eingehalten werden

Sollten Kinder so lange wie möglich von Fernsehen und Streams ferngehalten werden? Medienpädagogin Nadine Kloos sagt: nicht zwangsläufig.

Darf ich mein Kindergartenkind auch mal Fernsehen gucken lassen?
Na klar! Kinder lieben Geschichten. Sie sind wichtig für ihre Entwicklung: Sie vermitteln Orientierung, Wissen und machen Spaß! Gute Geschichten gibt es nicht nur in Büchern, sondern auch in Serien und Filmen. Solange Kinder kein Interesse daran zeigen: umso besser! Freies Spielen und Interaktion mit anderen haben Vorrang, denn sie sind die Grundlage für eine gesunde Entwicklung. Zeigen Kinder Interesse, dann häufig, weil es in der Familie präsent ist. Wenn Dauer und Regelmäßigkeit der Bewegtbildnutzung die anderen Tätigkeiten nicht überwiegen, können Kinder ab drei Jahren Bewegtbilder nutzen. Diese müssen natürlich alters- und kindgerecht sein!

15 bis 20 Minuten

Welche Inhalte sind denn für Kleine geeignet?
Ab drei Jahren können die Kinder einfachen Bewegtbildgeschichten folgen. Bei den Medienanfängern ist es besonders wichtig, dass es nur dosiert und in Begleitung von Bezugspersonen stattfindet. Die Geschichten müssen kurz und einfach aufgebaut sein, wenige Figuren haben, nicht mit Rückblenden und dergleichen arbeiten. Themen, die Kinder aus ihrem Alltag kennen, machen ihnen besonders Spaß. Fernsehanfänger sollten nicht länger als etwa 15 Minuten am Stück schauen, ältere Kindergartenkinder pro Tag maximal 30 Minuten, egal auf welchem Gerät. Am meisten profitieren Kinder, wenn sie sich aktiv mit dem Gesehenen auseinandersetzen können, über das Gesehene sprechen, Bilder dazu malen, Geschichten nachspielen oder basteln. Auf jeden Fall sollte das Anschauen von Filmen oder Sendungen in den Familienalltag eingebettet sein und ihn nicht dominieren!

Eigene Videos fördern Medienkompetenz

Während des Corona-Lockdowns durften viele Kinder öfter und mehr schauen. Wie können Familien wieder zu einem „normalen“ Fernsehkonsum finden?
Ich denke, die Mediennutzung wird sich mit weiteren Lockerungen von allein einpendeln und normalisieren: Wenn Kindergarten, Vereinssport und das Treffen mit anderen wieder erlaubt ist, wird auch die Lust auf menschliche Nähe, Kontakt, Austausch zunehmen und Antrieb sein. Wichtig ist gerade jetzt, regelmäßig medienfreie Zeiten einzulegen und für ausreichend Pausen und Frischluft zu sorgen. Machen Sie aus Medienzeiten gemeinsame Medienerlebnisse: Es macht Spaß, sich auf die Medienwelten von Kindern einzulassen! Man erfährt, was sie denken, erleben und was sie bewegt. Und weil immer nur von Konsum geredet wird: Medien können mehr als nur Abspielgerät sein! Kinder können zum Beispiel auch eigene Videos drehen. Das fördert die Medienkompetenz und regt gleichzeitig die Fantasie an.

Bücher haben einen Vorteil

Welche guten Alternativen gibt es für die Kleinen?
Alters- und kindangemessene Bücher und Hörangebote sind immer gut. Sie haben den Vorteil, dass jüngere Kinder sie zum Teil auch selbst steuern können: die CD anhalten, weil eine Stelle nochmal gehört werden will, das Buch zurückblättern, weil etwas übersehen wurde. Vor und zurück, so lange, bis etwas verstanden oder verarbeitet wurde. Das Tempo liegt sozusagen in der Hand der Kinder.

Nadine Kloos ist Medienpädagogin beim Elternratgeber „Flimmo“, der Angebote im TV, auf YouTube und bei Streamingdiensten einordnet und bewertet.
Interview: Ruth Korte

https://www.family.de/wp-content/uploads/2020/09/family_fernseh-scaled.jpg 1995 3000 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2020-09-22 10:19:182020-09-22 10:19:18Medienpädagogin: Auch Dreijährige dürfen schon fernsehen – wenn diese Regeln eingehalten werden

Klaus Mayer: Dieser Mann überlebte die Nazis und brachte die Chagall-Fenster nach Mainz

Monsignore Klaus Mayer (97) ist es zu verdanken, dass Marc Chagall die Fenster der Pfarrkirche St. Stephan in Mainz gestaltete. Dabei wäre es beinahe ganz anders gekommen. Denn Mayer stand 1945 auf der Deportationsliste der Gestapo.

Pfarrkirche St. Stephan, Mainz. Als Stille-Ort thront sie über der pfälzischen Landeshauptstadt. Ich habe mir die Pole-Position in der Kirchenbank gesichert. Während ich mir die kalten Hände warmhauche, gleitet mein Blick fasziniert über die blau-bunten Kirchenfenster. Marc Chagall, der „Meister der Farbe und der biblischen Botschaft“, predigt durch diese zu mehr als 200.000 Besuchern im Jahr.

Ein surrendes Geräusch reißt mich aus der Stille. Neben mir parkt ein Rollator. Ich blicke in große, wache Augen. Zwei warme Hände fassen nach den meinen. Verschmitzt lachend begrüßt mich Monsignore Klaus Mayer: „Schön, dass Sie da sind! Hatten Sie eine gute Fahrt? Punkt zehn fangen wir an.“ Spricht’s und verschwindet mit seinem Gefährt schlurfend hinter einer Säule.

Meditation, die 4.032.

Zwölf Minuten später ist das Mikrofonkabel gelegt, haben sich die Reihen neben und hinter mir gefüllt. Die Gehhilfe steht zusammengefaltet vor den Altarstufen. Der 97-jährige (!) Priester begrüßt die Besucher zur Meditation der Chagall-Bilder. Es ist seine 4.032. Andacht. Der soeben noch gebeugt gehende Mann blüht freistehend auf. Mit der Leidenschaft eines scheinbar Dreißigjährigen nimmt er die Besucher mit in die Bilder voll Bewegung, in das Mysterium, in die Farbsymphonie des Glaubens.

Auf der Deportationsliste

Rückblende. Februar 1945. Eine Deportationsliste macht in Mainz die Runde. Auf ihr steht auch der 22-jährige Klaus Mayer. Er ist Halbjude. Der Vater ist nach Argentinien geflohen. Die Mutter hat ihren Sohn bisher mit vielen Winkelzügen vor der Gestapo in Sicherheit gebracht. Doch jetzt scheint der Abtransport unausweichlich. In der Nacht auf den 27. Februar 1945 klinken englische Bomber ihre todbringende Fracht über Mainz aus. 1.209 Menschen sterben. Um Seuchen zu verhindern, verbietet der im Gesundheitsamt zuständige Arzt Transporte. Dadurch gewinnt Klaus Zeit. Er taucht unter. Am 20. März hält ein Panzer der Alliierten direkt vor seinem Versteck. Er öffnet die Haustür, grüßt die Panzerbesatzung und gibt sich als „Half-Jew“ zu erkennen.

Nach 17 Jahren Wiedersehen mit dem Vater

15 seiner Familienangehörigen wurden ermordet oder nahmen sich das Leben. 1950 kommt es nach 17 Jahren zu einem tränenreichen Wiedersehen mit dem Vater. Klaus studiert inzwischen katholische Theologie. 1965 wird er Priester in der Kirche St. Stephan. Der Notverglasung sieht man die Kriegsschäden noch an. Mayer ist überzeugt: Kirchenfenster haben einen hohen Verkündigungswert. Er bekommt ein Buch des Künstlers Marc Chagall in die Hand. Darin: Fotografien seiner Fenster in der Hadassah-Synagoge in Jerusalem und der Kathedrale von Metz. Der Priester fängt Feuer: Wenn jemand Kirchenfenster mit Strahlkraft erstellen kann, dann dieser französische Jude mit russischen Wurzeln. 1973 schreibt Mayer dem 86-Jährigen einen Brief. Der Chef des Glasateliers, Charles Marq, antwortet ihm wenige Wochen später: „Chagall habe den Brief bekommen. Er bedanke sich dafür, das sei eine sehr interessante, aber auch sehr verantwortliche Aufgabe, die viel Zeit und Überlegung bräuchte. Hätten Sie es eilig, sollten Sie sich ruhig an einen anderen Künstler wenden.“

Keine Begegnung gewünscht

Mayer ist von der Nicht-Absage beseelt. Hartnäckig bleibt er dran. Er muss Überzeugungsarbeit leisten, denn der Jude Chagall hatte sich nach den Gräueln der Nazidiktatur vorgenommen, nie wieder etwas für Deutschland zu gestalten. Der Ateliermeister lässt sich nach Mainz einladen. Ein Jahr später bittet Chagalls Frau Vava um einen kleinen Film, da der Künstler aufgrund seines hohen Alters nicht mehr reisen könne. Den fertigen Bildstreifen will Klaus Mayer persönlich nach Saint-Paul-de-Vence bringen. Doch per Post erhält er eine Absage: Der Film sei für Chagall sehr interessant, aber für eine Begegnung sei es noch zu früh.

Chagall: Liebenswürdig, bescheiden, unverbindlich

Pfarrer Klaus Mayer ist unbeirrt. „Da dachte ich mir, das mach ich jetzt nicht mit. Das ZDF hatte viel Geld in den Film investiert, ich wollte ihn nicht der Post anvertrauen. So teilte ich ihm mit, ich käme allein, er bräuchte mich nicht zu empfangen, wenn er das nicht für gut hielte.“ An der Haustür empfängt ihn Vava Chagall. Sie führt ihn in den Salon. Schlurfend tritt von hinten der weltberühmte Künstler heran. Er fasst den Deutschen an der Hand und drückt ihn in einen großen Ohrensessel. Er selbst setzt sich auf ein kleines Holzbänkchen und hört zu. Marc Chagall ist liebenswürdig, sehr interessiert, äußerst bescheiden, aber auch unverbindlich. Mayer bekommt kein Ja, aber es entwickelt sich eine Freundschaft zum Ehepaar Chagall.

Zu Besuch bei Helmut Kohl

Daheim erklären ihn Freunde, Kollegen und Politiker mit seinem Ansinnen für verrückt. Doch dies stört ihn nicht. Stattdessen kümmert er sich schon mal um die Frage der Finanzierung. Er spricht bei Ministerpräsident Helmut Kohl vor, dem späteren Bundeskanzler. Als überzeugter Europäer ist der von dieser Idee angetan, gibt aber auch zu verstehen, dass er nicht an ein Gelingen glaube. Seinen Ministerialbeamten weist er jedoch an: Wenn Chagall diesen Auftrag übernehmen sollte, wird das Land Rheinland-Pfalz die Kosten für das erste Fenster übernehmen.

Am 30. Dezember 1976 landet ein Brief im Pfarrbüro St. Stephan. Darin teilt Vava Chagall mit, dass ihr 90-jähriger Mann an einem Fenster für die Kirche in Mainz arbeite. Bis zu seinem Tod im März 1985 folgen acht weitere Fenster zur biblischen Heilsgeschichte. Charles Marq vollendet das mit fast 180 Quadratmetern größte Glaskunstwerk der Welt mit weiteren neun Fenstern.

Der lebende Gottesbeweis

Marc Chagall wird zum Mainzer Bilderprophet, ohne die Stadt jemals betreten zu haben. Priester Klaus Mayer übersetzt seine „singenden Farben“. 42 Jahre nach seiner ersten Meditation sitzt er als lebender Gottesbeweis auf seinem Rollator auf den Altarstufen von St. Stephan. Er versteht es, den gebannten Besuchern die 18 Blautöne (von denen Chagall neun erst erfand), die Engel, die Heiligen und den Gekreuzigten, meist mit friedvollen und sanften Gesichtszügen dargestellt, zu erklären und in deren Leben zu übersetzen. Er nimmt die Suchenden und Zweifelnden mit hinein in die Bibel, das Geheimnis Gottes, den Anfang und die Vollendung der Weltgeschichte, die Erde und den Himmel. Der Priester macht Lust auf die Herrlichkeit Gottes. Nach einer Andacht kommt ein Mann auf ihn zu: Herr Pfarrer, gestern noch wollte ich mir das Leben nehmen, hier habe ich wieder Lebensmut geschöpft. Eine Frau schreibt ihm: Hier in St. Stephan im Blick auf die Fenster habe ich meinen verlorenen Glauben wiedergefunden.

Genau die richtige Botschaft

Die Andachtsbesucher sind von der Wanderung in den Ost- und Westchor wieder zurück im Mittelschiff der Kirche. Die Beine des 97-Jährigen scheinen müde, aber aus seinem Mund, seinen Augen sprudelt Lebendigkeit, Lebensfreude und Hoffnung. Mit einem Gebet beendet er seine 90-minütige Andacht. Spontaner Applaus. Menschen stehen auf. Eine Frau schnäuzt ins Taschentuch. Ein Mann im Rollstuhl lässt sich ein Segenswort zusprechen. Jemand drückt berührt seine Hand und sagt: Danke, dies war genau die richtige Botschaft für mich. Ich erlebe hautnah die Mission des Priesters: „Die Bilder machen Menschen froh!“

Papst Franziskus lächelt

Zehn Minuten später sitze ich dem Vater der Chagall-Bilder in der kahlen Sakristei gegenüber. Gedämpft dringt der Lärm der Stadt herein. Der Putz bröckelt von der Wand. Papst Franziskus lächelt aus einem Bilderrahmen. Er lacht in meine letzte Frage und die Antwort von Monsignore Klaus Mayer hinein. Wie lange wollen Sie noch die Chagall-Meditationen durchführen? „Solange ich noch krabbeln kann, muss ich dies tun. Ich bin dazu berufen. Viele Menschen haben doch heute keinen Boden mehr unter den Füßen. Ich will ihnen den Glauben und die Gute Nachricht verkündigen. Und dann stehe ich hier als alter Mann für Völkerverständigung. Ein Jude, der nie mehr etwas in und für Deutschland gestalten wollte, ließ sich durch meine Beharrlichkeit gewinnen, die Fenster einer christlichen Kirche zu gestalten. Das ist doch die Botschaft, die unsere Welt braucht, die wir zu verkündigen haben, damit wir nicht wieder mit Nationalismus geplagt und von ihm heimgesucht werden.“

https://www.family.de/wp-content/uploads/2020/09/family_chagall-scaled.jpg 2000 3000 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2020-09-16 13:41:272020-09-16 13:41:27Klaus Mayer: Dieser Mann überlebte die Nazis und brachte die Chagall-Fenster nach Mainz

„Mein Kind ist eine Couch-Potato“: Diese Worte motivieren Teenies zum Sport

Joggen statt Netflix: Wenn Jugendliche nur auf der Couch liegen, helfen diese Tricks.

„Meine Tochter (16) hängt nur zu Hause auf dem Sofa rum. Dabei würde ihr ein bisschen Bewegung guttun, ist sie doch etwas übergewichtig. Wir befürchten, dass sich das irgendwann negativ auf ihre Gesundheit, aber auch auf ihr Körpergefühl auswirken wird. Wie können wir sie dazu bringen, Sport zu machen?“

Als Teenager lag ich viel lieber herum und las Bücher, als mich zu bewegen. Mit 25 Jahren fing ich doch noch mit dem Sport an und liebe ihn bis heute. Wenn ein Teenager sich nicht zu sportlicher Bewegung aufrafft, kann das viele Gründe haben: Der Schulsport wird als unattraktiv wahrgenommen, und die Sport-Asse in der Klasse sind ohnehin unerreichbar.

Medizinische Gründe möglich

Oft hat der junge Mensch schlichtweg keine Ahnung, was in ihm steckt, findet die Anstrengung einfach nur unangenehm oder weiß zu wenig über die positiven Auswirkungen. Vielleicht haben Misserfolge ihn entmutigt. In dieser Lebensphase kann das Verhältnis zum eigenen Körper noch recht fremd sein. Die Trägheit kann auch medizinische Gründe haben: Eisenmangel macht müde, Vitamin-D-Mangel macht schlapp, niedriger Blutdruck ebenso. Wobei Letzterem mit Sport sehr gut beizukommen ist.

Keine kritischen Bemerkungen

Mit humorvollem Wettbewerbscharakter („Wetten, ich schaffe nicht so viele Klimmzüge wie du?“) und einer positiven Herangehensweise („Ich will walken/schwimmen/ joggen gehen … Kommst du mit?“) können Sie den Hebel im Kopf Ihrer Tochter umlegen. Seien Sie klug genug, nicht auch nur ansatzweise eine kritische Bemerkung zur Figur Ihrer Tochter zu machen!

Selbstwert-Muskeln

Vielleicht braucht sie einen geschützten Raum, um sich auszuprobieren. Wenn sie eine Tanz-DVD und YouTube-Videos zu Hause mitmacht, wachsen auch die Mut- und Selbstwert-Muskeln. Wenn Mama und/oder Papa mitfetzen, ist der Spaß garantiert. Belohnungen helfen, dranzubleiben: „Wow, du bist eine Woche lang jeden Tag ins Schwitzen gekommen. Was hältst du davon, wenn wir Sportkleidung shoppen gehen, in der du dich superwohl fühlst?“ So könnte sich Ihre Tochter auch selbst motivieren: „Wenn ich diese Einheit durchgezogen habe, schaue ich die nächste Folge meiner Lieblingsserie, vorher nicht.“

Typsache

Bestimmt schlummern in ihr noch die Vorlieben aus der Kindheit. Wenn der Mannschaftssport nicht ihr Ding ist, blüht sie vielleicht beim Partnersport wie Selbstverteidigung, Federball, Tischtennis oder Kickboxen auf. Bevorzugt sie lieber Klettern, Aerobic oder Zumba in der Gruppe? Wenn sie der Individualsport-Typ ist, wird sie Bewegungsarten wie Radfahren, Laufen, Skaten, Schwimmen oder Rope Skipping (besser bekannt als Seilspringen) lieben.

Einfach machen

Egal, wofür sie sich entscheidet: Hauptsache sie bewegt sich, probiert sich aus und hat auf Dauer Freude daran. Diesen Dompteurtrick gegen das Argumentieren des inneren Schweinehunds sollte sie draufhaben: Die Argumente eiskalt ignorieren, nichts denken und sofort mit der Bewegung durchstarten. (Warum nicht einen echten Hund ausführen und dabei joggen?) Dann macht sie die geniale Erfahrung, dass der Anfang die Hälfte des Ganzen ist.

Christine Gehrig lebt mit ihrem Mann Andy in Bamberg. Sie hat vier erwachsene Kinder und arbeitet als Übungsleiterin für verschiedene Fitnesskurse und als Lebe-leichter-Coach.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2020/09/family_couch-scaled.jpg 2000 3000 Nathanael Ullmann https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Nathanael Ullmann2020-09-14 09:29:442020-09-14 09:29:44„Mein Kind ist eine Couch-Potato“: Diese Worte motivieren Teenies zum Sport
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